Die Turnauers - eine diskrete Dynastie

Über die steinreiche Familie Turnauer weiß man in Österreich wenig. Eine Format-Story aus dem Jahr 2014 über die diskrete Dynastie zur Nachlese.

Die Turnauers - eine diskrete Dynastie

Stanislaus Turnauer, der Enkel des Gründers - hier auf einem Foto aus dem Jahr 2006 - ist Chef und Eigentümer der Constantia Industries.

Die Familie Turnauer hat es über Jahrzehnte verstanden, ihre Geschäfte äußerst diskret abzuwickeln und sich aus der Öffentlichkeit so weit wie nur möglich zurückzuhalten. Berichte oder Fotos über Familienmitglieder sind selbst in Zeiten der allgegenwärtigen Smartphone-Kameras und der schnellen Nachrichten Mangelware

Der Reichtum der Familie Turnauer beruht auf dem 1907 geborenen und im Jahr 2000 verstorbenen Unternehmer Herbert Turnauer, der aus einer Prager Industriellenfamilie stammte und - nachdem er im Zweiten Weltkrieg alles verloren hatte in Österreich ein Firmen-Imperium aufbaute. Er übernahm eine kleine Lackfabrik und baute sie zu Österreichs größtem Lackhersteller auf, ehe er das Unternehmen 1969 an Hoechst verkaufte. Er gründete das Isolierstoffwerk-Unternehmen Isovolta, übernahm die Mehrheit an der Aluminium-Verarbeitung Teich AG und gründete schließlich die Constantia Industrieholding, die schließlich rund 50 Werke im In- und Ausland umfasste und deren Nachfolgeunternehmen heute die Constantia Industries und die Constantia Packaging AG sind.

Herbert Turnauer hinterließ eine Tochter, Christine, die in erster Ehe den französischen Grafen de Castelbajac heiratete. Christine de Castelbajac erbte 2000 die Constantia Packaging und die Constantia Privatbank AG, die in der Folge als Semper Constantia Privatbank firmierte und 2018 zur Liechtensteinische Landesbank (Österreich) AG wurde. Sohn Max Turnauer erbte 2000 nach dem Tod des Vaters die Constantia Industries AG, deren Aufsichtsrat und Eigentümer heute dessen Sohn Stanislaus ist.

In den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückte die Familie zuletzt durch Heinz-Christian Straches berühmt-berüchtigte Aussagen zur Parteifinanzierung bei gleichzeitiger Umgehung des Rechnungshofes im Ibiza-Video.

Wie Ermittler in der Folge herausfanden, gehörten die ILAG und deren hundertprozentige Tochterfirma ILAG Vermögensverwaltungs GmbH zu den Unternehmen, die FPÖ-nahe Vereine großzügig unterstützt haben. Zwischen November 2015 und August 2018 flossen von dort insgesamt 475.000 Euro.

Lesen Sie in der Folge das Porträt der Familie Turnauer, erschienen im Magazin Format im Dezember 2014. Anlass für den Artikel war damals, dass der vormalige ÖVP-Chef, Vizekanzler und Finanzminister Michael Spindelegger nach dem Ausscheiden aus der Politik in den Aufsichtsrat der ILAG einzog.


Die diskrete Dynastie

VON ANGELIKA KRAMER und MIRIAM KOCH (Dezember 2014)

Mit Michael Spindelegger bekommt ein Turnauer-Unternehmen einen prominenten Aufsichtsrat. Doch wie laufen die Geschäfte in dem Reich, das der vor 15 Jahren verstorbene Herbert Turnauer aufgebaut hat und das vor sechs Jahren zum Teil an der Kippe stand?

Eindringliche Gesichter in Nahaufnahme, Schwarzweiß-Fotografien, die man länger anschauen möchte. Stolz und Würde strahlen die Porträtierten aus, egal, von welcher Ecke der Erde sie stammen, egal, wie alt sie sind. Deutsche Medien sind voll des Lobes über den vor kurzem erschienen Bildband "Presence": "Diese Bilder gehen nicht vorbei“, heißt es in der "Frankfurter Rundschau“. "Sie suchen nach einem inneren Leuchten. Danach, was uns Menschen ausmacht und - in all unserer Vielfalt - miteinander verbindet“, schwärmt man in der Kulturredaktion des NRD. Und auf der Internetplattform fotocommunity.de bedauert ein Fan: "Das WWW gibt leider fast gar nichts über diese Fotografin her.“ Er fragt, ob jemand mehr über die Künstlerin namens Christine Turnauer weiß.

Dabei ist es gerade einmal sechs Jahre her, dass sie in den österreichischen Medien Schlagzeilen gemacht hat - allerdings unter dem Namen Christine de Castelbajac. In Folge der Turbulenzen bei der Immofinanz musste sie mit ihrem Vermögen für die Verfehlungen anderer gerade stehen. Mittlerweile ist die diskrete Dynastie wieder vom öffentlichen Radar verschwunden - auch wenn vor Kurzem für ein Unternehmen ein prominenter Aufsichtsrat nominiert wurde: der frühere Vizekanzler Michael Spindelegger. Aber wie gehen die Geschäfte in dem weit verzweigten Imperium?

Neue Geschäftsfelder

Eines ist klar: Finanzielle Sorgen um die Turnauers muss man sich beileibe nicht machen. Der "trend“ listet sie mit einem Vermögen von 920 Millionen Euro auf Platz 36 der reichsten Österreicher, noch vor René Benko oder Julius Meinl.

Diesen sagenhaften Reichtum hat vor allem der Anfang 2000 im Alter von 92 Jahren verstorbene Herbert Turnauer geschaffen. Der Paradeindustrielle wird als genialer Tyrann beschrieben. Er begann nach dem Krieg als vertriebener Sudetendeutscher in seiner neuen Heimat Österreich mit einer kleinen Lack-Firma in Mödling. Ende der 60er-Jahre verkaufte er sie, mit dem Geld wurden Isovolta ausgebaut und die Mehrheit an einem Verpackungshersteller erworben, die Constantia-Firmengruppe wuchs und wuchs. Bereits vor seinem Tod wurde entschieden, wie das Erbe unter seinen Kindern geteilt wird: Tochter Christine bekam die Constantia Packaging mit ihren Bereichen Wellpappe (Duropack) und flexible Verpackungen (unter anderem Teich, heute Constantia Flexibles) und Anteilen am Alukonzern Amag, dazu noch die Constantia Privatbank.

Die Sparten Holz und Kunststoffe erhielten Sohn Max und dessen Familie. In diesen Bereichen hat schon seit 1998 der mittlerweile 44-jährige Stanislaus Turnauer, Sohn von Max, das Sagen. Dem Enkel traute der Großvater mehr wirtschaftliches Geschick zu als Max. Und er scheint sich nicht geirrt zu haben. Wie unter H. T. ist auch unter Stanislaus das Imperium ständig in Bewegung: Der Bereich, in dem Constantia anderen Firmen Starthilfe gibt, heißt seit Kurzem Constantia New Business. Wer immer ein "produktbasiertes B2B-Unternehmen mit ersten Referenzkunden“ vorweisen und Unterstützung brauchen kann, dem will Constantia New Business zu höheren Sprüngen verhelfen. Mit einer Beteiligung, der Novapecc, soll eine neue Technologie zur Umwandlung von Solarenergie in eine chemisch speicherbare Energieform marktreif entwickelt werden. Doch mit dem österreichischen Firmenbuch und öffentlich zugänglichen Quellen allein lässt sich nur ein Bruchteil dessen nachvollziehen, was sich im Reich tut, einen Einblick in die Strategie und Pläne gewährt das Unternehmen Journalisten nicht.

Beobachter erzählen, dass sich Stanislaus, dem am Anfang nicht zu viel zugetraut wurde, sehr gut mache und dass er ein gutes Gespür für Geschäfte zeige. "Und er hat auch einen guten Aufsichtsrat“, wie ein Familienkenner anmerkt: Darin sitzen etwa der ehemalige Präsident der Industriellenvereinigung Veit Sorger, der ehemaliger Rektor der Technischen Uni Wien Peter Skalicky und der Journalist Georg Wailand.

100 Millionen Dividende

Wie gut die Geschäfte gehen, lässt der Jahresabschluss der Constantia Industries AG erahnen: Ausgewiesen wurde für 2013 ein Bilanzgewinn von 70 Millionen Euro, insgesamt wurden 100 Millionen Euro an Dividenden ausgeschüttet: 60 Millionen davon aus dem Bilanzergebnis 2011, weitere 40 Millionen aus dem Ergebnis 2012, ist in der Bilanz nachzulesen. In der Geschäftsführung der Constantia Industries ist neben Stanislaus Turnauer auch Johannes Liechtenstein tätig, in der Tochter Constantia New Business ist Philipp Thurn und Taxis Mit-Geschäftsführer. Auch in den Firmen seines Vaters Max finden sich adelige Namen wie etwa Kaiserenkel Severin Meister.

Ein Faible für Aristokraten hatte auch Patriarch Herbert Turnauer. Er verehrte Otto Habsburg, war bekennender Monarchist. "Emporkömmlinge aus primitiven Milieus“ brächten meistens nicht die gleichen charakterlichen Voraussetzungen mit, soll er gesagt haben.

Von Kreuzritter zu Grabritter

Wichtig für die Familie Turnauer ist der Glaube: Kardinal Schönborn ist ein Jugendfreund von Christine, seit sie 17 Jahre alt ist. Max ist stolzer Botschafter des Malteser Ritterordens. Ebenfalls Mitglied eines Ritterordens, nämlich vom Heiligen Grab zu Jerusalem, ist Michael Spindelegger. Gut möglich, dass diese Verbindung eine Rolle spielte, warum Spindelegger vor Kurzem in der Hauptversammlung der Industrieliegenschaftenverwaltung AG (Ilag), die mehrheitlich Max gehört, in den Aufsichtsrat gewählt wurde. Als Adresse gab der frühere ÖVP-Chef und Finanzminister übrigens nicht Luxemburg an, wo seine Frau derzeit arbeitet, sondern seinen Hinterbrühler Wohnsitz. In der Wienerwald-Gemeinde ist er übrigens auch Ortspartei-Obmann der ÖVP.

Das Unternehmen, das er mitkontrolliert, hat Beteiligungen in Deutschland, Georgien, Kanada und Lettland und weist ein Anlagevermögen von immerhin 420 Millionen Euro aus. Auch hier ist Bewegung: Vor Kurzem beteiligte sich die Ilag an der AIW Beteiligungs GmbH, die der frühere McDonald’s-Chef Christian Wimmer führt. Neu im Firmenbuch eingetragen wurde Ende Oktober auch die Tochter "ITOM 1“, die "die Verwaltung und einheitliche Leitung von Beteiligungen, die Verwaltung von Immaterialgütern und Lizenzen sowie des eigenen Vermögens“ zum Gegenstand hat.

Ruhig geworden ist es indes in den Firmenteilen, die Christine überantwortet bekam. Ihr Horrorjahr war 2008, als der Immofinanz-Skandal ans Licht kam. Drei Viertel ihres Stiftungsvermögens hat sie eingesetzt, um den Schaden zu minimieren, ist zu hören. Beziffert wird ihr Verlust inoffiziell auf 400 Millionen Euro. Sie musste die Constantia Privatbank - die viele Jahre hohe Dividenden ausgeschüttet hat - um einen Euro notverkaufen und ihre Anteile an der Amag abgeben. Teile des Verpackungsbereichs wurden verkauft, um Geld für einen Vergleich mit aufgebrachten Aktionären zu haben. In diesen turbulenten Tagen bemühte sich Stanislaus vor allem um eines: Abgrenzung. Der Öffentlichkeitsscheue lud Journalisten in das Klubzimmer der Industriellenvereinigung und beteuerte, dass trotz verwandtschaftlichen Verhältnisses und Namensgleichheit keinerlei Verbindungen seiner Constantia Industries zur "Packaging“-Gruppe bestünden. Weder geschäftlich noch juristisch noch personell.

"Christl“ gehören heute über eine in Liechtenstein angesiedelte Stiftung noch rund 25 Prozent an der Constantia Flexibles und 25 Prozent an der Duropack. Bei den Verpackungsunternehmen läuft das Geschäft gut. Constantia Flexibles erzielte im ersten Halbjahr 2014 dank Akquisitionen mehr Gewinn und mehr Umsatz. Der geplante Börsengang wurde im Vorjahr im Herbst in letzter Minute abgesagt - wegen der schlechten Börsenverfassung. Aber noch immer ist ein IPO eine Möglichkeit.

Doch die 67-Jährige widmet sich viel lieber der Fotografie als den Geschäften. Vergangene Woche wurden ihre Bilder auch in Wien am Schillerplatz ausgestellt. Auch wenn in ihren Fotografien das miteinander Verbindende herausgearbeitet wird, eng miteinander verbunden scheinen die Geschwister nicht zu sein. "Beide Familienteile gehen in Frieden ihren Weg“, sagt Christines Sprecher, Alfred Autischer.

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