
Schwebendes Schiff: Architektin Zaha Hadid hat der Feuerwache am Hafen einen futuristischen Neubau "aufgesetzt" und der Stadt mit dem „Havenhuis“ 2016 ein neues Wahrzeichen errichtet.
©APA-Images / dpa Picture Alliance / EyemagicAlte Meister, ikonische Architektur und avantgardistische Designer machen die kreative Vielfalt der flämischen Hafenstadt Antwerpen in diesem Jahr besonders eindrucksvoll erlebbar.
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Am Hauptbahnhof von Antwerpen kommt der trend-Traveller immer wieder besonders gerne an. Nicht nur weil er sich dann angesichts der kulturellen, architektonischen und kulinarischen Reichtums, der ihn während der nächsten Tage in dieser Stadt erwarten wird, bereits in einem Zustand vorauseilender Euphorie befindet, sondern auch, weil Antwerp-Centraal eines der eindrucksvollsten Bahnhofsgebäude ist, das er kennt. Imposant und schön. Einst wurden Bahnhöfe als „Kathedralen des Reisens“ bezeichnet – auf Antwerp-Centraal mit seinen Kuppeln, seinen hohen Hallen, seinen steinernen Fassaden, den vielen Nischen und der großen Bahnhofsuhr trifft diese Bezeichnung besonders gut zu. Als Symbol der kapitalistischen Moderne beschreibt ihn der deutsche Schriftsteller W.G. Sebald in seinem famosen Roman „Austerlitz“, der mit einer Begegnung in einer dunklen Ecke des Bahnhofs beginnt und die Geschichte eines Architekturhistorikers erzählt, der als Flüchtlingskind auf der Suche nach seiner wahren Identität ist. Sebald beschreibt Antwerp-Centraal als eine Kathedrale des Handels und des Verkehrs – und das passt perfekt auf Bahnhof und Stadt. Die flämische Hafenstadt verdankt ihren Reichtum und ihren Wohlstand dem Handel, den Finanzgeschäften und den Diamanten, die hier geschliffen und gehandelt werden.
Stadt der Mode-Avantgarde
Und weil der Satz „Art follows money“ immer schon seine Richtigkeit hatte, spielen Kunst und Kultur in der Geschichte Antwerpens eine prägende Rolle. Der große Sohn der Stadt ist Peter Paul Rubens. Er wurde zwar in Deutschland geboren, in Teil seines Leben in Antwerpen. Hier führte er sein Studio, und hier ist er im Jahr 1640 gestorben. Das Haus, in dem er lebte und arbeitete, wird zwar zur Zeit renoviert und ist für Besucher geschlossen, seine Gemälde sind aber an vielen Orten in der Stadt zu besichtigen, in der Liebfrauen-Kathedrale, im Königlichen Museum für Schöne Künste, in der Karl-Borromäus-Kirche, in der Paulskirche, in der Jakobskirche.
Und trotz seiner großen Vergangenheit und eindrucksvollen Geschichte: Antwerpen war und ist auch immer eine Stadt der Avantgarde. In der Kunst, in der Architektur, in der Mode. Antwerpen begeht heuer ein recht ungewöhnliches Jubiläum. Vor vierzig Jahren, an einem Tag in März 1986, präsentierten sechs Absolventen der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen ihre Kollektionen auf der London Fashion Show. Ihre Handschrift war neu und einzigartig. Die Begeisterung war groß. Der Erfolg blieb nicht aus. Dirk Bikkembergs, Ann Demeulemeester, Walter Van Beirendonck, Dries Van Noten, Dirk Van Saene und Marina Yee machten anschließend einflussreiche Einzelkarrieren und schrieben Modegeschichte. Als „Antwerp Six“ brachten sie Antwerpen auf die globale Modekarte und machten es zu einem Mekka für Fashionistas. Nun feiert das MoMu, das Modemuseum von Antwerpen, den 40. Jahrestag mit einer großen Ausstellung (bis 17. Jänner 2027), die ihre Entwicklung von 1986 bis heute erzählt.
Alte Meister und ikonische Architektur
Beeindruckend, wie Antwerpen bei aller überwältigenden Vergangenheit die Gegenwart nicht aus den Augen lässt. Wie gut es die Balance zwischen alt und neu hinkriegt. Gutes Beispiel: das Königliche Museum der Schönen Künste. Ein historizistischer Bau, der elf Jahre lang renoviert, erweitert und umgebaut wurde und vor einigen Jahren wiedereröffnet hat. Nicht nur die Architektur des Hauses verbindet nun eindrucksvoll alt und neu, auch die Hängung der Kunstwerke stellt intelligent Verbindungen zwischen den Epochen und Stilen her. Das KMSKA, wie es kurz genannt wird, beherbergt eine großartige Sammlung der Meister der flämischen und der niederländischen Malerei: Peter Paul Rubens, Jan van Eyck, Anthony Van Dyck und noch viele, viele andere.
Das neue Wahrzeichen der Stadt steht aber am Hafen: das Havenhuis. Einer ehemaligen Feuerwache hat die Architektin Zaha Hadid einen Neubau übergestülpt, dessen Form wohl an einen glänzenden Diamanten erinnern soll. Es soll das repräsentieren, was die Stadt auszeichnet: Handel und Verkehr. Auf ganz souveräne Art und Weise verbindet es die Vergangenheit mit der Zukunft, ohne dass dabei das eine dem anderen die Schau stiehlt. Antwerpen kann das.
Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 3. April erschienen.
Hotel in der Bank, Restaurant in der Schifferbörse
Der trend-Traveller stieg diesmal im Hotel Franq ab, einem luxuriös-eleganten Boutiquehotel im Zentrum, das in einem ehemaligen Bankgebäude untergebracht ist und Mitglied von Relais & Châteaux ist. In nachhaltiger Erinnerung geblieben ist ihm auch das Restaurant Fiera, ein aktueller Hotspot der Gastroszene. Es befindet sich in der ehemaligen Schippersbeurs und Handelsbeurs. Tolles Design, großartige Atmosphäre, wunderbare, kosmopolitische Küche. Perfekt.
