
Jonathan Fine, Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums
©Gabriela SchnabelMit der Ausstellung „Kolonialismus am Fensterbrett" im Weltmuseum beleuchtet KHM-Direktor Jonathan Fine die koloniale Geschichte alltäglicher Zimmerpflanzen. Er selbst ist ein leidenschaftlicher Gartler.
Die Ausstellung lebt. Es duftet nach Erde, Blätter wachsen unter künstlichem Licht, mitten im Museum. Für Jonathan Fine ist dieses Projekt im Weltmuseum mehr als eine kuratorische Entscheidung – es ist persönlich. „Ich bin geerdet“, sagt er. Und meint das wörtlich.
Die Idee zur Pflanzenausstellung „Kolonialismus am Fensterbrett“ entstand aus einer einfachen Beobachtung: Wie viele der Gewächse, die wir als selbstverständlich wahrnehmen, sind Teil kolonialer Handels- und Machtstrukturen? Geranien auf Balkonen in Tirol, Bayern oder der Schweiz. Aloe vera bei der Großmutter. Gummibäume im Wohnzimmer. Bogenhanf im Büro. Pflanzen, die längst als „heimisch“ empfunden werden, kamen ursprünglich aus anderen Weltregionen nach Europa. Fine wollte diesen Zusammenhang sichtbar machen – nicht moralisch belehrend, sondern erzählend. „Wir leben in einer vielfältigen, verletzlichen Welt. Jeder Erdteil ist mit dem anderen verwoben.“ Kolonialismus sei kein abstraktes Kapitel der Geschichte, sondern präge unseren Alltag bis heute – oft unbemerkt, in Form von Dingen, die wir täglich sehen.
Die museale Umsetzung war anspruchsvoll. Eine Ausstellung über Schokolade oder Tee lasse sich leicht realisieren, sagt Fine. Doch lebende Pflanzen in fensterlosen Räumen? Eine konservatorische Herausforderung. Gemeinsam mit der Chefkonservatorin Verena Kotonski entwickelte das Team technische Lösungen, um Licht, Klima und Pflege zu gewährleisten. Die Ausstellung befindet sich bewusst in einem eintrittsfreien Bereich, ergänzt durch Programme für Schulen und Kinder. Besucherinnen und Besucher verlassen sie mit einem neuen Blick auf scheinbar Vertrautes.
Die Leidenschaft für Pflanzen begleitet Fine seit seiner Kindheit in New York. „ Familienausflüge führten oft in Museen, den Zoo oder den Botanischen Garten in der Bronx.“ Eine Erinnerung ist ihm besonders geblieben: draußen Schnee und Kälte, drinnen im Gewächshaus warme, feuchte Luft, Duft und üppiges Grün. „Ich fühlte mich sofort wieder wohl.“ Seitdem umgibt er sich mit Pflanzen – im Büro wie zu Hause. Sie erden ihn, sagt er, bringen ihn „wieder zurück zum Menschlichen“.
Fine lebt in Hernals, nahe zum Gürtel, ein Balkon war ihm wichtig, nicht zuletzt wegen der Botanik. Pflanzen, mit denen sich Fine umgibt, sollten robust sein, da er viel auf Reisen ist: „Deshalb habe ich den Schwerpunkt auf Pflanzen wie Blattkakteen und Kakteen gelegt – Pflanzen, die man schwer kaputt bekommt. Sie blühen spektakulär und verzeihen Abwesenheit.“
Besonders am Herzen liegt ihm jedoch das Bitterorange-Bäumchen Chinotto. Die Zitruspflanze mit mandarinenförmigen Früchten hat weiße Blüten mit süßlichherbem Duft und einem säuerlich-bitteren Geschmack, „perfekt für Marmeladen“. Die Samen erhielt er vom Gärtner des Metropolitan Museum of Art in New York, aus einem verglasten Kreuzgang mit historischen Zitruspflanzen. Vier Bäume zog er groß, drei verschenkte er, einen behielt er. Nach zehn Jahren blühte er erstmals – ein intensiver Duft, ein Moment des Stolzes.
Vielleicht ist dieser Baum ein Symbol für vieles in Fines Leben: Verwurzelung, Pflege, Geduld, Migration – seine Großmutter väterlicherseits stammte aus Lemberg, dem heutigen Lwiw in der Ukraine, und identifizierte sich stets stolz als Österreicherin, mütterlicherseits führt die Spur nach Frankfurt, von dort wanderte die jüdische Familie in die USA aus – und die Einsicht, dass Identität nie statisch ist, sondern wächst. Und manchmal blüht.
Vielleicht liegt darin die Parallele zu seiner musealen Arbeit: Pflanzen wie Identitäten sind nicht statisch. Sie wandern, werden umgesetzt, neu eingepflanzt. Was einst fremd war, wird Teil des Eigenen. Koloniale Netzwerke brachten Gewächse nach Europa – heute prägen sie Landschaftsbilder und Selbstverständnisse. „Uns macht aus, dass wir Teil dieses vernetzten Globus sind“, sagt Fine. Die Geranie am Alpenbalkon erzählt ebenso von globaler Geschichte wie die Zimmerpflanze im Wiener Büro. Und manchmal reicht es, die Blütenpracht zu bewundern, um diese Verflechtungen spürbar zu machen.
Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 6. März 2026 erschienen.
