'Sexpertin' Gerti Senger im Interview

Die „Sexpertin“ der Nation über die Krise als permanente Überforderung, neue Bindungslust und männlichen Konkurrenzdruck.

FORMAT: Frau Senger, die Welt taumelt von einer Krise in die nächste, von Skandal zu Skandal. Gleichzeitig machen Menschen verzweifelt Jagd auf ihr Glück, haben verstärkt Sehnsucht nach Zufriedenheit und lassen alte Werte wieder hochleben.

Senger: Die Suche nach dem Glück ist nichts Neues. Philosophen befassen sich schon seit jeher mit dem Thema. Etwas Entscheidendes hat sich aber verändert: Heute sagt man, dass jeder nach seiner Fasson glücklich werden kann. Das ist einerseits eine große Entwicklung für die Autonomie – andererseits überfordert eine „Anything goes“-Mentalität total. Es ist alles erlaubt, aber es gibt keine Anhaltspunkte oder Vorbilder mehr.

FORMAT: Sucht man deswegen wieder verstärkt Orientierung in Werten wie Familie, Sicherheit und Stabilität?

Senger: Absolut. Durch den Bruch mit den Traditionen, vor allem durch die 68er – die den Mief jener Zeit zu Recht bekrittelt haben –, ist auch ein Verlust eingetreten. Traditionen erleichtern ja nicht nur das Zusammenleben, sondern auch das Glücklich- und Zufriedensein. Wenn aber nichts mehr wichtig ist und wir in einer Welt leben, in der es keine Verbindlichkeiten mehr gibt, wenn unsere pluralistische Gesellschaft alles als unwichtig erscheinen lässt, entsteht eine hysterische Glückssuche.

FORMAT: Seit wann beobachten Sie diesen Werte-Rollback?

Senger: Seit gut sieben Jahren. Der „Homo oeconomicus“ hat begriffen, dass Konsum nicht glücklich macht. Deswegen sind auch Zufriedenheits- und Glücksniveau – gemessen an den Möglichkeiten, die wir gegenwärtig haben – sehr niedrig. Wir brauchen einen neuen Wertekatalog. Wenn der Makrokosmos aus den Fugen gerät, wünscht man sich eben Ordnung im Mikrokosmos. Es ist belegt, dass Paare, die füreinander Regeln aufstellen und sich einen Rahmen vorgeben, längerfristig glücklich sind. Ich forciere das. In dieser Hinsicht bin ich wohl … (zögernd) spießig?

FORMAT: Wie sieht so ein Rahmen aus?

Senger: Es geht zum Beispiel nicht, dass ein Mann nie sagt, wann er nachhause kommt. Das sind missverstandene Autonomiebegriffe. Sie führen dazu, dass man letztlich lauter verheiratete Singles hat, die glauben, ihr Leben so wie früher weiterführen zu können. Das kann nicht gut gehen. Man muss als Paar verbindlich leben, das bedeutet oft auch gegenseitige Einschränkung.

FORMAT: Wer hat mehr Leidensdruck, unglücklich verheiratete Menschen oder Singles?

Senger: Eindeutig Singles. Das Gefühl, alleine zu sein, kein familiäres Netz zu haben, keinen nahestehenden Menschen zu haben, der hilft, wenn man krank ist, macht Angst. Wir brauchen das Gefühl, eine Bindung zu haben. Der Wunsch nach Verbindung ist biologisch verankert, wir alle sind Beziehungswesen. Bindungsphobiker haben einen Mangel dieses Gefühl betreffend, der aus frühesten Kindheitstagen herrühren kann. Bindungsangst ist eine biologische Narbe im Gehirn. Seelisch gesunde Menschen sind liebes- und arbeitsfähig.

FORMAT: Durch wirtschaftliche Krisen kommt man also am besten zu zweit?

Senger: Es gibt jedenfalls, das stelle ich derzeit in meiner Praxis fest, einen neuen Bindungswillen. Ich merke, dass Paare zusammenbleiben wollen und bewusst an ihrer Beziehung arbeiten. Viele wollen wissen, was zur Entfremdung geführt hat, und die Bedingungen, die einen früher glücklich gemacht haben, wiederherstellen. Viele träumen aber von diesem „Red-Bull-Flash“, der sich am Anfang einer Beziehung einstellt, und wollen, dass er ewig hält. Aber man sollte sich als Paar damit begnügen, dieses Gefühl gehabt zu haben. Es ist ja nicht jeden Tag Weihnachten! Reife Beziehungen haben ihre besondere Qualität. Sie sind gewachsen und gereift. Es gibt nicht mehr die Hitze des Neubeginns, aber mehr Fülle. Heute machen die Menschen im Laufe ihres Lebens mehr Beziehungserfahrungen, aber auch mehr Trennungserfahrungen. Die will man nicht unbedingt erneut durchleben.

FORMAT: Haben wir auf der Jagd nach den großen Ekstasen verlernt, mit Unglück umzugehen?

Senger: Unglück bleibt einem nicht erspart. Macht man aber auch glücklichere Erfahrungen, wird man leidensfähiger. Man hat in Krisenzeiten mehr Copingstrategien und ein größeres Hoffnungspotenzial. Wichtig ist, dass die Trauer verarbeitet wird, sonst kommt es zur kumulierter Trauer. Und unverarbeitete Trauer erschwert in künftigen Beziehungssituationen Nähe.

FORMAT: Werden die Erfahrungen heute früher gemacht?

Senger: Ja, aber nicht so, wie uns manche Publikationen glauben machen wollen. Es stimmt nicht, dass alle Zwölfjährigen bereits Sex haben. Das sind Randerscheinungen. Am Zeitpunkt der ersten sexuellen Erfahrungen hat sich in den letzten 30 Jahren nichts geändert.

FORMAT: Sind auch die elterlichen Ängste vor Internet-Pornografie übertrieben?

Senger: Die Angst ist auf jeden Fall berechtigt. Es ist das erste Mal in unserer Geschichte, dass Sexualität durch Zuschauen gelernt wird. Jugendliche hören aber meist damit auf, sobald sie dem Zauber des Verliebtseins erliegen. Die Gefahren des exzessiven Pornokonsums im Internet kommen erst später wieder. Etwa wenn man Single ist, viele gescheiterte Beziehungen hinter sich hat und aus Angst vor Verletzungen auf einschlägigen Seiten hängen bleibt. Dann ist man plötzlich in einer emotionalen Schräglage.

FORMAT: Wie finden wir von der herrschenden Schräglage wieder in die Balance?

Senger: Dafür braucht es liebevolle Bindungen, zufriedenstellendes Arbeiten und Freunde. Freundschaften werden in den nächsten Jahren wichtiger, weil sie teilweise die Familie ersetzen. Insbesondere, wenn diese in einer mobilen Gesellschaft wie der unseren weit weg ist. Zu lieben und geliebt zu werden und eine Arbeitsidentität zu haben, das lässt einen Menschen lebendig fühlen. Ein glücklich Liebender fragt nicht zwanghaft nach dem Sinn des Lebens.

FORMAT: Gerade der Einklang am Arbeitsplatz scheint aber vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise schwieriger denn je. Fast 700.000 Österreicher sind Burnout-gefährdet.

Senger: Ja, viele sind durch Jobeinsparungen überfordert. Man muss aber auch die zugrunde liegenden Ängste im Auge haben. Meiner Meinung nach basieren fast alle Stresserkrankungen, wie Burnout, auf Angst.

FORMAT: Was sind denn aktuell die größten Ängste am Arbeitsplatz?

Senger: Die Angst, einen bereits erworbenen Status zu verlieren, und der Konkurrenzdruck sind sehr groß. Aber auch die Ängste, die rasanten technischen Entwicklungen nicht mitmachen zu können, und für den Arbeitsmarkt nicht flexibel genug zu sein, sind selbst bei jungen Menschen steigend.

FORMAT: Gibt es Rezepte für ein geglücktes Arbeitsleben?

Senger: Das Beste wäre, seiner Arbeit, eigentlich jeder Sache, einen Sinn zu geben. Auch Anerkennungsquellen zu erschließen wäre wichtig. Burnout ist vor allem an ein Anerkennungsdefizit gekoppelt. Man sollte sich gegenseitig also viel mehr Anerkennung und Lob gönnen.

FORMAT: Wer kommt heutzutage besser mit den Anforderungen zurecht. Männer oder Frauen?

Senger: Die Männer hätten es leichter, weil sie nach wie vor keine „Schattenarbeit“ für die Familie leisten müssen. Aber Männer stehen unter größerem Erfolgsdruck und sind starken Rivalitätskämpfen ausgesetzt. Eine Frau muss nicht unbedingt Karriere machen. Niemand wird zu einer Frau sagen, sie sei eine Versagerin, wenn sie beruflich nicht durchstartet. Ein Mann wird nach wie vor an beruflichen Erfolgen gemessen.

FORMAT: Die britische Soziologin Catherine Hakim fordert in ihrem Buch „Erotisches Kapital“ Frauen auf: „Schlafen Sie sich nach oben!“ Auch eine Art Backlash eines überwunden geglaubten Frauen-Karriere- Bilds?

Senger: Das ist eine Furcht erregende Aussage. Den Attraktivitätsbonus bei Frauen gibt es allerdings. Der Nachteil ist aber, dass schöne Frauen oft als oberflächlich abgestempelt werden und doppelt so hart arbeiten müssen. Nach oben kommt man letztlich doch eher durch Netzwerken, und das ist nach wie vor fest in der Hand der Männer. So viel Sex kann eine Frau gar nicht haben, um die Postenschacherei unter Männern auszugleichen.

FORMAT: Jeder muss heute fit, dynamisch und körpergetunt sein. Eine Entwicklung, die man aufhalten kann?

Senger: Nein, dieses Rad rollt. Das ist nicht mehr zu stoppen. Aber es entsteht eine Gegenbewegung. Man hat die Oberflächlichkeiten satt, sucht statt dem Small Talk wieder tiefere Gespräche und anstelle der Netzwerke wahre Freunde.

FORMAT: Vor allem das Männerbild scheint im Rollenwandel vom Macho zum Softie in der Krise. Erektionsprobleme nehmen zu.

Senger: Alleinerziehende Frauen haben, unterstützt von Großmüttern oder Lehrerinnen, eine Männergeneration großgezogen. Es fehlen also die Vorbilder für männliche Energie. Dazu kommt noch Konkurrenzdruck im Job, aber auch – bedingt durch sexuelle Aufklärung und Befreiung – im Bett. Ein Mann kann einer Frau heute nicht mehr einreden, dass ein Geschlechtsakt nur eine Minute dreißig dauert, weil Frauen nun Vergleichsmöglichkeiten haben. Das setzt unter Druck. Männer haben auch noch nicht gelernt, um Hilfe zu bitten, das kratzt an ihrem Machtverständnis. Und sie tauschen sich nicht intensiv aus, weil sie ja eher flache Beziehungen und Seilschaften pflegen. Frauen haben ein besseres Sorgenmanagement, sie geben einander Ratschläge aller Art. Aber kein Mann wird den anderen fragen: Wann hast du das letzte Mal deine Hoden abgetastet? Nicht zu Unrecht heißt es: Wer nicht spricht, zerbricht.

FORMAT: Wie kommen wir aus dieser Orientierungskrise?

Senger: Wir entwickeln uns von der Wegwerfgesellschaft zur Reparaturgesellschaft. Aber wir sollten nicht nur auf schnelles Reparieren aus sein, sondern die verursachenden Wunden suchen und heilen. Vor allem in Beziehungen. Wir müssen mit Verwundungen anders umgehen.

FORMAT: Das ist aber nicht nur eine Tendenz im Privaten …

Senger: Man versucht natürlich, auch die Welt zu reparieren. Mit Biowellen, mit nachhaltigem Lebensstil. Solange sich das Streben aber nicht danach richtet, Werte im Leben einzurichten, wird es beim Reparaturversuch bleiben. Man muss lernen, zwischen falschen Versprechungen und wahren Werten zu unterscheiden. Wir brauchen dabei aber Orientierungshilfen. Auch Glücklichsein muss gelernt sein. Es ist ja kein Wunder, dass Coaching-Angebote boomen.

FORMAT: Sie schreiben seit 30 Jahren über Sex und Beziehungen. Kann Sie eigentlich inmitten des herrschenden Bekenntnis- und Outingwahns noch etwas erstaunen?

Senger: Ich hab oft schräge Anfragen. Die kann ich nicht veröffentlichen, weil man denken würde, das ist erfunden, so schrill sind die. Man würde das als Freakshow sehen. Das möchte ich keinesfalls. Es geht ja um Beratung, nicht um Belustigung. Manchmal werde ich in Briefen auch beschimpft.

FORMAT: Wann zuletzt?

Senger: Als ich über Charlotte Roches Buch „Schoßgebete“ geschrieben habe. Ich habe mich eher kritisch geäußert, weil mich im medialen Kontext Ekelsex und Fäkalsprache abstoßen. Ich selber schreibe ja eher altmodisch und unaggressiv. Würde man mich bitten, flapsiger zu schreiben, Worte wie „ficken“ und „blasen“ zu verwenden, würde ich in der Sekunde damit aufhören.

Interview: Michaela Knapp, Manfred Gram

GERTI SENGER, 69

Gemeinsam mit dem Psychoanalytiker Walter Hoffmann hat die Psychotherapeutin und Psychologin Gerti Senger ein Buch zur aktuellen „Schräglage“ (Goldegg Verlag, € 21,40) geschrieben und analysiert, warum aus der herrschenden Orientierungslosigkeit heraus eine neue Sehnsucht nach alten Werten erwächst. Präsentiert wird das Buch am 6. 10., 19 Uhr, in der Hauptbücherei am Gürtel in einer Podiumsdiskussion. Gerti Senger ist selbst seit 37 Jahren verheiratet, Mutter eines Sohnes und arbeitet als Expertin für Paartherapie, Persönlichkeitstraining, Krisenbewältigung & Konfliktlösung. Seit 1981 ist sie auch die „Sexpertin“ der „Kronen Zeitung“.

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