
ANDREAS NEMETH, CEO von Uniqa Ventures, dem größten Corporate-Venture-Capital-Fonds des Landes, über das herausfordernde Marktumfeld und warum es für eine echte Trendumkehr noch zu früh ist.
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Sie haben in den vergangenen Wochen Start-ups und Investoren in Paris, Prag und Helsinki besucht. Welchen Eindruck der Stimmungslage in der europäischen Start-up-und Venture- Capital-Szene haben Sie aus den Gesprächen gewonnen?
Die Stimmung ist schlechter als die objektive Lage, und am Horizont ist ein Silberstreif zu verzeichnen. Für Tech-Start-ups ist es zweifelsohne härter geworden. Viele haben Mitarbeiter abgebaut. Die Verbleibenden müssen die Ärmel aufkrempeln und sich doppelt anstrengen. Aktuell trennt sich die Spreu vom Weizen. Investoren und Gründer sind gleichermaßen damit beschäftigt, ihre Hausaufgaben und ihre Arbeit noch besser zu machen als zuvor. Insgesamt gibt es keinen Grund zur Euphorie, aber auch keinen Grund für Weltuntergangsstimmung. Die langfristigen Trends wie die Digitalisierung der Wirtschaft, Industrie 4.0, Nachhaltigkeit und Klimawende sind ungebrochen und verlangen nach innovativen Start-ups und Lösungen. Aus der Perspektive eines Venture-Capital-Investors, der auf der Suche nach neue Investments ist, kann man sogar sagen: Es war lange Zeit nicht mehr so attraktiv wie heute, in Start-ups zu investieren.
Der Wagniskapitalgeber Atomico hat eine Studie vorgelegt, aus der hervorgeht, dass europäische Start-ups heuer nur noch halb so viel Geld wie im Rekordjahr 2021 erhalten. Hat Sie der Rückgang überrascht?
Nein, ganz und gar nicht. Die Notwendigkeit einer Konsolidierungsphase haben wir bereits Ende 2021 vorhergesagt. Wenn Sie sich die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre ansehen, wurde nur in zwei Jahren mehr investiert als heute. Und das waren 2021 und 2022, die ohne Zweifel absolute Ausreißerjahre waren. Mit rund 45 Milliarden Euro, die für 2023 prognostiziert werden, liegen wir deutlich über 2020 mit 38 Milliarden Euro und absolut im langfristigen Trend. Und ich wage auch die Prognose für 2024, dass wir dieses Niveau halten werden. Seit wir 2015 mit Uniqa Ventures gestartet sind, hat sich das Volumen bis heute verdreifacht.
Von einer Start-up-Krise würden Sie also nicht sprechen?
Was wir aktuell sehen, ist keine Start-up-Krise, sondern nur die Rückkehr zur Normalität und langfristigen Durchschnitten. Dort, wo ich die eigentliche Herausforderung orte, ist, wie sich die Stimmung auf die Haltung gegenüber Start-ups und Tech-Unternehmen generell verändert.
Der Krieg in der Ukraine und darauf resultierende geopolitische und makroökonomische Verwerfungen haben in der gesamten Wirtschaft strukturelle Schwachstellen aufgedeckt und in Folge zu einem hohen Maß an Unsicherheit und Risikoscheue geführt. Leider werden Start-ups und Venture Capital immer noch von vielen Menschen als hochriskante Investments und nicht als Chancen- und Wachstumskapital gesehen. Was wir in der heutigen wirtschaftlichen Situation brauchen, ist ein Umdenken und ein Mindset-Shift.
Was genau meinen Sie mit Mindset-Shift?
Wir dürfen die Erforschung neuer Technologien nicht den anderen überlassen. Die wirtschaftliche und in weiterer Folge auch die politische Souveränität zu verlieren, ist die größte Gefahr, der wir uns insgesamt in Europa stellen müssen. Ein Investment in ein junges Start-up, das sich mit der Erforschung und Entwicklung neuer innovativer Lösungen beschäftigt, ist ein Investment in unsere Zukunft: in neue Arbeitsplätze, in wirtschaftliche Entwicklung, in Wachstum und letztendlich ein Investment in die Sicherung unseres eigenen Wohlstands in Europa. Venture Capital ist bitte schön kein Risiko. Es nicht zur Verfügung zu stellen, es nicht zu wagen, sondern zu unterlassen und es zu scheuen - das ist die große Gefahr, der wir uns aussetzen.
Viele US-Fonds wenden sich wieder von Europa ab, weniger Risikokapital fließt hierher. Was bedeutet das für die europäische Start-up-Szene?
Amerikanische Fonds waren gerade dort, wo Finanzierungsrunden über 100 Millionen Euro abgeschlossen wurden, tonangebend. Und so wie Europa insgesamt in puncto Wachstumskapital aufgestellt ist, kann diese Lücke auch kurzfristig nicht geschlossen werden. Zwar gibt es auf europäischer Ebene zum Beispiel mit der European Tech Champions Initiative (ETCI) Bestrebungen, europäische Venture-Capital-Fonds entstehen zu lassen, die groß genug sind, um auf Augenhöhe mit den US-Fonds zu agieren und selbst in der Lage zu sein, 50-oder 100-Millionen-Euro-Tickets für einzelne Start-ups zu zeichnen. Doch bis so große Fonds - hoffentlich auch in Österreich - entstehen und dann auch hierzulande investieren, wird noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden müssen und einige Zeit vergehen.
Uniqa Ventures als größter Corporate- Venture-Capital-Fonds des Landes besteht seit neun Jahren. Gab es in dieser Zeit schon mal ein Marktumfeld, das ähnlich herausfordernd war wie 2023?
Zugebenermaßen waren wir in den ersten Jahren - insbesondere in der Phase 2018 bis 2021 - verwöhnt und mit viel Rückenwind unterwegs.
Doch es sind die herausfordernden Zeiten, in denen sich die Spreu vom Weizen trennt und die handwerklichen Fähigkeiten, das vorhandene Talent und eigener Einsatz bzw. Fleiß entscheidend sind.
Viel mehr als 2023 würde ich die Jahre 2020 und 2021 als toxisch belastet sehen. Damals wurden viele der langläufig geltenden Grundsätze guten und nachhaltigen Investierens aus den Angeln gehoben. Wir haben im Markt viel Übertreibung und irrationales Handeln gesehen. In dieser Phase seinen eigenen Grundsetzen treu zu bleiben und zusehen zu müssen, wie Deals verloren gegangen sind, weil andere bereit waren, mehr zu zahlen, war auch nicht immer einfach. Letztendlich hat sich diese Disziplin aber als richtig herausgestellt.
2023 gelten die meisten Naturgesetze wieder, und an die Stelle so mancher Absurdität wie negativer Einlagezinsen ist wieder Normalität getreten.
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