
Weil jede verhinderte Krankheit Leid und Kosten spart, setzt die Sozialversicherung der Selbständigen SVS verstärkt auf Prävention. Das Rezept: mit kostenlosen Angeboten und einem Vorsorgepass zu mehr Eigenverantwortung.
Wer schon einmal im Ausland unterwegs war und einen medizinischen Notfall hatte, weiß: Österreich hat im internationalen Vergleich eine sehr gut ausgebaute Versorgung und bietet in vielen Bereichen Spitzenmedizin. Doch das kostet: Knapp 58 Milliarden Euro wurden 2024 in Österreich für Gesundheitsleistungen von der Kopfschmerztablette bis zur neuen Hüfte aufgebracht. Das sind 11,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, Tendenz steigend. Für eine wohlhabende Gesellschaft, in der Gesundheit hohe Priorität hat, ist das grundsätzlich kein Problem, würde nicht der Blick in die Zukunft des Systems massive Kopfschmerzen verursachen.
Denn der Druck auf die Sozialversicherungen kommt von mehreren Seiten. Aufgrund der demografischen Entwicklung wird die Zahl der Älteren in den nächsten Jahren rasant steigen. Eine alternde Gesellschaft bedeutet steigende Arztkosten, mehr Medikamente, mehr Therapien, mehr Operationen. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Beschäftigten, und damit die Zahl der Beitragszahler.
Dazu kommt der medizinische Fortschritt: gut für die Patientinnen und Patienten, schlecht für die Kassen. Für immer mehr Leiden gibt es immer mehr neue Medikamente und Therapien. Das ist erfreulich für die Betroffenen, hat aber seinen Preis. „In Österreich ständig über den Ausbau der Leistungen zu diskutieren, während wir gleichzeitig darum kämpfen, den bestehenden Leistungsumfang überhaupt finanzierbar zu halten, führt in die falsche Richtung“, sagt Peter Lehner, Obmann der Sozialversicherung der Selbständigen (SVS), „denn es ist ganz eindeutig, dass jeder zusätzliche Ausbau von Leistungen langfristig die Stabilität des Systems gefährdet.“
Was also tun? Leistungen kürzen? Beiträge erhöhen? Effizienz steigern? Peter Lehner und die SVS haben sich für einen „vierten Weg“ entschieden: Fokus auf Früherkennung und Prävention. „Über 50 Prozent der chronischen Krankheiten sind lebensstilbedingt. Das heißt, mit dem richtigen Lebensstil kann ich gesund bleiben oder gesund werden“, so Lehner. Die Konsequenz daraus: „Wir brauchen das Selbstverständnis, dass die Menschen sich wieder für ihre Gesundheit und ihre gesunden Lebensjahre selbst verantwortlich fühlen und ihre Gesundheit nicht an den Staat oder an die Sozialversicherung ‚auslagern‘“. Aus dieser Erkenntnis heraus haben Lehner und die SVS eine klare Strategie entwickelt: das Forcieren des Vorsorgegedankens. Jüngste Maßnahme dieser Strategie: der neue Vorsorgepass. „Er schafft einen Überblick über individuelle Vorsorgemaßnahmen, zeigt den persönlichen Vorsorgestatus und belohnt Prävention über ein Bonussystem.“
Die tägliche Turnstunde wäre wichtiger als die Diskussion um die Zahl der Lateinstunden. Denn Vorsorge verlängert Leben.
Per App oder SVS-Webseite werden je nach Alter, Geschlecht und empfohlenem Intervall individuelle Vorsorgemaßnahmen vom generellen Gesundheitscheck über Mundhygiene und einige Impfungen bis zur Prostata- und Darmkrebsvorsorge vorgeschlagen.
Die SVS setzt damit einen wichtigen Schritt weg von der reinen „Reparaturmedizin“, obwohl der gesetzliche Auftrag eigentlich nur die Krankenbehandlung vorsieht. Denn je früher Krankheiten erkannt oder verhindert werden, desto höher sind die Chancen auf erfolgreiche Therapien – und desto geringer fallen langfristige Kosten für Gesundheitssystem, Unternehmen und Betroffene aus.
Schon vor Jahren hatte die SVS mit der Aktion „Selbständig gesund“ auf Prävention gesetzt: Wer sich jährlich einem kostenlosen Gesundheitscheck unterzieht und bestimmte Gesundheitsziele vereinbart, etwa in Bezug auf Gewicht, regelmäßige Bewegung und Nichtrauchen, kann seinen Selbstbehalt von 20 auf zehn Prozent reduzieren. Daran schlossen Impfaktionen, Einladungen zu Zahnkontrollen und Krebsvorsorge an, jeweils mit einem 100-Euro-Bonus belohnt. Für heuer hat die SVS für den Vorsorgepass ein Budget von 40 Millionen Euro eingeplant.
Vorsorge und Ermutigung auf einen Blick
Individuell passende Vorsorgeempfehlungen, konkrete Angebote und ein Bonussystem, das Prävention belohnt: Mit dem neuen Vorsorgepass baut die SVS ihre Aktivitäten im Bereich Vorsorge weiter aus. Per App oder online über das SVS-Webportal bekommen die Versicherten je nach Alter, Geschlecht und persönlichem Risiko individuell abgestimmte Vorsorgeangebote. Zusätzliche Motivation, etwas für die eigene Gesundheit zu tun: Für jedes genutzte Angebot gibt es automatisch Punkte, die in finanzielle Bonuszahlungen umgewandelt werden können.
Konkret werden folgende kostenlose Vorsorgemaßnahmen angeboten:
Generelle Vorsorgeuntersuchung
Gesundheits-Check Junior für alle zwischen sechs und 18 Jahren
Mundhygiene
Prostatakrebsvorsorge (PSA-Test plus urologische Konsultation innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten)
Brustkrebsfrüherkennung (Mammografie)
Gebärmutterhalskrebsvorsorge (PAP-Abstrich)
Darmkrebsvorsorge (Koloskopie, Vorsorgekoloskopie)
Impfungen (Influenza/Grippe, Pneumokokken, Herpes Zoster/Gürtelrose)
Der Vorsorgepass gilt für alle SVS-Versicherten und deren mitversicherte Angehörigen.
Nähere Infos unter svs.at/vorsorgepass.
Eigentlich kurios, dass man Menschen mit einem Hundert-Euro-Schein motivieren muss, kostenlose Angebote für ihre Gesundheit zu nutzen. „Offensichtlich braucht es diesen Anstoß, damit diese Angebote auch wahrgenommen werden. Unsere Initiativen zeigen ja, dass es funktioniert“, sagt Lehner, „die Zahl der Versicherten, die die Programme nutzen, steigt deutlich und bleibt auch hoch, wenn es den direkten finanziellen Anreiz nicht mehr gibt“.
Bei Fachleuten finden die SVS-Initiativen breite Zustimmung. „Jede Initiative zur Früherkennung von Krankheiten ist sinnvoll“, betont Paul Sevelda, „noch wichtiger ist Prävention, also zu verhindern, dass bestimmte Krankheiten überhaupt auftreten.“ Das derzeitige Gesundheitssystem sei eigentlich ein „Krankheitssystem“, so der Professor für Gynäkologie und Präsident der Österreichischen Krebshilfe, denn es behandle Krankheiten, statt deren Auftreten zu verhindern. Sevelda: „Vorsorge verlängert Leben.“
Die Realität zeigt allerdings: Zwar wurden 2024 in Österreich insgesamt rund 1,4 Millionen Gesundheitschecks durchgeführt, was eine erfreuliche Steigerung von sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Trotzdem nehmen insgesamt nur rund 15 Prozent der Bevölkerung Vorsorgeuntersuchungen regelmäßig in Anspruch.
„Das Thema Prävention ist in Österreich absolut ausbaufähig“, sagt auch Erika Sander, Generalsekretärin der Gesellschaft Goldenes Kreuz, die sich nach Abgabe des gleichnamigen Wiener Privatspitals an die Mavie-Med-Gruppe der Uniqa für die Gesundheitsförderung engagiert, „und das liegt auch an einem Mangel an Gesundheitskompetenz und Eigenverantwortung.“
Die direkten und indirekten Kosten von Krebserkrankungen summieren sich in Österreich auf 1,7 Milliarden Euro.
Bei einer ersten großen europäischen Vergleichsstudie lag Österreich im hinteren Feld, weil mehr als die Hälfte der Bevölkerung nur über eine „eingeschränkte Gesundheitskompetenz“ verfügt. Bei einer Neuauflage dieser Studie vor fünf Jahren zeigte sich immerhin eine leichte Verbesserung.
Das hat teure Folgen – nicht nur für den Einzelnen, den ein Mangel an Vorsorge das Leben kosten kann, sondern auch für die Volkswirtschaft als Ganzes. In welche Dimensionen Krankheitskosten führen können, hat das Wirtschaftsforschungsinstitut Economica im Auftrag der SVS für Krebserkrankungen errechnet. Das Ergebnis: „Die Kostenstruktur ist extrem komplex, aber wir können mit einer Hochrechnung die volkswirtschaftliche Belastung pro Jahr in Österreich mit 1,7 Milliarden Euro beziffern“, so Studienautor und Economica-Vorstand Christian Helmenstein.


© Shutterstock; Quelle: Statistik Austria
Zu Buche schlagen einerseits die direkten Kosten für Spitalsaufenthalte und Medikamente. Allein für Betroffene von Darm-, Brust-, Prostata- oder Gebärmutterhalskrebs sind das jährlich 388.000 Spitalstage, was über eine halbe Milliarde Euro kostet. Dazu kommen noch Produktivitätsverluste durch Krankenstandstage und verlorene Arbeitsstunden.
Als wirksamsten Hebel gegen die steigenden Kosten sehen die Studienautoren die Vorsorge. Davon ist auch Lehner überzeugt: „Rund jeder zehnte Euro der Gesundheitskosten fließt in die Versorgung von Krebspatienten. Also rentiert sich jeder Euro, der in Vorsorge und Früherkennung investiert wird.“ Gerade hier zeigt sich jedoch Aufholbedarf. Ein Beispiel: Während in Österreich nur 41 Prozent der Zielgruppe an der Brustkrebsvorsorge teilnehmen, liegen die Quoten in skandinavischen Ländern bei über 80 Prozent.
Was tun? „Es ist notwendig, mehr Bewusstsein für Prävention zu schaffen – und dabei klarzumachen, dass es sich dabei nicht um eine ‚abstrakte Maßnahme der Volksgesundheit‘ handelt, sondern dass Vorsorge jeder und jedem Einzelnen einen Benefit bringt“, sagt Expertin Sander. Dazu gehört auch, den Zugang zu Prävention möglichst einfach zu machen. Sander: „Come-and-go-Angebote ohne lange Terminvereinbarung an Orten des täglichen Bedarfs bringen nachweislich tolle Effekte, um Vorsorgemuffel zu erreichen.“
Das gemeinsam mit Mavie Med betriebene „Health-Mobil“ des Vereins Goldenes Kreuz ist ein Beispiel dafür. Als Gesundheitszentrum auf Rädern bietet es Untersuchungen und Infos zu Herz- und Kreislauferkrankungen oder auch Impfmöglichkeiten. Das Motto: Wenn jemand nicht zum Arzt kommt, kommt der Arzt halt zu ihm.
Was die Diskussion um Vorsorge auch zeigt: Es ist kein rein medizinisches Thema. Es geht um Verantwortung für die eigene Gesundheit. „Das große Problem ist die explodierende Inanspruchnahme von Leistungen. Es mangelt in immer stärkerem Maße an Eigenverantwortung und Eigeninitiative“, analysiert SVS-Obmann Lehner, „und das bringt auch ein sehr gut ausgebautes Gesundheitssystem an seine Grenzen.“
Prävention und Gesundheitsbewusstsein sind wichtige Hebel, um den Menschen mehr gesunde Jahre zu bescheren. Wer über wenig Gesundheitskompetenz verfügt, ernährt sich tendenziell schlechter und bewegt sich zu wenig – und landet entsprechend häufiger im Wartezimmer eines Arztes oder im Spital. Das Gegenrezept dazu heißt stärkere Gesundheitskompetenz, mit deren Ausbildung möglichst früh begonnen werden sollte, auch darin sind sich alle Expertinnen und Experten einig.
Bei der Prävention gibt es Nachholbedarf, weil es an Gesundheitskompetenz und Eigenverantwortung mangelt.
„Jedes Kind sollte Mitglied in einem Sportverein sein“, regt etwa Mediziner Sevelda an, „und die tägliche Turnstunde, von fast allen Regierungen versprochen und bisher nicht umgesetzt, wäre wichtiger als die Diskussion, wie viele Lateinstunden notwendig sind.“ Der Krebshilfe-Präsident kann sich auch ein ausgeprägteres Bonus-Malus-System bei den Beiträgen vorstellen: „Warum sollen Nichtraucher und Menschen, die bewusst auf ihre Gesundheit achten, für die hohen Behandlungskosten von Rauchern mitzahlen?“
Peter Lehner und die SVS wollen da weiter eher auf Motivation, Belohnung und leichte Zugänglichkeit setzen. Lehner: „Krankheiten durch Früherkennung und Prävention zu vermeiden, ist in jedem Fall besser, als sie hinterher behandeln zu müssen – sowohl für die Lebensqualität des Einzelnen als auch für das Gesundheitssystem insgesamt.
Krebserkrankungen belasten Volkswirtschaft
Krebs kostet nicht nur Leben, sondern auch die österreichische Volkswirtschaft Hunderte Millionen Euro. Laut einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Economica im Auftrag der Sozialversicherung der Selbständigen (SVS) summieren sich die direkten und indirekten Kosten von Krebserkrankungen bereits heute auf rund 1,7 Milliarden Euro pro Jahr. Treiber dieser Entwicklung sind die alternde Bevölkerung, immer teurere Therapien und längere Behandlungszeiten. „Rund jeder zehnte Euro der Gesundheitskosten fließt schon jetzt in die Versorgung von Krebspatienten“, sagt SVS-Obmann Peter Lehner.
Und es wird noch teurer: Die Studienautoren rechnen für Österreich mit einer Zunahme der Kosten für Krebserkrankungen in den kommenden 25 Jahren von 63 Prozent. Die Analyse zeigt die enorme wirtschaftliche Dimension der Erkrankung. „Neben den unmittelbaren Kosten für Spitalsaufenthalte und Medikamente kommen die Kosten für die Behandlung der Begleitbeschwerden und die verlorenen Erwerbstage sowie der Produktivitätsverlust hinzu“, erläutert Studienautor Christian Helmenstein.
Allein für Darm-, Brust-, Prostata- und Gebärmutterhalskrebs verzeichnet Österreich jährlich rund 65.000 Hospitalisierungen mit insgesamt 388.000 Spitalstagen. Die Kosten dafür beziffert Economica auf rund 510 Millionen Euro. Hinzu kommen hohe indirekte Belastungen für den Arbeitsmarkt. Laut Studie führen die Erkrankungen zu mehr als einer halben Million verlorenen Arbeitsstunden pro Jahr.