"Unternehmen fordern eine Ausbildungsoffensive"

Ricardo-José Vybiral, CEO der KSV1870 Holding AG, im trend-Interview über die Perspektiven der heimischen Unternehmen in einer von Pandemie und Krieg zerrütteten Welt.

Thema: HR-Management
KSV1870 Group CEO Ricardo-José Vybiral

Ricardo-José Vybiral, CEO der KSV1870 Holding AG, Österreichs führendem Gläubigerschutzverband.

trend: Nach einem Aufschwung im vergangenen Jahr gibt es heuer für die Wirtschaft schwere Dämpfer. Welche Auswirkungen hat das auf die Betriebe?
Ricardo-José Vybiral: Nach einem massiven Anstieg der heimischen Konjunktur im Vorjahr ist der Aufschwung zuletzt ins Stocken geraten. Während im August 2021 noch 65 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage mit "Sehr gut" oder "Gut" bewertet haben, waren es zuletzt beim Austrian Business Check des KSV1870, bei dem rund 1.300 österreichische Unternehmen befragt wurden, nur noch 55 Prozent.

Wo liegen die Gründe?
Als Hauptgründe werden steigende Rohstoffpreise und die generelle Inflation genannt. Aber auch der Krieg in der Ukraine sorgt zunehmend für Unruhe. Trotzdem gehen die Betriebe davon aus, dass die positive Geschäftsentwicklung des Vorjahres auch heuer ihre Fortsetzung finden wird. Denn 43 Prozent erwarten steigende, ebenso viele zumindest gleichbleibende Umsätze.

Wenn die Auftragslage doch einigermaßen passabel ist, wie ist dann der Stimmungsabschwung zu erklären?
Hauptsächlich aufgrund der Lieferengpässe. China hat ja infolge von Corona-Ausbrüchen viele Häfen gesperrt. Das kann zu Verzögerungen um bis zu einem halben Jahr führen. Deshalb fürchten manche Unternehmen, dass sie einfach nicht produzieren und liefern können.


Manche Unternehmen fürchten, dass sie einfach nicht produzieren und liefern können.

Gibt es seitens der Unternehmen Forderungen nach Unterstützung an die Regierung?
Ja, aber überraschenderweise keine finanziellen. Was aktuell gefordert wird, ist eine große Ausbildungsoffensive. Es mangelt massiv an hochqualifizierten Mitarbeitern.

Wie könnte so eine Ausbildungsoffensive aussehen?
Es könnte die Lehre auch vom Image her stark aufgewertet werden. Hochqualifizierten ausländischen Arbeitskräften müsste der Zugang zur Arbeit erleichtert werden. Oder älteren, gut ausgebildeten Mitarbeitern schmackhafter gemacht werden, weiter zu arbeiten.

Oft hat man dass Gefühl, jüngere Menschen sind mehr an ihrer Work-Life- Balance interessiert.
Natürlich gibt es die Erbengeneration, in der viele keinen Fulltime-Job mehr wollen, aber das ist nur ein Teilaspekt des Problems am Arbeitsmarkt. Das Herausforderung des Arbeitskräftemangels ist viel breiter und muss mit einem ganzheitlichen Zugang gelöst werden.

Und wie steht es um die Finanzlage der heimischen Betriebe?
Fast jedes zehnte Unternehmen hat seine liquiden Mittel aufgebraucht und fürchtet um den weiteren Fortbestand. Und 80 Prozent der Betriebe schließen nicht aus, mittel-oder langfristig wirtschaftliche Probleme zu bekommen.


Die Gefahr aus dem Web nimmt ständig zu, trotzdem wird das Thema hierzulande immer noch stiefmütterlich behandelt.

Rechnen Sie daher mit einem starken Anstieg der Insolvenzen?
Wir erwarten jetzt keinen Pleite-Tsunami. Die Zahl der Insolvenzen wird heuer nicht viel höher sein als 2019. Nächstes Jahr könnte es aber verstärkt kleinere Betriebe treffen.

Cyberattacken stellen Unternehmen vor immer größere Herausforderungen. Wie gut sind denn die Unternehmen geschützt?
Die Gefahr aus dem Web nimmt ständig zu, trotzdem wird das Thema hierzulande immer noch stiefmütterlich behandelt. Meist werden die Attacken gar nicht direkt gegen das Unternehmen geführt, sondern die Hacker kommen über Lieferanten oder andere Unternehmen, zu denen ständig Internetkontakt besteht, ins System. Wir bieten daher ein CyberRisk-Rating an, das zeigt, welche Sicherheitsstandards das IT-System eines Geschäftspartners erfüllt.

Wie stark wird sich der Krieg in der Ukraine auf die wirtschaftliche Lage von Betrieben auswirken?
Nach unseren Erhebungen gibt es nur rund 450 Unternehmen, die eine Kapitalverflechtung mit Russland oder der Ukraine haben. Das reicht von klassischen Handelsunternehmen über Hotels bis zu Immobiliengesellschaften. Überwiegend sind die Unternehmen in Österreich tätig, deren Geschäft wird daher nicht unbedingt durch Embargos eingeschränkt.

Und wie sieht es umgekehrt aus, wenn ein österreichisches Unternehmen einen russischen Geschäftspartner hat, der auf der Sanktionsliste steht?
Dann müssen die Geschäfte sofort beendet werden. Es ist natürlich im konkreten Fall manchmal schwer, herauszufinden, wer darunter fällt. Denn neben der Sanktionsliste der EU gibt es auch noch Listen von anderen Ländern. Welche Unternehmen wirklich alle auf Sanktionslisten stehen, ist über unseren ComplianceCheck abrufbar. Die Daten werden täglich aktualisiert.


Das Interview ist der trend. EDITION vom Juni 2022 entnommen.

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