
Ana Botín ist auf Eroberungszug im angloamerikanischen Raum.
©JAVIER VAZQUEZMit ihrem jüngsten Milliardenzukauf in den USA unterstreicht Ana Botín, die Chefin der spanischen Banco Santander, ihre Vormachtstellung unter Europas Bankern. Davon könnte auch die Erste Group profitieren.
Als Europas Politspitzen letztes Jahr kurz nach dem Start von Trumps zweiter Amtszeit noch in Schockstarre verharrten, war es Ana Botín, die dem US-Präsidenten Paroli bot. Die Chefin der spanischen Banco Santander ließ Trump auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos wissen, dass ihre Bank mehr US-Kunden habe als so manche US-Großbank. Damit hatte sie die Lacher des Publikums auf ihrer Seite.
Dass der Eroberungszug der 65-jährigen Spanierin in den USA aber erst richtig losgehen sollte, das wusste damals noch niemand. Die Banco Santander, mit rund 150 Milliarden Euro Marktkapitalisierung die größte Bank der Eurozone (zum Vergleich: die Deutsche Bank ist an der Börse 58 Milliarden Euro wert, die italienische Uni-Credit 114 Milliarden), hat nämlich kürzlich den größten Zukauf der Ära Botín bekannt gegeben. Um mehr als zwölf Milliarden US-Dollar wollen die Spanier die US-Bank Webster Financial übernehmen, was sie unter die Top-Ten-Banken im Privat-und Firmenkundengeschäft in den USA hieven würde. „Wer nicht in den USA vertreten ist, kann für sich nicht in Anspruch nehmen, eine globale Bank zu sein“, kommentiert die Chefin den Deal. Und genau das will die spanische Großbank sein: eine globale Bank. Aber nicht nur das, Ana Botín will die Banco Santander zu einer der profitabelsten Retail-und Geschäftsbanken in den USA überhaupt machen.
Mit diesem Move schwimmt sie gegen den Strom. Denn in den letzten Jahren haben sich einige europäische Großbanken wie die BNP Paribas, die HSBC oder die BBVA aus dem Privatkundengeschäft in den USA zurückgezogen.
Eiserne Lady
Dass Spaniens „Eiserne Lady“, wie sie von Medien auch betitelt wird, Gewinn kann, hat sie bewiesen. Als Botín vor zwölf Jahren nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters Emilio bei der spanischen Großbank übernahm, lag der Gewinn bei 5,8 Milliarden Euro, 2025 waren es bereits mehr als 14 Milliarden Euro. Organisches Wachstum stand unter der Leitung von Botín bislang im Vordergrund der Strategie der Bank. Doch seit einiger Zeit scheint sich das Blatt hin Richtung Zukäufe zu wenden, wohl auch bedingt durch den stark gestiegenen Aktienkurs der Santander.
Letzten Sommer gab die Bank die Übernahme der britischen TSB um 3,1 Milliarden Euro bekannt und nun eben diesen Megadeal in den USA. Doch nicht alle sehen die Expansionslust der resoluten Bankerin uneingeschränkt positiv. So warnte Morgan Stanley in seiner jüngsten Analyse vor erheblichen Umsetzungsrisiken bei der Integration von Webster Financial. Die von der Santander angekündigten Kosteneinsparungen von 800 Millionen US-Dollar bis 2028 seien laut Morgan Stanley überdurchschnittlich hoch gegriffen, weshalb die Investmentbank die Aktie kürzlich herabstufte. Seit Ankündigung des Megadeals hat die Santander-Aktie tatsächlich an Wert verloren.
Go West
Doch unter Ana Botín wird offenbar nicht bloß expandiert um des Expandierens willen, hinter den Transaktionen steckt ein überlegter Plan. Das zeigt sich auch daran, dass die Spanier in Polen kürzlich Anteile an die Erste Group abgegeben haben. Um knapp sieben Milliarden Euro haben die Österreicher bekanntlich beherrschende 49 Prozent an der Santander Polska erworben. Das bei dem Deal lukrierte Geld können die Spanier nun gut für ihren US-Zukauf gebrauchen.
Der Polen-Deal sei, so ist aus der Erste Group zu hören, von Botín persönlich ausgegangen. In den Verhandlungen habe sie sich als sehr tough gezeigt und als jemand, der nicht um den heißen Brei herumredet, berichten Insider. Das sieht auch Peter Bosek, Chef der Erste Group, so: „Ich schätze Ana Botín sehr. Sie zählt zu den stärksten Führungspersönlichkeiten im globalen Banking. Mit beeindruckender Klarheit, Konsequenz und Weitsicht führt sie eine Bank, die heute 180 Millionen Kundinnen und Kunden betreut. Das muss man erst einmal erreichen.“ Diese Konsequenz dürfte die dreifache Mutter auch in den Verhandlungen um die Webster Financial an den Tag gelegt haben. Die „Financial Times“ berichtet nämlich, dass das „Project Wren“, wie der Codename für die Übernahme war, letztlich in nur neun Wochen unter Dach und Fach war.
Die Spanier scheinen also ganz genau zu wissen, wohin die Reise geht. Nämlich Richtung Westen. Neben Spanien, Süd-und Mittelamerika werden der britische Markt und der US-amerikanische für die Santander immer wichtiger. Verständlich, dass die Erste Group am Erfolg der Spanier ein wenig mitnaschen will. Deshalb wurde im Rahmen der Übernahme in Polen auch eine weitergehende Kooperation mit der Santander ausgehandelt. „Es handelt sich um eine strategische Kooperation, um institutionelle Kunden und Großunternehmen beider Banken noch umfassender beraten zu können“, heißt es dazu aus der Erste etwas kryptisch. Und weiter: „Dadurch erhalten Kunden beider Banken Zugang zu einem erweiterten Angebot an Finanzdienstleitungen und zusätzlichen Märkten.“ Erste-Group-Kunden könnten künftig also verstärkt etwa auf die Expertise der Spanier in Argentinien oder Mexiko zugreifen, während spanische Kunden einen leichteren Zugang zum rumänischen Markt bekämen, wo ja die Erste Group führend ist.
Groscherlgeschäft
Doch zurück nach Österreich. Auch hierzulande ist die Santander Bank seit 2009 vertreten und hat sich auf Konsumentenfinanzierung, von manchen auch despektierlich als „Groscherlgeschäft“ bezeichnet, spezialisiert. In dieser Zeit hat sich das Neukreditvolumen nahezu versechsfacht. Allein in den letzten fünf Jahren ist eine Milliarde Euro an Neukrediten dazugekommen, das Volumen lag zuletzt bei 2,7 Milliarden Euro. Vor allem bei Teilzahlungen (u. a. in Kooperation mit XXXLutz, MediaMarkt) und Autofinanzierung ist die Bank führend. Die Risikovorsorgen, die zuletzt 38,1 Millionen Euro ausmachten, halten sich im Verhältnis dazu im Rahmen. Aber auch das Einlagengeschäft wurde in den letzten fünf Jahren auf 3,2 Milliarden Euro fast verdoppelt.
Doch das Bild der spanischen Bank nach außen könnte sich hierzulande bald grundlegend ändern. Denn so wie aktuell in Deutschland planen die Spanier einen Roll-out ihrer Digitalmarke Openbank auch in weiteren europäischen Ländern. In Deutschland wurde kürzlich Santander Consumer Finance mit Openbank verschmolzen und tritt nun unter dieser Marke auf. Und auch in den USA schreitet das Digitalprojekt der Spanier rasch voran. Dort zählt die Openbank eineinhalb Jahre nach ihrem Start zu den schnellst-wachsenden Digitalbanken überhaupt mit einem beeindruckenden Einlagenvolumen von 20 Milliarden Euro. Sieht so aus, als wüsste Ana Botín nicht nur, wie man Gewinne erzielt und große Übernahmen macht, sondern auch, wie das Digitalgeschäft läuft. Da werden sich einige US-Banken noch anschnallen müssen.
Der Artikel erschien erstmals in der trend-Ausgabe vom 20. Februar 2026.
