„Mehr als Bilder“

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 © Laura Schaffelhofer

Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchsjäger ist Vorstand der Universitätsklinik für Radiologie an der Medizinischen Universität Graz und zählt

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In Graz ist eine der modernsten Radiologien Europas entstanden. Vorstand Michael Fuchsjäger über den Neubau der Radiologie am LKH Universitätsklinikum Graz, neue Rollenbilder und warum Radiologie heute mitten in der Therapieentscheidung steht.

TREND: Die Universitätsklinik für Radiologie in Graz geht an einem neuen Standort mit über 20.000 m² Gesamtfläche in Betrieb. Damit entsteht eine der modernsten Radiologie-Infrastrukturen Europas. Welche Chancen eröffnet das neue Gebäude?

Fuchsjäger: Der Neubau eröffnet jede Chance, die man sich vorstellen kann: in der Patient:innenversorgung, in der Lehre und in der Forschung. Wir profitieren von völlig neuen Abläufen, klar strukturierten und entflochtenen Patient:innenpfaden sowie einer hochmodernen technischen Ausstattung. Das ermöglicht uns, deutlich effizienter und gleichzeitig stärker patient:innenzentriert zu arbeiten. Gleichzeitig steigert ein solcher Standort auch unsere Attraktivität als Arbeitgeberin.

Ein Neubau dieser Größenordnung entsteht nicht auf der grünen Wiese, sondern im laufenden Klinikbetrieb. Welche Herausforderungen waren aus Ihrer Sicht bei Planung und Umsetzung besonders prägend? Die größte Herausforderung war sicher, ein Projekt dieser Dimension im laufenden Betrieb umzusetzen. Wir konnten den Klinikalltag nicht einfach unterbrechen. Bau, technische Ausstattung und Übersiedlung mussten daher exakt aufeinander abgestimmt werden, während gleichzeitig die Versorgung durchgehend gesichert blieb. Dafür brauchte es eine enge Abstimmung zwischen Bau, Medizintechnik, IT und den klinischen Teams. Ohne klare Planung und definierte Meilensteine wäre ein Projekt in dieser Größenordnung nicht realisierbar gewesen.

Moderne Radiologie ist heute weit mehr als ein Gebäude mit Geräten. Welche Rolle spielen Infrastruktur, digitale Vernetzung und nachhaltige Betriebsmodelle für eine zukunftsfähige Patientenversorgung? Das modernste Gerät bringt wenig, wenn es nicht optimal in Prozesse und IT-Systeme eingebunden ist. Erst dadurch können wir effizient arbeiten und Informationen entlang des Patient:innenpfads sinnvoll nutzen. Gleichzeitig ist uns nachhaltiges Arbeiten wichtig. Wir setzen bewusst auf energieeffiziente Systeme und verbessern unsere Abläufe, um diese leistungsstarke Technik nachhaltig und wirtschaftlich zu betreiben.

Die Radiologie wandelt sich vom Bildlieferanten zur aktiven Partnerin im Diagnostik- und Therapieprozess. Wie zeigt sich das konkret? Radiologie ist definitiv eine gleichwertige Partnerin auf Augenhöhe mit den anderen medizinischen Disziplinen und nicht nur eine Dienstleisterin. Wir sind heute tief in die klinischen Entscheidungsprozesse eingebunden. An unserem Klinikum finden mehr als 50 interdisziplinäre Besprechungen pro Woche statt, an denen wir Radiologinnen und Radiologen aktiv teilnehmen. In Tumorboards etwa werden Therapieentscheidungen gemeinsam getroffen und wir sind ein fixer Bestandteil davon.

Was bedeutet das für Ihr Selbstverständnis als Fach? Das alte Bild von Radiolog:innen im abgedunkelten und stillen Raum ist längst überholt. Wir stehen im aktiven Austausch mit Patientinnen und Patienten und arbeiten eng mit unseren klinischen Partner:innen zusammen - sowohl in der Diagnostik als auch in Therapieentscheidungen. Dafür müssen wir nicht nur die klinischen Fragestellungen der anderen Disziplinen, sondern auch die Konsequenzen unserer radiologischen Befunde für unsere Patient:innen sehr gut verstehen. Die Radiologie wird dadurch interdisziplinärer, kollaborativer und insgesamt gestaltender.

Die Klinik verfügt über mehr als 20 Großgeräte, darunter ein photonenzählender CT-Scanner und ein Hochleistungs-MRT-Gerät. Was verändert sich dadurch? Das ist ein Quantensprung. Untersuchungen können mit Systemen wie dem Naeotom Alpha Peak schneller, hochauflösender und mit geringerer Strahlenexposition durchgeführt werden. Wir stellen kleinste Strukturen präziser dar und klären viele Fragestellungen nicht-invasiv. Das eröffnet neue Möglichkeiten – etwa in der Herzdiagnostik, wo wir teilweise auf vorbereitende Maßnahmen, wie medikamentöse Senkung der Herzfrequenz verzichten können. Gleichzeitig gewinnen wir an Geschwindigkeit und Präzision, was unmittelbar der Patient:innenversorgung zugutekommt.

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in diesem Umfeld? Es gibt nicht die „eine“ künstliche Intelligenz. Vielmehr begleiten unterschiedliche Anwendungen den gesamten Prozess, von der Terminplanung über die Durchführung bis zur Befundung und Kommunikation. Eine KI-Anwendung markiert beispielsweise Läsionen vor, eine andere übernimmt repetitive Abläufe wie Standardmessungen und unterstützt uns bei der Auswertung. Entscheidend ist jedoch: KI ersetzt nicht die ärztliche Verantwortung. Ergebnisse müssen weiterhin geprüft und eingeordnet werden. Gleichzeitig ist klar, dass wir ohne KI die steigenden Fallzahlen und die zunehmende Komplexität der radiologischen Untersuchungen künftig kaum bewältigen können.

Wenn KI-Anwendungen Routineaufgaben übernehmen, verschiebt sich dann der Fokus der Radiologinnen und Radiologen? KI unterstützt uns, sie ersetzt uns aber nicht. Wenn repetitive Aufgaben automatisiert werden, gewinnen wir Zeit – etwa für den direkten Austausch mit Patient:innen oder mit klinischen Partner:innen. Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass ärztliche Kompetenz erhalten bleibt. Das bedeutet auch, diese Entwicklung aktiv zu steuern und die Systeme laufend zu kontrollieren.

Der Neubau wird schrittweise in Betrieb genommen. Welche Herausforderungen bringt das mit sich? Die größte Herausforderung ist der Parallelbetrieb. Zeitweise betreiben wir zwei Standorte gleichzeitig, müssen Personal entsprechend aufteilen und zugleich die Versorgung aufrechterhalten. Das Klinikum läuft schließlich weiter, mit rund 1.500 Betten und einem großen Zentrum für Akutmedizin. Hier war eine äußerst präzise Planung notwendig.

Welche Rolle spielen Architektur und Gestaltung im Konzept der neuen Radiologie? Eine sehr große. Wir haben den Weg durch die Radiologie konsequent aus Sicht der Patientinnen und Patienten gedacht. Klare Wegeführung, getrennte Patient:innenströme und gezielte Gestaltungselemente tragen dazu bei, den Aufenthalt angenehmer zu gestalten. Gerade in sensiblen Bereichen wie der Brustdiagnostik haben wir spezielle Wartezonen und beruhigende Farbkonzepte umgesetzt.

Und Ihr Blick nach vorne: Wohin entwickelt sich die Radiologie? Zwei Themen sind zentral: funktionelle Bildgebung und Quantifizierung. Wir wollen nicht nur Strukturen sichtbar machen, sondern Funktionen messen und daraus konkrete Aussagen ableiten – etwa zu Krankheitsverläufen oder Therapieerfolgen. Alles läuft auf die Entwicklung echter Biomarker hinaus, die Diagnose und Therapieentscheidung unterstützen. Damit wird die Radiologie noch stärker Teil des gesamten Behandlungsprozesses.

„(Mehr)wert entsteht dort, wo es dem Patienten nutzt“

Joachim Bogner, Geschäftsführer von Siemens Healthineers in Österreich, über langfristige Partnerschaften und den Beitrag neuer Technologien zu präziserer Diagnostik und Therapie.

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Joachim Bogner.

 © Siemens Healthineers/Sebastian Freiler

TREND: Großprojekte wie die neue Radiologie in Graz entstehen in enger Zusammenarbeit zwischen Klinik und Industrie. Was macht eine erfolgreiche Partnerschaft aus?

Bogner: Entscheidend ist, dass man sich als Technologiepartnerin an den Zielbildern der Klinik orientiert. Eine Universitätsklinik muss Forschung, Lehre und klinische Routine gleichzeitig abdecken. Und genau hier müssen wir unterstützen. Ob eine Partnerschaft trägt, zeigt sich erst über die Jahre. Im Gesundheitswesen sprechen wir immer von langfristigen Kooperationen. Wenn beide Seiten nachhaltig zufrieden sind, dann war die Zusammenarbeit erfolgreich. Ein Beispiel ist unsere langjährige Partnerschaft mit der KAGes: Wir sind seit 25 Jahren im Joint Venture „marc“ verbunden. Hier hat sich über die Jahre aus einem radiologischen Archiv eine gemeinsame Dateninfrastruktur entwickelt.

Die Klinik positioniert sich klar in Richtung wertbasierte Radiologie. Was bedeutet das konkret? Der zentrale Punkt der wertbasierten Radiologie ist der tatsächliche Mehrwert für den Patienten – das, was als Nutzen beim Patienten ankommt. Technologie wird nicht eingesetzt, weil etwas technisch möglich ist. Sondern: Technologie soll Abläufe verbessern, Diagnostik und Therapie positiv beeinflussen. Wenn neue Systeme dazu beitragen, Behandlungspfade für die Patientinnen zu verbessern, dann sprechen wir von wertbasierter Radiologie.

Wo zeigt sich dieser Mehrwert konkret durch die neue Gerätegeneration? Ein Beispiel ist der photonenzählende CT-Scanner Naeotom Alpha. Bei der Photon-Counting-Technologie werden einzelne Röntgenphotonen direkt in digitale Signale umgewandelt. Das Gerät liefert also deutlich präzisere und detailliertere Informationen. Somit haben Ärztinnen eine bessere Entscheidungsgrundlage. Etwa, ob invasive Eingriffe überhaupt notwendig sind. In manchen Fällen kann das bedeuten, dass man sich diagnostische Herzkatheteruntersuchungen erspart. Ein weiteres Beispiel ist der Hochleistungs-MRT-Scanner Magnetom Cima.X. Er wurde ursprünglich für die Forschung entwickelt und ist jetzt auch in der klinischen Routine im Einsatz. Damit rücken Forschung und Versorgung enger zusammen und genau daraus entsteht zusätzlicher Nutzen für die Patienten.

Welche Rolle spielen Daten und KI in diesem System? Daten sind das Fundament, auf dem die moderne Radiologie steht. Entscheidend ist, dass sie strukturiert vorliegen und zwischen den Systemen fließen. Nur so lassen sich durchgängige Prozesse schaffen, ohne Datensilos. Gerade in Graz sieht man, wie das funktionieren kann, wenn über Jahre hinweg konsequent an der Vernetzung im Gesundheitswesen gearbeitet wird. KI-gestützte Anwendungen können auf dieser Basis aufbauen und zum Beispiel in der Diagnostik, aber auch in verschiedenen Abläufen unterstützen, etwa bei der Bildentstehung oder bei der Befundung. Voraussetzung ist aber immer eine saubere Datenbasis.

Welche Voraussetzungen braucht es für eine funktionierende digitale Infrastruktur? Der Schlüssel zu einer funktionierenden digitalen Infrastruktur ist die Interoperabilität. Systeme müssen dieselbe „Sprache“ sprechen, Daten standardisiert vorliegen und reibungslos übertragen werden. Nur so lassen sich Effizienzgewinne realisieren. Letztere werden wir angesichts steigender Untersuchungszahlen auch dringend brauchen. Aber auch Datensicherheit und regulatorische Anforderungen spielen eine zentrale Rolle. Denn: Wenn die Menschen Vertrauen in die Systeme haben, funktioniert auch die digitale Vernetzung im Gesundheitswesen.

Vernetzung im Sinne wertbasierter Gesundheitsversorgung? Unbedingt. Nehmen Sie das Beispiel der Online-Sprechstunde: Sie ist eine Antwort auf Engpässe im Gesundheitswesen und erleichtert den Zugang zu medizinischer Versorgung. Aber auch diese eHealth-Lösung setzt eine Infrastruktur zum Datenaustausch voraus. Die nötigen Veränderungsprozesse fordern auf mehreren Ebenen: Technik, Organisation und Kommunikation. In der Steiermark liefert unser Joint Venture mit der KAGes „marc“ hierfür die Basis.

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