Deep Nature Project: Hanf-Königin Andrea Bamacher

Andrea Bamacher, Deep Nature Project

Andrea Bamacher, Deep Nature Project

50 Tonnen Biohanf, Premiumqualität und viel Frauenpower: So stieg die Golser Firma Deep Nature Project zu einem der größten Hanflebensmittelproduzenten Europas auf. Offen ist, ob diese Erfolgsgeschichte in Österreich fortgeschrieben wird.

Dem Auto mit St. Pöltner Kennzeichen entsteigt eine alte Dame mit Gehstock und steuert, geleitet von ihrem etwas jüngeren Chauffeur, zielsicher den Shop an. Eine Viertelstunde später fahren sie, bewehrt mit kleinen Papiersäckchen, wieder weg. Diese Szene wiederholt sich an diesem Freitagvormittag Ende März noch ein paar Mal. Es kommen Wiener, Burgenländer, ja sogar ein deutsches Kennzeichen ist dabei. Offensichtlich unter 40-Jährige sind nicht auszumachen, die sind wohl bei der Arbeit. Der Deep-Nature-Laden an der Unteren Hauptstraße ist aber kein typischer Golser Bauernladen oder Weinverkauf. Hier decken sich die Kunden mit Tee, Proteinflocken, Samen, Salatöl oder Tropfen ein, die sie sich auf der Zunge zergehen lassen - alle gemacht aus Hanf. Andrea Bamacher beobachtet das Kommen und Gehen am Parkplatz mit Schmunzeln.

Für die Geschäftsführerin von Deep Nature Project ist das keine Überraschung: "Unsere stärksten Kundengruppen sind die ganz Jungen und die Senioren. Die meisten Vorbehalte haben leider noch immer Menschen zwischen 30 und 50 Jahren." Mehr als 20.000 Kunden schwören auf diese Produkte, die sie vor Ort, im Onlineshop oder bei Reformhäusern und vereinzelt auch in Apotheken kaufen. Ist die St. Pöltner Oma jetzt high? Definitiv nicht.

Hanf ohne Rausch

In den Deep-Nature-Produkten ist nicht das psychoaktive, also berauschende THC drin, sondern ein Cannabidiol (kurz: CBD). Warum schätzen die Kunden diese Produkte?"Der Hanf ist ein uralte Kulturpflanze, und die Kunden sehen die Wirkstoffe als gute Ergänzung einer bewussten Lebens- und Ernährungsweise," sagt Bamacher. "Hanfsamenöl ist so hochwertig wie Leinsamenöl oder Fischöl. Mit den Samen panieren sich manche sogar ihr Schnitzel." Schmerzmittel sind sie definitiv nicht, und beim Überschreiten der empfohlenen Tagesration passiert auch nichts. Was etwa das CBD-Öl mit dem jeweiligen Organismus macht, ist höchst individuell: Wo die einen auf eine bessere Verdauung schwören, haben andere gereizte Mägen damit kuriert. Worauf sich aber die allermeisten einigen können: Sie fühlen sich weniger gestresst.

Slideshow: Canna-Business

Cannabis - eine Pflanze im Hoch

Für medizinische Zwecke ist Cannabis bereits in 55 Ländern der Welt legal.

Die Investitionen in die Cannabis-Industrie haben sich von 2017 auf 2018 vervielfacht.

Die leidenschaftliche Beschäftigung mit Pflanzen hat die gebürtige Steirerin Bamacher von der Großmutter, auf den Hanf brachte sie ein früherer Arbeitskollege, und gemeinsam mit ihrer Schwester Anita Bamacher und Freundin Elke Moritz (heute nur noch als Gesellschafterin an Bord) begannen die beiden Anfang der Nullerjahre zum Thema zu recherchieren: "Eigentlich haben wir drei Frauen nach einem Geschäft gesucht, das uns ein Auskommen schafft. Welches Potenzial der Hanf bringt, haben wir bald erkannt", erinnert sie sich an die Gründertage. "Dass es so schnell gehen würde, hätten wir aber nie gedacht."


Unsere stärksten Kundengruppen sind die Jungen und die Senioren. Die meisten Vorbehalte haben Menschen zwischen 30 und 50 Jahren.

Mit "es" meint sie den Wirtschaftsfaktor Cannabis, der seit einigen Jahren weltweit geradezu explodiert: In den USA ist das heute ein 50-Milliarden-Dollar-Markt. In Kanada ist Cannabis seit Ende des Jahres legalisiert, der Staat nimmt Produktion und Verkauf selbst in die Hand. Premier Justin Trudeau hat das seinen Bürgern mittels Postwurf mitgeteilt: "Damit wollen wir Cannabis von Jugendlichen fernhalten und Kriminellen und organisiertem Verbrechen den Gewinn entziehen."

Bio und Handarbeit

Deep Nature Project begann 2014 mit den ersten 14 Hektar, "damals noch mit der Hand geerntet, und einem Familienkredit". Von sechs Tonnen stieg die Jahresleistung in dieser Zeit auf 50 Tonnen Hanf, der von Bauern im Burgenland, aber auch ein paar in Ober- und Niederösterreich angebaut wird. "Die Landwirte lieben den Hanf, weil man alle Bestandteile der Pflanze verwerten kann und weil er gut zu bearbeiten ist", sagt Bamacher. Die ersten Sortieranlagen und Erntemaschinen konstruierten die Hanfbäuerinnen selbst und extrahierten mit Ethanol und CO2 die Essenzen aus den Blättern. "Biolandwirtschaft war immer unsere oberste Prämisse", sagt Bamacher. Warum das so wichtig ist?" Weil sie bei konventioneller Bewirtschaftung natürlich auch die Schadstoffe und Pestizide in den Konzentraten drinhaben." Wie gut die jeweilige CBD-Qualität ist, wird von einer Art Hanf-TÜV regelmäßig getestet, und bei Deep Nature Project gibt es nicht nur die für Biobauen üblichen Kontrollen. "Alle zwei Monate zieht die BH bei uns im Geschäft und in der Produktion unangemeldet Proben."

Die Bio-Premium-Schiene lohnt sich, der Ruf der burgenländischen Hanfverarbeiter strahlt weltweit aus, und Bamacher ist als Pionierin gefragte Gesprächspartnerin bei Cannabis-Kongressen, die fast im Wochentakt irgendwo auf der Welt stattfinden. Die Umsätze von Deep Nature wachsen wie gut gepflegter Hanf: 2015 waren es 250.000 Euro, 2018 waren es bereits sieben Millionen Euro.

Aufziehende Wolken

Trotz dieser unglaublichen Erfolgsgeschichte endet bei Bamacher derzeit kaum ein Arbeitstag unter 16 Stunden. Das hat vor allem mit der unklaren Rechtslage zu tun, die sich derzeit so darstellt: CBD ist in Österreich legal. Die Regierung will das Geschäft mit diesen Produkten regulieren und hat Ende des Jahres einen Erlass herausgebracht, der CBD-hältige Lebensmittel und Kosmetika "als nicht zulässig für das Inverkehrbringen" sieht. Das Gesundheitsministerium beruft sich dabei auf eine EU-Richtlinie für neuartige Lebensmittel (sog. Novel Food), die Zulassungsverfahren für Lebensmittel führt, die erst seit 1997 am Markt sind. Strafen gibt es nicht, das Ministerium stellt "den betroffenen Lebensmittelunternehmen entsprechende Beratung" in Aussicht.

Arbeitsplätze in der Region: Deep Nature Mitarbeiter beim Verpacken von Hanfprodukten.

"Unsere Produkte sind nicht dazu da, schwere Krankheiten zu heilen. Sie helfen den Menschen, sich gesunder zu fühlen", sagt Bamacher, die darauf verweist, dass sie in den letzten vier Jahren keine einzige Kundenbeschwerde bekommen habe. "Seit 2015 telefoniere ich mit den Behörden, um zu erfahren, was wir für eine Zulassung tun müssen. Und sie sagen uns, es gibt kein Zulassungsverfahren."

Was passiert, wenn das nicht passiert? Für Bamacher ist diese Unsicherheit das Schlimmste, wie sie sagt. Einen Plan B hat sie, muss sie haben. "Es würde mir das Herz brechen. Aber wenn es nicht anders geht, müssen wir unser Geschäft ins Ausland verlagern", sagt sie. "Der weltweite Trend geht genau in die andere Richtung. Ich verstehe es einfach nicht."

Ein Verbot käme für Deep Nature Project zur Unzeit: In Gols wird gerade eine große Produktionshalle für den Separationsprozess gebaut, Bamacher verhandelt mit der Bank eine nächste Finanzierungsrunde und will in zwei Jahren auf 70 Mitarbeiter (von aktuell 42) aufstocken. Schmerzen würde das auch den Golser Bürgermeister, der auf einen seiner Leitbetriebe und auf die Steuereinnahmen verzichten müsste.

Exportschlager

Der Gang ins Ausland ist keine leichte Option, angesichts des starken Auslandsgeschäfts aber eine denkbare: 80 Prozent der Produkte gehen in den Export. "Das meiste geht in die Niederlande. Die Holländer wissen die Premiumqualität zu schätzen. Hanfsamenproduzenten sind dort hochgeschätzte Unternehmer", sagt Bamacher. Exportiert wird aber auch nach Deutschland, Italien, Polen, Tschechien, Großbritannien und nach Japan, "ganz wenig auch in die USA".

Seit zwei Jahren hat Deep Nature Project eine Tochter in Australien. Ein Australier war über Internet auf die Österreicher gestoßen und fragte um eine Kooperation an. "Wir bauen dort lokal an", sagt Bamacher. Zu Weihnachten erst war sie in Australien und hatte dort auch Termine mit den Behörden. Kein Vergleich zu den Troubles daheim, wie sie sich wehmütig erinnert: "Wir waren im Ministerium eingeladen. Sie haben gesagt:'Wir halten das für eine gute Entwicklung. Wo können wir euch unterstützen?'" Dieser Tage ist Bamacher gerade in Südafrika, um zukünftige Kooperationen im Detail zu besprechen.

Am leichtesten zu realisieren wäre natürlich Plan C, ein Verkauf. Bei Bamacher klopfen immer wieder Investoren an. "Die Chinesen und die Kanadier grasen zurzeit intensiv den europäischen Markt nach interessanten Übernahmekandidaten ab," sagt sie, die nicht so schnell aufgeben will: "Unsere Idee war nie, ein Großkonzern zu werden oder zu einem zu gehören. Wir wollen natürlich wachsen und noch einige unserer guten Ideen umsetzen."


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