
Infolge der Signa-Pleite sprechen sich Multi-Aufsichtsrätin Christine Catasta, PwC-Chef Rudolf Krickl und sein Kollege Werner Stockreiter für eine Aufwertung der Aufsichtsräte aus. Eine neue Initiative soll zur Professionalisierung beitragen.
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Mit dem Signa-Skandal rückt die Rolle der Aufsichtsräte in den Fokus. Frau Catasta, Sie kontrollieren Immobilienfirmen wie die BIG, aber auch die Erste Group, die AUA und den Verbund. Worin liegt für Sie die besondere Verantwortung als Aufsichtsrätin?
Als Aufsichtsrätin hat man in erster Linie eine Prüfungsfunktion, es gilt, den Jahresabschluss zu prüfen. Ich bin in zwei Aufsichtsräten zudem als Vorsitzende des Prüfungsausschusses tätig. Hier lege ich großen Wert darauf, eine sehr enge Kommunikation mit dem Wirtschaftsprüfer zu führen, und zwar von Beginn der Prüfung an.
Ich gehe mit ihm Schritt für Schritt durch, ob die Wesentlichkeiten stimmen. Zum Schluss gibt der Prüfungsausschuss dann eine Empfehlung an den gesamten Aufsichtsrat ab. Es liegt somit eine sehr große Verantwortung auf dem Gremium. Diese sichtbar zu machen, ist mir ein großes Anliegen.
Über Ihre Mandate sind Sie auch mit der Immobilienbranche vertraut. Was ist bei der Kontrolle der Signa schiefgelaufen?
Ich bin bei der Signa nicht direkt involviert. Aber hier ist es wichtig, sich zu überlegen, wie solche Krisen überhaupt entstehen. Das ganze Real-Estate-Geschäft ist sehr kapitalintensiv. Das bedeutet aber auch, dass die Geldgeber, die investieren, Vertrauen in das Unternehmen haben müssen. Ist dieses Vertrauen erst einmal in Mitleidenschaft gezogen, ich erinnere hier nur an die Bankabfragen der EZB in Bezug auf die Signa, kann sich aus der Vertrauenskrise sehr schnell eine Liquiditätskrise entwickeln, die dann in eine Insolvenz mündet - und damit in eine Situation, die man sich wenige Monate zuvor nicht hätte vorstellen können.
Mir ist wichtig, zu ergänzen, dass eine Vertrauenskrise immer mehrere Gründe hat, und die Politik ist hier nicht ganz unschuldig. Wir haben viel zu lange eine Nullzinspolitik gehabt und dann innerhalb von 18 Monaten zehn Zinsschritte. Gleichzeitig wurden die Kreditvergaberichtlinien deutlich gestrafft, und plötzlich war für die gleichen Projekte deutlich mehr Eigenkapital zu hinterlegen. Solche Entscheidungen tragen maßgeblich dazu bei, dass man das Vertrauen in das System verliert.
Bei der Signa gab es hohe Immobilienaufwertungen, die dann als Dividenden ausgeschüttet wurden. Wie kritisch sehen Sie das?
Ob die Bilanzierungsvorschriften bei der Signa richtig angewendet wurden, kann ich von außen nicht beurteilen. Aber man muss hier die Kirche im Dorf lassen. Es gibt ein rechtliches Rahmenwerk der Bilanzierung, und dieses ist einzuhalten. Ob es jetzt immer das getreue Bild zeigt oder nicht, sei dahingestellt.
Das Thema gab es auch schon bei der Weltfinanzkrise 2008. Damals waren die Immobilienaktien stark gestiegen, und vieles war durch Aufwertungen entstanden. Aber das lag eben am vorgegebenen Rahmenwerk. Der kundige Bilanzleser hätte sich auch den Cashflow angeschaut. Aber es versteht eben nicht jeder die internationale Rechnungslegung. In solchen Fällen ist es mehr als geraten, Experten hinzuzuziehen, auch um sich abzusichern.
Der Aufsichtsrat gilt als ein Thema, das der Insolvenzverwalter der Signa genau prüfen könnte. Welche Haftungsrisiken bestehen überhaupt für Kontrolleure?
Für Aufsichtsräte ist gesetzlich geregelt, welche Aufgaben sie zu erfüllen haben. Im Fall von Haftungsfragen gilt es, zu überprüfen, ob bestimmte Tätigkeiten wie die Überwachung der Geschäftsführung, Prüfpflichten oder die Zustimmung zu bestimmten Geschäften vernachlässigt oder gar nicht gemacht wurden. Darüber hinaus gibt es den Aspekt des sogenannten Auswahlverschuldens. Hier sieht man sich an, ob bei bestimmten Themen wie Bewertungsfragen, Unternehmenserwerben, Steuern oder Cybersecurity Experten hätten hinzugezogen werden müssen und ob dies unterlassen wurde.
Wenn es um die Beurteilung von Bewertungen geht, die im Rahmen der Bilanzierung vorgenommen wurden, ist es aber oft sehr schwierig, zu sagen, was richtig oder was falsch ist, weil es einen Graubereich gibt, der auf Annahmen beruht. Hier in Haftungen zu kommen, ist deutlich schwieriger als bei den gesetzlichen Aufgaben.
Aber wie realistisch ist es überhaupt, dass Haftungsrisiken für Aufsichtsräte schlagend werden?
Als Aufsichtsrätin, als Aufsichtsrat muss man sich bewusst sein, dass man ein Haftungsrisiko trägt und dass eine Inanspruchnahme in Krisenfällen wahrscheinlicher ist, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Auch deswegen braucht es noch viel mehr professionelle Vorbereitung und zeitliche Widmung für den Job. Ein Aufsichtsratsposten ist kein quartalsweiser Sitzungsteilnahmejob.
Im Zuge von Pleiten kommt schnell das Thema der Professionalisierung der Aufsichtsräte auf. Wie groß ist der Bedarf tatsächlich?
Was man nicht unterschätzen sollte: Eine Aufsichtsrätin, ein Aufsichtsrat ist eine Einzelperson und hat gemeinsam mit den Kollegen im Gremium die Aufgabe, all das zu überwachen, was teilweise Hunderte Experten im Unternehmen produzieren. Zudem müssen sich die Aufsichtsräte bei immer mehr Themen auskennen - mit Berichtspflichten, ESG-Berichterstattung, Compliance-Themen bis hin zu Haftungsfragen. Die weitere Professionalisierung ist somit mehr als notwendig, und wir unterstützen dies mit einer neuen Ausbildungsoffensive (siehe Kasten, unten).
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