
Millionen Frauen leiden während der Wechseljahre unter vielfältigen Symptomen, erhalten jedoch von den Ärztinnen und Ärzten ihres Vertrauens nur selten Hilfe. Die Misere beginnt schon im Hörsaal.
Es kam völlig unerwartet – mitten in einem Online-Meeting brach mir der Schweiß aus“, erzählt Irene Guttmann, „dann quälten mich die Hitzewallungen immer häufiger. Dazu kamen mehrere Schlafunterbrechungen von einer halben Stunde pro Nacht und ein starkes, rational nicht begründbares, morgendliches Angstgefühl. Bereits nach einer Woche war mir die Erschöpfung deutlich anzusehen. Das war auf Dauer nicht durchzuhalten und beruflich unmöglich.“


Irene Guttmann gründete mangels Unterstützung eine Plattform, die Frauen Austausch bietet und fundiert von Expertinnen begleitet wird.
Mentaltrainerin Guttmann ist 55 Jahre alt und erlebte vor einigen Jahren den Beginn einer Lebensphase, die nahezu alle Frauen zwischen circa 45 und 65 Jahren durchleben müssen: die Wechseljahre. Damals begann für sie eine Odyssee auf der Suche nach professioneller Unterstützung, doch die Mediziner:innen zuckten nur mit den Schultern. Dann entdeckte sie den „Spiegel“-Bestseller „Woman on Fire“ der amerikanisch-deutschen Gynäkologin Sheila de Liz. Erst durch diese Lektüre erfuhr sie, dass die Ursache ihrer Symptome keine Krankheit ist, sondern die Folge der Wechseljahre, die viele Frauen aufgrund mangelnder Information unnötig negativ erleben. Typische Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafprobleme, Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen, Libidoverlust, Angstzustände, Herzklopfen, Gelenk- und Muskelschmerzen, Schwindel, trockene Augen oder Blasenprobleme können hormonelle Ursachen haben und sind durch Lebensstiländerungen und gegebenenfalls eine Hormonersatztherapie gut behandelbar.
Selbsthilfe.
Für Guttmann war klar: Sie musste etwas tun. So erstellte sie ein Angebot an individueller Begleitung für Frauen im Wechsel und gründete eine Whatsapp-Gruppe, die zur größten Community für Austausch und Unterstützung im deutschsprachigen Raum gewachsen ist. Heute finden sich dort über fünfhundert Mitglieder, teilen Erfahrungswerte und Tipps, und Expertinnen beantworten ehrenamtlich Fragen. Guttmann: „Die Gruppe ist im Gegensatz zu ähnlichen Angeboten kostenlos, streng werbefrei, und Frauen können sich vor der Flut des mehr oder weniger seriösen Angebots zu den Wechseljahren sicher fühlen. Bei uns beraten ausschließlich qualifizierte Expertinnen, die sich nicht ‚einkaufen‘ können.“ Das Feedback sei jedenfalls überwältigend, erzählt Guttmann, täglich gebe es unzählige Anfragen.
Sie selbst ließ sich von der Gynäkologin Judith Boban mit einer Hormonersatztherapie begleiten (siehe Interview unten). Diese Art der Behandlung gilt als der „Goldstandard“, wird aber aufgrund mangelnder Ausbildung oft nicht angeboten. Gerade weil Beschwerden der Wechseljahre unspezifisch sind, werden sie oft falsch interpretiert. Frauen erhalten Diagnosen wie Burn-out, Depression, Angststörung oder Rheuma, obwohl die hormonelle Umstellung eine zentrale Rolle spielt. Viele berichten von einem zermürbenden Leidensweg. Zuerst ein Besuch beim Hausarzt, danach Termine bei Internisten, Orthopäden, Kardiologen und schließlich eine Überweisung zum Psychiater. Eine soeben veröffentlichte klinische Studie der Liverpool John Moores University und der Newson Clinic hat herausgefunden, dass etwa jede sechste Frau während der (Peri-)Menopause unter Suizidgedanken leidet.
Viel zu selten bringen Ärzte die Symptome mit den Wechseljahren in Verbindung. Der Lehrstoff in der Ausbildung umfasst vor allem Wissen über Schwangerschaft, Geburt, Krebs und operative Gynäkologie. Die Lebensphase, die jede Frau irgendwann erlebt, taucht oft nur am Rand auf. Noch gibt es an den fünf medizinischen Universitäten in Österreich eigene Kommissionen, die über die unterschiedlichen Schwerpunkte in dem jeweiligen Curriculum entscheiden. Von einer Vereinheitlichung ist bisher keine Rede.
Neue Initiative.
Bettina Toth, Direktorin der Universitätsklinik für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin an der Medizinischen Universität Innsbruck: „Die Wechseljahre sind eine zentrale Lebensphase der Frauengesundheit, werden im medizinischen Alltag aber noch immer unterschätzt. Als Präsidentin der Fachgesellschaft sowie Initiatorin der Initiative ‚Wir sind eine Million‘ ist es mir ein zentrales Anliegen, genau hier Bewusstsein zu schaffen.“


Bettina Toth, Med Uni Innsbruck: „Die Wechseljahre sind eine sensible Lebensphase, die eine einheitliche medizinische Begleitung verdient.“
#wir sind 1mio steht symbolisch für die enorme Relevanz dieses Themas. Denn die Menopause betrifft in Österreich rund eine Million Frauen direkt und wirkt sich darüber hinaus auch auf ihr berufliches und soziales Umfeld aus.
Ein wesentlicher und struktureller Schwachpunkt liege dabei in der medizinischen Ausbildung, bestätigt Toth: „Ich setze mich daher dafür ein, dass die Ausbildung an den medizinischen Universitäten in diesem Bereich vereinheitlicht und verbindlich gestärkt wird.“ Es dürfe nicht vom Zufall abhängen, wie gut angehende Ärztinnen und Ärzte auf dieses Thema vorbereitet sind, so Toth: „Unser Ziel muss sein, die Wechseljahre als festen Bestandteil der medizinischen Ausbildung und der Versorgung zu etablieren und Frauen in dieser Lebensphase evidenzbasiert, kompetent und enttabuisiert zu begleiten.“ Wechselberaterin Guttmann: „Gut, dass endlich Bewegung in das Thema kommt. Bis dahin müssen wir uns wohl selbst um unsere Gesundheit kümmern.“
„Die Scham nehmen“
Gynäkologin Judith Boban über den mangelnden Wissensstand in Bezug auf die Wechseljahre und die Folgen für Unternehmen.


Judith Boban, Fachärztin für Frauenheilkunde und Wechseljahresexpertin, beratende Expertin in der Community.
Auch Sie haben während Ihrer Facharztausbildung nichts über die Wechseljahre gelernt. Wie erklären Sie sich das?
In der vornehmlich klinischen Ausbildung hat das Thema Hormone kaum einen Stellenwert. Dabei ist ein Großteil der Frauenheilkunde hormonell geprägt. Hormonelle Fragestellungen und somit auch die Wechseljahre sind im Klinikalltag zwar präsent, stehen aber gegenüber akuten Themen selten im Fokus. Nur wer an einer Uniklinik mit endokrinologischem Schwerpunkt ausgebildet wird, kommt damit überhaupt intensiver in Berührung. Die Wechseljahre haben zusätzlich keinen festen Stellenwert, da sie keine Erkrankung sind, sondern ein natürlicher Lebensabschnitt – auch wenn die Beschwerden im Schnitt rund acht Jahre dauern.
Wie haben Sie sich Ihr Wissen dann angeeignet?
Nach meiner Ausbildung ist mir erst klar geworden, wie relevant das Thema ist und wie wenig wir dazu gelernt haben. Daher habe ich mich auf Kongressen, bei Seminaren und an einer Uniklinik mit entsprechendem Schwerpunkt weitergebildet.
Es ist Ihnen ein großes Anliegen, auch auf die Auswirkungen von Wechseljahresbeschwerden am Arbeitsplatz aufmerksam zu machen.
Die vielfältigen Symptome können die Leistungsfähigkeit einschränken und die Stressresilienz deutlich verringern. Häufige Folgen sind mehr Krankenstandstage oder sogar vorzeitiger Ruhestand, mit finanziellen Einbußen für Betroffene und Unternehmen. Durch Workshops vor Ort wollen wir dazu motivieren, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Eine der größten Herausforderungen besteht darin, männliche Führungskräfte für das Thema zu gewinnen. Besonders wirkungsvoll gelingt das mit speziellen Westen, die typische Hitzewallungen simulieren. Bereits nach 20 Minuten entsteht ein neues Verständnis: „Ich halte das keine halbe Stunde aus – wie soll das über durchschnittlich acht Jahre hinweg möglich sein?“ Während Unternehmen in Deutschland und der Schweiz zunehmend offen für solche Formate sind, besteht in Österreich noch deutlicher Aufholbedarf.
Was können die Konsequenzen dieser Initiativen sein?
Frauen erkennen, dass Beeinträchtigungen in den Wechseljahren kein Einzelschicksal, sondern normale Folgen von hormonellen Veränderungen sind. Das nimmt Scham, erleichtert offene Gespräche und zeigt, dass es konkrete Unterstützungsmöglichkeiten gibt, damit sie auch in dieser Phase arbeitsfähig bleiben. Dabei kann es sich um besser regulierbare Raumtemperaturen, flexible Arbeitszeiten oder reduzierte Stunden handeln. Entscheidend sind Aufklärung und eine offene Unternehmenskultur.
Sie sind Expertin in der Community für Frauen mit Wechseljahresbeschwerden, die Coach Irene Guttmann gegründet hat. Wie sind Ihre Eindrücke?
Die Erfahrungen in der Community zeigen, wie groß der Bedarf an Orientierung ist. Viele Frauen erkennen oft nicht, dass ihre Beschwerden mit den Wechseljahren zusammenhängen. Für viele ist die Community daher eine wichtige Unterstützung. Sie schafft Klarheit, gibt Sicherheit – und eröffnet neue Handlungsmöglichkeiten.