Gender Diversity: Ein weiter Weg zur Gleichstellung

In Deutschland hat die Gender-Quote eine Diversitätswelle in Vorstandsetagen ausgelöst. Österreich hinkt bei der Diversität im Topmanagement großer Unternehmen hinterher. Zum Nachteil des Standorts und der Frauen, wie der für den trend erstellte Gender Diversity Index der Boston Consulting Group zeigt.

Thema: trend. female managment
Gender Equality in Österreichs Unternehmen: Es ist noch ein weiter Weg zum Ziel.

Gender Equality in Österreichs Unternehmen: Es ist noch ein weiter Weg zum Ziel.

2022 klingt nach einem vielversprechenden Jahr. Die einen, etwas bescheideneren, Menschen werden darin einen Fortschritt erkennen. Die anderen, etwas kämpferischen, einen Schritt in Richtung einer wünschenswerten neuen Normalität: Ausgerechnet die lange von Männern dominierte Mobilitätsbranche wird heuer zum Aushängeschild in Sachen Frauenkarrieren.

Anfang März hat bei den Austrian Airlines Annette Mann als Vorstandschefin das Cockpit übernommen. Die deutsche Managerin, zuvor innerhalb der Lufthansa-Gruppe für das Thema Social Responsibility zuständig, ist in der Geschichte der österreichischen Lufthansa-Tochter die erste Frau an der Spitze.

Zeitgleich hat mit Sabine Stock eine neue Vorständin bei den ÖBB angefangen. Die langjährige BCG-Beraterin verantwortet nun die Themen Geschäftsentwicklung und Markt. Sie wird das zuvor rein männliche Führungsduo im Personenverkehr diverser gestalten.

Und im November werden sich dann alle Augen auf die Wiener Linien richten. Die Wiener Öffis, mit 8.700 Mitarbeitern einer der wichtigsten Arbeitgeber der Stadt, werden dann sogar von einem Frauen-Trio geleitet wird. Mit Alexandra Reinagl kommt eine langjährige Vorständin an die Spitze, Gudrun Senk verantwortet die Technik und Petra Hums die Finanzen.


Gender Diversity Index

"Dort, wo Unternehmen gezielte Maßnahmen für mehr Diversity setzen und schon auf den unteren Hierarchie-Ebenen darauf achten, sehen wir, dass sich auch etwas tut", sagt Heike Dorninger, Managing Director bei der Boston Consulting Group (BCG).

Zum vierten Mal hat die Unternehmensberatung exklusiv für den trend den Gender Diversity Index erstellt und die 50 größten börsennotierten Unternehmen auf die Gleichstellung von Männern und Frauen in Führungsgremien und ihren Gehältern abgeklopft. Zum vierten Mal in Folge fällt das Ergebnis allerdings bescheiden aus.


Keine Gleichstellung in Sicht

Kein einziges Unternehmen erreicht die tatsächliche Gleichstellung, die mit 100 Punkten gemessen wird. Nur sieben erzielen immerhin mehr als 70 Punkte, wobei das Biotech-Unternehmen Marinomed mit 85,7 Punkten am besten abschneidet. Über 60 Prozent der Unternehmen haben sich gegenüber dem Vorjahr verbessert - aber wirklich gut ist die Lage weiterhin nicht.

Die Zahlen sprechen für sich: Im Vorjahr waren von den 178 Vorstandsposten in diesen Unternehmen nur 15 mit Frauen besetzt. Ganz oben stehen überhaupt nur drei Frauen: Elisabeth Stadler (VIG), Herta Stockbauer (BKS) und Silvia Schmitten-Walgenbach (CA Immo). Schmitten-Walgenbach führt den Immobilienkonzern seit Anfang 2022. Auch in der ebenfalls stark männlich dominierten Immo-Branche tut sich also endlich etwas.

Doch Karrieren, die in börsennotierten Unternehmen ganz nach oben führen, bleiben vorerst die Ausnahme. Dabei ist die Wirtschaft in sehr vielen Bereichen längst auch von erfolgreichen Frauen bestimmt. Die neue trend-Liste Österreichs 100 wichtigster Business-Frauen (zu finden in der trend. PREMIUM Ausgabe vom 25. Februar 2022) spiegelt das in allen Branchen wider.

Auch im Ausland setzen sich Österreicherinnen durch, und dass bei den Aufsteigerinnen heuer wieder einige dabei sind, die ihr eigenes Unternehmen gründen, beweist, dass vieles in Bewegung ist.

Allerdings: Es geht unheimlich langsam voran. "Weiterhin werden zu viele Chancen, mehr Diversität ins Topmanagement zu bringen, vergeben. Von den 24 Vorstandsjobs, die im Vorjahr neu besetzt wurden gingen lediglich vier an Frauen", sagt Heike Dorninger von BCG. Zum Zug kamen neben Schmitten-Walgenbach bei der CA Immo auch Petra Preining bei Semperit, Martina Maly- Gärtner bei UBM und Ingrid- Helen Arnold bei der Agrana.

"Wenn die Unternehmen ihre Rekrutierungspraxis nicht grundlegend ändern und künftig mehr Frauen für Führungspositionen berücksichtigen, werden wir erst in 36 Jahren Gleichstellung in den Vorständen erreichen", ergänzt Lukas Haider, Managing Director bei BCG.


Gender Diversity als Auftrag

Die Rezepte, die die Experten dafür bereit halten, sind seit Jahren bekannt: Sie reichen von gezieltem Recruiting und Fördermaßnahmen über alle Karriereebenen hinweg bis hin zu flexiblen Arbeits- und Kinderbetreuungsmodellen, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern sollen - im Idealfall übrigens nicht nur für Frauen.

Auch die längerfristigen gesellschaftlichen Herausforderungen sind bekannt: Nach wie vor drängen viel zu wenige Frauen in naturwissenschaftliche und technische Berufe. Auch hier zielen Unternehmen darauf ab, Bewerberinnen schon sehr früh, am besten noch in der Schule zu erreichen. "Diversität ist ein Führungsthema. Fortschritte gibt es dann, wenn das Topmanagement mit gutem Beispiel voranschreitet und Maßnahmen wie Zielgrößen für Frauen in Führungspositionen oder Gender-KPIs setzt und selbst lebt", ist Sonja Hammerschmid überzeugt. Hammerschmid, früher Rektorin der Vetmed Uni Wien und Bildungsministerin, ist seit dem Herbst 2021 im Aufsichtsrat von Kapsch.

Nüchtern betrachtet macht es die aktuelle Lage in Österreich für junge Frauen sonst nämlich deutlich unattraktiver, eine Karriere in Österreich anzustreben. Andere Länder haben bereits ganz andere Rahmenbedingungen geschaffen.

Zuletzt etwa Deutschland, das international in Bezug auf die Gleichstellung der Frau ebenso wenig zu den Vorreitern zählte wie Österreich. Doch dort hat die im August 2021 eingeführte Quote für große paritätisch mitbestimmte oder börsennotierte Unternehmen eine wahre Diversitätswelle ausgelöst. Allein 2021 gingen 42 Prozent der neu zu besetzenden Vorstandsposten an Frauen, der Anteil von Unternehmen mit mindestens einer Frau im Vorstand liegt nun bei 60 Prozent. In Österreich liegt er bei gerade einmal 28 Prozent.

Die Quote wirkt also, und in Deutschland hat sie aktuell noch einen Nebeneffekt: Der von EY erstellte Mixed Compensation Barometer 2021, der die Gesamtdirektvergütung (fixes Gehalt + variables Gehalt) von Vorständen der im DAX, MDAX und SDAX gelisteten Unternehmen für die Jahre 2013 – 2020 vergleicht,
belegt, dass der Marktwert der Managerinnen dadurch steigt - und damit auch deren Vergütung.

Frauen, die es in den Vorstand eines der Unternehmen der DAX-Familie geschafft haben, werden nun sogar deutlich besser bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Ihr Gehaltsvorsprung liegt bei historischen 31 Prozent. Dass Vorständinnen in Österreich durchschnittlich immer noch 27 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, führt BCG übrigens darauf zurück, dass Männer häufiger die bestbezahlten CEO-Jobs erhalten und Frauen seltener die besser bezahlten Vertriebs- und Sales-Vorstandsjobs besetzen.

"Die Quote, auch wenn sie oft verdammt wurde, ist eine Erste-Hilfe-Maßnahme, um endlich etwas in Bewegung zu setzen, um die männlich dominierten Rekrutierungsnetzwerke zu durchbrechen", sagt Hammerschmid. Und die gebürtige Niederösterreicherin und Ex-Magenta- Managerin Maria Zesch, die es in Deutschland bis zur Vorstandschefin des Großhändlers Takkt geschafft hat, ergänzt: "Wie viele war ich lange Zeit kein Freund der Quote. Aber dann habe ich einen Vortrag von Ex-Siemens-Vorständin Brigitte Ederer gehört, die betonte, dass in der Wirtschaft alles gemessen werde und man erst daran sehe, ob etwas besser werde. Dieses Argument hat mich überzeugt."


Der Artikel ist als Teil des Themas "Die 100 mächtigsten Business-Frauen Österreichs" in der trend. PREMIUM Ausgabe vom 25. Februar 2022 enthalten.

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