Der FTX-Crash und Lehren für Krypto-Anleger und Investoren

Der Kollaps der Krypto-Börse FTX hatte dramatische Folgen für Anleger. Michael König, Strategie-Experte der WU Wien, sieht nun die Chance für einen dringend nötigen Reifeprozess der Krypto-Industrie.

Thema: Kryptowährungen
Schon im Dezember 2021 musste FTX-Gründer Sam Bankman-Fried in einem Hearing vor dem House Financial Services Committee Krypto-Geschäfte erklären.

Schon im Dezember 2021 musste FTX-Gründer Sam Bankman-Fried in einem Hearing vor dem House Financial Services Committee Krypto-Geschäfte erklären.

32 Milliarden US-Dollar war die Krypto-Börse FTX noch im Februar 2022 wert. Mehr als die Deutsche Bank und die US-Technologiebörse NASDAQ.

Das Unternehmen mit Sitz im Steuerparadies Bahamas hatte gerade mit dem Abschluss einer Series-C-Finanzierungsrunde weitere 400 Millionen Dollar eingenommen und damit binnen eines halben Jahres 1,8 Milliarden US-Dollar frisches Kapital von internationalen Venture Capital Fonds wie Sequoia, Paradigm, Lightspeed und Tiger Global bekommen.

Krypto-Glücksritter

FTX-Gründer Sam Bankman-Fried, der die Kryptobörse erst im Jahr 2019 ins Leben gerufen hatte, war mit noch nicht einmal 30 Lebensjahren in den Olymp der Superreichen aufgestiegen, die in der Forbes Billionaires Liste mit einem Vermögen im zweistelligen Milliarden-Dollar-Bereich taxiert wurden. In nur drei Jahren war der frühere Wall-Street-Analyst zum Multimilliardär geworden.

Das Startkapital dafür hatte er zunächst mit einem schlichten, aber ertragreichen Kniff gewonnen. Sam Bankman-Fried, der in Krypto-Kreisen bald nur noch "SBF" genannt wurde, erkannte, dass es an den Bitcoin-Börsen teils erhebliche Preisunterschiede gab. Also gründete er gemeinsam mit einigen Freunden die Handelsfirma Alameda Research, die über eine Reihe von Zwischenhändlern diese Preisunterschiede ausnutzte und Bitcoins praktisch risikofrei einkaufte und zu höheren Preisen wieder verkaufte. SBF und seine Kompagnons verdienten täglich damit Millionen.

Mit der Krypto-Börse FTX setzte er noch eins drauf. Bankman-Fried ermöglichte es den Benutzern, darüber nicht nur über 250 verschiedene Kryptowährungen, sondern auch tokenisierte Aktien zu deutlich geringen Gebühren als anderswo zu kaufen. Schnell, einfach und bequem via Smartphone-App, die im Google Play Store über eine Million Mal heruntergeladen wurde. Und mit der eigenen Kryptowährung FTT als Token.

Zu schön, um wahr zu sein? FTX warb mit 85% Prozent günstigeren Gebühren als die Mitbewerber.

Zu schön, um wahr zu sein? FTX warb mit 85% Prozent günstigeren Gebühren als die Mitbewerber.

Der freie Fall

Doch dann kam der jähe Absturz. Am 2. November veröffentlichte das US-Nachrichtenportal Coindesk eine Analyse der Bilanz von Alameda Research. Sie zeigte, dass Alameda 5,2 Milliarden Dollar - ein Drittel der gesamten Assets des Unternehmens - in FTT hielt, woraufhin die konkurrierende Krypto-Plattform Binance begann FTT zu verkaufen und damit eine Lawine lostrat.

Die Folge war ein Bank-Run. FTT verlor 85 Prozent an Wert. FTX versuchte noch zu retten, was zu retten war und unterband weitere Abhebungen auf der Plattform. Damit war das Chaos erst recht perfekt. Weltweit rutschten die Kurse für Kryptowährungen in den Keller. Über 130 mit FTX und Alameda verbundene Unternehmen mussten Insolvenz anmelden, und schließlich auch FTX selbst. zig Milliarden an Krypto-Vermögen lösten sich in Nichts auf.

Das Krypto-Armageddon?

Der FTX-Crash war der nächste Rückschlag für den Kryptomarkt, der im Jahr 2022 ohnehin schwer unter Druck geraten ist Binnen Jahresfrist haben die beiden großen Krypto-Währungen Bitcoin und Ethereum über 60 Prozent an Wert verloren und viele weitere Krypto-Assets sind ebenfalls schwer gebeutelt.

Ist damit die Vision von der Schaffung eines neuen, innovativen Systems handelbarer, digitaler Vermögenswerte nun am Ende? "Keineswegs", sagt Michael König, Senior Lecturer am Department of Strategy and Innovation der WU Wien. „Im Gegenteil, dieser für die ganze Branche schmerzhafte Fall könnte die lang ersehnte Erneuerung einer faszinierenden Industrie bewirken.“

Die beiden großen Kryptowährungen Bitcoin und Ethereum haben im Lauf des Jahres 2022 über 60 Prozent an Wert verloren.

Die beiden großen Kryptowährungen Bitcoin und Ethereum haben im Lauf des Jahres 2022 über 60 Prozent an Wert verloren.

Disruptive Innovatoren oder Rattenfänger?

Michael König

Michael König

Allerdings haben einige Player den Krypto-Markt als Casino gesehen, bei dem es nur einen Gewinner gibt: das Casino selbst. „Darin liegt das tatsächliche Problem: Das „Rattenfänger-von Hameln-Syndrom“, sagt König, der das Syndrom jedoch als ein sich wiederholendes Phänomen in der Wirtschaftsgeschichte sieht: „Wann immer die Kurve nach oben geht und durch disruptive Innovationen neue Wachstumsmärkte geschaffen werden, passieren Katastrophen ähnlich der FTX-Insolvenz. In diesem konkreten Fall war Gier der entscheidende Faktor für einen Crash. Das große Ziel, die Blockchain für ein ganz neues Ökosystem zu verwenden, ist dadurch in den Hintergrund gerückt.“

Nach der Schockstarre, in der sich der gesamte Markt nun befindet, wird die FTX-Pleite aber als Chance genutzt werden können, ist sich König sicher: „Der Reifeprozess hat begonnen. Kritische Fragen zu stellen ist ein Teil dieses Prozesses – bisher wurden solche Fragen oft vermieden, weil man sich nicht als Außenstehender oder Nichtwissender darstellen wollte. Eine verstärkende Rolle haben dabei Soziale Medien gespielt, die gerne glorifizieren und unantastbare Helden erschaffen.“

Regulierung als Lösung?

König ist sicher, dass die oft geforderte Regulierung der Branche nicht unbedingt eine Verbesserung bringen würde. „Die grundlegenden Ideen der Kryptowährungen sollte man nicht wegregulieren, sondern sanft steuern.“ FTX konnte nicht deshalb groß und mächtig werden, weil eine Regulierung gefehlt hat, sondern weil Kunden, Investoren und das Unternehmen selbst versagt haben – und weil sie beständig weggeschaut haben, als erste Kritik aufkam.

„Kryptowährungen können eine ganz große Zukunft haben, wenn die Grundregeln der Betriebswirtschaft befolgt werden.“ Dabei könnte Europa durchaus seinen eigenen Weg gehen. „Österreichische Unternehmen wie Bitpanda oder Coinpanion sind prinzipiell schon anders aufgestellt und haben zudem auf die jüngsten Krisen gut reagiert“, resümiert Michael König.

Die Lehren aus der FTX-Pleite

Doch wie kann ein Desaster wie bei FTX in Zukunft vermieden werden? Dafür hat der König einige Empfehlungen parat.

Für Kunden

Financial Literacy ist unverzichtbar, soll in etwas Neuartiges, teils Unbekanntes investiert werden. Kunden müssen hinterfragen und verstehen, was genau das Produkt ist und welche Chancen beziehungsweise Risiken es birgt. Wissen und Verständnis von Kryptowährungen und Blockchain sind im Speziellen nötig, wenn es um Investitionen in diesem Bereich geht. Was zu gut klingt, um wahr zu sein, ist meistens auch nicht wahr – eine Binsenweisheit für Anleger. „Abgesehen davon sollte Finanzwissen ja schon von der Volksschule an vermittelt werden“, meint König.

Für Investoren

Investoren, darunter auch große, institutionelle, müssten ihre Hausaufgaben machen. Dazu gehört in erster Linie eine sorgfältige Due Diligence, auf die manche Investoren aber verzichten, weil sie befürchten, dann von anderen überholt zu werden. Auch Kriterien der Governance sollten stärker eine Rolle spielen: Besteht ein unabhängiger Aufsichtsrat? Gibt es einen funktionsfähigen Vorstand mit den üblichen Verantwortungsbereichen? Wie sieht es mit einem internen Kontrollsystem aus? Ist das Unternehmen gut aufgestellt, um auch längere Durstphasen zu überstehen? Solche und ähnliche Fragen sollten beantwortet werden – gerade im Kryptobereich werden diese oft vernachlässigt. Die Branche müsste zudem diverser werden, denn derzeit dominieren Männer in den Kryptounternehmen. Diversität ist aber ein wichtiger Faktor für erfolgreiche Unternehmen.

Für Unternehmen

Unternehmen lassen sich oft von der Dynamik und der Unerschrockenheit der Kryptoszene mitreißen – und vergessen dann, dass klassische Kriterien für Kaufleute in diesem Bereich gelten sollten. „Sie sollten sich beispielsweise ehrlich fragen, ob das Wachstum noch logisch zu erklären ist, ob sie transparent agieren oder wo ihr nachhaltiger Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen liegt“, sagt König. Der überstrapazierte Begriff der Innovation sollte kritisch hinterfragt werden: Wo liegt überhaupt der reale Nutzen für meine Kunden? Bringe ich ihnen die Innovation, von der ich immer spreche oder ist das nur ein hohler Marketingbegriff?


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