
Genügend Panzer für den Eigenbedarf baut Polen noch nicht. PGZ, das staatliche Rüstungsunternehmen, konnte zuletzt die Kapazitäten erhöhen.
©PGZObwohl kein NATO-Staat so viel in seine Verteidigung investiert wie Polen, hinkt die nationale Rüstungsindustrie deutlich hinterher. Kleine Forschungsinstitute zeigen, wohin sich die Branche entwickelt - und wo ihre Grenzen liegen. Eine Reportage aus Warschau.
Ein unscheinbarer Beton-Komplex aus den 1970er-Jahren. Die Fassade bröckelt, der Lack an den Fensterrahmen splittert. Dass hier an der Zukunft der polnischen Rüstungsindustrie geforscht wird und hier auch Teile produziert werden, sieht man dem Gebäude nicht an. Nur ein Wandbild neben dem Eingang gibt einen Hinweis. Zu sehen ist ein mobiler Militärroboter, daneben eine vierköpfige Familie Arm in Arm, die ihn betrachtet. Die Botschaft des Instituts PIAP ist klar: Ihre Roboter sollen Menschenleben retten und verschonen – oder wie es hier heißt: „Robots don’t bleed“.
PIAP gehört zum polnischen Forschungszentrum Łukasiewicz und liegt etwa 30 Fahrminuten außerhalb des Warschauer Zentrums. Mit knapp 250 Mitarbeitenden ist es das größte auf Roboter spezialisierte Forschungszentrum des Landes. Die Entwicklungen werden von Armeen in 28 Ländern gekauft. Zu den wichtigsten Exportmärkten zählen Saudi-Arabien, Südkorea, Vietnam, Frankreich und die Ukraine. „Seit 25 Jahren forschen wir an unseren Robotern. Jetzt hat endlich auch die polnische Armee verstanden, dass sie unsere Produkte braucht“, zeigt sich Piotr Szynkarczyk, Managing Director des Instituts, zufrieden mit der aktuellen Auftragslage. Derzeit werden Vereinbarungen mit nationalen und internationalen Behörden verhandelt. Vergangenes Jahr verkaufte PIAP rund 100 Roboter. Wie viele es heuer sein werden, will Szynkarczyk nicht verraten. Der Preis pro Gerät bewegt sich „zwischen einem Pkw und einer Wohnung“, legt der Direktor offen. Seit Beginn des russischen Angriffkrieges auf die Ukraine hat nicht nur dieses Forschungszentrum an Bedeutung gewonnen.
Wettrüsten
Polen baut seine Verteidigungsfähigkeiten massiv aus. Kein europäisches Land rüstet derzeit so stark auf. Mit Militärausgaben von fast fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts investiert auch kein anderer NATO-Staat dermaßen in seine Sicherheit. Ein Großteil dieses Geldes fließt bislang allerdings ins Ausland. Zwar wächst die polnische Rüstungsindustrie, doch sie ist fragmentiert und verfügt noch nicht über ausreichende Kapazitäten, um den steigenden Bedarf an Panzern, Drohnen und Robotern selber zu decken. Der von der polnischen Regierung gegründete Rüstungskonzern PGZ erwartet für das vergangene Jahr einen Umsatz von rund 4,4 Milliarden Euro, der Nettogewinn dürfte bei etwa 600 Millionen Euro liegen. Zum Vergleich: Rheinmetall setzte 2025 fast zehn Milliarden Euro um.
Das neue EU-Finanzierungsprogramm SAFE soll den polnischen Fertigungskapazitäten nun einen deutlichen Schub verleihen. Die EU vergibt zinsgünstige Darlehen, um Verteidigungsinvestitionen in den Mitgliedsstaaten zu fördern. Polen erhält den größten Anteil an vergünstigten Krediten. Bis 2030 sollen Mittel in Höhe von rund 44 Milliarden Euro in das Land fließen. Voraussetzung ist, dass ein Großteil der Beschaffung innerhalb Europas erfolgt.
Jan Grabowski, Vizepräsident des Marktführers PGZ, verspricht sich davon einen Einkaufsboom, muss aber gegenüber dem polnischen Sender TVP World zugeben: „Wir sind heute dafür noch nicht bereit. Aber wir arbeiten daran.“ Bei PIAP sieht man das ähnlich. „Wir werden künftig eine größere Abteilung mit mehr Kapazitäten brauchen“, so Szynkarczyk. Einen Auftrag über mehrere Hundert Roboter kann das Institut aktuell nicht eigenständig bewerkstelligen.
Kriegsstimmung
Wie sich der Aufrüstungskurs langfristig auswirkt, beschäftigt auch die Sozialforschung. Am ITECH-Institut des ŁukasiewiczNetzwerks analysieren Wissenschaftler:innen die gesellschaftlichen und politischen Folgen steigender Verteidigungsausgaben. „Die Zustimmung in der Bevölkerung ist sehr hoch. Aber wir fragen uns, wie lange noch“, sagt Forscherin Katarzyna Jodko-Piórecka. Die Budgetlage spitze sich zu. Sozialleistungen könnten gekürzt werden, um die Verteidigungsausgaben zu finanzieren.
In Forschungseinrichtungen wird der Verteidigungssektor jedenfalls als Priorität gesehen. „Man spürt eine gewisse Angst im Land“, bemerkt Iris Filzwieser, Präsidentin der Austrian Cooperative Research, die im Rahmen einer Studienreise vor Ort war. „In Westeuropa ist es eher üblich, strategisch zu forschen. In Polen ist der Defense-Sektor in gewisser Weise eine erzwungene Innovation.“
Entsprechend intensiv wird über Dual Use diskutiert. Angesichts steigender Staatsverschuldung sollen Verteidigungsausgaben möglichst breite wirtschaftliche Eff ekte entfalten. „Wir analysieren, inwieweit militärische Innovationen auch zivil nutzbar gemacht werden können“, erklärt Jodko-Piórecka. Das versucht auch die Politik: „Polen investiert massiv in die Rüstungsindustrie, nicht nur in Waffen“, so Alexander Auböck, stellvertretender Wirtschaftsdelegierter in Warschau. „Die Investitionen wirken sich indirekt etwa auf die Bauwirtschaft aus.“
Nicht ausschließlich kriegerisch wollen auch die Forscher:innen im Roboterzentrum PIAP ihre Erfindungen sehen. Die Roboter kommen genauso bei Feuerwehren und in der Terrorismusbekämpfung zum Einsatz. Derzeit verhandeln sie einen Großauftrag mit der polnischen Polizei.
Science is Business
Eine Technische Universität mit hauseigener Sales-Abteilung? Was für österreichische Verhältnisse ungewöhnlich scheint, ist in Polen längst Realität. An der Technischen Universität Warschau, der ältesten und größten Hochschule des Landes, wird großer Wert auf die Kommerzialisierung studentischer Erfindungen gelegt. Projekte mit den besten Marktchancen werden gezielt gefördert. „Wir helfen den Studierenden bei den Patenten, bei der Firmengründung und bei der Investorensuche“, so der Vizerektor für Forschung Mariusz Malinowski. Der Kunde sei bei jedem Forschungsschritt anwesend.
Für Iris Filzwieser, Präsidentin der Austrian Cooperative Research (ACR), ist genau das der spannende Unterschied zu Österreich: „Das Beeindruckendste an Polen ist nicht, dass es EU-Gelder effizient verwendet und kaum Arbeitslose hat, sondern dieser starke Fokus der Forschung auf die Kundenbedürfnisse.“ Neben der TU Warschau wurden im Rahmen der diesjährigen ACR-Studienreise unterschiedliche -Forschungseinrichtungen, etwa des Łukasiewicz-Forschungsnetzwerks, besucht. In der Delegation waren ACR-Institutsleiter:innen sowie Vertreter:innen aus Politik und Wirtschaft.
Dabei wurde auch eine strukturelle Schwäche sichtbar: Das starke Wirtschaftswachstum hat sich bislang nicht im selben Ausmaß in Innovation niedergeschlagen. Die Forschungslandschaft ist fragmentiert und stark auf Verteidigung und Energiewende ausgerichtet. In dieser oft unübersichtlichen Kleinteiligkeit sieht Filzwieser jedoch auch Potenzial: „Europas Zukunft liegt nicht in zwei oder drei großen Leuchtturmprojekten. Sie liegt in den vielen kleinen Innovationen, die von Menschen mit jahrelanger Erfahrung getragen werden.“
Der trend war auf Einladung der ACR Teil der österreichischen Delegation in Polen.
Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 8. Mai 2026 erschienen.
