Österreichs beste Privatkliniken, Teil I: Wien

Österreichs beste Privatkliniken, Teil I: Wien

Teil 2: Privatkliniken in den Bundesländern

Teil 3: Österreichs beste Ordensspitäler

Thomas Kirchner musste handeln. Wieder war die Mutter des Wiener Geschäftsmannes beim Einkaufen ohnmächtig zusammengebrochen. Der Hausarzt hatte die 77-Jährige dann endlich überzeugen können, dass nur ein Herzschrittmacher helfen könne. Jetzt sollte der Sohn eine passende Klinik und den besten Herzchirurgen dafür organisieren. "Ich gehe aber auf keinen Fall in ein öffentliches Spital“, lautete die Vorgabe der Seniorin. Sie habe laut ihrer Krankenhauszusatzversicherung Anspruch auf den besten Arzt und die beste Betreuung in einer Privatklinik.

Über 90.000 Patienten in Privatkliniken

Wie Kirchners Mutter denken viele. Im letzten Jahr ließen sich österreichweit über 90.000 Patienten in Privatkliniken behandeln. Krankenversicherer wie Marktführer Uniqa melden kontinuierliche Zuwächse bei den Abschlüssen - auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten. Geworben wird vor allem mit der freien Arztwahl, der intensiveren Betreuung und Pflege sowie mit der besseren Ausstattung der Privatkliniken. Ein- oder Zweibettzimmer und eigenes Bad treffen sich mit den Wünschen der Kunden, deren Ansprüche in den letzten zehn Jahren enorm gestiegen sind. Wer in einer eleganten Eigentumswohnung logiert, möchte im Krankheitsfall nicht in einem kargen Mehrbettzimmer depressiv, sondern - soweit es die Krankheit zulässt - verwöhnt werden. Dafür nimmt man auch monatliche Versicherungsbeiträge zwischen 80 und 110 Euro in Kauf (siehe " Das kostet Topmedizin “).

Zur sogenannten "Hotelkomponente“ kommt vor allem das Versprechen der freien Arztwahl. Wer gerade mit einem Bandscheibenvorfall konfrontiert ist, möchte naturgemäß vom besten Spezialisten behandelt werden. FORMAT sagt, wie man vorgehen kann, um ihn zu finden, welche Kliniken auf welche Fachbereiche spezialisiert und wie sie ausgestattet sind. Der erste Teil der Serie behandelt das Angebot in Wien.

Millioneninvestitionen

Angesichts der steigenden Nachfrage rüsten die privaten Klinikbetreiber auf und wälzen ehrgeizige Ausbaupläne. Allen voran Julian Hadschieff, Geschäftsführer der PremiQaMed-Gruppe, mit vier Privatkliniken Marktführer in Österreich. Das ist Hadschieff aber nicht genug. Der Krankenhausmanager will in die "Champions League der europäischen Privatkliniken“ aufsteigen (siehe Interview ). Dazu nimmt er zunächst einmal 50 Millionen Euro in die Hand, um die Privatklinik Confraternität in der Wiener Josefstadt teilweise abzureißen und neu aufzubauen. Der Mitbewerber Rudolfinerhaus will am zugekauften Grundstück ein zusätzliches Bettenhaus errichten und zwischen 20 und 40 Millionen investieren. Das Sanatorium Hera baut schon und wird bis Jahresende wieder in Vollbetrieb gehen. Kostenpunkt: 20 Millionen. Und in der Wiener Privatklinik entsteht ein sechsgeschoßiger Neubau für medizinische Einrichtungen um 20 Millionen. Eröffnung: 2014.

Zehn Millionen investierte die Wiener Familie Grubmüller, Newcomer im Markt der Privatspitäler, die dem Gynäkologen Peter Hernuss seine Klinik in Währing abkaufte und sich vor allem von internationaler Klientel viel verspricht. Alle Kliniken stocken das Angebot ihrer Einzelzimmer auf. "Die werden am meisten nachgefragt“, sagt Hadschieff.

Diskussion um die Sicherheit

Für die privaten Anbieter geht es um Einnahmen, Auslastung und Image. Für die Patienten geht es um ihre Gesundheit. Die wichtigste Frage lautet daher: Wie gut ist die medizinische Ausstattung in der Klinik? Sind die Privaten überhaupt besser als öffentliche Spitäler? Gerade darüber läuft seit zwei Monaten eine heftige Debatte. Sigrid Pilz hat den Anstoß dazu geliefert. Die 54-Jährige, seit Sommer des letzten Jahres Wiener Patientenanwältin, warnt vor der mangelnden Sicherheit und der unzureichenden Infrastruktur in den privaten Anstalten, die sich mit öffentlichen Krankenhäusern nicht messen könnten. Kein Privatspital in Wien verfüge über eine Intensivstation und auch kaum über eingespielte Ärzteteams für den Fall, dass ernsthafte Komplikationen auftreten.

Konkret sagt Pilz: "In den Privatspitälern werden auch aufwendige Operationen, etwa an Herz, Hüfte oder Knie, durchgeführt, wo für die Nachbetreuung nur ein Aufwach- oder Überwachungsraum zur Verfügung steht. Das genügt nicht und ist kein Ersatz für ein eventuell nötiges intensivmedizinisches Eingreifen.“

Streit um Qualität

Ein Dorn im Auge ist Pilz auch das Belegärzte-System der Privaten. Der Patient nimmt sich den Arzt seiner Wahl oft in die Klinik mit. Das heißt, ausschließlich der Wahlarzt entscheidet über die Behandlung und trägt auch allein die Verantwortung. Pilz verweist auf einen Fall, der aus diesem Grund letal endete. Der Belegarzt war telefonisch nicht erreichbar, auch sein Stellvertreter nicht. "Niemand traute sich dann vor Ort, den Patienten zu behandeln“ (siehe Interview ).

Als ungerecht empfindet Paul Aiginger, ärztlicher Leiter des Traditionsspitals Rudolfinerhaus, diese Kritik und die Bezeichnung "Rosinenpicker“ für die Privatanstalten. Sie böten hauptsächlich unkompliziertere Operationen an. Wenn einmal Komplikationen auftreten, werden die Patienten in öffentliche Spitäler überstellt. "Wir bieten zwar keine Hirnoperationen und Transplantationen an, da ist das Risiko wirklich zu hoch, aber 90 Prozent der Fälle können wir mit unserer Ausstattung und unseren Fachärzten bestens versorgen.“

In die medizinisch-technische Ausstattung und das Hightech-Interieur der Operationssäle wurden in den Spitzenhäusern wie Rudolfinerhaus, Döblinger oder Wiener Privatklinik in den letzten Jahren Millionen investiert. Aufgerüstet wurde fast überall, auch bei der notfallärztlichen Bereitschaft sowie bei den angestellten Ärzteteams, also jenen, die ständig im Haus sind. "Wir sind die einzige Belegklinik, die über ein Anästhesie-Team mit sechs angestellten Fachärzten verfügt“, wirbt Aiginger. Überdies müsse "jeder Belegarzt unterschreiben, dass wir befugt sind, bei Problemen zu handeln, auch wenn er nicht erreichbar ist“.

Leistungsvergleich

Für einen Vergleich der Leistungen zwischen öffentlichen und privaten Krankenhäusern gibt es bisher keine Anlaufstelle, die faire und transparente Daten liefert. Es gibt allerdings aussagekräftige Parameter. Ein Gradmesser für die Qualität der Privatbetreiber ist beispielsweise die sogenannte Transferrate, die mit Daten belegt ist. Nur 1,26 Prozent aller Privatpatienten werden aus Notfallgründen in öffentliche Schwerpunktkrankenhäuser wie das Wiener AKH verlegt. Bei Landes- und Gemeindespitälern liegt diese Rate bei 2,63 Prozent.

Unterschiede sind auch bei der Aufenthaltsdauer festzustellen. Bei kleineren Eingriffen, etwa Blinddarm- oder Mandeloperationen, gehen Privatpatienten im Schnitt zwei Tage früher nachhause, was auf die bessere und intensivere Pflege zurückgeführt wird. 2010 wurden in Wiens Gemeindespitälern 400.000 Menschen betreut. "Davon haben sich 900 bei der Patientenanwaltschaft beschwert“, sagt Hadschieff, "in den Privatspitälern wurden 34.000 Patienten behandelt, aber nur 22 waren mit der Behandlung unzufrieden.“

Eine Adresse für verlässliche Daten, wie gut oder wie schlecht einzelne Kliniken arbeiten, wie häufig Komplikationen auftreten, sind die Assekuranzen. Schließlich haften sie im Schadensfall und müssen Entschädigungen zahlen. Die Daten sind für die Versicherten freilich nicht einsehbar. "Transparenz ist das Thema schlechthin“, gibt Peter Eichler, Vorstand der Uniqa Versicherung, zu, "die Branche diskutiert auch darüber, denn wir sind in Österreich 15 Jahre zurück.“ Beispielsweise veröffentlichen die privaten Helios-Kliniken in Deutschland schon seit Jahren Behandlungsergebnisse. Resultat: Die öffentlichen Häuser in Deutschland mussten nachziehen.

Ähnlich soll sich das auch bald in Österreich abspielen. Die Privatkliniken wollen Vorreiter bei Transparenz werden. Der jüngste Beschluss der Gesundheitsreform, durch den öffentliche Mittel eingespart werden sollen, kommt den Privaten gerade recht, um sich abzugrenzen. "Die Öffentlichen rüsten ab“, registriert Ernst Wolner, Herzchirurg und Präsident des Rudolfinerhausvereins. Die Versicherer führen ihre wachsenden Abschlüsse auch auf das geringere Vertrauen in das öffentliche Spitalswesen zurück.

Sich einen Arzt aussuchen zu können hat aber nur dann Vorteile, wenn man auch einen guten findet. Oft ist die Arztwahl eigentlich eine Qual. Der Wiener Geschäftsmann Thomas Kirchner, der für seine herzkranke Mutter unter Bekannten herumfragte, erhielt selbst von seinen Ärztefreunden nur vage und zurückhaltende Empfehlungen. Die Websites der Privatkliniken nennen zwar die Namen Hunderter "Belegärzte“, aber wer ist der Beste?

Fallzahl ist wichtig

Unbestritten ist, dass die Betreiber renommierter Privatspitäler schon aus Gründen der Reputation auf Qualität achten. Das Who’s who der Medizinerbranche bringt seine Privatklientel fast ausschließlich dort unter. Der verlässlichste Indikator für einen Patienten ist die Fallzahl, die angibt, wie oft ein Arzt einen Eingriff schon durchgeführt hat.

"Walter Klepetko ist Österreichs bester Thoraxchirurg“, glaubt etwa Versicherungsmann Eichler. Klepetko, der jährlich über 150 thoraxchirurgische Eingriffe vornimmt, ist Leiter der Klinischen Abteilung für Thoraxchirurgie am AKH und bringt seine Privatpatienten in der Confraternität unter. Im Bereich Orthopädie operiert Gerald Pflüger, ärztlicher Direktor im Evangelischen Krankenhaus, jährlich 127 Hüft- und 66 Knieendoprothesen. Gefäßspezialist Erich Minar von der Wiener Privatklinik kommt auf 300 einschlägige Operationen pro Jahr. Wer selten mit einer bestimmten Behandlungsmethode konfrontiert ist, muss dem Spezialisten, der sich damit ständig beschäftigt, zwangsläufig unterlegen sein.

Im Rudolfinerhaus, auf Herzkrankheiten spezialisiert, arbeitet etwa Thomas Brunner. Der Kardiologe war der Erste, der die Koronarinterventionen (ein Eingriff, der über eingeführte Sonden die Herzkranzgefäße prüft) nicht über die Leiste, sondern über die Handarterie durchführte. Vorteil: weniger Risiko, der Patient geht früher nachhause. Zu den Spezialisten für interventionelle Kardiologie gehört auch Günter Steurer, der am AKH arbeitet und seine Patienten ebenfalls ins Rudolfinerhaus legt.

Uniqa oder Wiener Städtische geben auf Anfrage jeweils drei Arztempfehlungen im gewünschten Fachgebiet ab, aber über deren Qualität dürfen sie keine Aussagen machen. Wie gut oder schlecht ein Arzt ist, gehört sowohl in den öffentlichen als auch in den Privatkliniken zu den gut gehüteten Geheimnissen.

Ärzte unter Kontrolle

Aber es gibt Bestrebungen, sich England zum Vorbild zu nehmen. Dort reichen Fallzahlen als Nachweis für Topmedizin nicht aus. Das General Medical Council, eine Art Ärztekammer, führte am 3. Dezember 2012 die strengste Medizinerkontrolle aller Zeiten ein. Das Land sorgte damit für Aufregung in Europa, weil das Council zu jedem einzelnen Mediziner ein Dossier anlegt. Es enthält Dokumentationen über die gesamte Laufbahn des Arztes, ob und wie er sich weiterbildet, welche möglichen Fehler nachweisbar waren, wie Patienten ihn beurteilen. Anonyme Hinweise werden ebenso aufgenommen wie jährliche Leistungsberichte von Vorgesetzten. Wer negativ beurteilt wird, muss, wie Führerscheinbesitzer nach einem schweren Unfall, zur Nachschulung. Hilft auch das nicht, verliert der Arzt am Ende einer Fünfjahresfrist seine Approbation - in Österreich nicht vorstellbar.

Thomas Kirchner ist mit der heimischen Auswahl zufrieden. Er hat seine Mutter in einem Einzelzimmer im Rudolfinerhaus untergebracht. "Die Klinik ist auf Herzprobleme spezialisiert, wir haben einen guten Facharzt gefunden.“

TABELLE: Die besten Spezialisten in ihrem Fachgebiet mit der größten Erfahrung

TABELLE: Die besten Wiener Privatkliniken, ihre Spezialisierungen und ihre jährlichen Fallzahlen

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