Von schwarzen Schwänen, chinesischen Fledermäusen und russischen Bären

Die unverfügbare Welt: Sind die Pandemie und Putins Überfall auf die Ukraine tatsächlich völlig überraschende Ereignisse oder haben wir ihre Wahrscheinlichkeit nur bewusst ignoriert, weil das bequemer war? Werden diese Bedrohungen dann plötzlich sichtbar, bieten sie die Chance, uns von der Illusion der Planbarkeit der Welt zu verabschieden.

Andreas Salcher, Bildungsexperte, Autor und Unternehmensberater

ANDREAS SALCHER, Bildungsexperte, Bestsellerautor, Unternehmensberater und regelmäßiger trend-Autor.

Vor genau 40 Jahren erschien John Naisbitts Buch "Megatrends", in dem er mit einer ausgefeilten Methode zehn große Zukunftsentwicklungen beschrieb, die das Leben der Menschen nachhaltig verändern sollten. Die meisten seiner Prognosen, wie zum Beispiel "von der Industrie-zur Informationsgesellschaft" oder "von der Nationalökonomie zur Weltwirtschaft", haben sich als erstaunlich treffsicher erwiesen, völlig falsch lag Naisbitt fast nirgends. Trotzdem konnte er drei der größten Disruptionen nicht vorhersehen: den Zusammenbruch der Sowjetunion, die digitale Revolution durch das Internet sowie die Renaissance des islamischen Fundamentalismus.

Der Wall-Street-erfahrene Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb nennt derartige unvorhersehbare Phänomene "schwarze Schwäne". Diese zeigen uns, wie fragil unsere scheinbar stabile Welt ist. Als aktuelle Beispiele für "schwarze Schwäne" kommen einem schnell die Coronapandemie und der Überfall Putins auf die Ukraine in den Sinn. Sind das aber wirklich "schwarze Schwäne"?


Nicht nur der Westen hat unterschätzt, welche Grenzen Putin zu überschreiten bereit ist. Auch er hat die Verteidigungsbereitschaft der Ukraine massiv unterschätzt.

Ich hatte die Möglichkeit, im Jahr 2015 in Vancouver persönlich beim mittlerweile legendären TED Talk von Bill Gates mit dem Titel "Der nächste Ausbruch trifft uns unvorbereitet" dabei zu sein. Dort belegte Gates mit Zahlen, Daten und Fakten, dass Viren die größte Bedrohung für die Menschheit seien. Er berichtete von seinen Erfahrungen mit dem Ebola-Ausbruch 2014 in Afrika, bei dem er hautnah erleben musste, wie schlecht die Welt auf Pandemien vorbereitet ist. Ich war durchaus beeindruckt von seinen Argumenten. Nach der Konferenz flog ich heim, und die Wirkung des Vortrags verflüchtigte sich - so wie wahrscheinlich bei fast allen anderen Teilnehmern.

Für die Bereitschaft Wladimir Putins, gerne Panzer in fremde Länder zu schicken, gab es vom Krieg in Tschetschenien bis zur militärischen Besetzung der Krim eine Vielzahl an Beweisen. Auf die derzeit heftig diskutierte Frage "Was geht im Kopf von Wladimir Putin vor?" gibt die "Financial Times"-Redakteurin Catherine Belton in ihrem bestens recherchierten Buch "Putins Netz. Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste" ausführlich Antwort. Sie räumt darin mit der Schutzbehauptung der "Putinversteher" auf, dass Putin am Anfang seiner Präsidentschaft ein friedlicher, demokratisch orientierter Staatsmann war, der nur vom bösen Westen gedemütigt wurde.

Belton dokumentiert im Gegenteil Putins gewaltbereiten Charakter. Doch als ausgleichende Gerechtigkeit hat nicht nur der Westen unterschätzt, welche Grenzen Putin zu überschreiten bereit ist, sondern auch er hat die Verteidigungsbereitschaft der Ukraine massiv unterschätzt. Selbst für Diktatoren bleibt die Welt unverfügbar. In Abwandlung der oft zitierten Prophezeiung des Delphischen Orakels an den kleinasiatischen Herrscher Krösus muss Putin wohl realisieren: "Wenn du die Grenze (zur Ukraine) überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören."


Die Pandemie und der Überfall auf die Ukraine waren erwartbare Ereignisse.

Wir sollten uns eingestehen, dass die Pandemie und der Überfall auf die Ukraine im Gegensatz zum Internet eben keine "schwarzen Schwäne" sind, sondern durchaus erwartbare Ereignisse. Umso größer ist unsere Enttäuschung und bei manchen die Wut über diese Fehleinschätzung. Als Reaktion darauf widmen wir uns einer beliebten, aber sinnlosen Gegenstrategie: der Suche nach den Schuldigen. Stammt das Coronavirus von einem mit Vorliebe Fledermäuse verspeisenden Chinesen oder wurde es heimtückisch in einem Labor in Wuhan gezüchtet? Wer ist verantwortlich für die hohe Gasabhängigkeit der EU? Wer ist schuld am erbärmlichen Zustand unseres Bundesheeres?

Eine Erklärung für die fortschreitende Entfremdung zwischen dem Menschen und der Welt liefert der deutsche Soziologe Hartmut Rosa in seinem bemerkenswerten Buch "Unverfügbarkeit": "Das kulturelle Antriebsmoment jener Lebensform, die wir modern nennen, ist die Vorstellung, der Wunsch und das Begehren, Welt verfügbar zu machen." Daher wird bei Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und eben auch einer Pandemie stets nach "Verantwortlichen" gesucht: Jemand muss doch die Schutzmaßnahmen vernachlässigt und die Warnzeichen übersehen haben. Die Wut richtet sich auf diejenigen, welche das Unglück nicht im Vorfeld erkannt haben.


Es ist wohl relevanter, welche Maßnahmen wir heute tatsächlich umsetzen, als großartige Zukunftspläne zu entwerfen.

Der mittlerweile dritte Gesundheitsminister wird zwischen den gegensätzlichen Ansprüchen von Wirtschaft, Gesundheitsexperten, Medien, Koalitionspartnern und Landeshauptleuten völlig zerrieben. Vom Bildungsminister fordert ein Teil der Eltern und Lehrer vehement strengere Test-und Isolationsstrategien und der andere Teil den sofortigen Stopp genau dieser "kinderfeindlichen" Maßnahmen. Einig sind sich beide Seiten nur darin, dass der Bildungsminister sofort zurücktreten muss, sollte er nicht jeweils genau ihre Forderungen erfüllen. In Wahrheit wollen wir etwas, das außerhalb der Einflussmöglichkeit von Regierungen liegt:"Vernichtet sofort das Virus mit all seinen Varianten und garantiert uns, dass es nie wiederkommt."

Ganze Nationen sind immer wieder der Illusion der linear planbaren Entwicklung der Welt verfallen: Das "Tausendjährige Reich" der Nazis dauerte zum Glück nur zwölf Jahre. Die Fünfjahrespläne der Kommunisten waren alles andere als ein Erfolgsmodell, schon die kommunistische Landwirtschaft scheiterte an ihren vier großen Problemen: erstens Frühjahr, zweitens Sommer, drittens Herbst und viertens Winter. Diesen Erkenntnissen folgend, sollten wir die Diskussionen darüber, ob die EU erst 2040 oder doch schon 2030 komplett klimaneutral werden muss, um die Vernichtung unserer Spezies zu verhindern oder zumindest hinauszuschieben, etwas weniger erbittert führen.

Der Management-Guru Tom Peters hat provokant postuliert: "Qualität entscheidet sich daran, was du in den nächsten fünf Minuten tust." Umgesetzt auf politische Ziele ist es wohl relevanter, welche Maßnahmen wir heute tatsächlich umsetzen, als großartige Zukunftspläne zu entwerfen. Denn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wissen wir nur eines: dass keiner der heutigen politischen Entscheidungsträger 2030 oder gar 2040 noch verantwortlich sein wird.


Der Preis, den wir für die Illusion zahlen, die Welt durch noch mehr Regeln und Gesetze total verfügbar zu gestalten, macht uns blind für die Realität des Lebens.

Was also tun? Als selbstreflektierter Mensch erkennen, dass es unvermeidbare Unglücke und Krisen sowohl im eigenen Leben als auch in der Welt gibt. Es ist nicht möglich, diese durch administrative Maßnahmen abzuschaffen, um uns Menschen vor allen Rückschlägen zu bewahren, wie das manche Sozialbürokraten glauben. Der Preis, den wir für die Illusion zahlen, die Welt durch noch mehr Regeln und Gesetze total verfügbar zu gestalten, macht uns blind für die Realität des Lebens.

Es wird immer ungerechtfertigte Kündigungen oder bösartige Krankheiten im Leben geben, genauso wie in der Welt Kriege, Pandemien und Wirtschaftskrisen plötzlich ausbrechen können. Das meiste davon können wir nach einiger Zeit bewältigen, wirklich gefährlich ist alles, das den Kern unserer Persönlichkeit trifft. Wer nur wenige Verhaltensmuster hat, wird schwer in unterschiedlichen Lebenssituationen auf die richtigen Kompetenzen zurückgreifen können, die er benötigt. Daher ist der Umgang mit Ambivalenz eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen, um in einer unverfügbaren Welt handlungsfähig zu bleiben. Dann kann es zum Beispiel gelingen, die durch den Krieg offensichtlich gewordene Abhängigkeit von Putins Gas als "Window of Opportunity" für eine vernunftbasierte grüne Transformation der EU-Wirtschaft zu nutzen.

Der US-Amerikaner John Naisbitt hat mehr als 20 Jahre in Österreich gelebt. Vielleicht hat ihn das zu einem seiner bekanntesten Zitate inspiriert: "Das typisch Menschliche ist, sich aus Angst vor einer unbekannten Zukunft an die bekannte Vergangenheit zu klammern."


Der Essay ist der trend. PREMIUM Ausgabe vom 15. April 2022 entnommen.

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