Wie sich Mastercard in Europa unverzichtbar machen will

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Der US-Zahlungsdienstleister Mastercard kämpft darum, unentbehrlich für die EU zu werden.

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Die EU will Alternativen zu Mastercard & Co. aufbauen. Wie sich die US-Amerikaner dennoch im Spiel halten wollen, erfuhr der trend bei einem Lokalaugenschein in Belgien.

Noch bevor man das Flugzeug verlässt und Brüsseler Boden betritt, wird klar, in wessen Revier man sich begibt: Auf einer Fluggastbrücke nach der anderen prangt am Brüsseler Flughafen der Slogan „Priceless“, daneben die zwei ikonischen Kreise des Zahlungsriesen Mastercard. Zweifelsohne dominiert die Werbung des US-Konzerns die Ankunft in der europäischen Hauptstadt.

Rund 30 Minuten davon entfernt liegt das europäische Headquarter von Mastercard. In dem für Geschichts- wie ABBA-Fans gleichbedeutenden Ort Waterloo kapitulierte Napoleon einst. Heute arbeiten in der Kleinstadt in einer ehemaligen Zuckerraffinerie rund 1.000 Mitarbeitende des US-Konzerns. Von hier aus steuert Mastercard einen Zwei-Fronten-Krieg. Einerseits werden Internetbetrüger bekämpft - das europäische Cybersecurity-Center des Konzerns ist hier angesiedelt. Andererseits wird eine Abwehrschlacht im Payment-Markt geschlagen. Der Gegner, die EU-Kommission, sitzt 26 Kilometer entfernt im ikonischen Berlaymont-Gebäude im Brüssler Regierungsviertel.

EU-Abhängigkeit von Mastercard und Visa

Europa zählt zu den wichtigsten Märkten des Unternehmens: Im vergangenen Jahr wurden in Europa Zahlungen im Wert von rund 3,75 Billionen Dollar abgewickelt, etwa ein Drittel des weltweiten MastercardTransaktionsvolumens. Damit ist Europa der größte Markt des Payment-Anbieters außerhalb der USA.

Doch die EU will aus geopolitischen Gründen unabhängiger von Mastercard und Co. werden. Schließlich werden laut der Europäischen Zentralbank zwei Drittel aller Kartenzahlungen im Euroraum von Visa oder Mastercard abgewickelt. Sollte es zu einer geopolitischen Eskalation zwischen den USA und der EU kommen, könnte ein großer Teil des europäischen Kartenzahlungsverkehrs plötzlich ausfallen. Wie schnell ein solcher Bruch wirken kann, zeigte sich in Russland nach Beginn des russischen Angriffkriegs in der Ukraine.

Mastercard und Co. wollen den europäischen Markt – wenig überraschend – nicht kampflos aufgeben. Die Unabhängigkeitsbestrebungen aus Brüssel lassen Mastercard keineswegs kalt.

Europäische Mastercard

An die ehemalige Zuckerfabrik erinnert in Waterloo wenig. Die Europazentrale wurde kürzlich saniert und modernisiert, ganz dem Logo entsprechend ist das Interieur in gelb und rot gehalten. Selbst einige Mitglieder der Führungsebene sind dem Farbschema passend angezogen.

Denn in Waterloo ist nicht nur die Optik, sondern auch die Botschaft akkordiert: Minütlich wird betont, dass man sich als Unternehmen mit starken europäischen Wurzeln verstehe. Wichtige Forschungsdurchbrüche wie etwa die Technologie hinter kontaktlosen Zahlungen seien hier in Waterloo erzielt worden. „Mastercard ist ein Unternehmen, das für Europa da sein wird – in Europa und für die Menschen in Europa“, betont die Mastercard-Präsidentin für Europa, Kelly Devine, gegenüber trend. Auch sie hat sich in Mastercard-Rot gekleidet.

Devine verstehe, dass die EU Abhängigkeitssorgen hat, auch, wenn der Worst Case, sprich die Einstellung des Mastercard-Services in Europa, unrealistisch sei. Gleichzeitig führe die Suche nach Souveränität zu Fragmentierung, warnt die Britin. „Das globale Mastercard-Netzwerk hat Vorteile, etwa beim Erkennen von Betrugsmustern weltweit. Wenn Zahlungssysteme nur regional funktionieren, könnten globale Betrugsmuster leicht übersehen werden.“

Bisher sei Bargeld noch die größte Konkurrenz, heißt es von Mastercard. Dass die neuen Zahlungsmöglichkeiten künftig zu deutlich mehr Wettbewerb führen werden, sei jedoch klar. Aber: „Wettbewerb ist der Treibstoff, der Innovation antreibt“, zeigt sich die EuropaPräsidentin selbstbewusst.

Auch die starke Kritik europäischer Händler in Bezug auf die steigenden Mastercard-Gebühren macht Devine nicht nervös. Es komme nun mal zu Kosten, wenn Mehrwert entstehe, so die Präsidentin.

Mastercard Bilanz 2025 (vgl. 2024)

Europäische Alternativen

Die EU-Führung will wie auch der europäische Handel unabhängiger von Mastercard werden. Spätestens seit dem Grönland-Annexionsbegehren von US-Präsident Donald Trump ist die finanzielle Abhängigkeit Europas von US-Zahlungsanbietern in Brüssel wieder intensiv aufs Tapet gebracht worden. Die Europäische Zentralbank arbeitet seit Jahren am digitalen Euro, einer digitalen Version des Bargelds, die direkt von der EZB ausgegeben würde. Bürger:innen könnten damit elektronisch und kostenfrei etwa über das Smartphone bezahlen. Das Ziel der EZB ist es, die europäische Alternative 2029 zu veröffentlichen.

Parallel dazu gibt es Wero, einen neuen europäischen Bezahldienst, der von mehreren großen Banken entwickelt wurde. Über die App können Nutzer:innen Geld in Sekunden direkt von Konto zu Konto senden oder online bezahlen, ähnlich wie PayPal. In Deutschland nutzen bereits über zwei Millionen Menschen diese Möglichkeit. Hierzulande ist das Service noch nicht verfügbar. Die Raiffeisenbank International ermöglicht Händlern in ihrem Netzwerk bereits, Zahlungen über Wero anzunehmen. Unter anderen heimischen Banken zeigt man sich abwartend: Der echte Kundennutzen – außer jener der europäischen Verankerung – werde noch nicht gesehen, heißt es. Es könnte sich zeigen, dass ideologische Gründe Nutzer:innen nicht zum Wechseln motivieren.

Daten-Offensive

Die Mastercard-Strategie hat sich wegen der erhitzten politischen Diskussion auf EU-Ebene dennoch verändert. In Frankreich werden 250 Millionen Euro investiert, um in der Nähe von Paris Rechenkapazitäten aufzubauen. 16 Mastercard-Datenzentren gibt es damit in Europa, und es könnten weitere folgen. „Wenn Transaktionen dort verarbeitet werden, wo sie entstehen, wird das System schneller und robuster“, erklärt der globale Technikchef Ed McLaughlin.

Der EU wird bei Mastercard für ihre Regulierung ungewöhnlich viel Lob gezollt – auch von der US-Führungsebene, die nach Waterloo gereist ist. Die von vielen anderen als zu streng kritisierten EURichtlinien sind für Mastercard „der Goldstandard“, den sie global umzusetzen versuchen. „Wir sitzen auf derselben Seite des Tisches wie die Regulatoren. Unser Ziel ist ein Bezahlsystem, das unüberwindbar, zuverlässig und sicher ist“, meint der US-Amerikaner McLaughlin. In der Bezahlwelt wollen die Amerikaner plötzlich die besseren Europäer sein.

Innovationen der Zahlungsdienstleister

Mastercard setzt für die Zukunft auf Cybersecurity und Betrugsbekämpfung. Eine ihrer KI-Lösungen soll etwa in den Jahren 2018 bis 2024 eine Betrugssumme von neun Milliarden Euro in Europa verhindert haben.

Bis zum Markteintritt des digitalen Euro wird Mastercard nicht müde werden, sich als europäisch zu positionieren. Schon jetzt biete man sich der EU als Partnerin an, so die Europa-Chefin: „Wir können mit unser Cybersecurity- und Betrugsexpertise unterstützen.“

Die Vorbereitung für die große Kartenschlacht ist in vollem Gange, um ihre Position kämpfen Mastercard und Co. ebenso wie um Werbefläche am Brüsseler Flughafen.

Der Artikel ist in der trend.EDITION vom 20. März 2026 erschienen.

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