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Frequentis: Was nach dem Superjahr kommt

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 © FOTOS: LUKAS ILGNER, APA-IMAGES/APA/HERBERT NEUBAUER

Frequentis-CEO Haslacher: Flugsicherung aus der Ferne ist eines der Schlüsselprodukte.

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Volle Power im Tower: Ein boomender Flugmarkt, steigende Ausgaben für Verteidigung und einkaufsfreudige Amerikaner bescherten dem Flugsicherungsweltmarktführer ein Rekordjahr 2025. Ein Besuch bei CEO Norbert Haslacher.

Mitten in einer Wohngegend in der Wiener Vorstadt geht es fast unter im Dezember-Nassgrau. Einzig die Adresse gibt einen Hinweis darauf, dass hier ein besonderes Unternehmen residiert. An der Innovationsstraße 1 ist der Weltmarktführer für Flugsicherung zu Hause, der mit seinen Produkten dafür sorgt, dass Flugzeuge durch jede Nebelsuppe sicher den Hafen finden. Ein paar Flaggen am Parkplatz begrüßen internationale Besucher, die laufend hereinströmen und sich an der Rezeption mit Dokumenten ausweisen müssen. Selbst die Sicherheitsstandards beim Gäste-WLAN zeugen davon, dass Sicherheit hier Hochsicherheit meint.

Sichere Kommunikation ist das Hauptprodukt von Frequentis. Das verkauft sich seit Jahrzehnten gut, und in diesen Zeiten noch besser. Was die Forschungsteams hier entwickeln, verkauft sich gerade fast wie von selbst. In den Vereinigten Arabischen Emiraten, Vietnam, Georgien und Schweden werden Projekte für die Flugsicherung umgesetzt. Der überlastete London Gatwick Airport optimiert sein Abflugmanagement. In Deutschland werden Unternehmen und Organisationen der kritischen Infrastruktur, wie etwa Blaulichtorganisationen, bald Sprache, Daten oder Videos der Einsatzkräfte über das Mobilfunknetz priorisiert senden können. Die Auftragsbücher sind voll wie nie.

Einkaufen wollen vor allem die Amerikaner. Frequentis gehört zu den wenigen Unternehmen, die nicht unter den Volten der US-Regierung leiden. Im Gegenteil, unter Trump werden 12,5 Milliarden Dollar in die Infrastruktur investiert, ein wesentlicher Teil dieser Big Beautiful Bill, wie Trump sie nennt, geht in die Erneuerung der Flugsicherung, die in der letzten Zeit wiederholt mit kritischen Vorfällen im Luftraum in die Schlag­zeilen geriet. „Für Unternehmen, die in dieser Nische tätig sind, ist das wie ein Frühling“, sagt Frequentis-CEO Norbert Haslacher. „Unsere Umsätze in den USA legten im ersten Halbjahr von 36 auf 54 Millionen Euro zu, und das zweite Halbjahr wird sich ähnlich stark entwickeln.“

US-KAUFRAUSCH. Das Business ist kein schnelles. Beschaffungsvorgänge und Aus­lieferung entwickeln sich über ­Jahre. Aus den USA kommen die Aufträge gerade in atemberaubendem Tempo daher. „Im Sinne der National Security werden Direct Awards vergeben. Das ist in Europa undenkbar“, erzählt Haslacher. Die Staaten haben sich für Frequentis zum größten Markt außerhalb Europas entwickelt, die USA erneuern mehr oder weniger ihre komplette Flugsicherung und kaufen dafür unter anderem bei Frequentis ein. „Der US-Luftraum ist simpel, eine Sprache, ein Regularium, ein Luftraum. In Europa haben wir auf derselben Fläche 30 davon. Diese Komplexität ist der Grund, warum die Innovationen im ATM-Bereich aus Europa kommen“, erklärt Haslacher.

Ende November war der CEO in den USA, wo er in Columbia bei Washington einen neuen Standort eingeweiht hat. Seit zwei Jahren gibt es dort mit Frequentis Defence, Inc. eine lokale Niederlassung, die vertrauliche Militärgeschäfte machen darf. „Alle Mitarbeitenden, die keine US-Bürger sind, mussten das Unternehmen verlassen und wurden von Frequentis USA übernommen. Die Untersuchungen für eine ‚Top Secret Clearance‘ sind keine Kleinigkeit“, sagt Haslacher, „hochsichere anonyme Kommunikation, getrennte IT-Systeme, komplett andere Prozesse.“

Retrospektiv ist er froh, dass die Defense-Tochter organisatorisch getrennt läuft. „Defense ist wie der polizeiliche Bereich ein Geschäft, mit dem nicht jeder Mitarbeitende gut kann.“ Auch ­Haslacher selbst tut sich schwer, von Markt und Analysten plötzlich in die Rüstungsecke gestellt zu werden. „Auf einmal soll ich Vorträge zur Rüstungsindustrie halten. Da sehe ich uns nicht. Wir sind in der Flugsicherung, und die gibt es auch im militärischen Bereich.“

Das Umdenken in militärischen Belangen ist ihm aber nicht entgangen, gerade auch in Österreich: „Den Menschen ist bewusst geworden, dass wir mit der Landesverteidigung unsere Demokratie schützen können. Das Thema ist salonfähig geworden, die Menschen sprechen darüber und bewerten es neu.“ Das tun auch klassische Industriebetriebe, die ihre zivilen Produkte auf militärische Tauglichkeit prüfen (siehe Kasten auf der Folgeseite). „Unser Mitbewerb ist sehr divers und unterscheidet stark nach den einzelnen Segmenten“, so Haslacher. Rüstungskonzerne wie eine L3Harris oder Thales gehören teils ebenso dazu wie Spezialfirmen für sicheren Behördenfunk oder Cybersecurity-Anbieter. Neulinge tun sich schwer: „Unternehmen, die neu eintreten in den Markt, ­finden hohe Eintrittsbarrieren vor. Die Regularien und Standardisierungen sind gänzlich andere als im klassischen Business. Das überlegen sich viele dreimal, und neue junge Unternehmen tun sich noch schwerer, weil sie noch keine Referenzen haben. Das ist ein Catch-22“, kommentiert Haslacher das Dilemma. ­

Frequentis ist dort, wo viele gerade hinwollen – und das beeindruckt die Börse. Das Unternehmen ist einer der Highflyer des Jahres. Anfang Oktober schoss die Aktie auf ein Allzeithoch von über 90 Euro. „Als wir kurz sogar auf 100 waren, war das schon etwas scary“, erinnert sich Haslacher, „wir hatten nichts angekündigt.“ Derzeit, Anfang Jänner 2026, hält die Aktie bei 76 Euro.

Seit Ende September erstmals russische Drohnen über polnischem Staatsgebiet gesichtet wurden, wird die Debatte um Europas Abwehrfähigkeit noch intensiver geführt und Frequentis mit exzellentem Know-how offenbar als Schlüsselspieler für einen künftigen Drohnenwall identifiziert. Zu dem hat Haslacher eine klare Meinung: „Kritische Infrastrukturen werden wir in Europa sicher besonders schützen müssen. Aber einen Wall über den gesamten Kontinent zu bauen, halte ich für unfinanzierbar.“

Zugelegt hat nicht bloß die Aktie. Frequentis wächst auch personell stark und hält 2.500 Mitarbeitende. Allein 2024 wurden 400 eingestellt, die Hälfte davon in Wien. Das Unternehmen ist als Arbeitgeber begehrt, wie einschlägige Rankings und Bewertungen nahelegen, nicht nur aufgrund der schwierigen Marktlage. „Wir haben 2024 knapp viereinhalbtausend Initiativbewerbungen bekommen“, sagt Haslacher, „Stellen, für die wir vor einigen Jahren noch zwei Jahre nach Kandidat:innen gesucht haben, können wir nun kurzfristig besetzen. In einem Unternehmen zu arbeiten, das jedes Jahr 15 bis 20 Prozent mehr Auftragsvolumen hat, gibt den Menschen das Gefühl, in einem Safe Place zu arbeiten.“

KOMPLETTUMBAU. Haslacher selbst ist vor zehn Jahren aus der IT-Branche als Vertriebsvorstand zu Frequentis gekommen, hat 2018 den Vorstandsvorsitz übernommen und führt das Unternehmen in enger Abstimmung mit Mehrheitseigentümer Hannes Bardach, der sich als Aufsichtsratsvorsitzender nach wie vor stark einbringt. „Die extrem gute Zusammenarbeit zwischen Aufsichtsrat und Vorstand ist mit ein Grund, warum unsere Firma so erfolgreich ist“, findet Haslacher. Gemeinsam hat man in diesen zehn Jahren aus einem Hardwaregeprägten Unternehmen ein modernes Software-zentriertes gemacht. Keine leichte Übung, doch dieser Umbau legte die Basis für eine vielversprechende Zukunft. Zehn zugekaufte Spezialfirmen erweiterten das Portfolio technisch. „Wir sind noch immer ein Familienunternehmen, ein Hidden Champion, klein im Vergleich zu den großen Konzernen. Wenn wir von etwas überzeugt sind, machen wir es trotzdem. Wir bringen unsere Projekte zu Ende. Bei der sicherheitskritischen Infrastruktur haben wir einfach einen Sweet Spot gefunden“, sagt Haslacher, „unsere Kunden sind offenbar extrem zufrieden, bestätigen uns hohe Qualität und Commitment.“

Die Forschungsteams in der Innovationsstraße 1 tüfteln derweil schon am Geschäft von übermorgen. Allein heuer gehen 30 Millionen Euro in die Forschung. „Mit dem autonomen Fahren beschäftigen wir uns gerade intensiv. Wir glauben, dass auch der Autoverkehr Kontrollzentralen brauchen wird“, gibt Haslacher einen Einblick. „Hier können wir von unserem Drohnen-Know-how profitieren, weil das auch unbemannte Vehikel sind und ähnliche Prozesse dahinterstehen.“ Der Blick bei Frequentis geht aber noch weiter nach oben: „Mit dem europäischen Bestreben nach mehr Souveränität von den USA wird der Space-Sektor wichtiger werden.“ Die Flugkurve bei Frequentis geht nicht nur nach oben, die geht richtig steil.

Der Artikel erschien erstmals in der trend.EDITION vom 19. Dezember 2025 und wurde geringfügig aktualisiert.

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