Neues Normal: Krisenmodus

Corona, Krieg und Inflation – wie Unternehmen auf die neuen Herausforderungen reagieren können und wie Banken dabei helfen.

Zur Person. Martin Butollo ist seit 2013 Country CEO der Commerzbank in Österreich. Davor war Butollo für die Commerzbank und die Dresdner Bank in Frankfurt/Main in Managementfunktionen tätig. Seine berufliche Laufbahn begann bei PriceWaterhouseCoopers.

Zur Person. Martin Butollo ist seit 2013 Country CEO der Commerzbank in Österreich. Davor war Butollo für die Commerzbank und die Dresdner Bank in Frankfurt/Main in Managementfunktionen tätig. Seine berufliche Laufbahn begann bei PriceWaterhouseCoopers.

Linearität ist schön – vor allem, was Wirtschaft und Gesellschaft betrifft. Wachstumsraten im Bereich des Potenzialwachstums, eine Inflation, die sich brav im Rahmen des von Ökonomen definierten „idealen“ Korridors bewegt, ein ausgewogenes Verhältnis der Kapitalflüsse, stabile Staatshaushalte, und das alles eingebettet in eine friedliche, demokratische Entwicklung – so hätten wir es wohl alle gern.

Im Gegensatz dazu die Realität: Disruptive Ereignisse wie der Ausbruch einer Pandemie, ausufernde Haushaltsdefizite der Staaten, erratische Ausschläge der Inflation, unterbrochene Lieferketten, das alles eingebettet in ein Umfeld von Krieg und weltweiten geopolitischen Spannungen – so haben wir’s tatsächlich. Sieht so das „neue Normal“ aus, und, wenn ja, wie sollen sich Unternehmen darauf einstellen? Und können sie das überhaupt?

Deglobalisierung. 

„Was wir derzeit beobachten, ist, dass der bisherige ­uneingeschränkte Globalisierungstrend wieder ein Stück weit zurückgenommen wird“, beschreibt Martin Butollo, Country CEO der Commerzbank in Österreich, die wohl nachhaltigste Konsequenz des russischen Überfalls auf den Nachbarstaat Ukraine. Noch weiß niemand so recht, wie sich das längerfristig auswirken wird. Sicher ist aber, dass die bisherige Praxis, bei Lieferanten und Geschäftspartnern vorrangig auf den Preis, nicht aber auf das Herkunftsland zu achten, der Vergangenheit angehört. Folgt auf die Globalisierungswelle jetzt eine Periode der Deglobalisierung? „Es werden sicher neue Handelskorridore entstehen, wir sehen das ja schon jetzt“, so Butollo. „Es wird einen Trend zur Regionalisierung von Produktionen geben, und man wird künftig wohl auch gewisse politische Systeme kritischer betrachten, was die Zuverlässigkeit betrifft.“


In der Krise 2008 waren die Banken ja Teil der Krise, jetzt sind die Banken hingegen Teil der Lösung

Eine wichtige Rolle wird dabei der Finanzsektor spielen. „Die Rolle der Banken dabei ist es, die Unternehmen bei den notwendigen Transformationsprozessen zu begleiten und ihnen bei der Entwicklung nachhaltiger Geschäftsmodelle zur Seite zu stehen“, erklärt Butollo.

Und dann ist da ja auch noch der „Green Deal“ – die Umsetzung ambitionierter Klimaziele. „Da gibt es die klare Vorgabe der europäischen Bankenaufsicht, dass die Banken im Kreditvergabeprozess zunehmend Klimaschutzrisiken, insgesamt alle ESG-Risiken, mit aufnehmen.“ Klar ist jedenfalls: Krise, Krieg und Corona markieren einen Weg, an dessen Ende starke Unternehmen stehen, die ihre Lieferketten besser als bisher unter Kontrolle haben und deren nachhaltige Geschäftsmodelle sie widerstandsfähig gegen künftige Krisen machen. Segler wissen es: Auch Gegenwind kann dazu genutzt werden, um flott voranzukommen.


„Der Finanzsektor ist resilient “

Martin Butollo, Country CEO der Commerzbank in Österreich, über Transformationsprozesse, neue Lieferketten, Nachhaltigkeit und die Aufgaben des Finanzsektors in unsicheren Zeiten.


TREND: Zu Beginn der 2000er-Jahre die Krise der IT-Branche, dann die ­Finanzkrise 2008, die Staatsschuldenkrise, die Covid-Krise und jetzt zusätzlich auch noch der Krieg – die Weltwirtschaft taumelt von einer Krise in die nächste. Wie gehen Banken damit um?
BUTOLLO: In der Krise 2008 waren die Banken ja ein Teil der Krise – jetzt sind die Banken hingegen ein Teil der Lösung. Was sich vor allem zeigt, ist, dass der Finanzsektor durchaus resilient ist und beweist, dass er über die Leistungsfähigkeit und vor allem auch die Leistungsbereitschaft verfügt, um den Unternehmen zur Seite zu stehen. Das ist nicht nur für die Wirtschaft wichtig, sondern auch für die Politik, weil es ja darum geht, dass die Gelder rasch verteilt werden. Das ging vielleicht nicht in allen Ländern gleich schnell, aber in Deutschland und in Österreich hat das sehr gut funktioniert.

Welche Erfahrungen konnten Sie in der Krise gewinnen? Was war besonders wichtig?
Wir haben sowohl in Deutschland als auch in Österreich mit der Soforthilfe begonnen. Kreditlinien wurden genutzt und oft erhöht. Da war Flexibilität gefragt. Viele Unternehmen haben sich vorsorglich mit Liquidität versorgt, weil man ja anfangs gar nicht wusste, wie es weitergehen wird. Die gute Nachricht ist aber, dass viele Unternehmen da eher vorsichtig waren und ihre Kreditlinien dann letztlich gar nicht gebraucht haben.

Haben diese umfangreichen staatlichen Hilfen aber nicht auch dazu geführt, dass Probleme kaschiert wurden? Ausgerechnet in einer Krise gab es plötzlich weniger Insolvenzen – ist das nicht ein Alarmzeichen? Kommt jetzt eine Insolvenzwelle auf uns zu?
Es stimmt natürlich, dass die Stundung von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen manches zugedeckt hat. Was wir jetzt sehen, ist, dass sich das ­Pendel wieder in Richtung Normalität bewegt.

Aber mit einer Insolvenzwelle als Folge der Krise und der staatlichen Unterstützungen rechnen Sie nicht.
Nein, aus jetziger Sicht nicht. Wenn es nicht weitere größere Verwerfungen im Ukraine-Konflikt gibt, erwarten wir weder in Deutschland noch in Österreich eine größere Insolvenzwelle.

Wobei sich die Folgen der Pandemie ja schon recht gut abschätzen lassen –nicht aber die Folgen des Kriegs in der Ukraine.
Das stimmt schon, aber da ist das Umdenken ja schon im Gange. Unternehmen müssen sich ihre Partner sehr genau ansehen, ihre Lieferanten, und Lieferketten überdenken und sich die Frage stellen, wie nachhaltig diese Lieferketten sind.

Drohen da in naher Zukunft nicht zusätzliche Probleme?
Wir sehen bei unseren Kunden, dass viele Unternehmen sehr flexibel reagieren. Produktionen und Lieferketten, die zu Beginn des Ukraine-Kriegs oder sogar schon während der Pandemie unterbrochen wurden, werden langsam wieder ­hergestellt. Natürlich gibt es noch Hindernisse, und das Energiethema beschäftigt viele Unternehmen, aber es gibt auch schon Lösungsansätze.

Das Thema Energie ist besonders umstritten – die Frage, woher künftig das Gas kommen soll, ob gegen Russland ein Ölembargo verhängt wird. Aber ist angesichts der Häufung von Krisen das Thema ESG, also Nachhaltigkeit, nicht in den Hintergrund getreten? Hören Sie da nicht manchmal aus Unternehmen die Frage, ob wir jetzt nicht andere Sorgen haben als ESG?
Sicher, in erster Linie trachten die Unternehmen jetzt danach, möglichst unbeschadet aus der Krise zu kommen. Aber ESG bleiben ein Thema. Erstens, weil die Umstellung auf nachhaltige Energieversorgung ja neue, interessante Geschäftsfelder eröffnet. Und zweitens, weil die Bedeutung von Umwelt-, Sozial- und Governanceaspekten (ESG) Voraussetzung für langfristigen wirtschaftlichen Erfolg darstellt.

Welche Rolle spielen die Banken da?
Eine sehr wichtige. Wir müssen ja auch auf die CO2-Bilanz bei unseren Kreditvergaben achten. Bei der Kreditvergabe ist das Thema Nachhaltigkeit sehr wichtig. Auch bei Bonitätsprüfungen und Ratings spielen ESG eine immer größere Rolle. Aber klar ist auch: Keiner der Stakeholder kann die Probleme allein bewältigen. Es braucht eine Kooperation zwischen Banken, Unternehmen und der Politik. Nur so ist die Klimaschutzkrise zu meistern.

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