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Eiskalter Krieg - Spannung in der zweigeteilten Welt in der Arktis

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Ob Schiffswege, Tiefseebergbau oder Fischereirechte – in der ARKTIS führt die zweigeteilte Welt zu neuen Spannungen. Wer vom schmelzenden Eis profitieren will.

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Wladimir Putin hatte den Zeitpunkt wieder einmal mit Sorgfalt gewählt. Am 23. Dezember, kurz vor dem Weihnachtsfest im Westen, schickte er über die russische Nachrichtenagentur Tass eine Botschaft an die Welt: „Der nördliche Seeweg wird effizienter als der Weg über den Suezkanal.“ Eben waren die ersten Handelsschiffe im Roten Meer von den Geschossen der Huthi-Rebellen getroffen worden. Und der dürrebedingt extrem niedrige Wasserstand im Panamakanal, der den Atlantik mit dem Pazifik verbindet, begann, den Schiffsverkehr Tag von Tag stärker zu belasten. Da stieß der Hinweis des russischen Präsidenten auf eine Alternative zu den bisherigen Welthandelsrouten, deren Verletzlichkeit seit Corona offenkundig geworden ist, auf offene Ohren.

Der weitgehend von Russland kontrollierte „nördliche Seeweg“ (international „Northern Sea Route“, siehe Grafik unten), der 5.600 Kilometer in arktischen Gewässern von Nowaja Semlja an der Karasee zur Beringstraße führt, sieht auf den ersten Blick tatsächlich wie die ideale Ausweichroute aus. Durch die Erderwärmung, die in der Arktis viermal stärker als im globalen Durchschnitt ausfällt, schmilzt das Eis rasant – seit 1978 um durchschnittlich 78.000 Quadratkilometer pro Jahr, fast die Fläche Österreichs. Schon 2040 wird von Wissenschaftlern der erste eisfreie Sommer erwartet. „Bis 2050 wird das Arktische Meer praktisch eisfrei sein“, sagt die isländische Klimawissenschaftlerin Guðfinna Aðalgeirsdóttir.

Das eröffnet jede Menge neuer Optionen für die Anrainerstaaten, und nicht nur für diese. Die Volksrepublik China, die sich seit einigen Jahren als „Near-Arctic state“ definiert, ist ebenfalls hoch interessiert: Wenn chinesische Schiffe nicht mehr vom strategischen Erzfeind USA kontrollierte Gewässer durchkreuzen müssen und obendrein rund eine Woche schneller sind, bedeutet das mehr geopolitische Bewegungsfreiheit. „Russland ist der Gatekeeper für die chinesische Ambition, auf diesem Weg nach Europa zu kommen“, sagt Christopher Rossi, der internationale Beziehungen an der Arctic University im norwegischen Tromsø lehrt. Schon im nächsten Moment schränkt er aber ein: „Bisher haben China und Russland erhebliche Probleme, miteinander zu kooperieren.“

Wie wichtig auf der anderen Seite den USA die Region ist, belegt Rossi mit einem Schritt von Joe Biden im Februar 2023: Der US-Präsident hat mit Mike Sfraga erstmals einen Arktis-Botschafter der Vereinigten Staaten ernannt.

Aðalgeirsdóttir und Rossi waren ebenso wie Rossis Arctic-University-Kollege Rasmus Pertelsen, ein Politikwissenschaftler, und die russische Umweltaktivistin Ksenia Vakhrusheva Ende Februar zu Gast auf einer Arktis-Tagung in Wien, die von Erste Stiftung, Europe’s Futures, dem Forum Journalismus und Medien (fjum) sowie dem Presseclub Concordia veranstaltet wurde.

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PLAN A. Der nördliche Seeweg, international als Northern Sea Route bekannt, wird von Russland kontrolliert und ist eine mögliche Alternative zu den bisherigen Hauptrouten des Welthandels. Zunächst wird es weniger um klassische Container als um Flüssiggas und Bergbauprodukte gehen.

Zukunftsweg

Eine Konkurrenz zum Suezkanal werde die Arktis-Route noch lange nicht sein, so der Konsens der Wissenschaftler, es wird noch viele Jahre lang Eisbrecher brauchen. „Davon gibt es aber zu wenige“, verweist Vakhrusheva auf die Kurzfrist-Perspektive. Das schmelzende Eis könnte außerdem längerfristig zu stärkerem Wellengang und damit schwererer Navigierbarkeit führen, und der Klimawandel könnte noch andere unberechenbare Folgen haben.

Aufhorchen lässt, dass Russland im Oktober letzten Jahres mit der Logistikfirma DP World aus Dubai ein Joint Venture zur Entwicklung von speziellen Containerschiffen für die Noch-Eismeere gegründet hat.

Noch haben die arktischen Volumina im Welthandelsganzen kaum Bedeutung. Laut dem britischen „Economist“ durchkreuzten im Jahr 2022 weniger als 1.700 Schiffe die Arktis, während 23.000 Schiffe den Suezkanal und 14.000 den Panamakanal passierten.

Dagegen ist der Wettlauf um die Bodenschätze längst im Gange, und er hat sich seit dem russischen Überfall auf die Ukraine vor zwei Jahren intensiviert. Grob gesagt, gehört die Hälfte der Arktis Russland, die andere Hälfte den anderen sieben Anrainerstaaten Kanada, Dänemark, Finnland, Island, Norwegen, Schweden und USA. Sie versuchen seit 1996, ihre Interessen im Arktischen Rat auszubalancieren. Doch dieses zwischenstaatliche Gremium hat spätestens seit Russlands Angriffskrieg eine „Identitätskrise“, formuliert Rossi. Russland hat seine Zahlungen eingestellt, Finnland und Schweden sind inzwischen Mitglieder in der NATO.

Hintergrund ist der simple Umstand, „dass die russische Arktis-Hälfte wirtschaftlich und wissenschaftlich wertvoller ist als die NATO-Hälfte“, so Experte Pertelsen salopp. Die US Geological Survey, eine staatliche Behörde, schätzt die Menge unentdeckten Öls auf 90 Milliarden Barrel, dazu kommen 1,7 Billionen Kubikmeter Erdgas und 44 Milliarden Barrel Flüssiggas.

Kooperative Projekte sind nun buchstäblich auf Eis gelegt oder bereits gescheitert, wie auch das OMV-Investment in der Region Jamal-Nenets zeigt (siehe Kasten unten).

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INTERESSENGEMEINSCHAFT. Für die Volksrepublik China (links: Staatspräsident Xi Jinping) ist Russland der Schlüssel, um Containerschiffe und Energietransporte außerhalb der von den USA kontrollierten Routen fahren zu lassen. Präsident Wladimir Putin weiß das.

Besonders umkämpft ist derzeit das Flüssiggasprojekt Arctic LNG 2 in der Region Krasnojarsk, vor dem Krieg auf eine Jahreskapazität von 20 Millionen Tonnen ausgelegt und im Prinzip startklar.

Die Projektgesellschaft steht zu 60 Prozent im Besitz des privaten russischen Energieunternehmens Novatek, zu je zehn Prozent gehört sie den zwei staatlichen chinesischen Konzernen CNOOC und CNPC, einem japanischen Konsortium und dem französischen Konzern Total.

Exakt kurz vor Weihnachten 2023, als mit der Produktion begonnen wurde, verhängten die USA jedoch Sanktionen auf die Vermarktung von Produkten aus diesem spezifischen Projekt. „Es gibt aber keine Infrastruktur, um es in die russische Wirtschaft einzuspeisen“, sagt Vakhrusheva, die von der bulgarischen Schwarzmeerküste aus für die norwegische Umwelt-NGO Bellona tätig ist.

Nun müssen die Russen versuchen, das Flüssiggas auf dem freien Markt zu verkaufen. Erneut drängt sich China auf, wenn auch zu niedrigeren Preisen, als der Westen zahlen würde. Es gibt seit Kurzem einen regelmäßigen LNG-Schiffs- und Containerservice, der Schanghai mit Sankt Petersburg verbindet. Zwischenstopp ist entlang der „Northern Sea Route“ etwa in Arkhangelsk.

Arctic LNG 2 ist aber nur eines aus einer ellenlangen Liste von geplanten Bergbau- und Förderprojekten, die Bellona gesammelt hat; viele hängen derzeit in der Luft. Dabei befinden sich rund 90 Prozent der russischen Nickel-Kobalt-Vorkommen, 60 Prozent des Kupfers und 100 Prozent der Diamanten in der Arktis, streicht Vakhrusheva die enorme Bedeutung der Region hervor. Ihre Liste umfasst auch Gold-, Seltene-Erden-, Lithium-, Blei-, Zink-, Platinum- und Palladium-Großvorhaben (siehe Tabelle unten).

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Tiefseebergbau kommt in Fahrt

Neben dem Fördern fossiler Rohstoffe unter dem Permafrost kommt aber auch Tiefseebergbau in Fahrt, die Exploration tief unter der Eis- bzw. Wasseroberfläche. Dabei spielt Norwegen eine große Rolle, das Technologieführerschaft in diesem noch weitgehend unbekannten Terrain anstrebt.

Anfang des Jahres hat das Parlament in Oslo 280.000 Quadratkilometer im Nordmeer, eine Fläche dreieinhalb Mal so groß wie Österreich, zum Schürfen nach Metallen wie Lithium, Scandium oder Kobalt quasi freigegeben. Diese Rohstoffe sind auch die Schlüsselbausteine für die Batterietechnologie und damit für die Mobilitäts-und Energiewende. Unter Umweltschützern ist der Schritt wegen des Eingriffs in die maritime Biodiversität extrem umstritten.

Längst wird aber auch um die Fischereirechte gefeilscht. Zwar wurde zwischen den Anrainerstaaten, der EU, Island, Japan, China und Südkorea 2021 ein Moratorium geschlossen, das den Fischfang in arktischen Regionen nur zu wissenschaftlichen und nichtkommerziellen Zwecken erlaubt. Es gilt bis 2037. Doch seit Beginn des Kriegs in der Ukraine stehen derartige Abmachungen generell auf wackeligen Beinen. Die Signatarländer können sich jederzeit aus dem Abkommen zurückziehen.

Dass Russland, das die Arktis als seinen Hinterhof betrachtet und alle Passagen kontrollieren kann, grundsätzlich in der Position des Stärkeren ist, will Wissenschaftler Rossi jedoch als These nicht einfach so stehen lassen. Er verweist darauf, dass durch den Ukraine-Krieg 80 Prozent der in der Arktis stationierten russischen Militäreinheiten derzeit abgezogen seien.

Nachdem Finnland nun NATO-Mitglied ist, „hat Russland sogar Angst, die Arktis zu verlieren“, stellt er als Gegenthese auf. Denn eines sei angesichts der vielen ungehobenen Schätze unterm Eis klar: „Jeder will ein Stück vom arktischen Kuchen.“

Der Artikel ist aus trend.PREMIUM vom 8. März 2024.
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