Arbeitskräftemangel: Wo sind all die Leute hin?

Unternehmen aus allen Bereichen beklagen den akuten Mangel an Arbeitskräften. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit 2008 nicht mehr, die Zahl der offenen Stellen bleibt aber gigantisch hoch. Wie gibt's das?

ALLES SUCHT. Ein Rundgang durch die Wiener Innenstadt zeigt sehr schnell: In fast allen Branchen werden momentan Mitarbeiter gesucht.

ALLES SUCHT. Ein Rundgang durch die Wiener Innenstadt zeigt sehr schnell: In fast allen Branchen werden momentan Mitarbeiter gesucht.

In der Wiener Innenstadt sind die Touristen zurück. Sie haben Kopfhörer in den Ohren, um die Führung zu verstehen, gehen den Guides mit den bunten Schirmen nach und schauen sich Wiens imperiale Größe an. Vielleicht fällt manchen von ihnen auf, dass in vielen Auslagen in der Innenstadt derzeit ganz ähnliche Schilder hängen: "Wir suchen!", steht da oft, beim "Café Prückel" am Ring ganz genauso wie bei Kunst und Kirche am Stephansplatz, wo man Heiligenfiguren und Rosenkränze bekommt. Aber auch Floristen, Friseure und Modegeschäfte haben Zettel in ihren Schaufenstern hängen.

Quer durch die Branchen werden Mitarbeiter gesucht. Unternehmen schränken ihre Öffnungszeiten ein und nehmen nur noch beschränkt Aufträge an, weil ihnen das Personal fehlt. In Branchen wie der Pflege und auch der Gastronomie war es schon vor der Pandemie schwierig, Stellen zu besetzen. Doch aktuell ist es offenbar überall eine gewaltige Herausforderung. In der Stadt wie am Land fragen sich Unternehmen: Wo sind all die Leute hin? Was ist da eigentlich zwischen 2019 und 2022 passiert?

AUFSCHWUNG.

KRÄFTIGER ZUWACHS. Im Mai waren in Österreich mit 3,9 Millionen Menschen um 128.000 mehr beschäftigt als im Mai 2019. Die Zahl der Arbeitslosen ging zurück, die Zahl der beim AMS gemeldeten Stellen (links) bleibt hoch. Schätzungen gehen von insgesamt über 200.000 freien Stellen aus.

KRÄFTIGER ZUWACHS. Im Mai waren in Österreich mit 3,9 Millionen Menschen um 128.000 mehr beschäftigt als im Mai 2019. Die Zahl der Arbeitslosen ging zurück, die Zahl der beim AMS gemeldeten Stellen (links) bleibt hoch. Schätzungen gehen von insgesamt über 200.000 freien Stellen aus.

Klar ist, dass der starke Aufschwung dazu beigetragen hat. Österreichs Wirtschaft ist im Coronajahr 2020 um 6,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen, schon 2021 hat sie aber das Bruttoinlandsprodukt von 2019 übertroffen. "Die große Nachfrage nach Arbeitskräften ergibt sich aus dem starken Wirtschaftsaufschwung, der im Vorjahr alle Branchen gleichzeitig erreichte", sagt Ulrike Huemer, Arbeitsmarktexpertin am Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo. Das setzt sich fort: Im Mai waren 128.000 mehr Menschen beschäftigt als im Mai 2019, die Arbeitslosigkeit liegt auf dem niedrigsten Wert seit 2008 (siehe Tabelle). Dass es dennoch über 230.000 Arbeitslose gibt, hat strukturelle und regional unterschiedliche Gründe.

Der eben erschienene Arbeitskräfteradar der Wirtschaftskammer, bei dem seit 2018 jährlich 4.000 Betriebe befragt werden, zeigt den Unterschied zu 2019: Damals gaben 74,8 Prozent der befragten Betriebe an, dass sie stark bis sehr stark von einem Mangel an Arbeitskräften betroffen sind, heuer im Mai waren es 72,9 Prozent, also weniger. Dafür aber gaben jetzt 71 Prozent an, Stellen offen zu haben, 2019 waren es 65 Prozent. Der Mangel war also schon da, aber bei schwächerem Wachstum hatten weniger Unternehmen auch Stellen offen.

DEMOGRAFIE.

Nun aber ist die Beschäftigung stark gestiegen, das Wachstum hält vorerst an und all das fällt mit einem generellen Wandel zusammen: "Das Angebot von Arbeitskräften, das zuletzt nicht mehr wuchs, beginnt nun sogar zu sinken", sagt Helmut Dornmayr. Er ist am Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft unter anderem für den Fachkräfteradar zuständig. Seit Jahren warnt er vor der Situation, in der sich Österreich, aber auch viele andere Industriestaaten nun befinden: Wo die große Babyboomer-Generation in Pension geht, wird es irgendwann eng, weil die jüngeren Generationen deutlich kleiner sind.

RÜCKGANG. Zwischen 2021 und 2030 geht das Arbeitskräftepotenzial der 20-bis 60-Jährigen um 245.000 Menschen zurück.

RÜCKGANG. Zwischen 2021 und 2030 geht das Arbeitskräftepotenzial der 20-bis 60-Jährigen um 245.000 Menschen zurück.

Über Jahrzehnte ist mit der wachsenden Wirtschaft bisher auch die Zahl der arbeitenden Menschen gewachsen. Die Beschäftigung von mehr Frauen und Menschen aus dem Ausland trug dazu bei, dass in den vergangenen zehn Jahren rund 500.000 Beschäftigte dazugekommen sind. Doch jetzt kommt die Demografie ins Spiel: Sieht man sich die für den Arbeitsmarkt besonders relevante Altersgruppe der 20-bis 60-Jährigen an, zeigt die Prognose der Statistik Austria, dass diese Gruppe seit 2019 kleiner wird (siehe Grafik rechts), 2033 soll sie ihren Tiefststand erreichen. Allein bis 2030 geht dieses Arbeitskräftepotenzial um 245.000 Menschen zurück, obwohl dabei eine Zuwanderung auf dem Niveau der vergangenen Jahre eingerechnet ist.

Aber haben sich seit 2019 so viel mehr Menschen aus dem aktiven Arbeitsleben verabschiedet, dass es der Arbeitsmarkt bereits spürt? Tatsächlich ist die Zahl der Pensionsantritte massiv gestiegen. 2019 haben sich 91.347 und 2020 schon 113.103 Menschen in Pension begeben, verglichen mit den Pensionsantritten von 2015 ist Letzteres ein Plus von 62 Prozent. Die Zahlen für 2021 liegen noch nicht vor, sollten aber weiter gestiegen sein.

Noch aber können Neuzugänge zum Arbeitsmarkt und mehr länger arbeitende Menschen das ausgleichen, denn die Zahl der Beschäftigten liegt aktuell über dem Niveau von 2019 (siehe oben). Mittelfristig werden auch die ab 2024 schrittweise einsetzende Anhebung des Pensionsantrittsalters für Frauen und mehr länger arbeitende Männer einen Teil der Lücke schließen können, weil diese Bevölkerungsgruppe groß ist, so die Prognose.

"Die steigende Zahl an Pensionsantritten trägt dennoch dazu bei, dass jetzt das Arbeitskräfteangebot knapper wird, auch wenn der Hauptgrund das starke Wachstum ist", sagt Julia Moreno-Hasenöhrl, stellvertretende Leiterin der Abteilung Sozialpolitik und Gesundheit bei der Wirtschaftskammer. Manche Branchen haben einen besonders hohen Anteil älterer Mitarbeiter, sie spüren die große Welle früher. Im öffentlichen Dienst zum Beispiel sind rund 40 Prozent der Mitarbeiter über 50 Jahre alt, bei den Energie-und Wasserversorgern, im Verkehr, aber auch in der Finanzwirtschaft macht diese Altersgruppe rund 35 Prozent der Beschäftigten aus. Nicht immer werden die Stellen der Pensionierten nachbesetzt, oft sind nun andere Qualifikationen nötig, die so wie etwa IT-Spezialisten aber quasi überall fehlen. Es gilt also: Der demografische Wandel verschärft die Situation.

MEHR TEILZEIT.

MEHR TEILZEIT. Die Teilzeitquote steigt bereits seit Jahren und hat gerade bei Frauen während der Pandemie noch zugenommen.

MEHR TEILZEIT. Die Teilzeitquote steigt bereits seit Jahren und hat gerade bei Frauen während der Pandemie noch zugenommen.

Er ist ein Merkmal der jungen Generation, aber in kaum einer Unternehmer-Anekdote kommt er momentan nicht vor: der große Wunsch, nicht mehr Vollzeit zu arbeiten. Sind Mitarbeiter also vielleicht deshalb so knapp, weil viele lieber weniger arbeiten, obwohl es gerade so viel mehr zu tun gäbe?

Tatsächlich ist die Anzahl der Menschen, die in Teilzeit arbeiten, zwischen 2019 und 2021 um 4,9 Prozent gestiegen, während um 3,1 Prozent weniger Menschen Vollzeitstellen besetzten. Speziell bei Frauen, wo die Teilzeitquote in Österreich im internationalen Vergleich schon extrem hoch war, gab es Zuwächse.

Im Mikrozensus der Statistik Austria haben zudem 14,9 Prozent der 2021 Befragten angegeben, dass sie in Zukunft weniger arbeiten möchten, und zwar quer durch die Altersgruppen. Bei Frauen zwischen 25 und 50 Jahren war die Betreuung von Kindern oder Pflege von Familienangehörigen der wichtigste Grund, bei Männern eine Ausbildung und der Wunsch nach keiner Vollzeitstelle. Immerhin 6,7 Prozent wollten mehr arbeiten.

"Der Trend zu mehr Teilzeit ist jedenfalls nicht neu", sagt Helmut Dornmayr vom ibw, der in dem hohen Anteil von Teilzeitbeschäftigten einen weiteren Faktor dafür erkennt, warum Unternehmen gerade durch die Branchen hinweg im aktuellen Boom mehr Mitarbeiter benötigen. Für ihn spiegelt sich der Wunsch, weniger zu arbeiten, auch im Rückgang der geleisteten Überstunden wider, der ebenfalls schon seit Jahren präsent ist.

VERLORENE MITARBEITER.

Speziell Gastronomie und Hotellerie klagen darüber, während der Pandemie Mitarbeiter dauerhaft verloren zu haben. Laut dem AMS ist die Situation in dieser Branche aber mit jener in der Vergangenheit vergleichbar: Die 40 Prozent, die 2021 im Vergleich zu 2019 nicht mehr im Tourismus waren, fehlten auch 2019 verglichen mit 2017. Der Unterschied sei, dass jetzt weniger Menschen in den Tourismus wechseln als zuvor und Lehrlinge fehlen. Und dennoch waren im Mai auch in dieser Branche nun mehr Menschen als im Mai 2019 beschäftigt.

BESCHÄFTIGTE AUS DEM AUSLAND. Seit 2011 der österreichische Arbeitsmarkt für Menschen aus osteuropäischen EU-Ländern frei zugängig wurde, ist ihr Anteil an den Beschäftigten laufend gestiegen. Sie stehen für einen erheblichen Teil des Beschäftigungswachstums.

BESCHÄFTIGTE AUS DEM AUSLAND. Seit 2011 der österreichische Arbeitsmarkt für Menschen aus osteuropäischen EU-Ländern frei zugängig wurde, ist ihr Anteil an den Beschäftigten laufend gestiegen. Sie stehen für einen erheblichen Teil des Beschäftigungswachstums.

Selbst das Argument, dass ausländische Arbeitskräfte ausbleiben, greift nicht pauschal. Die Zahl der Beschäftigten ohne österreichische Staatsbürgerschaft ist zwischen 2019 und 2021 um 48.000 Menschen gestiegen (siehe Grafik unten). In der Gastronomie waren 2021 zwar weniger Ausländer beschäftigt, sie machten dafür aber einen höheren Anteil aus, weil es insgesamt deutlich weniger Beschäftigte in der Branche gab. "Der Anteil von Arbeitskräften, die ihren Wohnsitz im Ausland haben, also einpendeln, ist in Österreich ab der Arbeitsmarktöffnung im Mai 2011 für die EU-Beitrittsländer von 2004 stark gestiegen", sagt die Wifo-Expertin Ulrike Huemer und weist eine ebenfalls oft geäußerte Vermutung zurück: "Er geht auch jetzt nicht zurück, sondern liegt bei 3,4 Prozent der aktiven unselbstständigen Beschäftigung und entwickelt sich wie in der Vergangenheit."

Es zeigt sich also: Die Leute sind gar nicht wirklich verschwunden. Der Hauptgrund für den Mangel an Arbeitskräften bleibt der massive Aufschwung. Er fällt mit dem Beginn einer demografischen Wende zusammen und trifft auf einen Wertewandel, was die Arbeitszeit betrifft.

Manche Unternehmen greifen nun zur Selbsthilfe: Eveline Pupeter vom Handyhersteller Emporia bildet zum Beispiel gerade eine ambitionierte Lagerarbeiterin zur Buchhalterin aus. Andere treiben die Automatisierung voran, wo es nur geht. Die Wirtschaftskammer fordert unter anderem die Reform der Arbeitslosenversicherung und der Rot-Weiß-Rot-Card. Arbeitsmarktexpertin Moreno-Hasenöhrl betont aber auch: "Es gibt noch viel Potenzial bei Frauen in Teilzeit und in der älteren Altersgruppe." Das erfordere aber bessere Rahmenbedingungen.

Darauf, dass ein paar der Touristen nun in Wien kleben bleiben, um hier zu arbeiten, sollte sich jedenfalls niemand verlassen.


Der Artikel ist der trend. PREMIUM Ausgabe vom 24. Juni 2022 entnommen.

Der Papier- und Verpackungsspezialist Mondi liegt im trend Ranking der umsatzstärksten Unternehmen des Landes auf Rang 8.

Mondi Group – Globaler Verpackungs- und Papierfabrikant

Die Mondi Group ist einer der weltweit größten Produzenten für …

Haus des Geldes: Die Münze Österreich AG befindet sich im Herzen Wiens am Heumarkt 1 im 3. Wiener Gemeindebezirk. Seit 1837 werden hier Münzen geprägt. Hinter der historischen Fassade verbirgt sich eine der modernsten Prägestätten der Welt.

Münze Österreich – Österreichs Münzprägestätte mit Tradition

Die Münze Österreich AG kann auf über 800 Jahre Geschichte zurückblicken. …

Ökonomen gegen Sondersteuer für Energieunternehmen

Die Empörung über hohe Gewinne vieler Energieunternehmen angesichts der …

Die Bayan-Obo-Mine im Autonomen Gebiet Innere Mongolei der Volksrepublik China. Sie ist die wichtigste Fund- und Förderstätte der Welt für Seltene Erdmetalle. Im Tagebau arbeiten bis zu 6000 Menschen.

Von der Energiewende zur großen Rohstoffwende

Für die Energiewende und damit benötigte Produkte wie Solaranlagen, …