Halal-Lebensmittel: Potentieller Millionenmarkt in Österreich

Halal-Lebensmittel: Potentieller Millionenmarkt in Österreich
Halal-Lebensmittel: Potentieller Millionenmarkt in Österreich

Halal-Fleisch und Lebensmittel: Ein neuer Milliardenmarkt.

Weltweit steigt die Nachfrage nach Halal-Lebensmitteln stetig an. Österreichs große Lebensmittelmärkte bringen die Produkte jedoch nur zögerlich in ihre Regale. Indessen ist Halal-Fleisch aus Österreich in den arabischen Ländern besonders begehrt. Das Exportvolumen hat sich binnen fünf Jahren verfünffacht.

Zum Zeitpunkt der letzten offiziellen Volkszählung im Jahr 2001 lebten in Österreich 340.000 Muslime, was einem durchschnittlichen Anteil von 4,2 Prozent an der Gesamtbevölkerung entsprach. Seither ist die Zahl der in Österreich lebenden Menschen, die sich zum muslimischen Glauben bekennen, kontinuierlich gestiegen. Im Jahr 2012 waren es Hochrechnungen des Instituts für Islamische Studien an der Universität Wien zufolge bereits über 570.000. Der Großteil stammte aus Bosnien-Herzegowina und der Türkei. Aktuell leben bereits über 600.000 Muslime in Österreich.

Ein integraler Teil dieser Menschen und ihrer Kultur ist Halal. Der Begriff "Halal" stammt aus dem Arabischen und bedeutet im islamischen Glauben so viel wie "Das Erlaubte". Damit werden alle Dinge und Handlungen bezeichnet, die nach islamischem Recht zulässig sind. Im Gegensatz zu "Haram", "Das Verbotene". Die Vorschriften zu "Halal" und "Haram" schlagen sich auch auf die Nahrungsmittel nieder, die Muslime dem Koran und der Sunna entsprechend zu sich nehmen dürfen. So ist Muslimen laut Koran etwa das Essen von Schweinefleisch und dessen Nebenprodukten, von Blut und der Genuss von berauschenden Getränken, also Alkohol, verboten.

Globaler Milliardenmarkt

Auch bei den erlaubten Lebensmitteln gibt es spezielle Vorschriften, damit sie das Zertifikat "Halal" tragen dürfen. Traditionell wurde die Nachfrage nach diesen Lebensmitteln in Österreich von Ethno-Fachgeschäften abgedeckt. Angesichts des stetig wachsenden Kundensegments werden diese Produkte auch für große Handelsketten zunehmend interessant. Als Richtmarken gelten Länder wie zum Beispiel Frankreich, Großbritannien oder Deutschland. Dort werden mit Halal-Produkten bereits Milliarden umgesetzt.

Genaue Zahlen zum Umsatzpotential mit Halal-Produkten in Österreich gibt es laut Wirtschaftskammer nicht. Und auch beim Standortberater Regioplan habe man "noch nichts dazu erfasst". Das Halal Journal, eine Plattform, die sich mit der globalen wirtschaftlichen Bedeutung von Halal-Produkten beschäftigt, hatte den globalen Markt für Halal-Lebensmittel bereits 2009 auf über 630 Milliarden Dollar geschätzt. Bis 2030 soll dieser laut Euromonitor um 35 Prozent wachsen.

Siegel des Anstoßes

Halal-Produkte werden im Lebensmittelhandel mit einem speziellen Siegel gekennzeichnet. Genau dieses Siegel auf Fleischpackungen sorgte im vergangenen Dezember für große Aufregung: Der Lebensmittelkonzern Spar testete in 20 Filialen Halal-zertifiziertes Fleisch. Kurze Zeit später brach in den sozialen Medien ein Shitstorm aus: Spar wurde Tierquälerei vorgeworfen, obwohl das Fleisch der österreichischen Tierschutz- und Lebensmittelverordnung entsprechend produziert wurde.

Dennoch gab Spar klein bei und zog das Halal-Fleisch wieder aus dem Verkehr. Was nicht heißt, dass Spar keine Halal-zertifizierten Lebensmittel mehr verkauft. Verschiedene Produkte wie etwa ein Hühnerfleisch-Aufstrich finden sich nach wie vor im Sortiment. Und die Supermarktkette denkt auch daran, wieder für Muslime erlaubtes Fleisch anzubieten. "Wir sind gerade am Überlegen, wie", sagt Spar-Sprecherin Nicole Berkmann. Als Nahversorger wolle man auch die Kundengruppe der Muslime bedienen, so die Sprecherin.

Rinderfaschiertes mit dem Halal-Zertifikat des IIDZ bei Merkur.

Der Rewe-Konzern bietet hingegen in seinen Merkur-Märkten seit 2012 Halal-Fleisch an. Laut Rewe-Sprecher Paul Pöttschacher handelt es sich jedoch in Österreich noch um ein klares Nischensortiment. "Wir konnten nur eine minimale Steigerung der Nachfrage feststellen", sagt Pöttschacher. Für die Diskontmärkte Lidl und Hofer sind Halal-Produktre dagegen aktuell noch kein Thema. Eine Einführung ist laut trend-Recherchen bei beiden Ketten derzeit nicht geplant.

"Der Bedarf an Halal-Produkten steigt aber", sagt Abdullah Ünal, Junior-Chef der in Wien, Niederösterreich und Graz aktiven Supermarktkette Etsan. Die in Wien gegründete Kette betreibt in Österreich einen Lebensmittelgroß- und Einzelhandel mit orientalischen Produkten. Das Unternehmen bietet über 5.000 Artikel, die auf die Bedürfnisse und Gewohnheiten von Menschen mit Migrationshintergrund ausgerichtet sind. 30 Prozent des Umsatzes werden mit dem Verkauf von Halal-Fleisch erwirtschaftet.

Das rechnet sich für Etsan offenbar: Der Umsatz wuchs von 2013 auf 2014 um knapp 12 Prozent und dürfte 2016 entsprechend weiter steigen, da neun Filialen von Zielpunkt übernommen wurden und die Zahl der Etsan-Märkte auf insgesamt 30 gestiegen ist. Auch beim Konkurrenten Aycan hat man sich auf die muslimischen Bedürfnisse spezialisiert: Halal-Produkte machen bei dem Lebensmittelhändler, der in Wien 14 Läden betreibt, rund 90 Prozent des Sortiments aus.

Halal made in Austria

Doch woher kommt das in Österreich verkaufte Halal-Fleisch eigentlich? Etsan bezieht etwa den Großteil des Fleisches aus Österreich. Lediglich das Lammfleisch sei hierzulande schwierig zu bekommen, so Ünal. Er bezieht es aus Großbritannien und Neuseeland. Über den firmeneigenen Großhandel - die Macro Group - beliefert Ünal die eigenen Supermärkte, aber auch Gastronomen und Einzelhändler. Zum Unternehmen gehört auch die Sanet Fleischwarenproduktion GmbH, die auf Fleischverarbeitung und den Großhandel mit Fleisch und Fleischwaren spezialisiert ist.

Die Wech Geflügel GmbH produziert an zwei Standorten, in St. Andrä im Lavanttal und in Pöttelsdorf im Burgenland Halal-zertifiziertes Geflügel. Der Anteil am Gesamtumsatz des Unternehmens liegt laut Geschäftsführer Karl Feichtinger aktuell bei rund zwei Prozent.

In ganz Österreich sind derzeit sechs Schlachthöfe für Rinder und einer für Geflügel Halal-zertifiziert. Die Zertifikate stellen das Islamische Informations- und Dokumentationszentrum (IIDZ) sowie die Islamische Glaubensgemeinschaft Österreich aus.

Die Regeln dafür sind einfach: Die Schlächter müssen Muslime sein und beim Schlachten "Baslama" sprechen, "Im Namen Gottes". In Österreich müssen alle Tiere gemäß der hier geltenden Tierschutzordnung vor der Tötung betäubt werden.

Eine solche Halal-Zertifizierung zu erlangen ist für die Unternehmen auch mit Kosten und Mühen verbunden. Die Gebühr richtet sich nach der Anzahl der Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und kann daher etwa bei Gewürzen, die für die orientalische Küche bis zu 40 Ingredienzien haben, recht teuer werden. Zwischen 1.000 und 10.000 Euro kann ein Zertifikat, das jährlich erneuert werden muss, kosten. Das IIDZ zertifiziert europaweit rund 150 Unternehmen.

Günther Rusznak, Präsident des IIDZ, schätzt die Menge des jährlich in Österreich produzierten Halal-Fleischs auf einige hundert Tonnen. Und das Fleisch aus Österreich hat sich in den letzten Jahren zu einem regelrechten Exportschlager entwickelt. "Das Exportvolumen hat sich in den vergangenen fünf Jahren verfünffacht. Der Großteil wird nach Saudi-Arabien, in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Katar oder Kuwait exportiert", sagt Rusznak. Der österreichische Markt selbst sei dagegen noch nicht ganz reif für Halal-Produkte. Rusznak: "Viele Produzenten zögern. Das ist auch eine Folge der aktuellen politischen Stimmung im Land."

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