Ken Fisher: Die Kapitulation an den Aktienmärkten kommt nicht

Ein totaler Abzug des Kapitals von den Börsen ist nicht zu erwarten, weil es keine sicheren Häfen gibt, betont Investment-Experte Ken Fisher. Er sieht jetzt die Zeit gekommen, optimistisch zu sein.

Ken Fisher ist einer der erfolgreichsten Investmentberater der USA und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen.

Ken Fisher ist einer der erfolgreichsten Investmentberater der USA und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen.

Die Pessimisten scheinen von einem weiteren Rückgang der Aktienmärkte überzeugt, nachdem der Abschwung im September auch den ATX in neue tiefe Bärenmarktabgründe gezogen hat.

Der danach erfolgte Kursanstieg wird von den Schwarzmalern als falsche Morgendämmerung abgetan. Ein Grund: Die "Kapitulation" ist noch nicht erreicht - also der legendäre freie Fall nach Panikverkäufen, der für gewöhnlich einen Bärenmarkt beendet. Allerdings gibt es zwei wichtige Realitäten, die diesmal eine Kapitulation unwahrscheinlich machen. Lassen Sie mich das erklären.

Die Kapitulationsthese unterstellt, dass die Anleger noch nicht ängstlich genug sind. Die Anhänger der These argumentieren, dass ein Bärenmarkt inmitten heftiger Verkäufe seinen Tiefpunkt erreicht, wenn die Anleger Aktien aufgeben und sich auf "sichere Häfen" wie Anleihen, Gold oder Bargeld stürzen. Die Abflüsse aus den Aktienfonds steigen, während die Hoffnung schwindet. Ergebnis dessen: die Kapitulation!

Eben das haben wir in diesem Jahr noch nicht erlebt. Die Einbußen bei globalen Aktien in US-Dollar beträgt 26,1 Prozent - ein kleiner Bärenmarkt. Gleiches gilt für den Rückgang von 24,8 Prozent (in Euro) der Aktien in der Eurozone. Zwischenzeitlich führten die Zinserhöhungen der Fed zu einem Dollaranstieg. Das löste aus, was ich als "Dollarisierung des Schreckens" bezeichne. Sie maximiert die Angst und damit den Rückgang für auf Dollar lautende Anlagen und minimiert zugleich selbigen anderswo. In Euro, Pfund und Yen hätten die weltweiten Aktien das Bärenmarktniveau nicht einmal erreicht. Wichtige Indizes in Kanada, Großbritannien, Australien und Japan sind in ihren lokalen Währungen nur verhalten rückläufig. Weshalb sollten sie panisch werden?

Anzeichen von Panikverkäufen

Pessimisten sehen die - wenn auch niedrigen - Abflüsse aus Anleihen seit April als Beweis für sich abzeichnende Panikverkäufe. Damals zogen Anleger weltweit rund 65 Milliarden Euro ab. Es gibt aber Baissen, die nicht mit einer totalen Kapitulation endeten - wie 1966 und 1982. Das ist auch jetzt wahrscheinlich. Warum? Weil die üblichen "sicheren Häfen" gar nicht so sicher sind, wie einige vielleicht gedacht haben.

  • Nehmen wir Anleihen. Der Abfluss übertrifft 2022 jenen aus Aktien. Wenig verwunderlich, wenn der Bloomberg Global Aggregate Bond Index, ein Maßstab für Unternehmens- und Staatsschulden, um 10,2 Prozent unter den Höchstständen aus Mai 2020 liegt und den weltweiten Aktien seit dem Hoch im vergangenen Jänner um neun Prozent hinterherhinkt.
  • Wie steht es mit langfristige Anleihen? Österreichische zehnjährige Staatsanleihen verloren dieses Jahr 18,7 Prozent, ebenso die deutschen mit minus 16,3 Prozent. Die meisten erwarten weitere Zinssteigerungen, die den Anleihekursen weiter schaden. Warum also derzeit Aktien gegen Anleihen tauschen? Zudem erodiert die Inflation den Wert der Anleihezinsen.
  • Dasselbe gilt für Bargeld. Warum Geld anhäufen, wenn es bald schon weniger wert sein wird? Banken können nicht mit höheren Zinsen locken - wie an den österreichischen Sparzinsen, die immer noch extrem gering sind, zu sehen ist. Selbst "ertragreiche" US-Sparkonten sind nach Inflationsabzug deutlich negativ. Warum also aus Aktien, die zulegen können, aussteigen?
  • Gold - vermeintlich meisterlicher Inflationsschutz und sicherer Hafen - glänzte zuletzt Anfang März. Seitdem ist der Kurs um 11,2 Prozent gefallen und damit schwächer als die plus 1,5 Prozent der weltweiten Aktien.
  • Kryptowährungen? Der Absturz des Bitcoin um 72,5 Prozent in US-Dollar zwischen dem Novemberhoch 2021 und dem Tiefpunkt am 21. September beendete das Gerede um sichere digitale Häfen.
  • Immobilien sind nicht liquide. Einsteigen ist leicht, das Aussteigen nicht. Trotz globaler Rückgänge sind die Preise in weiten Teilen der Welt noch immer enorm hoch, während die Hypothekenzinsen steigen

Keine Kapitulation

Ohne sichere Häfen gibt es meist auch keine Kapitulation an den Börsen. Erinnern Sie sich: Der Aktienmarkt - oder der "große Demütiger" - will möglichst lange möglichst viele täuschen, für möglichst viel Geld.

Ein neuer Bullenmarkt, der schleichend einsetzt, während viele auf die Kapitulation warten, würde genau das tun. Wenn die meisten pessimistisch und ängstlich sind, ist es Zeit, optimistisch und gierig zu sein - und zwar genau jetzt.


Der Artikel ist der trend. PREMIUM Ausgabe vom 25.11.2022 entnommen.

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