Erinnerungen an Tschernobyl: "Es war ein Verbrechen"

Erinnerungen an Tschernobyl: "Es war ein Verbrechen"

Das Atomkraftwerk in Tschernobyl nach der Explosion im Reaktor 4 am 26. April 1986

Am 26. April 1986 ereignete sich das Reaktorunglück von Tschernobyl. Natalija Tereshchenko war damals 35 Jahre und Ärztin in einer Brigade vor Ort. Im Gespräch mit trend.at erinnert sie sich an die Ereignisse von damals: "Es ist unvorstellbar, wie die Menschen benutzt wurden. Ein Verbrechen, ein dunkles Kapitel in der Geschichte."


Natalija Tereshchenko Bild: Peter Sempelmann

trend.at: Wann haben Sie zum ersten Mal vom Unfall in Tschernobyl gehört?

Natalija Tereshchenko: Zum ersten Mal habe ich am 25. April im Radio in den Nachrichten gehört, dass es auf dem Dach des Reaktors einen Brand gegeben haben soll. Damals hat man nicht gesagt, dass es für die Bevölkerung gefährlich sein könnte. Es gab überhaupt keine weiteren Informationen. Ich war noch eine junge Ärztin, 35 Jahre alt und konnte das nicht richtig einordnen. Mein Vater ist Physiker und Wissenschaftler. Er hat dann im Feindradio gehört, dass es eine radioaktive Wolke gibt, die wahrscheinlich aus Tschernobyl kommt.

Wo waren Sie damals?

Tereshchenko: In Charkiv, das ist im Osten der Ukraine, etwa 500 Kilometer Luftlinie von Tschernobyl. Ein paar Tage später fanden dann die Mai-Kundgebungen statt. Das Wetter war schön, die Leute waren im Freien, haben getanzt und gefeiert. Niemand wusste, dass das gefährlich ist.

Dann sind viele Militärfahrzeuge und Rettungsautos Richtung Kiew gefahren. Da haben wir geahnt, dass der Unfall in Tschernobyl nicht so harmlos sein konnte. Danach kamen auch schon die ersten Menschen, die aus der Region um Tschernobyl evakuiert worden waren, nach Charkiv. Sie wurden dekontaminiert und neu eingekleidet.

Wie war das für sie?

Tereshchenko: Es war schrecklich. Es herrschte eine Hysterie. Die Leute hatten Angst. Die Familien hatten alles zurücklassen müssen, die Kinder haben geweint. Es wurden ungefähr 15.000 Familien nach Charkiv gebracht. Wir mussten alle untersuchen und die Leute, deren Blutwerte schlecht waren, in die Spitäler verteilen.

Sind die Menschen in Charkiv geblieben?

Tereshchenko: Für sie wurde später ein neuer Ort, Vilcha, 70 Kilometer von Charkiv entfernt, gebaut. Viele ältere Menschen sind aber wieder in die Zone zurückgekehrt. Das Problem ist, dass jetzt immer wieder Familien mit ihren Kindern in die Zone fahren, um die Großeltern zu besuchen. Kinder unter 19 Jahren sind dort streng verboten, aber sie werden in Autos unter Decken versteckt, um sie hinein zu schmuggeln. Dort essen sie dann alles, was verboten ist. Beeren, Pilze – verstrahltes Essen, das bei Kindern und jungen Menschen schwere Schäden verursachen kann. Es gibt bis heute keine Zone, von der man sagen kann, dass sie sicher ist. Radioaktivität kann überall sein.


Bild: © Reuters/Gleb Garanich

Wann sind dann Sie nach Tschernobyl gekommen?

Tereshchenko: Schon am 6. Mai wurden die ersten Leute aus Charkiv nach Tschernobyl geschickt, um dort zu arbeiten. Am 16. August musste ich mit einer Brigade in die Region fahren. Was ich dort machen sollte habe ich nicht erfahren. Es spielte auch keine Rolle, dass ich zwei kleine Kinder hatte. Ich musste sie bei meinem Mann zurücklassen. Ursprünglich hätte ich 20 Tage lang bleiben sollen, dann wurden 33 daraus.

Es ist heute unvorstellbar, wie die Menschen damals benutzt wurden. Insgesamt haben nach dem Unfall sicher eine Million Leute dort gearbeitet. Viele noch ganz junge Soldaten, die nicht wussten, was sie machen. Es ist ein Verbrechen, ein dunkles Kapitel in der Geschichte.

Was mussten Sie dort machen? Welche Aufgabe hatten Sie?

Tereshchenko: Ich war in einem Ärzteteam das die Aufgabe hatte, das Blut der Leute, die in der Atomruine gearbeitet haben, zu untersuchen. Wir wurden in einem örtlichen Spital einquartiert und mussten täglich ohne einen freien Tag 18 Stunden lang arbeiten. In unserem Schlafsaal war die Strahlung beim Fenster enorm hoch und daher versuchten alle, so weit wie möglich davon entfernt zu schlafen. Wir hatten aber keine Messgeräte, um die Strahlung selbst zu messen. Auch keine Schutzkleidung, nur unsere weißen Mäntel und einfache Atemmasken, und davon auch nur zwei pro Tag. Während der ganzen Zeit habe ich auch nur zwei Tabletten bekommen, die von einer Regierungs-Kommission, die den Reaktor untersucht hat, übrig geblieben waren. Sonst gab es nichts für uns.


Die Ärzte-Brigade mit Tereshchenko (2.v.re) Bild: © privat

Waren unter den Leuten, deren Blut Sie untersucht haben, viele Strahlenopfer?

Tereshchenko: Unter 30 waren sicher immer mindestens fünf, sechs, die nicht mehr in den Reaktor zurück durften, weil ihre Werte zu schlecht waren. Auch ich bin nach dem Einsatz krank geworden und in meiner rechten Hand hat sich ein Geschwulst entwickelt. Alle, die dort gearbeitet haben, bekamen Herz- und Kreislaufprobleme, hatten Kopfschmerzen und andere Beschwerden. Wir durften aber nicht die Diagnose „Strahlenkrankheit“ ausstellen. Das war vom Ministerium so angeordnet. Erst wenn jemand im vierten Grad betroffen war, das waren die ganz schweren Fälle, die alle kurz darauf gestorben sind, durften wir eine Strahlenkrankheit diagnostizieren.


Bild: © Sergei Supinsky/AFP/Getty Images

Haben Sie noch Kontakt zu den anderen Ärzten, die ebenfalls dort waren?

Tereshchenko: In der Brigade, mit der ich damals dort war, waren 54 Leute, und es leben nur noch drei. Ich und noch zwei weitere. Die beiden anderen sind auch schon schwer krank. Mein Glück war, dass mein Mann im Jahr 1987 eine Arbeitsstelle in Vietnam bekommen hat. Ich konnte mit ihm aus der Ukraine weg, in eine Umgebung mit frischer Luft und unverstrahlten Lebensmitteln. Deswegen lebe ich wohl noch und bin auch noch weitgehend gesund.

Was ist mit den Untersuchungsprotokollen von damals geschehen?

Tereshchenko: Die Protokolle und anderen Daten, die gesammelt wurden, sind bis heute unter Verschluss. Das ist strengste Geheimsache. Dabei gibt es das Problem noch tausende Jahre. Und die Aufzeichnungen könnten auch wertvoll sein, wenn irgendwo ein ähnlicher Unfall geschieht – was hoffentlich niemals passiert. Es darf sie immer noch niemand sehen. Auch drei Jahrzehnte danach nicht.

Wie geht man heute in der Ukraine mit der Katastrophe um?

Tereshchenko: In der Ukraine ist der Unfall auch bis heute ein Tabu-Thema. Nur zum Jahrestag am 26. April spricht man ein wenig darüber. Dabei ist es die schrecklichste Katastrophe, die unser Land getroffen hat. Es gibt sehr viele Behinderte und immer noch viele schwere Krankheiten, die in Zusammenhang mit der Strahlung stehen. Die Regierung schweigt das aber tot und von den Menschen, die damals dort gearbeitet haben, lebt kaum noch jemand. Niemand kann davon erzählen und die Kinder erfahren in den Schulen auch kaum etwas von Tschernobyl. Wie soll man aber auch den Kindern sagen, dass ihr Land noch tausende Jahre kontaminiert sein wird?

Trailer zu "Pripyat"; Nikolaus Geyrhalter Filmproduction, 1999

Das Gespräch mit Natalija Tereshchenko wurde 2014 geführt. Sie war auf Einladung der Umweltschutzorganisation Global 2000 in Österreich

Das Atomkrafterk in Tschernobyl.

Der Pfeil zeigt den Ort der Explosion im Reaktor 4 am Morgen des 26. April an. Damals konnte noch niemand ahnen, dass die Region um das Kraftwerk bereits stark verstrahlt war.

Hubschraubereinsatz am Atomkraftwerk.

Mit Helikoptern, die dekontaminierende Substanzen verstreuten, versuchte man die Radioaktivität in Griff zu bekommen.

Was die EU von ihren östlichen Partnern verlangt

Politik

Was die EU von ihren östlichen Partnern verlangt

Standpunkte

Föderalismus: Unentschieden im Ländermatch

FPÖ-Stratege Herbert Kickl

Politik

Herbert Kickl: FPÖ-Stratege jenseits der Komfortzone