Peter Weinzierl: "Man kann sich das nicht vorstellen..."

Im Mai wurde Ex-Meinl-Bank-Chef Peter Weinzierl in London wegen des Verdachts der Geldwäsche und der Bestechung verhaftet. Gegen Kaution wurde er freigelassen, seine Londoner Wohnung darf er kaum verlassen. Ihm drohen 70 Jahre Haft. Der trend sprach mit ihm.

Peter Weinzierl, Ex-CEO Meinl Bank

Peter Weinzierl, Ex-CEO Meinl Bank

trend: Herr Weinzierl, wie geht es Ihnen jetzt?
Peter Weinzierl: Ich habe zum Glück ein recht sonniges Gemüt. Aber die Anspannung ist enorm, die Einschränkung der Bewegungsfreiheit belastend, und es gibt schon Momente, wo man alles hinschmeißen möchte. Dennoch: Ich verliere meinen Optimismus nicht, da diese Vorwürfe vielfach absurd sind. Das sagen auch alle, die die Situation kennen und die Anklage ebenso wenig nachvollziehen können.

Die Anklage wirft Ihnen vor, dass Sie von Anfang an gewusst hätten, dass Odebrecht ein System von Schmiergeldzahlungen betreibt, und dafür quasi eine Parallelbank betrieben hätten...
Wie soll das bitte funktionieren, so wie die FMA uns ständig kontrolliert hat? Und als die Geschäftsbeziehung mit Odebrecht begonnen hat, war das der Star in Lateinamerika. Weltbank und IFC haben Projekte mit Odebrecht finanziert, und niemand hat einen Verdacht geschöpft.

Wussten Sie eigentlich, dass die US-Behörden gegen Sie ermitteln?
Odebrecht war ein großes Thema in den USA, und mir war bewusst, dass daher auch die Meinl Bank Antigua von Interesse ist. Aber dass dies in so einer Aktion enden wird, hätte ich nie gedacht. Von allen Verfahren, die gegen mich geführt wurden, war das jenes, das mir überhaupt keine Sorgen bereitet hat.


In den vergangenen 13 Jahren wurden sicher zehn Ermittlungsverfahren gegen mich geführt.

Wie geht es jetzt weiter in dem Verfahren?
Die Verhandlung darüber, ob ich in die USA ausgeliefert werde, soll erst im Sommer 2022 stattfinden. Ein Jahr ohne Verhandlung zu warten - eigentlich ein Wahnsinn! Ich bin wenigstens frei, aber mir tun jene leid, die in der gleichen Situation auf eine Verhandlung warten und eingesperrt sind.

Und wie sieht es mit den anderen Verfahren aus?
In den vergangenen 13 Jahren wurden - ich weiß es gar nicht genau - sicher zehn Ermittlungsverfahren gegen mich geführt. Alle wurden eingestellt, bis auf das ursprüngliche MEL-Verfahren. Und auch da gehe ich von einem baldigen Ende aus.

Wie hat Julius Meinl auf die Anklage und die Festnahme reagiert?
Mit Bestürzung. Er weiß natürlich, dass es nie eine Parallelbank gab.

Aber war es nicht immer so, dass Julius Meinl V. über alles Bescheid wusste, was in der Bank passiert ist? Von der Anklage ist er aber nicht betroffen...
Er ist eine präsente Persönlichkeit, aber über alles wusste auch er nicht Bescheid und in diesem Fall war er organisatorisch nicht eingebunden.


Ich arbeite weiter an Projekten des House of Julius Meinl.

Wovon leben Sie eigentlich aktuell?
Ich arbeite weiter an Projekten des House of Julius Meinl im Bereich Immobilien mit, aber in keiner offiziellen Funktion.

Und wie sieht Ihr Leben in London jetzt aus?
Monoton. Ich war immer sehr mobil, beruflich und privat. So lange sesshaft war ich nicht einmal während des härtesten Corona-Lockdowns. Ich lebe in einer sehr bescheidenen, kleinen Wohnung. Das sind die schlechtesten Wohnverhältnisse seit meiner Studienzeit.

Aber Sie haben doch sicher während der Jahre genug Geld auf die Seite räumen können?
Ich habe gar kein Geld auf die Seite geräumt; ich habe hart gearbeitet, gut verdient und nicht geprasst. Aber Sie möchten sich nicht vorstellen, was die Anwälte kosten!

Wie erlebten Sie die Zeit in Haft?
Man kann sich das nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Der Umstand, in einem Augenblick aus dem Alltag gerissen zu werden und komplett von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, ist schlimmer als die acht Quadratmeter Zelle zu zweit. Das Besuchsregime war rigide, kaum Zeit mit den Anwälten, unmöglich, seine Verteidigung vorzubereiten. Man ist dort zum Verrotten. Es ist eigentlich erschreckend, dass unsere aufgeklärte Gesellschaft das Einsperren nach wie vor als sozial adäquates Modell betrachtet. Mit moderner Technologie gäbe es Möglichkeiten, den Strafvollzug ausreichend abschreckend, aber dennoch human zu gestalten und vor allem so, dass die Leute einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten können und nicht komplett deintegriert werden.


Dreimal in der Woche muss ich mich bei der Polizeistation melden.

Haben Sie sich je gefürchtet?
Nein, eigentlich nicht. Die meisten Leute waren ganz normal. Es geht zu, wie mir meine Eltern die Schattenwirtschaft der Nachkriegsjahre beschrieben haben. Einzig der Drogenkonsum ist verheerend.

Sie sind wieder in Freiheit: Welche Auflagen hat Ihnen das Gericht erteilt?
Ich muss im Land bleiben und musste meinen Pass abgeben und zwischen Mitternacht und sieben Uhr Früh darf ich meine Wohnung in London nicht verlassen. Das wird über eine Fußfessel kontrolliert. Dreimal in der Woche muss ich mich bei der Polizeistation melden. Eine Kaution in der Höhe von vier Millionen Pfund wurde hinterlegt.

Würden Sie jetzt im Nachhinein irgendetwas anders machen?
Wir hätten sofort die gesamte Meinl Bank Antigua verkaufen sollen. In der Rückschau hat die Beteiligung wirtschaftlich keinen Sinn gemacht. Für die Abwicklung des Zahlungsverkehrs haben wir über die Jahre 300.000 Euro verdient. Das kann wohl kaum ein Motiv sein, wissentlich Millionen an Geld zu waschen. Persönlich habe ich überhaupt nichts daran verdient. Die WKStA schaut sich jetzt die Spesenabrechnungen der Meinl Bank der letzten zehn Jahre durch, weil sie verzweifelt Zahlungen an mich sucht -sie wird nichts finden. Das soll bitte nicht heißen, dass man sich wissentlich an den inkriminierten Handlungen beteiligt hätte, wenn man mehr Geld bekommen hätte. Aber Gier ist das einzige Motiv für Geldwäsche -ohne Zahlung kein Motiv.


Mir wird nun mit de facto lebenslänglich gedroht.

Aber es gibt Zeugen bei Odebrecht, die gegen Sie ausgesagt haben...
Ich weiß gar nicht, was die genau gesagt haben, das würde ich erst erfahren, wenn ich in die USA käme. Aussagen, die ich bislang aus den Akten kenne, sind sehr unkonkret und eigentlich gar nicht zum Thema. Diese Odebrecht-Leute haben alle Millionen verdient und in Brasilien etwas ausgedealt, damit sie möglichst milde Strafen bekommen und noch immer Millionen behalten können. Und mir als zufällig Danebenstehendem wird nun mit de facto lebenslänglich gedroht!

In den USA macht man in Strafverfahren doch gerne einen "Deal"...
Mein Anwalt hat mir gesagt, dass man seitens der amerikanischen Behörden an Informationen zu osteuropäischen Kunden der Meinl Bank interessiert wäre. Da werde ich wohl überschätzt, ich weiß kaum etwas Relevantes über die Kunden. Ein solcher Deal erschiene mir irgendwie eigenartig.

Wie hat Ihr Umfeld auf die Anklage reagiert?
Leute, die mich gut kennen, haben alle den Kopf geschüttelt. Es war niemand darunter, der zu mir auf Distanz gegangen ist. Auch meine Familie und meine Lebensgefährtin stehen fest zu mir. Sie bekommt als russische Staatsbürgerin aktuell nur kein Visum für die Einreise nach Großbritannien.

Das hängt aber nicht mit Ihrer Situation zusammen?
Ich weiß es nicht, ausschließen kann ich es nicht.

Zur Person

Peter Weinzierl, langjähriger CEO der ehemaligen Meinl Bank, wurde im Mai in London auf Antrag der US-Staatsanwaltschaft verhaftet und später auf Kaution freigelassen. Ihm wird Bestechung und Geldwäscherei im Zusammenhang mit dem Odebrecht-Schmiergeldskandal vorgeworfen. Weinzierl drohen bis zu 70 Jahre Gefängnis.



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