Borealis: Ein Chemiekonzern als Hoffnungsträger im Porträt

Der relativ junge Kunststoff- und Chemiekonzern Borealis ist hochprofitabel. Die OMV-Tochter kennt nur Wachstum. Für die größere Konzernmutter OMV ist Borealis bei der Transformation von Öl zur Chemie ein Hoffnungsträger. Der Kunststoffkonzern ist bei Umsatz die Nummer 7 in Österreich.

Thema: Österreichs größte Unternehmen
Produktionsanlage des Kunststoffherstellers Borealis in Schwechat bei Wien.

Produktionsanlage des Kunststoffherstellers Borealis in Schwechat bei Wien.

ARTIKEL-INHALT


Facts: Borealis AG

  • Gründung: 1994
  • Konzernzentrale: Trabrennstraße 6-8, 1020 Wien
  • Mitarbeiter: 6.934 in 120 Ländern
  • Branche: Chemieindustrie (Basischemikalien, Polyolefine, Düngemittel)
  • Rechtsform: Aktiengesellschaft (nicht börsenotiert)
  • Umsatz (2021 ): 10,153 Mrd. €
  • Gewinn (NetProfit) 2021: 1,396 Mrd. €
  • Umsatzanteile nach Regionen: Europa 53 Prozent, Asien/Pazifik 20 Prozent, Nordamerika 21 Prozent, Südamerika 4 Prozent, Afrika 2 Prozent
  • Eigentümer: OMV 75 Prozent; ADNOC - Abu Dhabi National Oil Company (Staatsfonds der Vereinigten Arabische Emirate/VAE) 25 Prozent (seit April 2022, davor war Mubadala Investment aus Abu Dhabi, staatliche Aktiengesellschaft aus VAE, Eigentümer des Anteils).
  • Management: Thomas Gangl (CEO) - seit April 2021; Mark Tonkens (CFO), Lucrèce Foufopoulos-De Ridder (Executive Vice President Polyolefins, Innovation & Technology); Wolfram Krenn (Executive Vice President Base Chemicals & Operations), Philippe Roodhooft (Executive Vice President Joint Ventures and Growth Projects)
  • Aufsichtsrat: Alfred Stern, CEO OMV - Aufsichtsratsvorsitzender (AR-Vorsitz) seit April 2021; Al Mazrouei Saeed, Deputy Platform Chief Executive Officer, Direct Investments at Mubadala; Stellvertreter des Vorsitzenden (AR-Vors.Stv.); Florey Reinhard, OMV-CFO, AR-Mitglied Teh Alvin, Executive Director, Head of Consumer, Direct Investments at Mubadala, AR-Mitglied, van Koten Martijn Arjen, OMV, AR-Mitglied
  • Website: www.borealisgroup.com

Die Borealis-Story

Durch die Zusammenlegung des Petrochemiegeschäfts von Neste Oil (Finnland) und Statoil (Norwegen) in Kopenhagen ist im Jahr 1994 das Unternehmen Borealis entstanden. Der Name nimmt deutlich Bezug auf Nordeuropa (Latein für „nördlich“). Zunächst war auch die Firmenzentrale in Kopenhagen angesiedelt, ab 2006 in Wien.

Im Verlauf der vergangenen 28 Jahre ist das Unternehmen weltweit expandiert und derweil in 120 Ländern tätig. Der Kunststoffhersteller wächst von Jahr zu Jahr und ist hochprofitabal. Allein gegenüber dem Vorjahr konnte das Unternehmen den Gesamtumsatz um satte 48 Prozent steigern.

1998 erfolgte der Einstieg durchd die österreichische OMV mit der Einbringung der OMV-Petrochemiesparte PCD. OMV und IPIC übernahmen dabei den 50 %-Anteil an Borealis von Neste Oil.

2005 ist Statoil bei Borealis ausgestiegen.

Im Juni 2006 wurde auf Drängen vom damaligen OMV-Chef Gerhard Roiss der Firmensitz von Kopenhagen nach Wien verlegt.

2017 erfolgte die Fusion des OMV-Aktionärs International Petroleum Investment Company (IPIC) aus Abu Dhabi und Mubadala. 64 Prozent der Anteile gehörten nun Mubadala aus Abu Dhabi, 36 Prozent der OMV

Im Herbst 2020 übernimmt die OMV unter der Leitung des damaligen CEO Rainer Seele Anteile von Mubadala und hält nun 75 Prozent der Anteile. Mubadala besitzt nunmehr noch 25 Prozent. Die OMV soll Mubadala für den Kauf des 40-Prozent-Pakets 4,7 Milliarden Euro bezahlt haben.

Im April 2022 übernimmt ADNOC (Abu Dhabi National Oil Company) den 25-Prozent-Anteil von Mubadala.


Die Geschäftsbereiche von Borealis

Das 1994 künstlich von den beiden zwei Konzernen Neste Oil (Finnland) und Statoil (Norwegen) in Nordeuropa zusammengefügte Unternehmen Borealis ist heute einer der global führenden Anbieter von Polyolefinlösungen. Dabei geht es um Kunststoffe, die aus dem Prozess der Polymerisierung hervorgehen und für die unterschiedlichsten Industrien und Zwecke Verwendung finden.

Etwa in der Automobilindustrie werden Polyolefinkunststoffe beispielsweise bei Stoßfängern, Karosserieteilen und Türverkleidungen eingesetzt. Im Energiebereich werden hochentwickelte Kunststoffe für Niedrig-, Höchst-, Hoch- und Mittelspannungs-Kabelanwendungen sowie Halbleiterprodukte verwendet. Oder auch Kunststoffrohre für Wasserleitungen. Bei Verbrauchsgütern in Haushalts- und Elektrogeräte werden Borealis-Kunststoffe eingesetzt. Ebenso in der Verpackungsgüterindustrie oder bei Gütern für die Health Care-Branche, wo Polyolefine für medizinische Geräte, pharmazeutische Produkte und als Verpackungen für Diagnostikprodukte eingesetzt werden.

Borealis sieht sich als europäischer Marktführer in den Bereichen Basischemikalien, Pflanzennährstoffe und mechanisches Recycling von Kunststoffen. Das Recycling von Kunststoffen und somit Wiederverwertung hat sich das Unternehmen groß auf die Fahnen geschrieben.

Die OMV-Tochter ist laut trend TOP 500: Österreichs größte Unternehmen [RANKING] nach Umsatz die Nummer 7 in der Alpenrepulik. Weltweit ist Borealis in über 120 Ländern aktiv. Das Headoffice des Unternehmens befindet sich in Wien. In den Innovationszentren in Linz (Österreich), Porvoo (Finnland), Stenungsund (Schweden) sowie dem Joint Venture Borouge in Abu Dhabi (UAE) werden die Produkte für die unterschiedlichsten Industrien und Branchen entworfen.

Umsatzentwicklung Borealis 2015 - 2021
Jahr Umsatz (in Mio. €) +/- ggü. Vorjahr in %
2015 7.700 -7,56
2016 7.218,00 -6,26
2017 7.564,34 4,80
2018 8.337,13 10,22
2019 8.102,87 -2,81
2020 6.818,00 -15,86
2021 10.153,00 48,91

Borealis hat Produktionsstandorte in den elf Ländern Österreich, Belgien, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Finnland, Italien, Niederlande, Schweden, Südkorea, USA. Dazu kommen noch das Joint Venture Borouge gemeinsam mit Abu Dhabi National Oil Company (ADNOC) in Abu Dhabi (VAE) und Bayport Polymers gemeinsam mit TotalEnergies in Texas, USA.

Borouge, Borealis‘ Joint-Venture mit der Abu Dhabi National Oil Company (ADNOC), betreibt einen der größten integrierten Polyolefin-Komplexe weltweit. Baystar, das Joint Venture mit dem US-Unternehmen TotalEnergies in Texas bedient den nordamerikanischen Kundenmarkt.

Die Borealis/Adnoc-Tochter Borouge hat kürzlich beim Börsengang rund 2 Mrd. Dollar erlösen können. Die Gelder sollen für die weitere Expansion in Asien verwendet werden. Borouge hat nun eine Marktkapitalisierung von 20,05 Mrd. Dollar und ist damit das sechstgrößte Unternehmen an der Abu Dhabi Securities Exchange (ADX). Der Börsengang sei der bisher größte in Abu Dhabi gewesen. Die Aktie war 42-fach überzeichnet.


Die neue Rolle von Borealis bei der Mutter OMV

Es war letztendlich ein Paukenschlag, dass der österreichischen Mineralölkonzern OMV im Herbst 2020 seinen Anteil von 36 Prozent beim Kunststoff- und Plastikkonzern Borealis auf über 75 Prozent erhöht und unter seine Fittiche genommen hat. Bis dahin hatte Borealis zu 64 Prozent im Eigentum von Mubadala gestanden, der staatlichen Beteiligungsgesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE).

Angesichts der Klimawende hatte dies allerdings Beobachter und Experten weit weniger überrascht. Steht Österreichs teilstaatliche Mineralölkonzern OMV unter Druck bis zum Jahr 2050 aus fossilen Energieträgern komplett auszusteigen. Und das bisher angestammte Geschäft, die Produktion von Rohöl, Benzin und Diesel aufzugeben. Die OMV muss Ersatz für drohenden Umsatzausfälle schaffen.

Die höchst profitable Tochter Borealis, mit ihrer relativ kurzen Firmengeschichte (Gründung 1994), scheint dafür bestens geeignet zu sein, um die Strategie der Mutter OMV auch nachhaltig zu verändern und mitzugestalten. Neuer Borealis CEO wurde Thomas Gangl. Er machte den umgekehrten Weg von Alfred Stern und kommt von der Konzernmutter OMV zu Borealis. Seit 2019 war Gangl OMV-Vorstandsmitglied und für den Bereich Refining & Petrochemical Operations der OMV verantwortlich. Gangl war insgesamt 20 Jahre bei der OMV. 1998 hatte er als Verfahrenstechniker bei OMV begonnen und war zwischenzeitlich Chef von OMV Deutschland.

Thomas Gangl, CEO Borealis - zuvor Vorstandmitlgied beim Mutterkonzern OMV.

Neo-OMV-Konzernchef Stern war zuvor von 2018 bis März 2021 CEO des Chemie- und Kunststoffkonzerns Borealis. Stern betonte zuletzt mehrfach, dass "die OMV vor dem größten Wandel der Unternehmensgeschichte steht“. Der Ex-Borealis-Chef hat am 16. März 2022 für die OMV die Weichen neu gestellt. Das neue Credo der OMV-Strategie: Raus aus Öl und Gas. Und damit hat Stern keinen Zweifel daran gelassen, dass bei der OMV künftig die kleinere Borealis eine wichtige Rolle spielen wird.

In der OMV-Bilanz 2021 wurde die 75-Prozenttochter Borealis erstmals vollkonsolidiert. Mit einem Jahresumsatz von rund 10,1 Mrd. € trägt der Kunststoffkonzern bereits rund 30 Prozent zum Gesamtumsatz des OMV-Konzerns bei. Im Jahr davor waren es noch 14 Prozent am Gesamtumsatz. Die Wachstumsaussichten sind weiterhin positiv, nachdem der Umsatz im Vorjahr um satte 48 Prozent gestiegen ist. Der Gewinn (vor Steuern ist um das 4,3fache auf 1,51 Mrd. € gestiegen.

Mitarbeiterentwicklung Borealis 2015 - 2021
Jahr Mitarbeiter +/- ggü. Vorjahr in %
2015 6.500 0,00
2016 6.600 1,54
2017 6.600 0,00
2018 6.834 3,25
2019 6.869 0,51
2020 6.920 0,74
2021 6.934 0,20

Angesichts der Vielzahl von Patenten, dürfte Borealis noch einiges im Köcher haben. Mit 210 Patentanmeldungen für Basischemikalien, Pflanzennährstoffen und mechanischem Recycling für Kunststoffe wurde ein Plus von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr erzielt. Zudem ist Borealis auf Expansionstour in der Golfregion sowie in Asien. In insgesamt 120 Ländern ist das Unternehmen derzeit tätig.


Borealis im Internet

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