
Neue Ansätze, um das Leistungspotenzial von Hochbegabten für Unternehmen und Gesellschaft zu fördern und zu entfalten, verlangen auch neues Mindset im Umgang mit Begabung und Intelligenz.
Ein Treffen geballter Hochintelligenz gab es Freitag voriger Woche im gürtelnahen „Gleisgarten“ in Wien-Meidling: etwa 150 Mitglieder des Hochbegabtennetzwerks Mensa Österreich (Aufnahmekriterium IQ 130 plus) waren zur traditionellen jährlichen Willkommensfeier für neue Mitglieder gekommen, rund ein Drittel von ihnen Vereinsnovizen aller Alters- und Karrierestufen. Die Stimmung war von Beginn an familiär, kommunikativ und interessiert, gelöst und entspannt zugleich. Vereinsmitglieder unter sich eben.
Mit österreichweit 1.400 registrierten und validiert getesteten Mitgliedern verzeichnet der Verein einen Rekordwert. Sie zählen zur weltweiten Hochbegabten-Gemeinschaft Mensa, die immer am 1. Oktober den „Tag der Intelligenz“ begeht. Österreich-Vorsitzender Peter Berger hatte dazu im Oktober eine Informations- und Testoffensive für das Netzwerk gestartet, die nun zum erfreulichen Zulauf beim Willkommensevent beitrug. „Testtermine finden laufend weiter in jedem Bundesland statt“, betont Berger. „Wir möchten besonders Frauen jeden Alters zum Testen ermutigen, die bei sich Hochbegabung vermuten.“ Anmeldungen auf der Website (mensatest.at) sind jederzeit möglich, dort finden sich auch Termine in allen Bundesländern sowie ein kurzer Vortest zur Orientierung.
Mensa engagiert sich für die Förderung von Intelligenz in all ihren Formen sowie für Intelligenzforschung und bietet Mitgliedern die Möglichkeit, sich weltweit zu vernetzen, Ideen auszutauschen und sich an geistig anregenden Aktivitäten zu beteiligen. Als offenes internationales Forum gibt Mensa keinerlei Stellungnahmen zu Politik, Religion oder sozialen Problemen ab. Persönlich verfügen engagierte Mensaner aber über durchaus ausgeprägte Meinungen, insbesondere zu „ihrem“ Thema. „Hochbegabte zu fördern ist gut für Wirtschaft und Gesellschaft. Sie sind potenzielle Mehrleister. Haben sie Erfolg, kommt das allen zugute“, sagt Ben Rettenbacher, Wirtschaftsbeauftragter im Mensa-Vorstand.
Unbekannte Potenziale
Von den etwa zwei Prozent der Bevölkerung mit IQ über 130 wüssten wohl 97 Prozent gar nicht, dass sie hochintelligent sind, schätzt er. Rettenbacher ist in mehreren Start-ups engagiert sowie Mitgründer und CEO von Cebras, das sich der Identifikation und gezielten Förderung von Hochbegabungen widmet (thecebras.com). In der Öffentlichkeit wahrgenommen würden derzeit eher nicht so positive Auffälligkeiten Hochintelligenter wie ADHS im Schulsystem. Auch das führe zu einem verzerrten Bild, meint er: „Die unerkannte Mehrheit ist meist hochfunktional in ihren Aufgaben.“ Die Statistik zeige, dass es Hochbegabten im Beruf in der Regel gut gehe: „Oft deshalb, weil sie sich anpassen und nicht auffallen. Schon in der Schule tun das viele bewusst oder unbewusst, um nicht anzuecken, und bleiben unter ihren Möglichkeiten.“
Verlangte Standards zu erfüllen, falle ihnen leicht. Sich bei Widerstand und Herausforderungen anzustrengen, lernen viele genau deshalb oft nicht. „In den USA wird eine Mensa-Mitgliedschaft prominent im CV erwähnt. Hierzulande verrenken sich Hochbegabte eher, um unauffällig zu bleiben“, sagt er. „In Österreich gibt man sich mit Durchschnitt zufrieden. Wir sollten als Gesellschaft aber Mut zur Exzellenz haben, die nötig ist, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen, nicht nur darauf, niemanden zurückzulassen.“
An Bord des Start-ups ist auch Stefan Reichel als Head of Talent & Psychology. Hochbegabtentypisch vielseitig hat er sich neben Psychologie und Therapiewissenschaft auch mit Philosophie und Religionswissenschaften befasst und begleitet seit 25 Jahren High Potentials. „Eine komplexe Zukunft braucht Menschen, die Komplexität verarbeiten können“, ist er überzeugt. Statt von Hochbegabung spricht Reichel von „höherer Begabung“ in bestimmten Domänen.
Er ist Partner der Talententwicklungsplattform Thomas und setzt bei Identifikation und Entwicklung von High Potentials auf das TAD-Modell (Talent Development in Achievement Domains). Das bildet verschiedene Talentbereiche und Schritte ihrer Entwicklung – vom Potenzial bis zur außergewöhnlichen Leistung – ab: „Wir messen Begabung in zwölf Domänen. Oft ist jemand in einer sehr gut und vernachlässigt andere.“ Ein IQ-Test ist dabei der Ausgangspunkt und anders als bei Mensa, gilt man für Cebras „schon“ ab IQ 115 als begabt.
Je nach Profil geht es darum, mit der Begabung weiterzugehen und etwa an emotionaler Kompetenz, Resilienz, Selbstwert oder Traumafolgen bis zu latenten Depressionen zu arbeiten – und zudem Stärken zu stärken. „Hohe kognitive Fähigkeiten sind nicht gleich hohe Leistung. Man muss sie trainieren. Im Sport ist das selbstverständlich“, sagt Rettenbacher und zieht einen rhetorischen Vergleich: „Cristiano Ronaldo wäre wohl auch ohne Förderung und Training in der Jugend ein sehr guter Fußballer oder überdurchschnittlicher Athlet. Aber eben nicht der Weltstar.“
Gezieltes Recruiting
Das Muster, dass Führungskräfte ihre Position von hochbegabten Mitarbeitern bedroht sehen, sei geradezu schwachsinnig, meinen die Experten. „Hochbegabte sind nicht illoyal, und Begabung bedeutet nicht Führungsambition“, so Rettenbacher. Reichel erklärt: „Verantwortung übernehmen, Management, ist eine der zwölf Domänen.“ Aus der Erkenntnis unterschiedlicher Begabungen könne eine produktive Entwicklungspartnerschaft bei klarem Rollenverständnis entstehen. Unternehmen, denen das gelingt und die hochbegabte Talente anziehen und zur Entfaltung bringen, stärken damit auch ihre Ressourcen und Zukunftsfitness.
Gertrud Götze, Vice President HR bei T-Systems, will mit ihrem Recruiting-Team Hochbegabte ins Unternehmen holen und kooperiert auch mit Cebras. Welches Potenzial das eröffnet, wurde ihr kürzlich wieder am Podium eines Mensa-Events bewusst: „Da waren alle Antennen auf Empfang, und es kamen so viele wirklich hochkarätige und klare Fragen.“
Was Hochbegabte aus ihrer Sicht brauchen, um ihr Potenzial in Firmen zu entfalten, sind Tools und technische Systeme, die sie nicht bremsen. Dass sie viel Neues ausprobieren und Freiheiten brauchen, sei zwar herausfordernd, aber: „In den richtigen Bereichen eingesetzt, bleiben Hochbegabte zufrieden und sind dankbar für Stabilität, die nicht durch Monotonie frustriert.“
Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 21. November 2025 erschienen.
