Insolvenzstatistik 2022 zeigt die große Last der Unternehmen

Die Insolvenzstatistik des Kreditschutzverband KSV1870 für das Jahr zeigt ein ernüchterndes Bild der heimischen Wirtschaft. Die Zahl der Firmenpleiten ist nach dem Auslaufen der Corona-Hilfen um fast 60 Prozent gestiegen. Rund 50.000 Unternehmen wurden geschlossen.

Schwieriges Jahr 2022: Fast 50.000 Unternehmen wurden in Österreich geschlossen, 4770 mussten Insolvenz anmelden.

Schwieriges Jahr 2022: Fast 50.000 Unternehmen wurden in Österreich geschlossen, 4770 mussten Insolvenz anmelden.

4.770 Unternehmen mussten in Österreich im Jahr 2022 - Stichtag ist der 13. Dezember - Insolvenz anmelden. Die Zahl der Firmenpleiten in Österreich hat damit das Niveau von vor der Corona-Pandemie bereits wieder nahezu erreicht, was den Schluss zulässt, dass der Dämpfer, den es dabei währen der Pandemie gab, offensichtlich den staatlichen Unterstützungsmaßnahmen zuzuschreiben war.

Die Entwicklung der Firmenpleiten ist jedoch nicht das einzige Faktum, das in der nun vom Kreditschutzverband KSV1870 vorgestellten Insolvenzstatistik für das Jahr 2022 nachdenklich stimmen lässt. Fast noch schwerer wiegt die außergewöhnlich hohe Zahl von Unternehmensschließungen, die mit 49.351 einen 5-Jahres-Höchststand erreicht hat.

Quer über alle Branchen und in fast allen Bundesländern - Ausnahmen sind lediglich Kärnten und das Burgenland - ist die Zahl der Firmenschließungen deutlich gestiegen. Die höchste Exitus-Zahl gab es bei den unternehmensbezogenen Dienstleistungen. Gleichzeitig ist auch die Zahl der Firmengründungen - ebenfalls mit Ausnahme Kärnten und Burgenland - zurückgegangen, sodass die Zahl der leerstehenden Geschäftslokale in den heimischen Städten und Orten immer weiter steigt.

Unternehmensinsolvenzen 2022: Die Passiva sind gegenüber dem Vorjahr um 27% gestiegen.

Unternehmensinsolvenzen 2022: Die Passiva sind gegenüber dem Vorjahr um 27% gestiegen.

Viele Sorgen, wenig Antworten

Die Gründe dafür sind ebenfalls offensichtlich, jedoch auch schwer aus dem Weg zu räumen. Vielen Unternehmern und Unternehmerinnen ist es unter den gegebenen Voraussetzungen, den gestiegenen Kosten - besonders für Energie und andere Rohstoffe -, der hohen Inflation, Lieferschwierigkeiten und besonders auch der grassierenden Personalnot - schlichtweg unmöglich erfolgreich zu wirtschaften. Die demografische Entwicklung tut ihr Übriges dazu, dass immer mehr Unternehmen für immer geschlossen werden. In der Unternehmerschaft hat aufgrund der demografischen Entwicklung eine Pensionierungswelle begonnen und Nachfolger, die einen Betrieb übernehmen könnten, sind in Zeiten wie diesen sehr schwer zu finden.

Dieses Bild belegen auch die vom KSV1870 unter seinen über 30.000 Mitgliedern und weiteren Unternehmen erhobenen Problemstellen der heimischen Wirtschaftstreibenden. Die meisten Sorgenfalten treibt den Unternehmern und Unternehmerinnen demnach aber nicht die Kostenentwicklung, sondern die Personalnot auf die Stirn. Mitarbeiter zu finden und sie längerfristig zu binden - das ist längst kein Problem mehr, das nur in einigen Mangelberufen und unter hochqualifizierten Facharbeitern vorherrscht, sondern eine Crux, mit der praktisch alle Branchen zu kämpfen haben.

Der Arbeitskräftemangel bremst die Produktivität und zwingt Unternehmerinnen und Unternehmer dazu, ihr Angebot zurückzuschrauben oder Aufträge nicht mehr anzunehmen, obwohl sie diese angesichts der Kostenentwicklung sehr gut brauchen könnten, denn auch die angesichts der gestiegenen Preise rückläufige Kaufkraft der Kunden macht sich bei den Unternehmen deutlich bemerkbar. Steigende Kosten, hohe Inflation und massiver Personalmangel führen dazu, dass bereits jeder 5. Betrieb Probleme hat, vereinbarte Aufträge fristgerecht abzuwickeln.

Die größten Sorgen der österreichischen Unternehmen

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Hoffnungsschimmer Digitalisierung

Die leider oft immer noch mit Skepsis betrachteten Möglichkeiten der Digitalisierung vermehrt zu nutzen und einzusetzen kann in vielen Fällen ein Ausweg aus der Zwickmühle sein. KSV1870 CEO Ricardo-José Vybiral ruft daher eindringlich dazu auf, die wirtschaftliche Situation des eigenen Betriebs mithilfe der Digitalisierung zu stärken und mahnt zu einer "Tempoverschärfung".

Prozesse zu digitalisieren könne die Personalnot mildern und fehlendes Personal auffangen, automatisierte Prozesse in Richtung der Kunden oder Geschäftspartner verlagern und dadurch die Unternehmen entlasten. Und schließlich können innerhalb der Unternehmen selbst Standardprozesse vereinfacht und beschleunigt werden.

KSV1870 CEO Ricardo-José Vybiral

KSV1870 CEO Ricardo-José Vybiral: "Bei der Digitalisierung ist eine Tempoverschärfung nötig."

Ebenso wäre es, so Vybiral, entscheidend, das Risikomanagement zu professionalisieren. Die Kostenentwicklung und die sinkenden Kaufkraft der Kunden, die zwangsweise zu einer schlechteren Auftragslage führt, ließe keine andere Wahl. "Die Bedeutung und der Bedarf an Bonitätsinformationen über Geschäftspartner und Kunden steigt", betont der KSV1870 CEO.

Gleichzeitig stellt die Digitalisierung die Unternehmen aber auch vor die Herausforderung, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu beachten. Und die wiederum wird laufend verschärft. Nicht zu ohne Grund, wie die stark steigende Zahl der Anzeigen im Bereich der Internetkriminalität zeigt. Die EU-Richtlinie 2016/1140 soll das Sicherheitsniveau von Netz- und Informationssystemen stärken. Für Österreichs Unternehmen bedeutet das, dass sie ab Herbst 2024 Maßnahmen zur Wahrung der Cyber-Sicherheit nachweisen können müssen. Ist das nicht der Fall, dann können sie keine Geschäftspartner von Unternehmen mehr sein, die der kritischen Infrastruktur zuzurechnen sind.

Ernüchternder Ausblick

Wie geht es weiter? Die Prognose des KSV1870 ist ernüchternd. Den von manchen Seiten befürchteten "Insolvenz-Tsunami" sehen die Experten des Kreditschutzverbands zwar nicht, allerdings rechnen sie damit, dass die Zahl der Firmenpleiten im Jahr 2023 weiter steigen und sich in Richtung 6.000 bewegen wird - eine Marke, die zuletzt im Jahr 2012 überschritten wurde.

Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen 2012-2022

Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen 2012-2022

Der Handel, die Bauwirtschaft und die Gastronomie- und Beherbergungsbetriebe werden wohl auch im kommenden Jahr die Liste der Branchen mit den meisten Firmenpleiten anführen, da sich die Umstände in diesen Bereichen als anhaltend schwierig darstellen. Zudem stehen energieintensive Unternehmen - besonders auch die Produktionsbetriebe - aufgrund der steigenden Energiepreise vor besonderen Herausforderungen. "Die Entwicklung des Jahres 2022 wird ihr Fortsetzung finden", meint Karl-Heinz Götze, Leiter der Insolvenzabteilung des KSV1870.

Auch bei den Privaten Pleiten erwartet der KSV1870 aufgrund der Preissteigerungen, der Inflation sowie der steigenden Mieten und Zinsen eine weitere Zunahme. Es ist gut möglich, dass die Zahl der Privatkonkurse aufgrund der Risikofaktoren auf über 10.000 Fälle steigt. Götze: "Wir erwarten, dass die Insolvenzen Ende 2023 wieder über dem Vorkrisenniveau liegen." Zumindest in einem Punkt beschwichtigt Götze die Befürchtungen: "Eine echte "Insolvenzwelle werde es nicht geben."

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Kommentar
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