"Der Börsengang, der Grundstein für eine Erfolgsstory"

Erste Group CEO Willibald Cernko blickt im trend. Interview auf 20 Jahre Börsengeschichte der Erste Group zurück. Er erinnert sich, wie die Branche dem Aufstieg der Sparkassengruppe wenig Aufmerksamkeit schenkte, und bricht eine Lanze für den Kapitalmarkt.

Erste Group CEO Willibald Cernko

Erste Group CEO Willibald Cernko

trend: Beim Börsengang der Erste Bank 1997 waren Sie Manager in der Creditanstalt. Wie hat man dort diesen Schritt beurteilt? Wurden die Sparkassen ernst genommen?
Willibald Cernko: Damals fand gerade die Übernahme der CA durch die Bank Austria statt. Um es nüchtern zu sagen, waren wir mit uns selbst beschäftigt. 1998 folgte auch noch die Russland- Krise, die uns in Beschlag nahm. Dem, was in der Ersten gerade vor sich ging, haben wir darum wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Es ist komplett an uns vorbeigegangen, dass da der Grundstein für eine Erfolgsgeschichte gelegt wurde.

Hat die Branche insgesamt den IPO als Aufbruchssignal gesehen oder eher belächelt?
Erst nachher ist wirklich deutlich geworden, dass da ein ernst zu nehmender Wettbewerber entstanden ist. Vor allem, als es später um die Ceská sporitelna und die Slovenská sporitelna gegangen ist - also darum, durch Übernahmen rasch große Schritte in Mittel- und Osteuropa zu machen. Ich war ja selbst Generalbevollmächtigter der CA in Tschechien, nachdem wir uns die ersten blauen Augen geholt hatten. Wir haben bald gesehen, dass man mit organischer Expansion nicht weit kommen wird. Die Erste Group hat den richtigen Schritt gesetzt und über die Börse Kapital gesammelt für große Akquisitionen in den 2000er-Jahren. Ich kann mich an Diskussionen in der Bank Austria erinnern, wie viel wir für eine Ceská bezahlen sollten. Die Erste war deutlich mutiger. Während wir mit der eigenen Privatisierung beschäftigt waren, hat sie parallel echt Gas gegeben - und die wirklich spannenden Player bekommen.


Wir gehen mit dicken Muskeln in diese Krise.

Den Erste-Anlegern wurde von Anfang an die CEE- Story verkauft. Lassen sich damit längerfristig noch Investoren überzeugen?
Die Story gilt heute noch genauso. Die Länder Zentral- und Osteuropas sind dabei, westeuropäische Standards zu erreichen. Tschechien hat das schon weitgehend geschafft. Die Durchdringung mit Bankprodukten ist aber immer niedriger als im Westen. Angelsächsische Investoren sind bei der Erste Group engagiert, weil sie an die Wachstumsgeschichte in Osteuropa glauben und überzeugt sind, dass wir sie gut umsetzen können.

Ein Schwenk nach Österreich: Bleiben Sie optimistisch, dass die Banken gut durch diese Krise kommen werden, obwohl die Kreditnachfrage seitens der Wirtschaft schon zu sinken beginnt?
In aller Munde sind derzeit vor allem die Rückgänge in der Wohnraumfinanzierung in Österreich, weil Einschränkungen durch die sogenannte KIM-Verordnung den Banken die Kreditvergabe erschweren. Abgesehen davon sehen wir aber nach wie vor ein zweistelliges Kreditwachstum. Ich möchte ein differenziert positives Bild zeichnen: Die Non-Performing-Loans - leistungsgestörte Kredite - liegen auf einem historischen Tiefststand, in der Erste Bank bei rund zwei Prozent. Unsere Kapitalausstattung hat sich seit der Finanzkrise fast verdoppelt. Und wir haben eine sehr gute Liquiditätssituation. Dazu kommt ein robuster Arbeitsmarkt. Wir gehen mit dicken Muskeln in diese Krise.

Die Unternehmen werden in der aktuell unsicheren Lage nicht weniger investieren?
Wir gehen über die nächsten Jahre von einem BIP-Wachstum im mittleren einstelligen Prozentbereich aus - in allen unseren Ländern. Die Energiekosten werden eine Rolle spielen, aber es gibt überall Strategien, um private Haushalte und kleinere Unternehmenskunden zu unterstützen. Das befürchtete Schreckensszenario - kein Gas aus Russland, Kollaps der Energieversorgung, tiefe Rezession - ist aus meiner Sicht für die nächsten sechs bis zwölf Monate in den Hintergrund gerückt.


Wohnungseigentum wirkt sich sehr positiv auf den Vermögensaufbau und die Altersversorgung aus.

Sie haben die Wohnraumkredite angesprochen: Was halten Sie von der Regelverschärfung seitens der Finanzmarktaufsicht?
Grundsätzlich stehe ich dazu. Sie enthält sinnvolle Gedanken. Worum es geht, sind Ausnahmen und ein etwas pragmatischerer Zugang. Da sind wir in guten Gesprächen. Ein Beispiel: Eine junge Familie, die in einer kleinen Eigentumswohnung lebt, wird größer und will von der Bank die Finanzierung für eine größere Wohnung - darf derzeit aber nicht die Erlöse aus dem geplanten Verkauf der alten Wohnung einrechnen. Da geht es nur ums Feintuning bei ein paar Widersinnigkeiten. Prinzipiell ist es nicht schlecht, wenn wir nach dem sehr stürmischen Wachstum des Immobilienbereichs wieder in etwas ruhigeres Fahrwasser kommen. Nur dürfen wir dabei nicht vergessen, dass sich Wohnungseigentum sehr positiv auf den Vermögensaufbau und die Altersversorgung auswirkt.

Was hat der Börsengang vor 25 Jahren innerhalb Erste Group bewirkt, etwa in Richtung Unternehmenskultur?
Ein Börsengang ergänzt die traditionellen Sichtweisen in einer Sparkasse: Zu lokaler Verankerung und engem Kundenkontakt gesellen sich mehr Transparenz, strukturierte Governance, Professionalisierung und Internationalisierung. Die Konzernsprache Englisch ist heute vollkommen unbestritten. Hier am Erste Campus sind 47 Nationalitäten versammelt, eine echte Multikulti-Truppe. Da ist über die Jahre etwas passiert, was gar nicht mehr vergleichbar ist mit dem früheren Unternehmen. Trotzdem blieb der Gründungsauftrag im Kern gleich, wie sich 2019 bei der 200-Jahre-Feier gezeigt hat: nämlich die Menschen beim Vermögensaufbau zu unterstützen, um ihnen letztlich ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Heute nennen wir das finanzielle Gesundheit.

War die Öffnung auch die Voraussetzung für den Wachstumskurs?
Absolut. Entscheidend ist, dass wir die Erste Group als eine Bankengruppe mit starken regionalen Managementteams verstehen, die wirklich Marktverantwortung tragen. Im Gegensatz zu einem Filialansatz.


Wir müssen keinen neuen Rahmen erfinden. Wir wissen, was funktioniert.

Wie bei Ihrem früheren Arbeitgeber UniCredit?
Das kommentiere ich jetzt nicht. Hier bei uns herrschen hohe Toleranz und Respekt gegenüber anderen Kulturen. Wir haben nicht den Drang, dass überall Österreicher sitzen müssen. Das hat viel mit meinem Vorgänger Andreas Treichl zu tun: Willst du Leute, die eine Meinung haben oder die schon in der Früh ins Telefon säuseln, wie gut du bist?

Trotz der Vorteile eines Börsen-Listings ist der Stellenwert des Kapitalmarkts bei Unternehmen in Österreich noch immer zu niedrig. Die tiefere Ursache?
Ich könnte einfach sagen: weil uns die Politik nicht zuhört. Aber das alleine ist es nicht. Ich halte jedenfalls Wirtschaftsräume mit hoher Abhängigkeit der Unternehmen und privaten Haushalte von Banken für nicht ideal. Ein Gebäude sollte auf mehreren Säulen stehen. In einer klein strukturierten Wirtschaft mit Zugang zu billigen Kreditmitteln ist aber der Wille wenig ausgeprägt, höhere Transparenz gegenüber Investoren und eine risikoadäquate Bepreisung zu akzeptieren. Warum soll ich da Eigenkapital hereinnehmen, das zehn Prozent Verzinsung erwartet? Wichtig wäre, dass wir zumindest die größeren Unternehmen überzeugen, dass deren Resilienz und die Wachstumschancen durch Nutzung des Kapitalmarkts ungleich größer sind. Dann hätten auch Private bessere Möglichkeiten, vom Wachstum der Wirtschaft zu profitieren. Das hat man in der Vergangenheit - teilweise politisch- ideologisch verblendet - bewusst nicht zugelassen.

Wie wären Versäumnisse der Politik aufzuholen?
Wir müssen keinen neuen Rahmen erfinden. Wir wissen, was funktioniert. Noch entscheidender ist aber: Wie will man das Thema Nachhaltigkeit und die dafür nötigen neuen Technologien stemmen, ohne die vorhandene Liquidität zu nutzen? Wir werden sehr viele Milliarden mobilisieren - und aufhören müssen, ein Investment in Aktien als Spekulation schlechtzureden.


Investieren in Nachhaltigkeit ist kein Widerspruch zu wirtschaftlichem Erfolg.

Ließe sich das nötige Vertrauen der Bürger ausgerechnet in einer Phase des Niedergangs der Börsen herstellen?
Das ist eine Frage der Finanzbildung, der Auseinandersetzung mit den Grundlagen. Bislang adressiert Politik nur den - absolut wichtigen -Konsumentenschutz, aber in einer übertriebenen Form, die die Bürger vor allem und jedem schützen will. Ist das noch ein selbstbestimmtes Leben? Die Erste macht viel in Richtung Wirtschaftsbildung, damit die Menschen die Lage auch in unruhigen Zeiten richtig einordnen können. Viele können das durchaus schon. Ein Beispiel: Wir haben es innerhalb weniger Jahre auf eine Million Kunden gebracht, die pro Monat 50 bis 100 Euro in Fondssparpläne einzahlen. Die wissen, dass sie jetzt das Richtige tun, indem sie bei niedrigen Kursen nachkaufen, um am Ende eine vernünftige Gesamtrendite zu haben.

Das Stichwort Nachhaltigkeit ist schon gefallen: Wie verändert der Fokus auf ESG Ihr Banking- Geschäft?
Bei Unternehmenskunden ist das heute Chefsache, ein strategisches Thema. Es wurde erkannt, dass Investieren in Nachhaltigkeit kein Widerspruch zu wirtschaftlichem Erfolg ist. Die Erste hat mit Kunden weit über 100 ESG-Dialoge geführt, um festzustellen, wo Handlungs- und eventuell Änderungsbedarf bei Investitionsplänen besteht. Wir sind in einer kreditfinanzierten Wirtschaft ein wichtiger Teil dieser Entwicklung.

Verstehen Sie es als eine Rolle der Banken, Investitionen in die richtige Richtung zu lenken?
Der Regulator sieht uns als Marktteilnehmer, den er verwenden kann, um sicherzustellen, dass Geld dorthin fließt, wo es gut ist für den Planeten. Die Energiekrise zwingt kurzfristig wieder zu Pragmatismus: zur temporären Verwendung von Atomstrom, Kohle oder Gas. Das ist aber nicht so dramatisch - wenn parallel dazu "fast tracks" für die danach umso schnellere Umsetzung der Energiewende geschaffen werden. In diesem Punkt muss die Politik handeln, auch wenn es da und dort die Kernwähler verärgert. Es gibt eine Priorität - diesen Planeten.


Ich hoffe, dass der Markt künftig die Mittel für wünschenswerte Investitionen günstiger zur Verfügung stellen wird.

Hat die Priorität auch konkrete Auswirkungen auf die Anlagestrategie der Erste Group?
Der Zug fährt. Über die Erste Asset Management sind bereits 15 Milliarden Euro in nachhaltige Anlagen geflossen. Viele Institutionelle dürfen gar nicht mehr anders investieren. Die offene Frage ist noch: Wann kommt die Preisdifferenzierung? Also: Bekomme ich als Emittent, der einen positiven Beitrag zum Klima leistet, einen Vorteil, indem der Investor eine geringere Rendite akzeptiert? Noch ist es nicht so, aber ich hoffe, dass der Markt künftig die Mittel für wünschenswerte Investitionen günstiger zur Verfügung stellen wird.

Die Erste Group sieht sich als Innovator. Welche Banking-Technologien stehen dafür?
Vor allem die Fähigkeit, Daten zu interpretieren und dadurch die Bedürfnisse der Kund:innen gezielter ansprechen zu können. Das Banking der Zukunft wird weitgehend digital - und gleichzeitig personenbezogener - sein. Es wird stark mit einer Plattformstruktur zu tun haben, in deren Zentrum die Kundendaten stehen. Für Bedürfnisse, die wir nicht befriedigen, werden wir Partner haben müssen, die auf der Plattform andocken können. Manche Kooperation werden sehr langfristig sein, andere temporär - aber sie werden nicht sehr weit über das Kerngeschäft hinausgehen können.

Um den Kreis zu schließen: Hat die Erste Group ihre Wachstumsphase abgeschlossen oder wird wieder einmal Kapital für größere Schritte benötigt?
Die Priorität ist organisches Wachstum in unseren Märkten - dieses Jahr hat sich unser Kreditvolumen um 20 Milliarden Euro erhöht - das ist eine mittelgroße Bank! Wir versuchen aber auch, immer wieder was von außen dazuzunehmen, wie aktuell der geplante Zukauf des Sberbank-Kundenportfolios in Tschechien zeigt. Dafür sind wir kapitalmäßig bereits sehr gut ausgestattet. Wir haben eher die Diskussionen mit Investoren, ob wir uns ein Aktienrückkaufprogramm vorstellen könnten. Momentan ist das aber kein Thema: Wir gehen auf Zeiten zu, in denen es besser ist, man hat Reserven.


ZUR PERSON

Willi Cernko, geb. 1956, startete seine Bankenkarriere bei der Raiffeisenkasse im steirischen Obdach. Er war später Topmanager in der Creditanstalt und leitete zwischen 2009 und 2016 als Generaldirektor die UniCredit Bank Austria. 2017 wechselte er zur Erste Group, zunächst als Risikovorstand. Im Juni des heurigen Jahres wurde Cernko vom Aufsichtsrat zum CEO der Bankengruppe ernannt.


Das Interview ist der trend. PREMIUM Ausgabe vom 7.12.2022 entnommen.

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