Gestörte Wertschöpfungsketten - ist die Globalisierung am Ende?

Unter dem Eindruck von Covid-19 und Ukrainekrieg wollen immer mehr europäische Unternehmen ihre Wertschöpfungsketten in den lokalen Absatzmärkten bündeln und neue Märkte zuhause erschließen. Der Trend ist klar: Die Abhängigkeit von China soll reduziert werden.

Thema: Management Commentary
Stefan Bergsmann, Geschäftsführer von Horváth & Partners Österreich

Stefan Bergsmann, Geschäftsführer von Horváth & Partners Österreich

Laut einer neuen Horváth-Studie plant eine große Mehrheit der Unternehmen in Europa, ihre Wertschöpfungsketten stärker zu lokalisieren und ihre Strukturen in Übersee zurückzufahren. Grund dafür sind die zunehmenden geopolitischen Unsicherheiten und damit einhergehende Risiken und Supply-Chain-Probleme. Auch der Mehraufwand zur Einhaltung von Nachhaltigkeitskriterien und regulatorischen Vorgaben im Ausland spielt eine Rolle.

Branchenübergreifend geben 85 Prozent der befragten Unternehmen an, ihre Geschäftsstrukturen von der Produktion bis hin zum Vertrieb stärker in den jeweiligen Absatzmärkten bündeln zu wollen. 60 Prozent der Unternehmen mit Standorten in China arbeiten bereits ganz konkret daran, ihre Aktivitäten zu verlagern. Als neue asiatische Fokusmärkte werden Indien und Japan gesehen, gefolgt von Singapur und Südkorea.

Geostrategische Interessen bewirken Umdenken

Vor allem die Versorgungssicherheit und die geringeren Logistikkosten sind es, die zu einem Umdenken geführt haben. Waren Krisen und Kriege in früheren Jahren kein Hemmnis, die Internationaliserung voranzutreiben, ist es jetzt gerade das unsichere geopolitische Klima im Gefolge des Ukrainekriegs und das neue Säbelrasseln in Peking, das die verantwortlichen Firmenchefs zu einer Abkehr von weitergehenden Globalisierungsphantasien bringt.

Klar ist, dass die starke europäische Wirtschaft auf die neuen Einflusssphären in Ost und West mit einer Anpassung ihrer Strukturen reagieren muss, um sich weiter zu behaupten. Die meisten Unternehmen überprüfen deshalb ihre zerrütteten Wertschöpfungsketten, und Europa gewinnt als Beschaffungs- und Produktionsmarkt wieder an Bedeutung, z.B. bei der Herstellung von Batteriezellen für den lokalen Absatz von E-Fahrzeugen.

Das bedeutet allerdings keine Abschottung gegenüber außereuropäischen Märkten. Branchen, die auf Rohstoffe und Energieträger außerhalb Europas angewiesen sind, können auf Bezugsländer anderer Wirtschaftsräume nicht einfach verzichten. Auch für wichtige Zulieferteile können Beschaffungswege und Produktionsstrukturen nicht von heute auf morgen verlagert werden. Das wird in vielen Fällen mehrere Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern.

Neue Märkte außerhalb Europas

Trotz dieses erzwungenen Umdenkens bleibt die große Mehrheit optimistisch und der weite Horizont bestehen. Unternehmen, die demnächst neue Märkte erschließen wollen (das sind immerhin sieben von zehn), wollen auch weiterhin die Potenziale außerhalb Europas heben. Hier wird es aber zu Anpassungen in der Strategie des angestrebten „global Footprint“ kommen.

Europa bleibt auf der Liste der interessantesten Märkte für europäische Unternehmen ganz oben, sagen zwei von drei Unternehmenschefs. Doch fast die Hälfte orientiert sich (weiterhin) Richtung Asien, gefolgt von Nord- und Südamerika (mit 37 bzw. 33% Zustimmung). Überraschend weit abgeschlagen bei der Einschätzung der interessantesten Potenzialmärkte liegen der Mittlere Osten (26%), Afrika (17%) und Ozeanien (11%).

Trend zu Diversifikation

Am deutlichsten scheint jedenfalls die Abkehr vom chinesischen Markt. Wie die Studiesergebnisse zeigen, plant eine Mehrheit der befragten Unternehmen mit Geschäftstätigkeit in China einen schrittweisen bzw. teilweisen Rückzug aus der Volksrepublik. Zwei von drei Führungskräften wollen ihre Aktivitäten in andere Länder Asiens verlagern. In welche, dazu gibt es keine Präferenz.

Als mögliche alternative Produktionsstandorte werden vor allem Indien und Japan gesehen, gefolgt von Singapur, Südkorea, Taiwan und Indonesien. Zunehmend interessant scheinen auch Produktionsverlagerungen von China nach Vietnam und Kambodscha, in der Textilindustrie in Richtung Bangladesch oder Pakistan. Dieser Trend wird sich fortsetzen, darin sind sich Experten einig.

Fazit: Das eisige Klima zwischen den USA, Russland und China im Gefolge der Pandemie und des Ukraine-Kriegs und die dadurch ausgelösten Preisschocks und Lieferkettenprobleme haben zu einem Umdenken bei den führenden europäischen Industrieunternehmen geführt. Diese sind überzeugt, dass ihre Stabilität und Resilienz mit einer Drosselung der Abhängigkeit von China und einer Diversifikation der Beschaffungsmärkte einhergehen. Ein Ende der Globalisierung ist damit jedoch keinesfalls verknüpft.


DIE STUDIE
Für die Horváth-Studie zu Deglobalisierungstendenzen wurden im August europaweit branchenübergreifend 150 Topführungskräfte aus Unternehmen mit mindestens 200 Millionen Euro Jahresumsatz befragt.

DER AUTOR
Stefan Bergsmann ist Geschäftsführer der Managementberatung Horváth in Österreich.

Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Managementberatung Horváth. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".

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