Kärnten: Lei locker lafn lossn

Die Kärntner sind auch keine schlechteren Menschen als die übrigen Österreicher. Aber es gibt in diesem wunderschönen Land, meiner geliebten Heimat, schon andere moralische Vorstellungen als anderswo.

"Am Kärntner Wesen soll Österreich genesen“, so stellte einst einer der erfolgreichsten, charismatischsten, aber auch unglücklichsten Politiker, die unser Land je hervorbrachte, Jörg Haider, unser südlichstes Bundesland als Vorbild hin. „Österreich muss den Kärntner Weg gehen“, sagte der selige Jörgl damals im ORF und meinte, dass die Kärntner Politik und die Kärntner Wirtschaft zur bundesweiten Nachahmung empfohlen werden.

Kärnten! Eines der schönsten Länder dieser Welt. Ein Urlaubsland par excellence. Mit Bürgern, die so liebenswert sein können, aber sich auch gerne selbst maßlos überschätzen. Meine Landsleute! Freunde, die ihre Lebensqualität so zu zelebrieren wissen wie kaum jemand anderer, etwa wenn ab Freitagmittag viele Kärntner längst im Wochenende sind – (im Sommer am See oder in Grado oder Tarvis und im Winter am Berg schifoan). Weil: Man muss es „locker lafn lossn“. Dass dabei die Arbeitslosigkeit eine der höchsten Österreichs und die Kaufkraft eine der niedrigsten ist, dass kaum jemand „von außen“ in Kärnten investieren möchte, stört dabei wohl so lange nicht, solange über den Karawanken die Sonne scheint.

„Karntn is lei ans!“ heißt es in einem der schönsten Kärntnerlieder. Wenn man die Wählergunst für eine „Freiheitliche Partei Kärntens“ (FPK) sieht, besteht da auch kaum ein Zweifel. Die politische Opposition hatte sich unter Landesvater Haider ja schon lange verabschiedet und ist – seitdem – nie wieder erstanden.

Warum eigentlich? Dass die Schwarzen, schon unter Zernatto und, noch schlimmer, unter Martinz den Steigbügelhalter machen und sich damit jeglicher Chance auf eigene Identität seit Jahrzehnten berauben, ist frustrierend hinzunehmen. Aber was ist mit den Roten? Kärnten war als Land an der Grenze nicht nur immer schon emotionaler, sondern auch – in der NS-Zeit – nationaler und – nach dem Krieg – jahrzehntelang auch roter als die meisten anderen Bundesländer.

Aber offensichtlich reichen die Strahlekraft und das Vermächtnis des verstorbenen Jörg Haider noch für mindestens eine Politikergeneration danach aus. Also müssen sich Dörfler & Co, dank Haiders Erbe und dank einer schwachmatischen und praktisch nicht vorhandenen Opposition, vorläufig keine Sorgen um ihre Mehrheit machen. „Lei locker lafn lossn“ ist die Kärntner Lebenseinstellung. Während Großstädter viel Geld in Psychologen investieren müssen, um eine „Das Leben leichter nehmen“-Einstellung zu erlangen, scheint diese Gabe meinen Landsleuten in die Wiege gelegt worden zu sein.

Die Kärntner Burschn wollen so wie Franz Klammer und Armin Assinger kernig und immer lustig und fesch sein, zumindest fühlen sich viele so. Da passte Jörg Haider als Superstar mit ewigem Siegerlächeln und größtmöglicher Popularität nur allzu perfekt ins Kärntner Weltbild.

Doch so traurig es hinter Jörgls Fassade in seiner inneren Zerrissenheit aussah (und dramatisch endete!), so dünn ist auch das Fundament des „Kärntner Weges“, der weder wirtschaftlich noch politisch auch nur ansatzweise nachahmenswert ist.

„Lei locker lafn lossn“ ist leider auch ein moralischer Ansatz. Aber gar kein guter. Er hat nämlich ein nahezu alles entschuldigendes Augenzwinkern zum Symbol. Und das scheint viele politische, jedoch fehlgeleitete, Moralvorstellungen in Kärnten zu legitimieren.

Österreichs einst schönster und (neben Haider) strahlendster Politiker, Karl-Heinz Grasser, wird wahrscheinlich nie vor einem Gericht stehen, aber moralisch hat er als seinerzeitiger Finanzminister längst versagt. Er ist Kärntner wie Dörfler, der amtierende Landeshauptmann, der allen Ernstes erklärt, dass es erst einer rechtskräftigen Verurteilung eines Herrn Scheuch, immerhin Landeshauptmann-Stellvertreter, bedarf, um politische Konsequenzen zu ziehen. Geht’s noch?

Haben diese Herrschaften noch irgendwo einen Funken von Moral und politischem Anstand? Haben sie nicht, gerade weil Politiker, besonders vorbildhaft zu wirken? Es gilt die Unschuldsvermutung. Ja, klar! Wie immer! Aber: Politische Verantwortung muss nicht erst durch Gerichte festgestellt werden. Die hat man einfach, und da weiß man auch, wann man zu gehen hat. Es gibt in Kärnten nicht mehr Skandale als anderswo in Österreich. Die Kärntner sind auch keine schlechteren Menschen als die übrigen Österreicher.

Aber es gibt in diesem wunderschönen Land, meiner geliebten Heimat, schon andere moralische Vorstellungen als anderswo. Es im Leben „locker lafn zu lossn“ mag manches Mal schon richtig sein, aber diese Einstellung darf bei politischer Schlitzohrigkeit und Kriminaldelikten, die gar nicht kavaliersfähig sind, niemals gelten.

Von Wolfgang Rosam, Kärntner, Change Communications

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