"Haben Strategie für den Tag der Kündigungen minutiös geplant"

"Haben Strategie für den Tag der Kündigungen minutiös geplant"

Rafael Daum, 45, CEO des Kunststoffspezialisten Rehau Österreich, gilt mit seiner Kommunikationsstrategie in einer schwierigen Firmensituation als Vorbild.

Wenn eine Firma in Schieflage gerät, ist die Vorbereitung auf den Tag an dem harte Einschnitte verkündet werden, entscheidend, um die Verunsicherung von Mitarbeitern, Kunden und Banken in Grenzen zu halten. Trend.at sprach mit Rafael Daum, Chef des niederösterreichischen Kunststoffherstellers Rehau, der 2016 eine Produktion einstellte und 80 Mitarbeiter entlassen musste, wie das Management vorgegangen ist und wie es Rehau gelungen ist, die Krise als Chance zu nutzen.

trend.at: Rehau hat im April 2016 bekanntgegeben, dass die Produktion für Tiefbaurohre in Neulengbach geschlossen wird und Sie Maßnahmen zur Umstrukturierung einleiten werden. Im Zuge dessen wurden 80 Mitarbeiter entlassen. Heute gilt Ihr Unternehmen als Vorzeigefirma, was Ihren Umgang mit den Mitarbeitern in dieser schwierigen Zeit und auch was die Umsetzung der Restrukturierung betrifft. Was war der erste Schritt, nachdem feststand, einen Teil der Produktion still zu legen.
Daum: Das Management hat im November 2015 die Entscheidung getroffen einen harten Schnitt zu machen und den ertragsschwachen Teil, den Bereich Tiefbaurohe, zu liquidieren. Der Wunsch der Eigentümer war es in diesem Zusammenhang sich gegenüber den von der Kündigung betroffenen Mitarbeiter fair zu verhalten und die geplanten Entscheidungen in der Öffentlichkeit ohne großes Aufsehen, über die Bühne gehen zu lassen. Rehau, ein Unternehmen im Familienbesitz, hat sich dann Anfang Jänner entschieden erstmals in der Firmengeschichte einen externen Partner, Gaisberg PR, Profis für die Krisenkommunikation, an Bord zu holen.

trend.at: Vier Monate um die Kommunikation für eine Restrukturierung vorzubereiten, klingt lange. War das notwendig?
Daum: Die Zeit haben wir schon gebraucht, um alle strategisch relevanten Schritte in Ruhe vorzubereiten.


Nur eine Andeutung hätte schon reichen können, um Schaden zu verursachen

trend.at: Wie sind Sie an die Vorbereitung des Tags der Verkündigung der Kündigung und Werksschließung herangegangen?
Daum: Mit Hilfe von Gaisberg PR haben wir eine genau To-Do-Liste erstellt und so die Kommunikationsstrategie für den Tag x generalstabsmäßig geplant. Im ersten Schritt wurden nur die drei Geschäftsführer in den Pläne eingeweiht. Uns war wichtig, dass bis zur Einstellung der betreffenden Produktion nichts nach außen dringt. Schließlich wollten wir weder Unruhe unter den Mitarbeiter erzeugen, noch Kunden und Lieferanten verunsichern. Nur eine Andeutung hätte schon reichen können, um möglicherweise Schaden zu verursachen. Noch dazu war die Schließung zu Beginn der Bausaison geplant. Vertraulichkeit ist da oberstes Gebot. Das Dreier-Führungsteam wurde dann für den entscheidenden Tag trainiert.

trend.at: Waren bis zum Schluss nur drei Leute in Ihre Pläne involviert?
Daum: Erst zwei Wochen vor der geplanten Werksschließung wurden auf Ebene der Abteilungsleiter knapp 15 Mitarbeiter informiert. Die mussten allerdings scharf formulierte Vertraulichkeitserklärungen abgeben. Da wäre sonst zu viel am Spiel gestanden.

trend.at: Wie exakt war das Vorgehen für den Tag x festgelegt?
Daum: Minutiös. Zuallererst – und das ist das wichtigste – gab es eine persönliche Ansprache an die Mitarbeiter. Als nächstes wurden die Stakeholder, der Bürgermeister der betroffenen Gemeinde und die Landesregierung informiert und zum Schluss die Medien.

trend.at: Wie war in weiterer Folge das Vorgehen gegenüber den gekündigten Mitarbeitern?
Daum: Wir haben dem AMS ein Sozialpaket vorgelegt, das individuell auf jeden einzelnen Mitarbeiter abgestimmt war, unter anderem abhängig von der Dauer der Betriebszugehörigkeit, auch soziale Belange haben wir mit einkalkuliert. Damit sich die betroffenen Mitarbeiter von einer unabhängigen Stelle darüber informieren konnten, ob sie das Sozialpaket annehmen sollen oder nicht, haben wir einen unabhängigen Ombudsmann engagiert, der sie beraten hat.

trend.at: Wurde der von Ihnen engagierte Ombudsmann von den Mitarbeitern tatsächlich genutzt? War da genügend Vertrauen da, dass er unabhängig ist?
Daum: Der Ombudsmann hat dieselbe Funktion davor schon in anderen Firmen eingenommen. Seine Expertise wurde rege genutzt. Um Diskretion zu wahren, haben wir diesem ein eigenes Büro zur Verfügung gestellt. Mitarbeiter bekamen auch seine Handynummer, um auch außerhalb der Firma Kontakt mit ihm aufnehmen zu können.


Haben ein Jobcenter gegründet und binnen 30 Tagen hatte ein Viertel der gekündigten Mitarbeiter eine neue Stelle

trend.at: Trotz guter Sozialpakete ist es für Mitarbeiter, gerade im ländlichen Raum, nicht einfach eine neue Stelle zu finden.
Daum: Es war uns bewusst, dass es für die gekündigten Mitarbeiter nicht einfach sein wird und haben deshalb zusätzlich ein Jobcenter eingerichtet. Wir haben dafür ein Partnerunternehmen engagierte, das in einem bestimmten Umkreis alle verfügbaren und in Frage kommenden Jobs gesammelt hat und den gekündigten Mitarbeitern präsentiert hat. Schon innerhalb der ersten 30 Tage hatte ein Viertel der gekündigten Belegschaft eine neue Stelle, langfristig waren es deutlich mehr. Die Personalabteilung hat auch die Mitarbeiter fit für Bewerbungen gemacht, geholfen Lebensläufe zu aktualisieren und zu verbessern und sie auch trainiert, wie sie sich bei Bewerbungsgesprächen verhalten sollen. Alles in allem haben wir schon einen hohen Aufwand betrieben, sowohl was uns Ressourcen betrifft, als auch finanziell, um den von der Kündigung betroffenen Mitarbeitern zur Seite zu stehen. Aber es hat sich gelohnt. Die hohe Unterstützung der gekündigten Mitarbeiter ist auch bei den verbleibenden Mitarbeitern gut angekommen und hat sie motiviert.

trend.at: Wie sind die verbleibenden Mitarbeiter mit der Situation umgegangen?
Daum: Wir haben versucht den rund 300 verbleibenden Mitarbeitern vom Tag 1 der verkündeten Maßnahmen an, den Rücken zu stärken und ihnen kommuniziert, dass es nun in eine positive Richtung weitergeht, wir mehr Geld für innovative Produkte haben und so das Unternehmen gestärkt wird. Um aus der Krise gestärkt hervorzugehen, haben wir gemeinsam mit den Mitarbeitern einen neuen Spirit entwickeln und haben in Workshops gemeinsam Grundwerte erarbeitet, die unsere Visionen vorantreiben sollen.

trend.at: Was hat sich seither im Unternehmen verändert?
Daum: Wir haben unter anderem ein virtuelle Kommunikationsplattform für Mitarbeiter implementiert, auf der verschiedene betriebliche Themen offen angesprochen und diskutiert werden können, aber und auch jeder Privates posten kann. Oder es sind Informationen, wie etwa zum Firmenskitag oder über neue Mitarbeiter. Da hat sich gezeigt, wie Mitarbeiter hungrig nach Informationen über die Firma sind und sich auch selbst gerne mitteilen. Generell ist unser Ziel, was die Mitarbeiter betrifft, dass sie stolz sind bei Rehau zu arbeiten. Im Zuge der Restrukturierung haben wir auch Home-Office-Lösungen entwickelt, die gut ankommen und ein Innovations-Lap kreiert, in dem Mitarbeiter und Partner Ideen einbringen können.


High-Tech-Gartenschlauch erkennt, wann und wie viel der Boden gegossen werden soll

trend.at: Welche Innovationen wurden im Innovations-Lap schon entwickelt?
Daum: Wir als Kunststoff-Hersteller, haben unter anderem lange einfache Gartenschläuche entwickelt. Mit solidem Absatz, aber geringen Margen. Nun haben wir gemeinsam mit einem Partner einen Gartenschlauch entwickelt, der durch unsere digitale Innovationen die Feuchtigkeit im Boden misst und selbsttätig reguliert, wie häufig und wie viel der Boden bewässert wird. Mit dieser Innovation können wir unser Produkt aufwerten und so auch höhere Margen erzielen. Der neue High-Tech-Gartenschlauch kommt übrigens im Frühjahr auf den Markt und wird beispielsweise bei Hornbach erhältlich sein. Ein anderes Beispiel für Verbesserung unser Kunststoffprodukte ist die digitale Beschilderung von Regalleisten im Supermarkt. Noch sind wir damit in der Testphase, aber gemeinsam mit Spar arbeiten wir daran, die einfache Kunststoffleiste durch volldigitale Produktinformationen zu ersetzen. In einer späteren Phase sollen die Regalinfo über das Produkt ausgeweitet werden und sogar Rezeptvorschläge abrufbar sein. Per Handy werden dann Kunden, wenn sie sich für eine Speise entschieden haben, zu den dafür nötigen Zutaten, also den Produkten, im Supermarkt gelotst werden.


Haben den Gewinn verdoppelt

trend.at: Wie steht Ihr Unternehmen fast zwei Jahre nach der Restrukturierung finanziell da?
Daum: Sehr gut. Der Umsatz ist stetig gestiegen, im Vorjahr um neun Prozent. Den Gewinn haben wir gegenüber 2016 verdoppelt.

trend.at: Was sind ihre Haupteinnahmequellen?
Daum: Das sind beispielsweise Mikrokabelrohre. Diese Innovation, die für die Fertigung von Breitbandkabel nötig ist, liefert einen wichtigen Beitrag zum Betriebsergebnis und hat die Produktion der Tiefbaurohre erfolgreich abgelöst. Die neuen Hightech-Kabel liefern wir schon in mehrere Länder, sogar bis in den Iran. Zu den weiteren Bereichen zählen Haushaltsinstallationen


Rehau Campus wird im April eröffnet

trend.at: Gibt es auch Neuheiten im Segment Installationen und Terrassenbau?
Daum: Innovationen machen sich auch bei Terrassenprofilen bezahlt. So haben wir für Terrassen mit Relazzo ein Produkt entwickelt, eine Mischung aus Holz und Kunststoffen, das nicht verwittert. Bei Hausinstallationen, wo wir Abwasserrohre oder etwa Schläuche für Fußbodenheizungen fertigen, sind wir Marktführer. Um unsere Marktposition weiter auszubauen, habe wir unter anderem mit ´REHAU@ home´ ein Service-Tool entwickelt, das Kunden hilft Bäder zu planen. Um unsere Produkte bei den Installateuren besser zu positionieren, haben wir neben unserer Firmenzentrale den Rehau Campus gegründet. Dort werden wir Installateure unsere Produktwelt präsentieren, damit sie unser Angebot noch besser kennenlernen. Die Eröffnung ist am 12. April 2018.


Rafael Daum, 45, CEO von Rehau Österreich, ist seit 2001 in verschiedenen Funktionen und Ländern bei Rehau tätig, neben Österreich unter anderem in Deutschland, Schweiz und Russland.


Rehau, ein Unternehmen im Familienbesitz, ist einer der führenden Kunststoffhersteller mit Zentrale in Deutschland und beschäftigt weltweit 20.000 Mitarbeitern, davon 330 in Österreich. Rehau Österreich ist der Hauptsitz für die Länder Südosteuropas mit Sitz in Guntramsdorf und produziert in seine Produkte im Werk in Neulengbach. In Linz, Wien und Graz gibt es gibt es Verkaufsbüros.
Rehau Österreich wurde als erste Auslandsgesellschaft 1956 gegründet. Seit über 60 Jahren werden hierzulande Kunststoffprodukte hergestellt und beliefert Länder auf der ganzen Welt. Der österreichischen Markt ist auch für Marketing und Verkauf in 20 Ländern in Südosteuropa verantwortlich. Rehau Österreich spielt in der Gruppe eine wichtige Rolle bei der Erschließung neuer digitaler Vertriebswege wie Online Shops oder Apps im B2B2C-Bereich für Outdoor-Produkte und Schläuche, Gebäudetechnik und Fenster. Im Werk in Neulengbach werden Profile, Mikrokabelrohre oder Relazzo Terrassendielen für die gesamte Gruppe produziert. Rehau Österreich hat sich vor allem auf industrielle Anwendungen spezialisiert, vorwiegend bei Möbel- und Haushaltsgeräten und auf Mikrokabelrohrsysteme, die für den Ausbau glasfaserbasierter Hochgeschwindigkeits-Datennetze nötig sind.

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