Gostudent eröffnet 2027 erste Privatschule in Wien

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Gostudent Gründer (v.l.) Gregor Müller und Felix Ohswald

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Nach einer harten Restrukturierung und dem Turnaround setzt die umstrittene Wiener Nachhilfeplattform Gostudent nun auf die Standortexpansion unter eigenem Namen. In Wien will man im Herbst 2027 eine erste Privatschule eröffnen.

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Felix Ohswald auf Linkedin etwas postet. Mitte Oktober lädt er ein Bild hoch, das seine Vision beschreibt. Der Tenor: Es lebe „PhysEd“, also das Bildungsangebot vor Ort. Der Post wäre nicht weiter erstaunlich, würde er nicht vom Gründer von Gostudent stammen, der vor zehn Jahren angetreten war, das größte Bildungsunternehmen der Welt zu schaffen – und zwar mit Onlinenachhilfe.

Mittlerweile sieht Ohswald die Sache differenzierter. „Die wahre Magie liegt in der Kombination von Online- und Offline-Bildungsangeboten“, sagt er. Onlinenachhilfe sei das Handwerk, das das Unternehmen beherrsche. Aber es brauche auch lokale Standorte – als Vertrauensanker für Schüler:innen und Eltern und für eine kosteneffiziente Akquise.

Tatsächlich ist Gostudent im analogen Nachhilfebereich bereits ein relevanter Anbieter. Dass fällt nur am Markt noch kaum auf, da die im Zuge einer Übernahme vor vier Jahren erworbenen Standorte unter den alten Marken fortgeführt werden: In Österreich gibt es 80 Lernquadrat-Standorte, in Deutschland 900 Studienkreis-Standorte. Vor wenigen Wochen schlug das Unternehmen dann erneut zu und kaufte in Deutschland 50 Berlitz-Sprachschulstandorte.

Doch die Pläne von Ohswald reichen weit darüber hinaus. Der 31-jährige CEO will Gostudent zu einem hybriden Bildungsriesen mit einem dichten Nachhilfenetz ausbauen.

Dafür investiert Gostudent jetzt auch erstmals kräftig in die Expansion unter eigenem Namen: „Aktuell eröffnen wir vier Standorte pro Monat“, sagt Ohswald. Ende Oktober war man bei 30 Gostudent-Centern. Der Schwerpunkt liegt auf Italien, Spanien und der Türkei. Bei weiter entfernten Ländern setzt man auf lokale Joint-Venture-Partner. In Abu Dhabi ist die Eröffnung eines ersten Nachhilfestandorts Anfang 2027 geplant.

KI-Kritik

Zehn Jahre nach der Gründung ist Gostudent ein KMU mit 200 Millionen Euro Umsatz (inkl. Berlitz) und zwei Kernprodukten: Onlinenachhilfe und Vor-Ort-Nachhilfe. Letzteres steuert bereits rund 60 Prozent zum Umsatz bei.

Wie erfolgreich die stärkere Ausrichtung auf Offline ist, bleibt aber abzuwarten. Der Nachhilfemarkt ist hart umkämpft. Einer der größten hybriden Mitbewerber ist die aus Deutschland stammende Schülerhilfe mit ebenfalls mehr als 1.000 Standorten im Heimmarkt und in Österreich. Darüber hinaus gibt es reine Onlineanbieter wie Sofatutor. Und einen großen Schattenmarkt mit privat durchgeführter Nachhilfe.

Eine offene Flanke bei Gostudent ist zudem die Kritik, die dem Unternehmen immer mal wieder entgegenschlägt. Zuletzt ging es um den Umgang mit KI. Laut „Handelsblatt“ soll Gostudent Unterrichtsstunden teilweise gegen den Willen der Lehrer und der Schüler aufzeichnen und in eine KI geben. Ohswald dazu: „Ich kann die Kritik nicht ganz nachvollziehen, weil KI-Aufzeichnungen etwas sind, was sich die Eltern wünschen. Sie möchten wissen, was ihre Kinder mit dem Nachhilfelehrer, den sie nicht persönlich kennen, besprechen.“ In Österreich berichtet die Internet-Ombudsstelle, dass die Beschwerden zu Gostudent im Vergleich zum Vorjahr „leicht zugenommen“ haben – beanstandet würden etwa „Unklarheiten betreffend die Kündigung“ oder „Abbuchungen über das Vertragsende“ hinaus. Das Start-up beteilige sich aber an den Schlichtungsverfahren.

Zweite Wachstumswette

Lokale Nachhilfe ist die zweite Wachstumswette von Gostudent. Damit versucht man, nach einem beispiellosen Höhenflug und einem tiefen Fall zu neuer Größe zu kommen. Der Höhenflug setzte mit Corona ein. Hunderte Millionen Euro Eigenkapital wurden eingesammelt, aggressiv in mehr als 20 Länder expandiert und vier Firmen übernommen. 2021 stieg Gostudent zum wertvollsten Start-up Österreichs auf, in der Spitze wurde es mit mehr als drei Milliarden Euro bewertet. Ohswald und Co-Gründer Gregor Müller, die heute noch zusammen knapp 16 Prozent der Anteile über Privatstiftungen halten, zogen in die trend-Reichstenliste ein.

Doch dann drehte der Markt für Risikokapital. Investoren verlangten plötzlich einen schnellen Pfad zur Profitabilität statt Wachstum um jeden Preis. Das traf Gostudent in einer heiklen Situation: 2022 gab es mit 220 Millionen Euro einen massiven Verlust. Ohswald entschied sich für einen „Hard Cut“: Rund 90 Prozent der damals 2.000 Mitarbeitenden mussten gehen, aus mehr als zehn Ländern zog man sich zurück. Bereits 2024 gelang der Turnaround.

„Felix ist wahnsinnig passioniert, was das Thema Schule und Education angeht. Dass er die Firma zur Profitabilität geführt hat, ringt mir großen Respekt ab“, sagt Markus Lang, Partner bei Speedinvest, dem einzigen Geldgeber aus Österreich, und er ergänzt: „Auch wenn das Wachstum sicher nicht mehr so explosiv ist wie vor einigen Jahren, sind wir zufrieden. Auch aus Investment-Sicht hat sich Gostudent für uns gut entwickelt.“ Das Ziel sei weiterhin, die Firma irgendwann zu verkaufen, wie bei jeder Speedinvest-Beteiligung. Aber es gebe jetzt keinen Druck.

Lego-Kurse

Auch wenn die Restrukturierung abgeschlossen ist, das Thema Effizienz ist bei Gostudent weiterhin im Fokus. „In Deutschland haben wir begonnen, Standorte an verschiedene Bildungsanbieter unterzuvermieten, um die Vormittage besser auszulasten“, sagt Ohswald. Eine Strategie, die einen positiven Nebeneffekt hatte: Einer der Untermieter war Berlitz. Damit gab es einen ersten Kontakt, der dann im August 2026 dazu führte, dass Gostudent die 50 Sprachschulstandorte mit 240 Mitarbeitenden übernahm.

In Deutschland wie auch in Österreich wurden für erste Nachhilfestandorte weitere Erlösquellen erschlossen. An Wochenenden werden dort nun Geburtstagsfeiern, Lego-Robotic-Kurse oder Elektropiano-Stunden angeboten. „Das läuft wirklich gut, wir bieten bereits in 50 Standorten Edutainment an. 2027 wollen wir das weiter ausrollen“, sagt Ohswald.

Privatschule in Wien

Alle Aktivitäten drehen sich bisher um das Thema Nachhilfe. Doch dabei will man es nicht belassen – und plant die Eröffnung einer bilingualen Ganztagsschule in Wien. Zielgruppe sind Kinder von der Grundschule bis zum Ende der Schulpflicht. „Wir sind in dem Prozess, eine Privatschule zu errichten. Damit man Noten vergeben kann, muss man ein pädagogisches Konzept und einen Lehrplanvorschlag bei der Bildungsdirektion in Wien einreichen. Zudem braucht man einen Standort, der gewisse bauliche Vorgaben erfüllen muss. Unser Ziel ist, den Schulbetrieb im September 2027 zu starten“, sagt Ohswald.

Die Räumlichkeiten dafür gibt es bereits, sie müssen aber noch umgebaut werden. Es handelt sich um die Büros am Firmensitz des Start-ups im Wiener Nordbahnviertel, die seit dem personellen Kahlschlag teilweise leer stehen.

Ähnliche, an das dortige Schulsystem angepasste Pläne gibt es auch für Deutschland.

Dass sich Gostudent mit dem Schulprojekt übernehmen könnte, sieht Ohswald nicht: „Eine Schule ist am Ende extrem vergleichbar mit einem Nachhilfestandort. Auch sie steht und fällt mit einer Schulleitung und mit den Lehrkräften“, sagt der Gründer. Letztere sind gerade allerdings der Flaschenhals in Wien.

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