Markus Hengstschläger: "Gene alleine reichen nicht"

Beim KSV1870-Webinar hat der österreichische Genetiker Markus Hengstschläger mit KSV-Chef Ricardo-José Vybiral über die Bedeutung von Genen geplaudert. Und welchen Nutzen die Gen-Forschung für Unternehmen hat.

Markus Hengstschläger: "Gene alleine reichen nicht"

Markus Hengstschläger (li.) im Webinar mit KSV-Chef Ricardo-José Vybiral

Sind die Gene das Um und Auf für Karrieren, für den individuellen Erfolg, für die Prosperität und für den Erfolg von Unternehmen? Die Frage treibt weltweit immer wieder die Wissenschaftler Unternehmen, aber auch die Menschen selbst, um die Bedeutung der Genetik zu erforschen.

"Die Antwort ist nein", sagt Österreichs bekanntester Genetiker Markus Hengstschläger, der sich mit Genetik schon seit über 25 Jahren forschend auseinandersetzt. In seinem neuesten Werk "Die Lösungsbegabung" setzt er sich einmal mehr mit seiner Spezialdisziplin auseinander. Und kommt zum Schluss: "Auf die Lösungsbegabung kommt es an."

Das ist vielmehr ein Bündel von Fähigkeiten, die Menschen dazu befähigen, Entdeckungen und Innovationen hervorzubringen und somit selbst Neues auf den Weg bringen. Hinter Hengstschlägers Credo steckt, dass Individuen über ihren Bildungsweg die Befähigung erlangen müssen, für ihre individuellen Lebenslagen Lösungen zu entwickeln. "Gene sind wichtig, aber Gene alleine reichen nicht etwa für den Erfolg", so das Credo Hengstschläger.

Die Übung

Die Förderung der Lösungsbegabung soll daher schon in Schule beginnen. "Da müssen wir uns aber an der Nase nehmen, weil wir den Kindern in der Schule die Lösung allzu oft einfach abnehmen", kritisiert Hengstschläger. Das Erlernen von Fachwissen sei zwar wichtig, in weiterer Folge sei aber die Lösungsbegabung für die Zukunft mindestens genauso wichtig. "Aber die Lösungsbegabung entsteht nur durch üben. Und da müssen wir den Kids möglichst die Zeit lassen, vor allem mehr Zeit lassen, damit sie selbst auch auf die Lösung kommen, damit sie selbst lernen, den Weg zur Lösung zu finden."

In der Bildung werde ein "enormer Fokus" auf das Fachwissen gelegt, wo wir aber schon die Lösungen haben. Wichtig sei aber, dass mit dem Fachwissen auch das Üben kommt. Dass Fachwissen wichtig ist, zeige sich aus aktuellem Anlass. "Das man in weniger als nur einem Jahr einen Covid-Impfstoff entwickeln konnte, war aber die Arbeit von gut 25 Jahren davor", behauptet Hengstschläger.

Immer wichtiger wird für die nächsten Generationen das "ungerichtete Wissen", um zu neuen Innovationen zu kommen. Für die Lösungsentfaltung gehöre daher ein Paket, das etwa die gerichtete bzw. ungerichtete Kompetenz, kritisches Denken, Resilienz und Ethik enthalte.

Die Schnittstellen

Alleine Fachwissen wird eine Gesellschaft und Unternehmen nicht wesentliche vorwärts bringen, wenn es etwa um Innovationen und Zukunft geht. Eine Anleihe nimmt der Genetiker mit dem sogenannten "Medici-Effekt". Die italienischen Kaufleute hatten bewusst Menschen aus unterschiedlichsten Disziplinen zusammen gebracht, um sich auszutauschen, Neues zu erfinden, um Innovationsprozesse bewusst einzuleiten. Somit wurden Leute aus verschiedenen Disziplinen und Lebensbereichen zusammengebracht, die sich wohl nie oder kaum getroffen hätten.

Transformiert auf die heutige Zeit meint Hengstschläger, dass "diese Qualität von Schnittstellen bewusster werden müssen". Beim Faktenwissen sieht der Genetiker Österreich ganz gut aufgestellt. Geht es aber um Innovationen, was auch im Innovations-Index immer wieder bewiesen wird, "haben wir noch Luft nach oben."

Um Innovationen voranzutreiben, gelte es ebenso diese Schnittstellen zwischen den unterschiedlichen Disziplinen, seien dies die Bereiche Wirtschaft, Politik, Kunst und Kultur oder Sport, klarer bestimmen.

Die Aktivierung Vieler

Und was können Unternehmen daraus lernen? Das Unternehmen müsse in seiner Grundstrategie sich klar werden, "wie das Hirn zu neuen Ideen kommt".

Worüber sich Unternehmen immer wieder den Kopf zerbrechen, wie man die Potenziale der Mitarbeiter aktiviert, sei offenbar doch etwas trivialer. Denn, ganz einfach: Tun lassen. Mitarbeitern Freiräume geben und die kollektive Lösungsbegabung fördern. "Es muss die Aktivierung möglichst vieler Menschen im Unternehmen erreicht werden", fordert Hengstschläger. Oder anders ausgedrückt, muss dem Mitarbeiter signalisiert werden, dass er über sich selbst sagen kann: "Mein Beitrag zählt."

Dabei gilt es Mitarbeitern auch Freiräume zu gewähren. "Wenn ich joggen gehe, habe ich schon Ideen für meine Arbeit bekommen", so der Genetiker. "Lösungsbegabung by running"? Im konkreten Fall heißt das demnach nichts anderes, dass Menschen auch in einem Default Mode, in einem Entspannung oder gar Ruhemodus, sich Kreativitätspotenziale ausschöpfen können.

Für den Innovationsprozess gehöre eine gesunde Balance aus "Mut & Angst". In der Praxis heißt das: Projekte, deren Ausgang mit hoher Wahrscheinlichkeit bestimmt werden kann, die aber auch notwendig sind. Aber auch Projekte forcieren, die riskanter sind, deren Ausgang ungewiss sind, was wirklich dabei rauskommen wird. "Wenn man nur sichere YES-Projekte macht, wird man irgendwann einmal aus dem Markt gefegt. Bei YES or NO-Projekten, wo man ausprobieren muss und der Ausgang ungewiss ist, kann hingegen Neues entstehen, die das Unternehmen auch für die Zukunft weiter bringt", so Hengstschläger.

Die Lösungsbegabung zu fördern, sei daher ein permanenter Prozess. "Oft auch ein Kampf gegen blauäugige Optimisten, die meinen, dass immer alles geht und möglich ist, oder auch gegen grauäugige Pessimisten, die stets behaupten, weil das 'eh-nie-funktionieren-wird' oder "so-nie-funktioniert-hat'". Daher sei es wichtig, die Idee der neuen Gruppe zu bestärken: Die Ermöglicher.


Buchtipp


Markus Hengstschläger - "Die Lösungsbegabung"

Markus Hengstschläger - "Die Lösungsbegabung"

Markus Hengstschläger studierte Genetik, forschte auch an der Yale University in den USA und ist heute Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUniWien. Der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler unterrichtet Studierende, betreibt genetische Diagnostik, ist Berater und Bestsellerautor. Er leitet den Thinktank Academia Superior, ist stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission, war 10 Jahre lang Mitglied des Rats für Forschung und Technologieentwicklung und ist Universitätsrat der Linzer Johannes Kepler Universität. Seine Erkenntnisse zu Biologie, Talent, Bildung und Forschung haben bereits viele Leser und Zuhörer in den Bann gezogen.


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