New Work: Arbeit, nicht um jeden Preis

Die Corona-Krise hat in der Arbeitswelt ein "Neues Normal" und unter Arbeitnehmern ein neues Selbstbewusstsein geschaffen. Homeoffice, Hybrid Working und flexible Arbeitszeiten sind gekommen, um zu bleiben.

Der hybride Arbeitsplatz: Wohn- und Arbeitsort verschmelzen zusehends. Corona hat den Trend massiv verstärkt.

Der hybride Arbeitsplatz: Wohn- und Arbeitsort verschmelzen zusehends. Corona hat den Trend massiv verstärkt.

Die Bilanz ist verheerend. Mitte April waren in Österreich 533.621 Menschen als arbeitslos registriert, weitere 55.000 in Schulungen und über eine Million in Kurzarbeit, bis zu einem Höchststand von 1,347 Millionen Ende Mai. Betriebe und Produktionen standen still, Büros blieben geschlossen, und die Mitarbeiter waren entweder im Urlaub oder im Homeoffice. Weitgehend normal arbeiteten praktisch nur die in systemkritischen Berufen Beschäftigten.

In einigen Branchen wie in der Gastronomie, der Hotellerie und im Veranstaltungssektor war die Lage aufgrund des zweiten Lockdowns am Jahresende genauso trist. Und im nach Weihnachten wurde mit dem dritten Lockdown auch der Handel wieder geschlossen Über den Gesamtmarkt hat sich die Situation aber zumindest etwas entspannt. Ende November waren laut Bundesministerium für Arbeit in Österreich 391.858 arbeitslos, 66.000 in Schulungen und 276.370 in Kurzarbeit.

New-Work-Crashkurs

Die Monate des Corona-Lockdowns haben nicht nur in den Statistiken ihre Spuren hinterlassen. Viele Unternehmen und ihre Mitarbeiter haben einen Crashkurs in Sachen Digitalisierung und New Work erfahren. Flache Führungsmodelle, hohe Flexibilität und Homeoffice wurden in nur wenigen Wochen zum globalen Standard. Mit gravierenden Folgen: Arbeitnehmer haben neue Werte entdeckt und ein neues Selbstbewusstsein entwickelt. Die freie Zeiteinteilung und das ortsunabhängige Arbeiten, davor eine Domäne der Freelancer, wurde als das "Neue Normal" entdeckt und geschätzt. Und über alles stellen Arbeitnehmer mehr und mehr den Anspruch, dass ihre Arbeit auch einen Sinn haben muss. "Wenn Arbeit Sinn macht, wenn man sich durch, in und mit der Arbeit ausdrücken und entfalten kann, arbeiten Menschen gerne und viel", weiß Frédéric Laloux, Autor des Bestsellers "Reinventing Organisations".

"Bullshit-Jobs sind am Ende", ist auch der erste Schluss, den die New Work SE in einer Analyse der Corona-Folgen auf den Arbeitsalltag zieht. Kristina Knezevic, Country Managerin Xing (Tochter der New Work SE) in Österreich, dazu: "Auf der Arbeitnehmerseite wird ausgelöst durch Corona nicht nur in der Millennial-Generation, sondern in allen Generationen sehr stark die Sinnfrage gestellt." Arbeit muss Sinn machen und einen Wert für die Gesellschaft haben.

Doch damit nicht genug. Gleichzeitig werden auch Arbeitszeitmodelle und Entlohnungssysteme hinterfragt. Die klassische Nine-to-five-Tätigkeit und die Bezahlung nach Arbeitszeit infrage gestellt: Ist es notwendig und richtig, für Zeit und Anwesenheit bezahlt zu werden, oder nach Resultat?

Einer Xing-Studie zufolge ist die Antwort darauf aus Sicht der Arbeitnehmer eindeutig. 90 Prozent der in Österreich Befragten sind der Meinung, dass über neue Entlohnungsmodelle, die nicht auf Arbeitszeit basieren, nachgedacht werden muss. Laloux: "New Work ist ein Paradigmenwechsel und nicht nur ein paar Tools, die man anwenden kann. Das heutige System der Arbeit ist veraltet, ein Dinosaurier-System."


Die New-Work-Trends

  • NO BULLSHIT. Nach Corona wird die Suche nach Sinn im Job und nach einer Arbeit, die auch für die Gesellschaft Wert hat, bleiben.
  • HYBRID WORKPLACE. Der hybride Arbeitsplatz aus Büro und Homeoffice wird bleiben. Zuhause werden produktiv Arbeiten erledigt, das Büro wird zum Ort der Kommunikation, an dem der persönliche Austausch erfolgt.
  • FLEXIBLE ARBEITSZEIT. Auch die klassische Arbeitszeit und die Entlohnung nach Zeit werden infrage gestellt.
  • NEW SKILLS. Die durch die Krise beschleunigte Digitalisierung lässt neue Zukunftskompetenzen entstehen.
  • DIGITAL, VOLATIL, AGIL. Die große Herausforderung für Unternehmen. Sie müssen den Systemwandel in der Arbeitswelt in ihren Strukturen abzubilden.

Der hybride Arbeitsplatz

Und wo soll und kann diese sinnstiftende Arbeit geleistet werden? "Wherever you are", lautet die Antwort der New Work Experten. Das Büro ist, wo du bist.

Das Homeoffice wird ein fixer Teil davon sein. "Es ist definitiv gekommen, um zu bleiben", ist sich Knezevic sicher. In der Corona-Krise habe sich gezeigt, dass es nicht an der Produktivität der Mitarbeiter liegt: "Wenn es im Homeoffice ein Problem mit der Produktivität eines Mitarbeiters gab, dann gab es das Problem vorher auch schon. Das liegt aber nicht am physischen Arbeitsplatz und nicht an der Arbeitszeit. Auch wenn wir als Vorgesetzte im Büro sind, können wir nicht acht Stunden lang neben den Mitarbeitern stehen und kontrollieren, was sie machen.

Was aber nicht bedeuten soll, dass das klassische Büro ausgedient hat und Unternehmen Büroflächen abgeben können, weil die Mitarbeiter mit ihren Laptops im Homeoffice sitzen. "Wir glauben nicht daran, dass man sich ein Büro und Büromieten sparen können wird", sagt Xing-Managerin Knezevic.

Das Büro hat allerdings eine andere Bedeutung bekommen. So wichtig Homeoffice und Flexibilität sind, der persönliche Austausch im Büro kann dadurch nicht ersetzt werden. Das Büro wird auch in Zukunft ein wesentlicher Faktor im Unternehmen bleiben. Als Kulturstifter und Begegnungszone. Als Ort der sozialen Interaktion und des Austauschs mit dem Team. Als Platz für gemeinsames Brainstorming, um Projekte voranzutreiben, neue Ideen zu wälzen und auch gleich auf den Prüfstand zu stellen.

Dafür müssen entsprechende Bereiche geschaffen werden. Bereiche der sozialen Interaktion ebenso wie Raum für die Phasen, in denen hochkonzentriert an Aufgaben gearbeitet wird. "In solchen Phasen hoher Konzentration kann ich aber auch zuhause im Homeoffice sein", betont Knezevic.

Für sie steht jedenfalls fest, dass die Arbeitnehmer nach solchen hybriden Arbeitsplätzen suchen und verlangen und die Arbeitgeber daher auch gefordert sind, ein entsprechendes Umfeld zu schaffen. Büros so zu gestalten, dass die Mitarbeiter gerne vor Ort sind und freiwillig gerne vor Ort zur Arbeit kommen.

Job und Familie

Ein weiterer klarer Trend, der sich nach der Corona-Krise zeigt, ist das gestärkte Familiendenken. In davor durchgeführten Umfragen hatte sich immer die Generation der Post-Millennials als die Generation gezeigt, die Freunde und Familie über alles stellte. Die Ergebnisse aus diesem Jahr zeigen nun, dass rund zwei Drittel der Arbeitnehmer seit dem Ausbruch der Pandemie ihre individuelle Work-Life-Balance neu definiert haben. Über alle Generationen hinweg stehen nun Familie und Freunde jetzt stärker im Fokus.

Zumindest teilweise ist das auf den Lockdown zurückzuführen, der besonders für Familien mit Kleinkindern oder schulpflichtigen Kindern oft zu einer Gratwanderung wurde. "Die Zeit, in der Schulen geschlossen waren, man 24/7 Homeschooling, Kinderbetreuung und Fulltime-Job zu machen hatte, hat viele Frauen und Alleinerziehende an die Belastungsgrenze gebracht", sagt Knezevic.

Die Neudefinition des "Privaten" sollte es in Verbindung mit flexibleren Arbeitszeiten und der hybriden Arbeitsortgestaltung auch Frauen vermehrt ermöglichen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen und Karriere zu machen.

Das moderne Büro, eine Welt mit vielen Facetten. Raum für konzentriertes Arbeiten, Begegnungszone, Kommunikationszentrale, Ideenschmiede und Platz für sozialen Austausch.

Die Future Skills

Ein sprichwörtlicher Sprung ins kalte Wasser der Digitalisierung war die Corona-Krise auch für die Bildungseinrichtungen: Von den Schulen über die Universitäten bis hin zu den beruflichen Weiterbildungseinrichtungen, die seit den Lockdowns vermehrt nachgefragt werden. Viele haben den Stillstand genutzt, um die Welt, in der sie arbeiten, auf den Prüfstand zu stellen, sich ihrer Wünsche bewusst zu werden, um schlussendlich einiges zu ändern. Es gibt ein starkes Verlangen nach Neuem.

Doch das Neue braucht auch neue Kompetenzen und neue Qualifikationen. Das eine sind die Hard Skills, die man ausbilden kann: Wie gehe ich mit meinem Computer um, wie nutze ich Teams, Skype oder Zoom, die Office-Programme, wie sitze ich richtig in einem Meeting, mache meine Kamera an, wo muss ich hinschauen?

Das zweite ist aber die Notwendigkeit, sich selbst managen zu können. Kommunikations-und konfliktfähig zu sein, gerade auch dann, wenn man nicht physisch anwesend ist. Lernbereitschaft, und Resilienz sind gefragt, die Fähigkeit zum agilen Arbeiten ebenso wie emotionale, soziale Fähigkeiten, interkulturelle Kompetenzen. Und besonders die Fähigkeit zur Kollaboration. "Dieser Grundwert hat im Jahr 2020 einen massiven Schub erfahren. Wir bewegen uns weg von der Ära der Selbstsucht, des Wettbewerbs hin zu echter Zusammenarbeit. Austausch und Vertrauen auf Augenhöhe und Zugehörigkeitsgefühl sind dafür notwendig", betont Knezevic.

Das wären dann auch genau die Qualifikationen, die in "Future Jobs" gesucht werden. Bereits 15 Jahre vor Corona haben Studien bestätigt, dass soziale, kognitive Kompetenzen, emotionale Kompetenzen, Adaptionsfähigkeit, Business-Development-Orientierung und Lösungsorientierung die Zukunft sind.

Das Wie und das Was

"Ich hatte in meiner jüngeren Vergangenheit einen amerikanischen Arbeitgeber. Dort werden diese Soft Skills standardmäßig gefordert und gefördert", sagt Knezevic. Themen wie geschickte Selbstvermarktung und effizientes Selbstmanagement, die gekonnte Kommunikation mit und über digitale Devices gehören in den USA zu den Standard-Skills. Zudem auch die konsequente Business-Orientierung.

In Österreich sei das noch nicht der Fall. Hier werde den Mitarbeitern erklärt, was sie tun sollen, aber nicht, wie sie etwas machen sollen. Wie sie zum Beispiel einen Tagesplan effizient abarbeiten oder wie sie richtig in einem digitalen System mitarbeiten und selbst trotzdem Pausen machen können. Knezevic: "Dieses ,Wie' hat in unserem Ausbildungssystem noch keinen Platz gefunden. Hier gibt es Aufholbedarf."


Der Artikel ist auch in der trend-Ausgabe 51-52/2020 vom 18. Dezember 2020 erschienen.

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