Fussl Modestraße - das unmögliche Modehaus

Kein Webshop, keine Influencer, keine Wegwerfmode: wie FUSSL MODESTRASSE alle Marketing- und Handelsregeln ignoriert und so der Lockdown- Tristesse im stationären Textilhandel entkommt.

Die Fussl-Chefs Ernst (links) und Karl Mayr: "Eigentlich dürfte es uns so gar nicht geben."

Die Fussl-Chefs Ernst (links) und Karl Mayr: "Eigentlich dürfte es uns so gar nicht geben."

Ein bissl mehr könnte schon los sein", murmelt Ernst Mayr, als wir die Treppe vom Obergeschoß in den Verkaufsbereich hinuntergehen. Wir sind zum Interview beim Textilhändler Fussl Modestraße in Ried im Innkreis. Der Lockdown, der Österreich in die vorgezogene Winterruhe geschickt hat, hatte die Shoppinglust im ungeimpften Oberösterreich schon zuvor spürbar gebremst.

Mayr ist zusammen mit seinem Bruder Karl Eigentümer eines Textil-Galliers, der den seit Jahren anstürmenden Mode-Römern wie H&M, Zara oder Primark erfolgreich Paroli bietet. Dass uns die beiden trotz neuer Corona-Tristesse gut gelaunt zwischen Wühltischen, hochwertigen Bio-T-Shirts und Büro-Outfits herumführen, liegt daran, dass sie schon bisher erfolgreich durch die Pandemie kamen. Obwohl oder gerade weil das Fussl-Geschäftsmodell als Antithese zu so gut wie allen Empfehlungen von Handelsexperten und Marketinggurus gelten kann. "Eigentlich dürfte es uns so gar nicht geben", feixen die Mayrs, "und dennoch werden wir weiter expandieren und das Weihnachtsgeld pünktlich überweisen."

Provinzkaiser

Einer der Gründe dafür ist die Standortphilosophie. Immer dort in Österreich, wo Fachmarktzentren so eng aneinandergereiht sind, dass sich kaum ein Kreisverkehr dazwischen ausgeht und selbst Google Maps die Orientierung zwischen Süd und Nord verliert, ist eine Filiale nicht weit. Die Mayrs brauchen keine Flagship-Stores in Großstädten und genießen lieber die Peripherie, die, mit dem Auto angefahren, zwar ökologisch keinen schlanken Fuß macht, in infektionskritischen Zeiten aber Gold wert ist.

Man ist vor Ort verankert. Egal, wo wir hinkommen, die Kunden sind mit den Chefs per du, man kennt einander. Karl Mayr: "In der Pandemie wurden die Großstädte gemieden. Das ist ein Problem für große Textilketten. Wir am Land stehen um 20 Prozentpunkte besser da."

Die Fussl-Chefs Ernst (links) und Karl Mayr: "Eigentlich dürfte es uns so gar nicht geben."

"Wir wissen, was typischen Österreicherinnen passt -nicht die Teile für spanische Frauen." KARL MAYR, FUSSL MODESTRASSE (rechts)

Die Zahlen zeigen tatsächlich, dass das bodenständige Geschäftsmodell erstaunlich resilient ist. Wo die Branche nach einem desaströsen Jahr 2020 heuer erneut rund ein Fünftel ihres Umsatzes verliert (minus 21,4 Prozent im Vergleich zu 2019), toppt man bei Fussl bislang das Vorkrisenniveau (plus 3,1 Prozent) und will den Umsatz nächstes Jahr von rund 150 auf 200 Millionen Euro hochtreiben.

Externer Investor

Das Familienunternehmen begeht heuer das 150-jährige Firmenjubiläum. 1996 übernahmen die jetzigen Geschäftsführer in fünfter Generation, zwei Geschwister wurden ausgezahlt. Damals hielt man bei 15 Filialen, die angedachte Expansion wurde letztlich auch durch die Wirtschaftskrise 2009 nicht gebremst. Aktuell gibt es 197 Filialen. Vor fünf Jahren holten die Mayrs einen deutschen Branchenkollegen als strategischen Investor an Bord - auch um in familiären Pattsituationen Mehrheitsentscheidungen zu ermöglichen.

Fussl-Mode ist exakt auf die Zielgruppe zugeschnitten - wortwörtlich. Karl: "Wir wissen, was typischen Österreicherinnen passt. Und das sind nicht die Teile, die andere Konzerne für spanische oder italienische Frauen entwerfen." Statt einer ausgelagerten Designabteilung geben die Ehefrauen der beiden Mayr-Brüder die ästhetische Zielrichtung vor. Wir erwischen sie beim Firmenrundgang auch prompt bei der Anprobe der nächsten Sommerkollektion.

Auch anderes wird selbst erledigt: die Mitarbeiterverpflegung, für die ein anliegendes früheres Stallgebäude zum Restaurant umgebaut wurde, die Tischlerei, die die Shops ausstattet, das Umschlagslager, das aus einer ausrangierten Halle der Messe München besteht, die Stromversorgung - zumindest teilweise, dank Photovoltaikanlage am Dach.

Wozu Webshop?

Einen Webshop hält man für überflüssig. Ernst, der unter anderem für die Finanzen zuständig ist: "Natürlich wäre ein Onlinekanal in Lockdownzeiten willkommen. Aber damit steigern wir Umsätze, nicht Gewinne. Wir haben bis jetzt eine bessere Performance als andere Branchengrößen. Warum sollten wir da groß etwas ändern?"

Tatsächlich berichten gerade die im E-Commerce hochaktiven Textilriesen von anhaltenden Umsatzverlusten. Wie etwa Marktführer H&M (minus sechs Prozent im ersten Halbjahr 2021 in Österreich nach minus 20 Prozent im Jahr zuvor). Oder Esprit, ein weiterer Mitbewerber mit hohem Onlineanteil, der 2020 in ein Insolvenzverfahren schlitterte. Andere wie Adler oder Stefanel haben die Rollbalken schon für immer runtergelassen.

Auch bei der Produktion geht Fussl eigene Wege. Dass neben der obligaten asiatischen Herkunft immerhin zur Hälfte in Europa gefertigt wird, stellt sich nun als Sicherheitsfaktor bei holprigen weltweiten Lieferketten heraus. In dem Bewusstsein, halbwegs an der Nachschubquelle zu sitzen, können Aufträge schon mal storniert werden. Andere mussten die Produktion auf Verdacht durchziehen und sitzen nun auf Jahreskollektionen, die gar nicht nach Europa verschifft werden.

Bei den Basics gibt es keine Kompromisse. Die Teile etwa sind in Schnitt, Farbe und Stoffqualität so gemacht, dass sie ein paar Saisonen überdauern können. Bei der Werbung leistet man sich Sponsorings von Mainstream-Blockbustern ("Frühstück bei mir", "Dancing Stars") und lässt die hippen Influencer in der Social-Media-Welt außen vor.

Und während Mitbewerber Filialen schließen, schraubt Fussl am alten Firmensitz in Ort im Innkreis, wo alles mit einem kleinen Krämerladen begann, die Expansionspläne weiter hinauf. Aber nicht in die weite Welt wie andere, sondern adäquat ins benachbarte Bayern. Karl: "Körpergrößen, Denkweise, Sprache - das ist der gleiche Menschenschlag wie bei uns. Und sie kennen uns vom Skifahren." Nächstes Jahr wird dort die 50. Filiale eröffnet, weitere 50 stehen noch am Plan.

Kasperltheater

Daran sollten auch die coronabedingten Schließtage nichts ändern, obwohl der Ausfall vor Weihnachten einen Umsatzverlust in zweistelliger Millionenhöhe nach sich zieht. Ernst: "Lustig ist was anderes, vor allem, weil der Lebensmittelhandel Textilien wohl weiter verkaufen wird, wie beim ersten Lockdown auch." Das, was ihn aufmuntert, ist die in Aussicht gestellte Impfpflicht, "dann hat das Kasperltheater mit Zu- und Aufsperren endlich ein Ende".

Denn eines sagen die beiden auch ganz deutlich: Mit Ruhm bekleckert haben sich ihre oberösterreichischen Landsleute in Sachen Pandemiebewältigung nicht gerade. Karl Mayr: "So wie die im Osten gern auf uns herunterschauen, schimpfen wir Oberösterreicher gern auf die Großstädter. Aber ich muss zugeben: In Sachen Pandemiemanagement könnten wir uns einiges von den Wienern abschauen."

In Sachen Authentizität dafür könnten die Wiener Modelabels wohl einiges von den Oberösterreichern lernen.

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