Weniger CO2, aber politisch toxisch: Kommt die Atomkraft zurück?

Der Kampf um den Klimawandel verleiht der Atomkraft wieder Aufwind. Aber ist sie wirklich „grün“?

Weniger CO2, aber politisch toxisch: Kommt die Atomkraft zurück?

Grohnde, Gundremmingen C und Brokdorf werden spätestens am 31. Dezember 2021 abgeschaltet; Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 folgen bis Ende Dezember 2022. Es handelt sich dabei um die letzten sechs Atomkraftwerke, die in Deutschland noch in Betrieb sind. Dann wird der Ausstieg aus der Atomkraft in unserem Nachbarland vollbracht sein.

Doch global gesehen kann von einem großen Trend zur nuklearfreien Energiegewinnung nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Weltweit stieg die installierte Leistung aus Atommeilern in den vergangenen zehn Jahren um fünf Prozent. Mit Stand November 2020 betrug die installierte elektrische Gesamtnettoleistung laut Internationaler Atomenergieorganisation (IAEA) rund 392,751 Gigawatt. Zu diesem Zeitpunkt waren 443 Reaktoren in Betrieb und weitere 50 in Bau. Atomkraftwerke tragen damit noch immer rund elf Prozent zur weltweiten Stromerzeugung bei.

Mäßig „grüner“ Atomstrom

Die Kernenergie hat zuletzt ausgerechnet aufgrund der Klimaschutzdiskussionen wieder Aufwind bekommen. Denn eigentlich sei die Energiegewinnung durch Kernspaltung emissionsarm und damit gut für das Klima, so die Argumentation. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat kürzlich den Bau einer neuen Generation von Atomkraftwerken mit kleineren Reaktoren angekündigt und will, dass Brüssel sie als „grüne“ Energie anerkennt. Aktuell sind in Frankreich 56 Reaktoren in Betrieb.

Die Gegenposition nehmen die Experten von Scientists for Future ein, einem überparteilichen und interdisziplinärer Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich für eine nachhaltige Zukunft engagieren. Ihr Fazit: Bei der Argumentation, dass Kernenergie klimafreundlich sei, würden viele Faktoren nicht berücksichtigt. Schließlich sollte man nicht nur die Energieproduktion, sondern den gesamten Lebenszyklus des Kraftwerks in die Berechnungen einbeziehen. Dazu gehören auch die Gewinnung und der Transport von Uran, die CO2-Emissionen durch den Bau und Betrieb von Endlagern, der Atommülltransport sowie der Rückbau der Anlagen. Verschiedene Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Atomkraftwerke produzieren zwar weniger CO2 als Kraftwerke, die mit fossilen Energieträgern wie Kohle oder Gas befeuert werden, aber sie setzen mehr CO2 frei als Photovoltaik-, Wind- oder Wasserkraftanlagen.

Bekannte Risiken

Nuklearkatastrophen wie in Tschernobyl (Ukraine, 1986) und Fukushima (Japan, 2011) haben viele Menschen, was die Nutzung der Kernenergie betrifft, zum Umdenken bewegt. Im Atomkraftwerk Tschernobyl war es im Zuge eines simulierten Stromausfalls zu einer Explosion und radioaktivem Niederschlag gekommen. In Fukushima sorgte eine Unfallserie, verursacht durch ein Erdbeben, für schmelzende Reaktorkerne und in der Folge für radioaktive Kontamination. In beiden Fällen wurden große Gebiete unbewohnbar. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat drei Tage nach dem Unglück in Fukushima den Ausstieg Deutschlands aus der Atomkraft angekündigt und dieser wird auch umgesetzt: Elf Atommeiler wurden in Deutschland seither runtergefahren.

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