
Fornius-CEO Elisabeth Engelbrechtsmüller-Strauß
©trend/Lukas IlgnerOhne einen Gewinnpolster von fast einer halben Milliarde Euro hätte das oberösterreichische Familienunternehmen die Turbulenzen am Solarmarkt nicht überlebt, gesteht Elisabeth Engelbrechtsmüller-Strauß, die CEO des Wechselrichter- und Schweißspezialisten, dem trend.
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Es gibt Sätze, die brennen sich ein wie eine Schweißnaht: „Hätten wir nicht die Finanzstruktur unserer Familienstiftung im Rücken, hätten wir diese Krise wohl nicht geschafft.“ Elisabeth Engelbrechtsmüller-Strauß, CEO und Enkelin des Firmengründers, blickt nachdenklich über den Naturgarten im Innenhof des Fronius-Forschungszentrums im oberösterreichischen Thalheim.
Seit Ende April ist es offiziell: 2025 hat der Wechselrichter- und Solarspezialist Gewinne in zweistelliger Millionenhöhe geschrieben, so die „OÖN". Der Umsatz sprang wieder über die Milliardenmarke und betrug 1,1 Milliarden Euro.
Man stand jedoch laut Engelbrechtsmüller-Strauss am Rand des Abgrunds und blieb nur deshalb stehen, weil das Unternehmen zuvor jahrelang genau das getan hatte, was Kapitalmärkte unsexy finden: Gewinne gehortet. Ein Gewinnvortrag in der Konzernbilanz von 475 Millionen Euro und stützende Kredite der Eigentümerstiftung verhinderten Schlimmeres. Engelbrechtsmüller-Strauß: „Bei einer herkömmlichen Fremdfinanzierung über Banken würden falsche Vorgaben gemacht. Es ist zwar richtig, zu sparen, aber gleichzeitig muss man auch investieren, um aus der Krise gestärkt herauszugehen.“ Sie gab trend eines ihrer seltenen Interviews, und es war nicht zu überhören, wie froh sie ist, die erlösenden Worte aussprechen zu können: „2025 haben wir den Turnaround geschafft“.
Schocktherapie als Erfolgsmittel
Tatsächlich war das Krisenjahr zuvor ein Schock für das erfolgsverwöhnte Familienunternehmen, Weltmarktführer in Schweißtechnologien und Greentech-Pionier der ersten Stunde. Nach einem durch Politik, Förderungen und nicht zuletzt die Energiepreisexplosion ausgelösten Boom kippte der wichtige Solarmarkt nicht nur in Österreich, sondern auch im Hauptmarkt von Fronius, Deutschland.
Der Umsatz schrumpfte von über 1,5 Milliarden auf 932 Millionen Euro, die Bilanz rutschte mit 174 Millionen Euro ins Minus – nach hohen Gewinnen in den Jahren zuvor. Über tausend Mitarbeiter mussten abgebaut werden, nachdem zuvor 2.000 aufgenommen wurden. „Es war wohl knapp“, sagt der Kärntner Solar-Kollege Rene Battistutti, der mit seiner Energetica Industries und der Produktion von PV-Modulen weniger Glück hatte und nun mit Trigoo einen Neustart versucht, „auch wenn sich in Oberösterreich nie jemand wirklich Sorgen um Fronius gemacht hat“.
Doch jetzt sieht die Welt sonniger aus. Nicht nur die Kapazitäten wurden angepasst, sondern auch die Strukturen verschlankt. Statt drei gibt es nur mehr zwei Divisionen mit nach wie vor über 6.000 Mitarbeitern. Entwicklung und Vertrieb wurden zusammengelegt. Die Schweißtechniksparte war dank weltweiter Präsenz einmal mehr stabiles Standbein, trotz Rückgang der EU-Autoindustrie.
In der Solar-&-Energie-Sparte wurde Fronius Gesamtanbieter, nicht nur Hersteller von Wechselrichtern, jener zentralen Geräte jeder PV-Anlage, die den produzierten Gleichstrom auf netztaugliche Wechselspannung bringen – eine Kernkompetenz von Fronius, dessen Schweißtechnologie umgekehrt Netzstrom zu Gleichstrom umformt, effizienter als andere. Man bietet alles für die erneuerbaren Energiewelt, Ladetechnologie für Elektroautos, Komponenten zur Warmwasserbereitung, Batteriespeicher für Zeiten ohne Sonne, demnächst gar in Zusammenarbeit mit einem großen europäischen Batteriehersteller.
Die Politiker lassen sich wieder im Unternehmen blicken wie etwa Innovationsminister Peter Hanke, der Anfang Februar zu Besuch war. Immerhin befinden sich tief in den Untergeschoßen unter der Erde die Testlabors für die hochkomplexen Produkte. Da wird das Verhalten von Schweißsimulatoren mit Echtbedingungen verglichen, oder es werden Wechselrichter mit Salzwasserlösungen übergossen, um Seeluftbedingungen in Küstengebieten nachzustellen. Alles geheim, selbst die Chefin hat beim trend-Besuch Schwierigkeiten mit ihrer Zutrittskarte zum Aufzug.
Problemfelder
Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Fronius ist zwar nicht mehr im freien Fall, aber auch noch nicht auf sicherem Boden. Der Umsatz 2025 hat die Milliardengrenze zwar wieder überschritten. Doch die stabilen Rahmenbedingungen, die man für das weitere Wachstum braucht, gibt es noch lange nicht, etwa bei der neuen Industriestrategie der Bundesregierung, sagt Engelbrechtsmüller-Strauß: „Die Ideen sind ja ganz gut, immerhin gibt es eine Industriestrategie. Aber am Schluss kommt dann als Knackpunkt die Einschränkung: nach Maßgabe der budgetären Möglichkeiten. Und das macht alles wieder relativ“ (siehe auch Interview).
Es geht auch um Subventionen, die noch immer volatiler sind als die Stromerträge aus PV-Anlagen. Die Überförderung der Vorgängerregierung ist Geschichte, aber auch die als Ersatz gedachte Umsatzsteuerbefreiung auf PV-Anlagen wurde gestrichen. Und die neuen Fördertöpfe füllen sich nur langsam wieder, klagt die Branche.
China-Boom mit Folgen
Zudem hat sich die chinesische Konkurrenz in Europa festgesetzt. Sie ist Hauptprofiteur und Mitverursacher von PV-Boom und -Krise gleichzeitig und liefert mittlerweile 90 Prozent der PV-Module und über 50 Prozent der Wechselrichter. Der stärkste börsennotierte deutsche Mitbewerber, SMA, legte zuletzt ein weiter verschlechtertes Jahresergebnis für 2025 vor (minus 181,1 Millionen Euro, nach minus 117,7 Millionen 2024), just im Haushalts- und Gewerbebereich musste man Geräte verschrotten und über 40 Prozent Einbußen hinnehmen. Nun verlegt man sich mehr auf industrielle Großlösungen.
Die Europapolitik hat den hoch subventionierten Produkten aus Fernost bisher wenig entgegengesetzt, das Auslaufen der chinesischen Exportstützung seit Anfang April könnte zumindest am Modulmarkt Erleichterung bringen. Die europäischen Komponentenhersteller indes zählen auf die neue EU-Sicherheitsstrategie. Wechselrichter sind nämlich so etwas wie das Gehirn der PV-Technologie, die Schnittstelle zwischen Kraftwerken und Stromnetzen, können zentral gesteuert auch zu Sicherung der Netzstabilität eingesetzt werden – und sind damit gleichzeitig Einfallstor für Missbrauch.
Engelbrechtsmüller-Strauß: „Jeder Wechselrichter hängt im Stromnetz und ist mit dem Internet verbunden, bewusst herbeigeführte Fehlfunktionen können zum Blackout führen, und jeder kann sich ausmalen, was das bedeutet, wenn die großen Handelsblöcke der Welt einmal nicht ganz so friedfertig unterwegs sind wie gewünscht.“ Sie begrüsst, dass die eben neu beschlossenen EU Security Acts nicht vertrauenswürdige Hersteller, etwa aus China, zumindest von Förderungen am Markt ausschließt: „Wir Europäer müssen kritische Infrastruktur in eigenen Händen haben.“
Aber auch andere Rahmenbedingungen für einen noch stärkeren PV-Ausbau sind zwiespältig. Die Ertüchtigung und der Ausbau der Stromnetze für die stark schwankenden Ertragsspitzen stocken, weil teuer.
Die smarteren digitalen Lösungen in der Steuerung von Stromflüssen, von Angebot und Nachfrage, bei der Einbindung der lange vernachlässigten Speichertechnologien von Wasserstoff bis Wasserkraft, scheitern vielfach an Engpässen in den Datennetzen. Engelbrechtsmüller-Strauß: „Wir brauchen, damit die Energiewende funktioniert, mehr als nur die Stromnetze und den erneuerbaren Kraftwerksausbau. Man muss überlegen, wie die volatile Produktion von Wind und Sonne zusammenspielen soll, da haben wir noch einige Defizite.“
Auch neue Gesetze wie etwa das neue Strommarktgesetz ElWG sorgen derzeit mehr für Nervosität als Beruhigung. Netzanschlüsse, Einspeiseregeln, Förderlogiken oder die Stellung neuer Marktteilnehmer wurden nicht festgelegt, sondern laufenden Verordnungen der Regulierungsbehörde E-Control überlassen. Für ein Unternehmen wie Fronius, das von planbarem Volumen und Skalierung lebt, ist das mäßig befriedigend. Schon der Entwurf zur ersten Verordnung zur Etablierung von Batteriespeichern sorgt für Streit über die Förderbedingungen.
Familienstiftung als Rettungsanker
Doch mit dem finanziellen Rettungsanker der Familienstiftung im Rücken hofft Engelbrechtsmüller-Strauß auch diese Hürden zu bewältigen. Ihre Pläne: Bei der Hauptkundschaft der Solar-Sparte, Haushalte und kleine Gewerbebetriebe, die dank des mühsamen Ausstiegs aus gewohnten fossilen Energieroutinen nach dem Boom mehr und mehr Interesse verlieren, will man mit noch dichterem Service punkten, schon jetzt ein Treiber des Erfolgs.
Die Fronius-App soll zum Touchpoint werden, wo das abstrakte Energiemanagement greifbar wird – auch wenn man hin und wieder über das Ziel hinausschießt und kaum rechenbare CO2-Einsparungen durch Baumwachstum als Illustration heranzieht, wie der VKI jüngst feststellte.
Engelbrechtsmüller-Strauß: „Das haben wir natürlich sofort repariert. Die App ist schon ein tolles Teil, sie hilft uns, den Strom aus der PV-Anlage für die Konsumenten begreifbar und sichtbar zu machen. Sie ist der unmittelbare Touch-point, es wird anschaulich, wie man Strom erzeugt.“ In der Sparte Schweißtechnologie wiederum werden die nächsten Optimierungsmöglichkeiten ausgelotet, etwa eine Art 3D-Druck-Schweißverfahren, wo Materialeinsparungen möglich und Fräs- und Stanzverfahren ersetzt werden.
Letztlich dürfte auch in der Familienstiftung wieder Ruhe einkehren, in der die beiden Familienstämme der Fronius-Erben ihre Interessen gebündelt haben. Und Onkel Klaus Fronius, der das Unternehmen seines Vaters seinerzeit mit dem ersten Schritt in die Wechselrichtertechnologie von einem biederen Industriedienstleister zu einem Green-Tech-Unternehmen umgemodelt hatte, kann sich wieder vorwiegend seinen beiden Lieblingsbeschäftigungen widmen.
Als er die Leitung des Unternehmens vor 15 Jahren an seine Nichte Elisabeth übergeben hatte, zog er sich auf seinen Biobauernhof zurück, um sich der Landwirtschaft und im Speziellen der Ernte von Sonnenblumenkernen zu widmen, aber auch um an seiner Vision zu tüfteln, grüne Stromautarkie durch Wasserstoffnutzung zu erreichen. Vielleicht ist jetzt die Zeit reif dafür.
Die erste Rate aus dem 75-Millionen-Stiftungskredit konnte seine Nichte jedenfalls schon wieder zurückzahlen.
Der Artikel ist erstmals im trend.PREMIUM vom 6. Februar 2026 erschienen und wurde akutalisiert.
