So funktionieren Startups: Ideen, die zu Unternehmen werden [Ratgeber]

Neue Technologien, kreative und innovative Ideen und revolutionäre Geschäftsmodelle haben eine blühende Start-up-Kultur entstehen lassen, aus der teils milliardenschwere Unternehmen gewachsen sind. Wie kleine Ideen zu Start-ups und großen Unternehmen werden.

Thema: Startups
So funktionieren Startups: Ideen, die zu Unternehmen werden [Ratgeber]

Artikel-Inhaltsverzeichnis

  1. Ideen mit Skalen-Effekt
  2. Unicorns: Start-ups mit Milliarden-Bewertungen
  3. Das Start-up-Business
  4. Start-ups und ScaleUps
  5. Ein Start-up gründen
  6. Das Start-up-Team
  7. Der Businessplan
  8. Bootstrap-Finanzierung
  9. Investoren und Finanzierungsrunden
  10. Bewertung und Methoden

Das Internet ist voll von Irrtümern und falschen Aussagen. Eine davon ist, dass Charles Holland Duell, Kommissar des US-Patentamts Ende Jahr 1899 in einer Vorschau auf das 20. Jahrhundert erklärt haben soll:


Es gibt nichts Neues mehr. Alles was erfunden werden kann wurde erfunden.

Duell würde sich vermutlich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, was ihm angedichtet wird. Richtig ist vielmehr, dass Duell das anbrechende 20. Jahrhundert als eine Zeit großer Veränderungen antizipiert hat und erwartungsvoll in die Zukunft blickte.

So ist etwa belegt, dass er 1902 erklärte:

"Alle bisherigen Fortschritte und Innovationen werden komplett unbedeutend sein, wenn man sie mit denen vergleicht, die es in diesem Jahrhundert geben wird. Ich wünschte beinahe, dass ich mein Leben nochmals leben könnte, um die Wunder zu sehen, an deren Schwelle wir stehen."

Was würde der 1920 verstorbene Duell wohl dafür geben, 100 Jahre später wieder geboren worden zu sein? In einer Welt, der Smartphones, des mobilen Internets, Navigationssysteme, Sprach- und Gestensteuerung, selbstfahrender Autos und kommerzieller Weltraumflüge? In einer Welt, in der super-innovative Start-ups mit unkonventionellen und kreativen Ansätzen alljährlich mehr bahnbrechende Innovationen hervorbringen als es Zeit seines Lebens gab?


Ideen mit Skalen-Effekt

Eine richtig zündende, einzigartige und neue Idee steht dabei am Anfang einer jeden Success-Story der internationalen Start-up-Welt. Eine Idee, die einen nicht mehr loslässt und die – wenn man sie vorsichtig im Freundes- und Familienkreis abprüft – auch dort Interesse erregt.

„80, vielleicht 90 Prozent aller Start-ups entstehen aus einer Situation, dass jemand oder eine Hand voll Leute ein persönliches Bedürfnis haben. Und dann anstehen, weil es niemand gibt, der das anbietet oder macht, was sie brauchen“, weiß der mehrfache Start-up-Gründer und Business Angel Paul Beyer-Klinkosch: "Das Vorfühlen im engsten Umfeld zeigt einem dann, dass eine Idee vielleicht doch nicht so blöd ist und es noch mehr Menschen geben könnte, die sich dafür interessieren."

Bayer-Klinkosch, der aktuell an dem Projekt "Schubu", einem elektronischen und interaktiven Schulbuch, arbeitet, weiß, wovon er spricht. Im Dezember 1999, als selbst der heutige Internet-Gigant Google eine erst zwei Jahre alte, simple Web-Suchmaschine war, hat er mit seinen Freunden und Studienkollegen der FH Salzburg – darunter die nunmehr in der österreichischen Start-up-Szene so fix verankerten Investoren Markus Wagner (i5invest)und Oliver Holle (Speedinvest) – sein erstes Unternehmen, wap.at, gegründet.

Österreichische Startup-Pioniere: Paul Beyer-Klinkosch, Markus Wagner und Oliver Holle (von links)

Österreichische Startup-Pioniere: Paul Beyer-Klinkosch, Markus Wagner und Oliver Holle (von links)

Die Ausgangslage damals noch ganz anders als heute vorstellbar. Handyhersteller brachten die ersten Modelle in den Handel, die eine mobile Datenübertragung ermöglichten und Mobilfunkbetreiber erkannten das mobile Internet als großen Hoffnungs- und Zukunftsmarkt. Dort herrschte jedoch noch gähnende Leere. Es gab kaum Widgets oder Dienste, geschweige denn Websites oder Apps, die auf den kleinen, pixeligen Monochrom-Displays darstellbar gewesen wären.

„Wir haben damals beim Handynetzbetreiber max.mobil in der Produktentwicklung gearbeitet und niemand gefunden, der Anwendungen programmiert hätte“, erinnert sich Beyer-Klinkosch, „es gab keine kleinen Software-Buden, die schnell etwas entwickelt hätten. Nur Unternehmen wie Siemens oder Alcatel, die auf das Programmieren großer Lösungen spezialisiert waren, mindestens ein halbes Jahr Vorlaufzeit hatten und deren Leistung für den Zweck und die erwarteten Kundenzahlen viel zu teuer gewesen wäre. Also haben wir eben beschlossen, es selbst zu machen.“

Die Idee ging auf. Netzbetreiber rissen sich darum, ihren Kunden die Mini-Programme anbieten zu können und Erotik-Spielchen brachten die Start-up-Pioniere auf die Erfolgsstraße. Ihre pixeligen Erotik-Bildchen waren am Handy-Display schnell die Nummer eins. Bereits im ersten Geschäftsjahr konnte das Unternehmen schwarze Zahlen zu schreiben und 2006 legten Beyer und seine Compagnons einen der ersten großen Exits der österreichischen Start-up-Szene hin. Ihr gemeinsames Unternehmen 3united wurde um 60 Millionen Dollar an den US-Konzern VeriSign verkauft.


Milliardenschwere Unicorns: Die Zeit der Einhörner

60 Millionen Dollar sind viel Geld, aber fernab von den enormen Summen, die seither weltweit in Start-ups investiert wurden, die Gründer bei Exits kassiert haben oder die den Börsenwert der zu globalen Konzernen herangewachsenen Start-ups markieren.

  • Facebook ging im Februar 2004 erstmals online, 2012 an die Börse und hatte Ende 2021 einen Börsenwert von rund 930 Milliarden US-Dollar.
  • Das 2006 gestartete Spotify hatte ebenfalls Ende 2021 einen Börsenwert rund 45 Milliarden Dollar.
  • Airbnb gibt es erst seit 2008 und war Ende 2021 an der Börse ca. 106 Milliarden Dollar wert.
  • Instagram ist 2010 gestartet – um zwei Jahre darauf um eine Milliarde Dollar von Facebook übernommen zu werden. Zu einem Zeitpunkt, als Instagram gerade erst zwölf Mitarbeiter und noch kein Ertragsmodell hatte.

Die Liste der Giganten im Start-up-Universum ist lang. Zum Jahresbeginn 2022 hat das Marktbeobachtungs-Unternehmen CB Insights weltweit 963 Start-ups mit einem Wert von mindestens einer Milliarde US-Dollar, die noch nicht an einer Börse notiert sind – sogenannte „Unicorns“ gezählt. Darunter sind auch zwei österreichische Start-ups, Bitpanda und GoStudent, die mit 4,11 und 3,5 Milliarden US-Dollar taxiert wurden. In Summe wurden die 963 Unicorns mit 3.140 Milliarden US-Dollar bewertet.

Die 10 wertvollsten Unicorns

Die wertvollsten Unicorns der Welt zum Jahresbeginn 2022 laut CB Insights.

Rang Unternehmen / Website Gründungsjahr Bewertung (Mrd. $) Unicorn-Status seit Hauptsitz Haupt-Geschäftsfeld Investoren (Auswahl)
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Die aktuelle Liste aller Unicorns mit weiteren Details zu den Unternehmen finden Sie hier.


Das Start-up-Business

Kein Wunder, dass es angesichts dieser Erfolgsgeschichten unter den Jüngeren ein immer häufiger erklärtes Ziel ist, selbst ein Start-up zu gründen, eigene Ideen zum Leben zu erwecken und als Unternehmer erfolgreich zu sein.

Durch die Corona-Pandemie wurde die Lust ein eigenes Unternehmen zu gründen allerdings etwas gebremst. Das belegt der Global Entrepreneurship Monitor, für den seit 1999 jährlich in über 50 Ländern Daten zur Gründungsaktivität und Gründungseinstellung erhoben werden. Dem jüngsten GEM-Report für die Jahre 2020 und 2021 zufolge ist die Total early-stage Entrepreneurial Activity (TEA) im Jahr 2020 auf 4,8 % gesunken. Damit sind die Gründungszahlen etwa auf dem Niveau von 2018 (5,0 %) zurückgefallen. 2019 war die TEA-Quote mit 7,6 % noch historisch hoch.

Auffallend ist auch, dass die Bereitschaft selbst ein Unternehmen zu gründen in Österreich im internationalen Vergleich deutlich hinterher hinkt. Sie liegt bei unter 5 Prozent und damit am untersten Ende der Skala (siehe Grafik).

Dennoch: Auch Österreichs Start-up-Szene wird langsam erwachsen. Laut Austrian Start-up Monitor 2020 wurden hierzulande seit dem Jahr 2009 mehr als 2.600 Start-ups gegründet, die Hälfte davon in Wien, womit die Wien zu einem europaweit bedeutenden Start-up-Hub herangewachsen ist.

Start-ups sind auch keine reine Männerdomäne. 5.700 Gründern stehen 1.300 Gründerinnen gegenüber, was einer Frauenquote von über 18 % entspricht. Mehr als ein Drittel (35 %) aller heimischen Start-ups hat zumindest eine Frau im Gründungsteam. Jedes Start-up hat im Schnitt 9,6 Mitarbeiter, womit der österreichische Start-up-Sektor bereits über 20.000 Beschäftigte stark ist.

Und die jungen Unternehmen sind dabei weiter auf Wachstumskurs: neun von zehn Start-ups wollen binnen Jahresfrist weitere Mitarbeiter anstellen. In Summe will der Sektor 10.000 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Mehr als 90 % der österreichischen Start-ups erzielen bereits Umsätze im Ausland oder planen, in naher Zukunft auf internationalen Märkten aktiv zu werden. Jedes fünfte Start-up erwirtschaftet bereits Gewinn.


Start-ups und ScaleUps

Nicht jedes neu gegründete Unternehmen gilt automatisch als Start-up, obwohl sich viele Gründer dieses mittlerweile schicke Mäntelchen gerne umhängen: Als Start-ups zählen per Definition eigentlich nur Unternehmen mit schnell und hoch skalierbaren Geschäftsmodellen und hohen Wachstumspotenzialen, die durch den innovativen Einsatz neuer Technologien ermöglicht werden.

Die Modellvorlage, nach der dieses Wachstum im besten Fall funktionieren soll, ist der berüchtigte Eishockeyschläger, der Hockey-Stick: In der Anfangsphase verläuft das Wachstum recht langsam und kurzfristig sind sogar Rückschläge möglich, danach wird allerdings ein steiler, nahezu geradliniger Anstieg erhofft – je nach Geschäftsmodell bei Umsatz, Gewinn, Downloads oder Visits.

Der Europäische Start-up-Monitor wertet außerdem nur Unternehmen als Start-ups, die innovativ arbeiten, ein signifikantes Umsatz- oder Beschäftigungswachstum aufweisen und jünger als zehn Jahre alt sind.

Wenn die Companies bestimmte kritische Größen erreicht oder überschritten, also bereits die ersten Wachstums- und Skalierungsschritte hinter sich haben, gelten sie als ScaleUps. In der Österreichischen Wirtschaftskammer werden ScaleUps als Unternehmen mit mehr als zehn Mitarbeitern und mit einem Wachstum - bei der Mitarbeiterzahl oder den Umsätzen - in zumindest drei aufeinanderfolgenden Jahren bezeichnet. Streng genommen wäre damit im Grunde auch kein einziges Unicorn mehr ein echtes Start-up.


Ein Start-up gründen

Auf die Initialzündung – der Businessidee und dem zumeist noch im kleinen Kreis erfolgten Beschluss, selbst ein Unternehmen zu gründen – folgen dann zunächst einmal die Mühen der Bürokratie. 6 Schritte gilt es dabei zu setzen.

1. Die Rechtsform wählen

Wer ein Unternehmen gründet, sollte sich für die optimale Rechtsform entscheiden. Zur Wahl stehen dabei etwa Einzelunternehmen, KG, OG, GmbH oder AG. Entscheidende Parameter sind dabei die Höhe des Gewinns, die Haftung und die Versteuerung.

Die TPA Steuerberatung hat ein Online-Tool entwickelt das anhand von Basisdaten wie Umsatz, Einkauf, Betriebskosten, Investitionen und Gehalt errechnet, welche Gesellschaftsform für ein Start-up steuerlich am günstigsten ist (siehe Abbildung). Den Rechtsformrechner finden Sie hier.

2. Das Gewerbe anmelden

Österreich und seine berühmt-berüchtigte Bürokratie: Nicht jeder kann einfach nach Lust und Laune ein Unternehmen gründen und drauflos arbeiten. In vielen Fällen ist es erforderlich, ein Gewerbe anzumelden und oft ist dafür auch eine Gewerbeberechtigung nötig. Eine Tätigkeit, die der Gewerbeordnung unterliegt, kann erst dann selbstständig ausgeübt werden, wenn das Gewerbe bei der zuständigen Behörde angemeldet worden ist. Verstöße werden mit empfindlichen Strafen belegt. Das mussten selbst Unicorns wie Uber oder Airbnb zähneknirschend akzeptieren.

Die Gewerbeanmeldung ist auch online über das GISA Gewerbeinformationssystem Austria möglich.

3. Eintragung in das Firmenbuch

Sobald Einzelunternehmer der Pflicht zur Rechnungslegung unterliegen, müssen sie sich in das Firmenbuch eintragen lassen. Eine GmbH entsteht überhaupt mit ihrer Eintragung ins Firmenbuch. Den Antrag auf Eintragung muss über das zuständige Firmenbuchgericht gestellt werden.

4. Betriebsanmeldung

Binnen eines Monats nach der Gründung oder der Gewerbeanmeldung muss die Betriebseröffnung beim zuständigen Betriebs- oder Wohnsitz-Finanzamt angezeigt werden. Die entsprechenden Formulare finden Sie online auf der Website des Finanzministeriums:

Der Betriebseröffnungsbogen sollte sorgfältig ausgefüllt werden, denn er enthält einige Fragen, von deren Beantwortung die Höhe der Vorauszahlungen an Steuern bzw. ganz grundsätzlich die Einhebung von gewissen Steuern abhängt.

So müssen etwa die Einkünfte (der Gewinn) der ersten beiden Jahre geschätzt werden. Die Schätzung wird verwendet, um die quartalsweisen Einkommens- bzw. Körperschaftsteuervorauszahlungen festzusetzen. Eine hohe Gewinnschätzung führt zu einer hohen Vorauszahlung, eine zu niedrige zu einer hohen Nachzahlung in den Folgejahren. Die Umsatzschätzung wird verwendet um festzustellen, ob die Kleinunternehmerbefreiung zur Anwendung kommt (bis zu einem Umsatz von EUR 35.000,-).

Ist dieser Schritt erledigt, wird die Steuer- und UID Nummer Ihres Unternehmens zugeteilt.

5. Meldung bei der Sozialversicherung

Als Start-Up Einzelunternehmer oder unter gewissen Bedingungen auch als Gesellschafter-Geschäftsführer sind Sie bei der Sozialversicherung der Selbständigen – SVS pflichtversichert. Die SVS wird automatisch von der Gewerbebehörde über Ihre Unternehmensgründung verständigt.

6. Registrierung bei FinanzOnline

Steuererklärungen, Umsatzsteuervoranmeldungen – UVAs und viele andere Anträge können am einfachsten über das FinanzOnline, dem Internetportal der österreichischen Finanzverwaltung erledigt werden. Unternehmer und Start-Up Gründer sind zur Teilnahme an der elektronischen Zustellung verpflichtet. Ausgenommen sind nur Unternehmen, die wegen Unterschreiten der Umsatzgrenze nicht zur Abgabe von Umsatzsteuervoranmeldungen – UVAs verpflichtet sind, deren jährlicher Umsatz also unter 35.000 Euro liegt.


Smells like Team Spirit

So wertvoll geniale Ideen auch sind - sie stehen und fallen mit dem Team, das sich daran macht, diese in Prototypen und Produkte zu übersetzen. Ein Start-up kann höchstens in den ersten Atemzügen eine One-Man-Show sein. Auch drei Software-Entwickler, die beschließen gemeinsame Sache zu machen sind zum Scheitern verurteilt. In einem Gründerteam müssen daher alle erforderlichen unternehmerischen Kernkompetenzen abgebildet sein, die technischen ebenso wie die wirtschaftlichen, das Marketing und der Verkauf.

Und dann müssen alle im Team bereit sein, in den Jahren nach der Gründung des Start-ups ihr Leben praktisch einzig und alleine dem Unternehmen und dem Businessplan zu widmen. "Vier bis fünf Jahre Blut, Schweiß und Tränen. Eine Zeit, in der Freunde und Familien komplett vernachlässigt werden und während der es auch im Team immer wieder schwere Zerwürfnisse gibt. Das muss man aushalten. Die Dynamik in einer Gruppe ist extrem relevant", meint Beyer-Klinkosch.

Für Business-Angels und Investoren wie dem in der österreichischen Start-up-Szene so präsenten und über seine "Hansmen-Group" an gut zwei Dutzend österreichischen Start-ups beteiligten Johann "Hansi" Hansmann ist daher auch das Team der entscheidende Faktor und noch wichtiger als die eigentliche Idee oder das Geschäftsmodell.

Investor und Business Angel Hansi Hansmann

Business Angel Hansi Hansmann: "Das Team entscheidet."

"Die Gründer müssen gut zusammenhalten, in schwierigen, arbeitsreichen, stressigen Zeiten, und das einige Jahre lang. Eine durchschnittliche Idee und ein sehr gutes Gründerteam funktionieren eher als ein toller Plan und „nur“ gute Gründer. Wenn mir Gründer nicht sympathisch waren, habe ich auch nie investiert. Und es muss eine klare Leaderin oder einen klaren Leader geben. In ein Team von drei Technikern ohne Business- oder Marketingkompetenz investiere ich zum Beispiel nicht."

In welcher Branche ein Start-up arbeitet ist für Hansmann dabei nebensächlich. "Ich war immer branchenagnostisch", erklärt er im trend-Interview, "habe in alles investiert, sobald die zwei Grundgegebenheiten vorhanden waren: ein sehr gutes Gründerteam und ein Marktpotenzial, das groß genug war. Für mich war immer wichtig: Ich muss das Geschäftsmodell mit meinem Hausverstand verstehen."

Was für Hansmann gilt, das gilt auch für andere Investoren: In eine One-Man-Show investieren sie grundsätzlich nicht. Die erste Aufgabe für einen Start-up-Gründer oder eine Gründerin muss daher sein, die richtigen Mitstreiter zu finden. Oft stehen Gründer allerdings vor dem Problem, dass sie noch kein eigenes Netzwerk aufgebaut haben, das sie bei der Suche unterstützen kann. Und um am freien Markt zum Beispiel einen kompetenten Marketing-Mensch engagieren zu können fehlen ihnen die Mittel. Business Angels oder Start-up Hubs können auch dabei Unterstützung bieten, mitunter auch ohne der Bedingung dass die Gründer dafür gleich Unternehmensanteile abgeben.


Der Businessplan, die Mutter aller Dinge

Sobald sich ein Gründerteam gefunden hat, geht es an die Arbeit und im ersten Schritt daran, einen Businessplan zu erstellen, eine Art Master-Thesis des Unternehmens, in der die Eckpfeiler des künftigen Unterfangens festgelegt sind:

  • Was ist die Geschäftsidee und was will man damit erreichen?
  • Welche Produkte oder Dienstleistungen sollen angeboten werden?
  • Welches Marktpotenzial gibt es dafür?
  • Wie soll dieses Marktpotenzial erreicht und ausgeschöpft werden?
  • Wie soll sich das Unternehmen entwickeln?
  • Wer steht hinter dem Unternehmen?

LINK: ARTIKEL BUSINESSPLAN ERSTELLEN

Bei der Erstellung des Businessplans empfiehlt es sich, besonders sorgfältig zu sein, denn dabei handelt es sich nicht bloß um ein einfaches Papier zur internen Verwendung. Der Businessplan dient besonders auch dafür, um potenzielle Geldgeber von dem Unternehmen und seiner Zukunftsperspektive zu überzeugen und sie dazu zu bringen, das junge Start-up finanziell zu unterstützen, es zu fördern oder sich daran zu beteiligen.

Oft ist das Kapital der Gründer nämlich schneller aufgebraucht als am anderen Ende Geld durch Benutzungsentgelte oder den Verkauf von Produkten oder Dienstleistungen hereinkommt. Bis ein Start-up Cashflow-positiv ist können Jahre vergehen und bis angesichts mitunter sehr hoher Initial-, Entwicklungs-, Marketing- und Vertriebskosten ein Break-even erreicht ist dauert es noch wesentlich länger.

In der Regel durchlaufen Start-ups vier Phasen: Seed-Phase, Start-up-Phase, Wachstumsphase und Reifephase. In den ersten beiden Phasen sind die Finanzflüsse meistens negativ, da zuerst in den Aufbau des Unternehmens investiert werden muss. Zumeist kann erst in der Wachstumsphase mit positiven Cashflows gerechnet werden.


Bootstrap-Finanzierung

Manchen Gründern gelingt es auch, ihr Unternehmen auf Dauer rein aus eigener Tasche, mit Eigenkapital und mit der Unterstützung von Freunden, Familien und Förderstellen sowie mit Hilfe von Bankkrediten zu finanzieren. In dem Fall spricht man von einer "Bootstrap-Finanzierung".

Das Ersparte ist für den Großteil der heimischen Start-ups - 71 Prozent - zumindest das wichtigste Startkapital. Erst danach folgen öffentliche Förderungen und Cashflow-Finanzierungen. Eine geringe Begeisterung gibt es für die Instrumente des Crowdfunding bzw. des Crowdinvesting. Nur acht Prozent aller Start-ups setzen auf eine Finanzierung aus der breiten Masse. (siehe Grafik).

Zentrale und erste Adresse für Start-up-Förderungen in Österreich ist die Austria Wirtschaftsservice GesmbH (aws), die Förderbank des Bundes, die zu 100 Prozent im Eigentum der Republik Österreich steht. Das Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort (BMDW) und das Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) agieren als Eigentümervertreter.

Im Rahmen ihres Seedfinancing-Programms stellt die aws etwa Kapital oder rückzahlbare Zuschüsse für die Gründungsphase oder den Unternehmensaufbau bis sechs Jahre nach der Gründung zur Verfügung.

aws Seedfinancing erklärt von Karl Schiller, aws

LINK: ARTIKEL STARTUP-FÖRDERUNGEN

Damit eine Bootstrap-Finanzierung funktionieren kann muss ein Start-up konsequent darauf ausgerichtet sein, sobald wie nur möglich den Geldfluss in Gang zu bringen und Umsätze zu erwirtschaften. Dabei ist enormer Einsatz gefragt. Nicht nur das Produkt, auch der Verkauf und der Vertrieb müssen aus dem Team heraus in Gang kommen.

7 Tipps für Bootstrapping

Grundsätze für ein erfolgreiches Start-up-Bootstrapping

  1. So schnell wie möglich mit dem operativen Business beginnen.
  2. Auf die ständige Liquidität achten. Es sollte immer Geld in der Kasse sein.
  3. Den Kontakt zu Banken, besonders zur Hausbank als Kreditgeber pflegen.
  4. Versuchen, möglichst schnell die Gewinnschwelle zu erreichen und Cashflow-positiv zu werden.
  5. Den Vertrieb in die eigene Hand nehmen oder automatisieren.
  6. Das Team klein halten, den Teamspirit hoch halten. Beteiligungen sind ein gutes Mittel dafür.
  7. Nicht All-in gehen. Das Wachstum den vorhandenen Ressourcen anpassen.


Investoren und Finanzierungsrunden

Je länger die Bootstrap-Phase durchgehalten werden kann, desto besser ist es für das Gründerteam. So lange können die Gründer nämlich auch kritische Entscheidungen ohne vorherige Abstimmung mit Teilhabern durchziehen und vor allem bleiben sie die Herren und Eigentümer des eigenen Unternehmens. Im Falle eines Exits - eines Verkaufs - bleibt der Erlös alleine bei den Gründern.

Wenn das Geld trotz aller Bemühungen knapp wird ist es an der Zeit, externe Finanziers zu finden. Business Angels, Investoren und Venture Capitalists, die von der Idee, dem Team und dem Unternehmen überzeugt sind und bereit sind, gegen eine Beteiligung an dem Unternehmen Kapital zur Verfügung zu stellen.

Wobei diese Geldgeber dann das Unternehmen und die Businesspläne genau unter die Lupe nehmen und nachrechnen. Ein "Window-Dressing", ein Schönfärben soll vermieden werden.Schließlich gehen sie mit einer Beteiligung auch ein hohes Risiko ein, denn statistisch gesehen wird nur eines von zehn Start-ups richtig erfolgreich und rund 80 Prozent aller Start-ups scheitern innerhalb der ersten drei Jahre. Start-up-Investments gelten daher als extremes Risikokapital, wenngleich der hohen Wahrscheinlichkeit eines finanziellen Ausfalls im Erfolgsfall aber auch eine enorme Rendite gegenüber steht.

Vor einer Entscheidung für ein Investment wird daher in der Regel eine Checkliste abgearbeitet, die in den wesentlichen Punkten erfüllt sein muss. Der wichtigste Punkt ist dabei, wie beschrieben, das Team.

Investoren-Checkliste

8 Punkte, die Investoren vor einer Beteiligung genau prüfen.

  • Team. Ist das Gründer-Team gut und divers aufgestellt? Hat es ausreichend Erfahrung?
  • Produkt. Gibt es einen klaren USP? Einen Marken- oder gar einen Patentschutz?
  • Markt und Mitbewerber. Wie stark ist die Konkurrenz, wie leicht ist es für Mitbewerber, das Angebot zu imitieren?
  • Barrieren. Wie steht es um die Kosten für Forschung und Entwicklung, gibt es einen hohen bürokratischen Aufwand?
  • Potenzial und Skalierbarkeit. Wie groß ist das Erfolgspotenzial des Angebots, wie weit lässt sich das Geschäftsmodell skalieren?
  • Profitabilität. Wie profitabel ist das Geschäftsmodell? Sind Profite und Gewinne zu erwarten, die das Unternehmen lukrativ machen?
  • Nachhaltigkeit. Welche Risiken gibt es? Funktioniert das Businessmodell auch, wenn sich die Marktbedingungen ändern?
  • Finanzen. Wie gut ausgestattet ist das Unternehmen? Wie steht es um die Bonität? Und wie entwickeln sich die Zinsen und Finanzmärkte generell?


Bewertung und Methoden

Für die Summen, die Geldgeber gegen eine entsprechende Beteiligung an dem Unternehmen zuschießen gibt es verschiedene Bewertungsmethoden und Kriterien, nach denen Businesspläne und Unternehmen zuvor überprüft und berechnet werden. Trotz aller Berechnungsmethoden gibt es allerdings bei der Erstellung einer Bewertung erheblichen Spielraum, der sich vor allem daraus ergibt, wie optimistisch die weitere Entwicklung des Unternehmens eingeschätzt wird.

Der Preis bleibt daher immer Verhandlungssache. In diesem Zusammenhang darf ein Zitat der Investoren-Legende Warren Buffett bemüht werden, der in seinem Brief an die Berkshire Hathaway-Investoren im Jahr 2008 schrieb: "Price is what you pay. Value is what you get." Es gilt in dem Zusammenhang So kurzentschlossen wie man es aus manchen TV-Shows kennt wird jedenfalls über Beteiligungen und deren Höhe normalerweise nicht entschieden, wenngleich das Feilschen um die Höhe der Beteiligungen durchaus üblich ist.



Price is what you pay. Value is what you get.

Warren Buffett


Methoden der Bewertung

  • DCF-Methode. (Discounted Cash Flow, auch bekannt als Kapitalwert-Methode). Sie ist die weltweit bekannteste Methode zur Unternehmensbewertung. Die Grundlage ist die Abzinsung (Diskontierung) der an die Teilhaber ausschüttbaren prognostizierten Geldflüsse (Free-Cash-Flows). Die wichtigsten Kennzahlen dabei sind die Gewinn- und Verlustrechnungen für die nächsten drei bis fünf Jahre, Planbilanzen, Material- und Personalplanung.
    Die Free-Cash-Flows werden mithilfe der Diskontierungsrate abgezinst. Die Diskontierungsrate leitet sich von Vergleichszahlen des Marktes ab und beinhaltet sowohl die Kapitalkosten - die Rendite, die einem Investor mit einem anderen Investment entgeht - als auch einen Risikozuschlag.

  • Multiplikatoren-Methode. Bei dieser Methode wird der Wert eines Unternehmens mit dem anderer Unternehmen in der Branche verglichen. Das geschieht, indem der Verkaufspreis eines vergleichbaren Unternehmens mit dem eigenen Umsatz oder Gewinn in Relation gesetzt wird. Als Basis für die prognostizierten Finanzzahlen können etwa auch die Zahl der Kunden bzw. Nutzer oder der Umsatz pro Mitarbeiter herangezogen werden.

  • Venture Capital Methode. Diese häufigste Methode zur Start-up-Bewertung kombiniert die DCF-Methode und die Multiplikatoren-Methode. Der Fokus liegt dabei auf dem Exit, also dem vollständigen Verkauf des Unternehmens. Es werden daher ein möglicher Verkaufspreis, die Rendite und die Zeit bis zum Exit geschätzt. Aus dem künftigen Investment-Wert und dem Exit-Erlös errechnet sich die Höhe der Beteiligung.
Take Aways
  • 1. Die Idee auf Herz und Nieren prüfen: Gibt es einen klaren USP? Wie groß ist das Wachstumspotenzial? Wie sieht das Konkurrenzumfeld aus?
  • 2. Ein Gründerteam zusammenstellen: Alle im Unternehmen erforderlichen Kompetenzen müssen vorhanden und abgebildet sein.
  • 3. Einen Businessplan erstellen: Produkt oder Dienstleistung definieren, KPI's (Key Performance Indicators) bestimmen, Verantwortlichkeiten festlegen, den Wachstumspfad skizzieren.
  • 4. Die richtige Unternehmensform wählen und gründen. Sorgfalt walten lassen bei der bürokratischen Hürde.
  • 5. Die Finanzierung sichern. Förderstellen kontaktieren und Förderungen beantragen. Besonders für die Seed-Phase gibt es in Österreich gute Unterstützungen.
  • 6. Das eigene Unternehmen richtig bewerten. Dabei bei der Sache bleiben und international übliche Methoden zur Bewertung heranziehen. Ein emotionaler Wert kann dabei nicht berücksichtigt werden.
  • 7. Anschlussfinanzierungen und Investoren finden. Auf Basis der Bewertung verhandeln. Danei falls nötig Unterstützung beiziehen, denn es gilt, möglichst wenige Unternehmensanteile gegen möglichst viel Kapital abzugeben.
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