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Lernen von den Besten: Austrian Cooperative Research

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INNOVATIONS-VERBINDUNG. Blick von der Christus-Statue Richtung Lissabon, links die Brücke des 25. April, „Portugals Golden Gate Bridge“.

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Wo KMU in Europa die BESTEN BEDINGUNGEN vorfinden, um zu innovieren – und was sich Österreich davon abschauen kann.

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Das Wort „Desenrascar“ ist einer jener portugiesischen Begriffe, die schwer in andere Sprachen übersetzbar sind, aber in Österreich sogar eine ziemlich genaue Entsprechung haben: „Durchwurschtln.“ Mit dem sehr speziellen Wort bezeichnet man die sehr spezielle Eigenschaft der Portugiesen, trotz widriger Umstände das Beste aus genau diesen Umständen zu machen.

Seit der Finanz- und Staatsschuldenkrise 2011 hat das Land im Südwesten Europas an allen Ecken und Enden gespart – zur Freude der Budgethüter, zum Leidwesen derjenigen, die von öffentlichen Mitteln abhängig sind, zum Beispiel Forscher.

Marta Fajardo etwa schwebt zwar als Fan von Sporting Lissabon derzeit im siebten Himmel, weil ihre Mannschaft gerade die portugiesische Fußballmeisterschaft gewonnen hat. Nicht ganz so begeistert ist die quirlige Plasmaphysik-Professorin an der technischen Hochschule Tecnico Lisboa, die in ihrem winzigen, mit technischen Geräten voll gestopften Labor an ultraschneller Laser-Bildgebung forscht, jedoch von der Unsicherheit, langfristig Budgetmittel für ihr Institut zu bekommen. Es sei ein permanentes Fahren auf Sicht. Außerdem sei es schwierig, Partner aus der Wirtschaft zu finden: „Wir hätten liebend gern industrielle Kooperationen“, sagt Fajardo, als sie die Laser-Schutzbrille abnimmt. Wieder einmal ist „Desenrascar“ gefragt.

Solche und ähnliche Beobachtungen hat Iris Filzwieser von einem Besuch in Lissabon Anfang Mai mitgebracht. Sie ist Präsidentin des Austrian Cooperative Research (ACR), eines Netzwerks gemeinnütziger privater Forschungsinstitute. Einmal jährlich begibt sich die steirische Unternehmerin mit den ACR-Institutsleitern und Stakeholdern auf eine Studienreise in eine europäische Stadt. In Portugal standen Besuche in der Wissenschaft-und-Technik-Fakultät (FCT) der Nova-Uni, im angrenzenden Science Park Madan Parque und in der Tecnico Lisboa auf dem Programm. Bemerkt hat Filzwieser die allgegenwärtige „Handschrift eines Sparkurses“, wie sie rekapituliert: Dieser Kurs färbt unweigerlich auf das Innovationssystem ab.

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FORSCHER KURS. Die Plasmaphysikerin Marta Farjado hofft in ihrem winzigen Labor an der Tecnico Lisboa auf Budgetsicherheit.

© Bernhard Ecker

Big is beautiful

Lissabon, die Hauptstadt Portugals, wurde 2023 zur Innovationshauptstadt Europas gekürt. Portugal ist das Land mit der höchsten KMU-Dichte Westeuropas. In der Forschung sind es aber vor allem aber die großen Unternehmen, die Universitäten und die schnelleren, auch finanziell beweglicheren Start-ups, die den Ton angeben. „Österreichische KMU sind im Vergleich stärker aufgestellt und vernetzen sich im Forschungsbereich auch besser“, sagt Esther Maca, österreichische Wirtschaftsdelegierte in Portugal. Im Innovation Scoreboard der EU, dem bekanntesten Innovationsranking, gilt das Land als „moderater Innovator“ und liegt klar hinter Österreich, das ein „starker Innovator“ ist.

Also dienen solche Studienreisen eher dazu, zu lernen, wie man es besser nicht macht? Die ACR-Truppe hat in vielen Jahren eine Reihe von Erkenntnissen gewonnen, die man auch in Österreich beherzigen kann.

Spirit, Idee, Markt

Zunächst einmal braucht es Innovations-Spirit. Kann man aber jemandem Forschergeist durch Förderungen einhauchen?

Das Land, das die Studienreisenden in Sachen Mindset bisher am meisten überzeugt hat, ist Israel. Dort gibt es allerdings ein aus der spezifischen Geschichte des Landes stammendes Zusammenspiel aus Autonomie- und Selbstverteidigungswillen, aus offensivem Zug zum Business-Tor und großen ebenso wie kleinen Hightech-Unternehmen. Das ist bei uns nicht eins zu eins kopierbar.

Was man hingegen staatlich ankurbeln kann, ist die Begeisterung für und die Akzeptanz von Wissenschaft. Erkenntnis aus Portugal: In der Covid-19-Pandemie war das Land Impfeuropameister – das ist zum Teil auch auf das 1998 gestartete Programm „Ciência Viva“, übersetzt „lebendige Wissenschaft“, zurückzuführen.

Damit wurde ein enger Austausch zwischen Universitäten, praktischer Forschung, Schulen und der Bevölkerung initiiert, auch mit Hilfe so genannter „Science-Centers“. Auf diese Weise „ist die Bevölkerung mit der Wissenschaft vernetzt und vor allem bei Kindern die wissenschaftliche Neugier geweckt worden“, sagt Henrietta Egerth, Geschäftsführerin der Forschungsförderungsgesellschaft FFG.

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Selbstkühlende Bieretiketten im CoLab AlmaScience.

© FCT

Zur gelungenen Kommunikation gehört auch, Forschungsleistungen von KMU sichtbar zu machen – auf diese Weise kann man auch andere Unternehmen auf neue Ideen bringen. In Österreich ist mit dem Houska-Preis der B&C-Stiftung, der eine eigene KMU-Kategorie auszeichnet, und den ACR-Forschungspreisen zumindest ein Anfang gemacht. In der Breite gibt es allerdings noch Verbesserungspotenzial.

Wo liegt die Schwelle für KMU, um an hochklassige, anwendungsorientierte Forschung zu kommen, am niedrigsten? Portugal hat mit den so genannten Co-Labs einiges zu bieten. Von diesen „kollaborativen Laboratorien“ gibt es über 40 mit Schwerpunkten von Lebensmittel- bis Holzverarbeitung.

Im Alma Science Lab im Madan Parque gibt es etwa ein Laboratorium namens „Beyond Paper“, in dem intelligente Papiere vom Einzelhandelsregal bis zur Bieretikette mit Kühlfunktion erforscht werden – im Auftrag von Unternehmen. Von der Art und Weise, wie schnell und unbürokratisch hier Wirtschaft und Wissenschaft zusammen geführt werden, könne man sich noch einiges abschauen, so das Fazit vieler ACR-Reisenden.

Vorbild Niederlande

Komplexer ist die Frage des Gesamtsystems. Wo greifen die Zahnräder – Förderagenturen, Ministerien, forschende Unternehmen, Universitäten – am besten ineinander, um die größte Wirkung für Unternehmen zu entfalten?

Die Niederlande, Ziel der ACR-Reise 2023, haben in dieser Hinsicht fast alle Teilnehmer überzeugt. Dort setzen sich – vereinfacht gesagt – alle großen Player des Systems regelmäßig an einen Tisch zusammen und formulieren Forschungsstrategie und -themen gemeinsam. „Das ist sicher eine der großen Stärken des niederländischen Systems“, sagt ACR-Geschäftsführerin Sonja Sheikh.

Aus Norwegen wiederum stammt die Idee, forschenden Instituten stärker bei der Internationalisierung zu helfen und damit im Kielwasser die KMU nachzuziehen – oft sind Firmen innovationsbereit, aber auch in derart speziellen Nischen tätig, dass sie sowohl in der Entwicklung als auch in der Markterschließung Partner brauchen. Eine eben fertig gestellte Studie von KMU Forschung Austria im Auftrag der ACR kommt zum Schluss, dass auch in Österreich eine entsprechende Förderung dazu beitragen könnte, die Beteiligung an EU-Programmen zu erhöhen.

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KOOPERATION. ACR-Präsidentin Iris Filzwieser hat in Portugal trotz der „Handschrift eines Sparkurses“ viel Offenheit gesehen.

© FCT

Einer der allerwichtigsten Faktoren ist laut ACR-Präsidentin Filzwieser jedoch ein mentaler: der Wille zur Zusammenarbeit. In dieser Hinsicht sei Portugal eine Offenbarung. Nirgendwo, sagt sie, sei das Interesse am Gegenüber bisher so groß gewesen. Das ist vielleicht auch ein Resultat der knappen Mittel.

Und auch „Desenrascar“ ist in kargen Zeiten durchaus von Wert. Wer in der praktischen Wirtschaftswelt lebt wie Filzwieser, weiß, dass die Budgets für Innovation in den nächsten Jahren nicht in den Himmel wachsen werden. „Nur traut sich das niemand zu sagen“, merkt sie kritisch an. „Durchwurschteln“ könnte folglich von einer viel geschmähten Eigenschaft zur Tugend werden.

Der Artikel ist trend. PREMIUM vom 24. Mai 2024 entnommen.
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