Accenture: Exklusiv-Interview zum Führungswechsel

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
10 min
Artikelbild
 © WOLFGANG WOLAK

Michael Zettel (links) übergibt an Christian Winkelhofer.

©WOLFGANG WOLAK
  1. home
  2. Aktuell
  3. Unternehmen

Nach zehn Jahren an der Spitze von Accenture Österreich übergibt Michael Zettel Anfang Juni an Christian Winkelhofer. Ein Doppelgespräch über KI als Chefsache, den Digitalstandort Österreich - und über die Latein-Frage.

trend: Ihr erstes trend-Interview im Jahr 2016, Herr Zettel, trug den Titel „Zu wenig Arbeit wird es nicht geben“. Es ging um die Frage, ob die Digitalisierung unsere Jobs killt. Heute diskutieren wir diese Frage unter dem Vorzeichen der KI. Lautet die Antwort heute anders?

Michael Zettel: Unsere empirische Evidenz zeigt, dass ein höherer digitaler Reifegrad zu mehr Umsatzwachstum führt. Mit KI wird sich aber auch die Art der Arbeit dramatisch verändern. Wir sind bis heute in Konzepten verhaftet, wo wir im Prinzip 150 Jahre alte Konzepte der analogen Arbeit digital abbilden – etwa Dateisysteme, in die wir Dateien einordnen. Durch KI wird das überflüssig. Ich bin grundsätzlich optimistisch gestimmt, dass uns weiterhin genug Arbeit zur Verfügung stehen wird. Sie wird nur anders erfolgen. Mit der nächsten Welle der Robotik kann sich diese Hypothese noch einmal ändern, was in der Massenanwendung erst in drei bis fünf Jahren relevant wird.

trend: Was passiert dann?

Zettel: Ich war im Jänner auf der CES in Las Vegas. Dort waren humanoide Roboter das Hauptthema. Ein Großteil der manuellen menschlichen Tätigkeiten wird in Zukunft tatsächlich von Robotern durchgeführt werden können. Elon Musk erwartet, dass es künftig mehr Roboter als Menschen geben wird. Was natürlich in der Auswirkung noch einmal ganz andere Dimensionen hat als das, was wir mit KI sehen.

Christian Winkelhofer: KI ist zweifellos die größte Veränderung seit 50 Jahren. Sie ist logischerweise inzwischen Chefsache, weil sie zu einer Gesamttransformation der Unternehmen führen wird. Das bietet die Chance, den Wandel zu gestalten. Es geht nicht primär darum, Einsparungen zu erzielen oder Effizienzgewinne zu heben. Es geht darum, Wachstumspotenziale zu heben.

trend: Wissen auch schon alle Chefs, dass dieses Thema Chefsache sein sollte?

Zettel: Das Bewusstsein über die Wirkmacht der Technologie, der digitalen Transformation und insbesondere von KI ist da. Wo es noch mehr zu tun gilt: Wie skaliert man künstliche Intelligenz im Unternehmen? Diese Frage geht bisher nur eine Handvoll der Großunternehmen wirklich beherzt an.

Winkelhofer: Die technische Entwicklung schreitet so rasant voran, dass sich das technisch Mögliche jeden Tag ändert. Das heißt, die Kluft zwischen dem, wo wir heute stehen, und dem, was möglich ist, wird größer über die Zeit. Wir sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer Disruption in Zeitraffer. Wir sehen im internationalen Vergleich, dass wir da nicht hinten nachstehen. Wenn wir jetzt mutig vorangehen und diesen Wandel gestalten, indem wir die Technologien nutzen, dann werden wir auch entsprechend einen Wettbewerbsvorteil gewinnen.

trend: Wie wirkt sich KI auf Ihre eigene Branche, die der Berater, aus?

Winkelhofer: Die Stückkosten sinken, der Output steigt, daher werden technisch wie fachlich Themenstellungen bearbeitbar, die in der Vergangenheit nicht möglich gewesen sind.

Der Beschäftigtenstand von Accenture weltweit verringerte sich 2025 innerhalb weniger Monate um 11.000. Erklärt wurde das mit einem KI-Shift. Wird es so weiter gehen?

Zettel: Es ist die Pflicht jedes Dienstleistungsunternehmens, dynamisch Angebot und Nachfrage anzupassen, sprich auch den Personalstand an die Nachfrage anzupassen. Generell gehen wir davon aus, dass in Zukunft Umsatzwachstum und Personalwachstum nicht mehr eins zu eins gekoppelt sein werden.

trend: In Österreich haben Sie sich in den letzten zehn Jahren vervierfacht. Das wird in den nächsten zehn Jahren wohl nicht mehr gehen, Herr Winkelhofer?

Winkelhofer: Eine Verdoppelung kann ein schönes Ziel sein. Das Thema der technologischen Entwicklung wird für die Unternehmen weiter relevant sein und ein bestimmender Wettbewerbsfaktor bleiben. Unser Ziel ist, dass wir weiter ein klares Bekenntnis zum Standort in Österreich haben und auch eine klare Wachstumsstrategie sehen.

trend: Eine Verdopplung nur beim Umsatz oder auch beim Personal, Stichwort Entkoppelung?

Winkelhofer: Von mir aus gerne beides. Die Wiener Börse, wo Accenture Österreich seinen Sitz hat, hat noch einige Räumlichkeiten, die nicht von uns belegt werden. Da gibt es schon noch Raum, zu wachsen …

trend: Wer ist in Österreich bei KI weiter voran: privat oder Staat?

Zettel: Wir haben sowohl im öffentlichen Sektor als auch in der Privatwirtschaft herausragende Beispiele für den Einsatz von KI. Wir sind etwa sehr stolz auf unsere Zusammenarbeit mit den Wiener Stadtwerken und Wien Energie, die bei dem Thema wirklich innovativ vorangehen. Aber auch in der Privatwirtschaft gibt es KI-Exzellenz.

trend: Dennoch scheint KI wie die Tech-Wellen davor wieder von den USA und China beherrscht zu werden. Wie soll sich Europa positionieren?

Zettel: Ich habe eine sehr klare Sicht dazu. Der Einsatz von KI bedingt nicht nur die Algorithmen. Es geht um eine Kombination aus Fachwissen, Daten und Algorithmen. Mit dieser Kombination könnte Europa Industrie-KI-Weltmarktführer sein. Dafür müssen wir aber beherzt Schritte in die richtige Richtung gehen.

trend: Welche Schritte in welche Richtung?

Zettel: Rechtssicherheit schaffen und die Stärke der Standardisierung nutzen zum Beispiel. Die Notwendigkeit, zu standardisieren, ergab sich bei uns durch die europäische Vielfalt immer stärker. Das könnte uns in der Industrie nun helfen, um das Datenthema auf die nächste Ebene zu bringen.

Winkelhofer: Die Uni Linz hat gezeigt, dass wir in gewissen Segmenten KI-Weltmarktführer sind. Da gibt es spezifische Anwendungsfälle wie zum Beispiel die Verarbeitung von Maschinendaten, wo wir voran sind. Auch im Quantencomputing hat Österreich sehr starke Kompetenzen, sie können definitiv einen Unterschied machen in der industriellen Anwendung.

Zettel: Zwei konkrete Beispiele. Siemens kann in zehn Jahren der Weltmarktführer für den Produktionseinsatz in der KI sein. Das Unternehmen hat definitiv die Zeichen der Zeit erkannt und sich selbst ein breites Ökosystem im KI-Bereich aufgebaut, wie zum Beispiel die Partnerschaft mit Nvidia zeigt. Oder Andritz kann der Weltmarktführer für KI-Maschinenbau werden.

trend: Hatten Sie Latein in der Schule?

Zettel: Meine Lieblingsfrage. Ja, ich hatte sechs Jahre Latein. Die Diskussion geht leider wieder einmal am Thema vorbei, weil es sicher nicht die entscheidende Frage für unser Bildungssystem ist, wie viel Latein versus wie viel digitale Bildung wir haben. Eine sehr viel dringlichere Aufgabe ist, dass wir das Thema digitale Bildung auch im Erwachsenenbereich zeitnah adressieren und wegkommen von dem Denken, dass man nach Schule oder Studium die Ausbildung abgeschlossen hat. Wir sind Freunde der humanistischen Grundausbildung, und ich bin auch überzeugt, dass die in Zukunft relevant sein wird.

trend: Staatssekretär Pröll hat das Thema „digitale Souveränität“ getrommelt, Stichwort europäische Cloud. Geht das in die richtige Richtung?

Zettel: Fakt ist, das Thema ist in den Vorständen angekommen. Jeder Aufsichtsrat stellt heute die Frage, was tust du hinsichtlich der digitalen Souveränität? Und jeder Vorstand muss in der Lage sein, darauf eine Antwort zu geben. Grundsätzlich befürworten wir den Weg der Unabhängigkeit und Souveränität, wobei man zwei Dinge anmerken muss. Es ist jedenfalls mit Mehrkosten verbunden. Und es darf nicht dazu führen, dass wir uns deshalb den Zugang zu Weltklassetechnologien versperren.

Winkelhofer: Der erste Schritt: klar definieren, in welchem Bereich ich welchen Grad der Souveränität brauche. Und dann kann ich mir auch Konzepte überlegen, wie ich das erreiche. Es gilt, stets die richtige Technologie in den richtigen Bereichen einzusetzen.

trend: Was ist im Europa-Board künftig Ihre Challenge, Herr Zettel?

Zettel: Unsere Hauptthema ist die Neuerfindung des Geschäfts durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz. Wir müssen wegkommen von inkrementellen Verbesserungen von über Jahrzehnte gewachsenen Systemen, Rechtsgrundlagen oder Prozessen hin zu einem Neudenken. Und das ist der Schritt, das ist die große Aufgabe, vor der global alle Unternehmen stehen

Zu den Personen

Das Interview ist in der trend.EDITION vom 20. März 2026 erschienen.

Über die Autoren

Logo
trend. Abo

Holen Sie sich trend. jetzt im bequemen Jahresabo!