Innovation, Quelle des Wohlstands - und der Macht

Essay von Hannes Androsch: Die Vorherrschaft in Zukunftstechnologien wird darüber entscheiden, wer die Welt regiert. In Europa und Österreich haben sich zuletzt deutliche Defizite gezeigt - doch es gibt auch Erfreuliches zu berichten.

Hannes Androsch

Hannes Androsch

Seit der Zähmung des Feuers haben Entdeckungen, Entwicklungen und Erfindungen die Geschichte des Menschen im Streben nach Überleben, Sicherheit und Erleichterungen geprägt. Speziell Technologieentwicklung und - umsetzung haben nicht nur das Zusammenleben der Menschen beeinflusst, sondern durch die geschaffenen Techniken den Menschen im Zuge einer Co-Evolution verändert und auch die Entwicklung seiner Kulturen beeinflusst. Doch die Tatsache, dass die Nutzung von Technologien das (Über-)Leben erleichtert, kann und darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Erfindungen und Entwicklungen immer auch missbraucht werden (können).

Schon der Faustkeil konnte sowohl zum Zerlegen von Nahrungsmitteln als auch zum Töten eingesetzt werden, wie die biblische Geschichte von Kain und Abel illustriert. Mit der Entdeckung der Kernspaltung und der damit verbundenen Entwicklung von Atomwaffen im 20. Jahrhundert hat diese Zweischneidigkeit der Technologie ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht und die apokalyptische Gefahr der Vernichtung der gesamten Menschheit erreicht. So ist auch der derzeit gefährliche Umgang mit dem Atomkraftwerk im ukrainischen Saporischschja ein erschreckendes Beispiel für zynisch unverantwortliches und machtbesessenes Verhalten, das ganz Europa in Gefahr bringt.

Technologische Neuerungen, also die Ars inveniendi (Leibnitz), ergänzt durch die Ars innovandi, also die Umsetzung von Forschungsergebnissen in Innovationen, haben oftmals eine lange Geschichte und brauchen viel Zeit, um zum Erfolg zu kommen. Im Zuge der Industriellen Revolution hat sich das Tempo allerdings beschleunigt und immer schneller zu Erfolgen geführt. Dennoch waren schon um 1900 nicht wenige der Meinung, dass der Prozess der Erfindungen und Entwicklungen ihr Ende gefunden habe. So erklärte Charles H. Duell, Leiter im US-Patentamt, schon 1899: "Es gibt nichts Neues mehr. Alles, was man erfinden kann, ist schon erfunden worden."


Der Umfang der Erkenntnisse und die Zahl von Entwicklungen haben ein unglaubliches Ausmaß angenommen.

Das 20. Jahrhundert sollte dann allerdings das Gegenteil beweisen. Der Umfang der Erkenntnisse und die Zahl von Entwicklungen haben ein unglaubliches Ausmaß angenommen, ihre Anwendung hat sich enorm beschleunigt. Dies hat dazu geführt, dass Menschen heute im Durchschnitt deutlich länger und gesünder leben, Hunderte Millionen aus der Armut befreit werden konnten und Wohlstand und Wohlfahrt in ungeahntem Ausmaß für breite Teile der Bevölkerung möglich wurden.

In den letzten dreißig Jahren hat sich das Tempo der Anwendung neuer Technologien nochmals deutlich erhöht. Als Beispiel dafür steht die Entwicklung von PCs, Tablets und Smartphones, die Erfindung des Internets und jüngst nun die flächendeckende Durchsetzung der Digitalisierung mit ihren Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Welche positiven Ergebnisse langjährige Forschung haben kann, hat zuletzt auch die rasche, erfolgreiche Entwicklung von Impfstoffen, allen voran von BioNTech Pfizer, zur Bekämpfung von SARS Covid-19 bewiesen.

Die Zivilisationsgeschichte der Menschheit zeigt aber auch das ständige Bestreben der Menschen, zusätzliche Jagdgebiete und Weideplätze nutzen zu können oder mehr Ackergrund oder Rohstoffquellen zu gewinnen sowie Verkehrs-und Handelswege sichern zu können. So entstanden Rivalitäten und Konflikte und im Ergebnis auch Großreiche bis hin zu Imperien. In der Geschichte haben sich solche Großmächte gebildet und sind wieder vergangen, immer aber haben bei den damit verbundenen Auseinandersetzungen auch Technologien eine wichtige Rolle gespielt.


Der Kampf um die technologische Vormachtstellung ist zu einem entscheidenden Bestandteil in der Auseinandersetzung um die Suprematie geworden.

Derzeit sind wir wieder mit der Rivalität von Großmächten um Macht und Einfluss und Landerweiterung konfrontiert. Dabei spielen jedoch nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern auch Propaganda und Fake News eine wichtige Rolle. Vor allem aber haben Technologien in dieser Auseinandersetzung eine bis dahin nicht gekannte Bedeutung gewonnen. Der Kampf um die technologische Vormachtstellung ist zu einem entscheidenden Bestandteil in der Auseinandersetzung um die Suprematie geworden. So erklärte Xi Jinping, dass "technologische Innovation zum Hauptkampffeld im internationalen Strategiespiel geworden" ist, und auch Putin meinte:"Wer die Vorherrschaft bei künstlicher Intelligenz hat, regiert die Welt."

Die herausragende Bedeutung von Technologien zeigt sich derzeit etwa in der Auseinandersetzung um Taiwan. Dieses hat nämlich eine Schlüsselstellung in der Herstellung hochwertigster Halbleiter, und dies sowohl hinsichtlich Qualität als auch produzierter Menge. Von Microchips hängt die Nutzung und Weiterentwicklung der Digitalisierung ab. Neben Taiwan haben hier die USA (zusammen mit Japan, Südkorea und Singapur) einen deutlichen Vorsprung und damit eine Vormachtstellung. China (wie auch Indien) macht größte Anstrengungen, diesen Vorsprung aufzuholen, während Russland einen beträchtlichen Rückstand aufweist, wie jüngst die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine zeigen. Doch auch Europa hat gewaltigen digitalen Aufholbedarf. Und was für Mikroelektronik und ihre Anwendungen im Bereich der allgemeinen künstlichen Intelligenz, lernender Algorithmen oder der Quantencomputerisierung zutrifft, gilt auch für viele andere zukunftsweisende Schlüsseltechnologien. Dazu gehören die Mikrobiologie, durch deren Verbindung mit künstlicher Intelligenz eine nachhaltige Bioökonomie entstehen könnte, die Neurowissenschaften und andere medizinische und pharmazeutische Bereiche sowie die Materialwissenschaften, die Nanotechnologie u. v. m.


Europa hat gewaltigen digitalen Aufholbedarf. Bildung ist die Basis für alle wissenschaftlich-technologischen Entwicklungen.

Wenn Europa in vielen Bereichen, speziell aber bei der Digitalisierung, wozu auch Supercomputer, GPS, Zahlungsverkehr, Cloudkapazitäten, Netzwerke wie 5G und bald 6G etc. gehören, einen deutlichen Rückstand aufweist, so ist die gleichlautende Diagnose für Österreich noch deutlicher. Dies zeigt sich in der fehlenden flächendeckenden Ausstattung unserer Schulen mit Notebooks bzw. Tablets oder dem geringen Digitalisierungsgrad in der öffentlichen Verwaltung mit besonders schwerwiegenden Folgen im Gesundheitsbereich, wie insbesondere die Pandemiejahre gezeigt haben. Auch beim Ausbau unseres Kommunikationsnetzes mit 5G, bei der Robotisierung sowie bei der Ausbildung und im Forschungsbereich von KI ist das Defizit sichtbar.

Allerdings gibt es auch erfreuliche Entwicklungen. Diese werden von den hierzulande führenden Mikroelektronikunternehmen, darunter AMS, AVL, AT&S, Infineon u. a. in der Region Graz-Leoben-Villach, getragen. Unterstützt von den Silicon Austria Labs bilden sie einen wichtigen Cluster und inzwischen gar einen Leuchtturm von europäischer und globaler Bedeutung. Dies zeigt, was in Österreich möglich ist, wenn es entsprechende Unterstützung und Förderung gibt.

Es zeigt aber auch, dass wir im Zeitalter der Plattformökonomie einen noch größeren Schwerpunkt im Bildungsbereich setzen müssen. Denn Bildung ist die Basis für alle wissenschaftlich-technologischen Entwicklungen. Diese sind unentbehrlich für die Abwendung der bestehenden planetarischen Gefahren. Umso schwerer wiegt, dass gerade unser Bildungssystem und unser Verständnis bzw. unsere Unterstützung von Wissenschaft, Forschung und Entwicklung, von Technologiegestaltung und Technologieumsetzung besonders rückständig sind. Es bedarf folglich dringendst umfassender und zukunftsorientierter Maßnahmen, um diese Rückständigkeit zu beseitigen und wieder Anschluss zu finden an die diesbezüglich führenden Länder, zu denen ähnlich große wie die skandinavischen Länder, die Niederlande, die Schweiz oder Singapur gehören. Wenn wir wieder auf den Erfolgspfad der Zweiten Republik gelangen wollen und damit Wohlstand erzielen und gesicherte Wohlfahrt erreichen wollen, müssen wir entschlossen und geschlossenen zukunfts- und leistungsorientierte Anstrengungen unternehmen.


ZUR PERSON

Hannes Androsch, geb. 1938 in Wien, ist ehemaliger Politiker und Unternehmer. Als Politiker war er von 1967 bis 1981 SPÖ-Abgeordneter zum Nationalrat und von 1970 bis 1981 Finanzminister, von 1976 bis 1981 auch Vizekanzler unter Bruno Kreisky. Von 1981 bis 1988 war Androsch Generaldirektor der damals staatlichen Creditanstalt. Seit 1989 ist er als Unternehmer Geschäftsführender Gesellschafter der AIC Androsch International Consulting, seit 1994 Miteigentümer des Leiterplattenherstellers AT & S mit Sitz in Leoben und seit 1997 Miteigentümmer der Salinen Beteiligungs GmbH. Androsch ist zudem Vorsitzender des Universitätsrates der Montanuniversität Leoben, Aufsichtsratsvorsitzender der Finanzmarktbeteiligung Aktiengesellschaft sowie Aufsichtsratsvorsitzender des AIT (Austrian Institute of Technology).


Der Essay ist der trend. PREMIUM Ausgabe vom 26. August 2022 entnommen.

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