„US-Unternehmen kaufen jetzt billig“

Markus Fellner, Partner der Rechtsanwaltskanzei fwp, über die Verschiebungen auf den M&A-Märkten, die Zunahme von Sanierungsübernahmen in Österreich und die europäische Wirtschaft, die der großer Verlierer der aktuellen Situation ist.

Zur Person:
Markus Fellner ist studierter Jurist und Betriebswirt. 1999 gründete er mit Kurt Wratzfeld die Wirtschaftskanzlei Fellner Wratzfeld & Partner (fwp). Der Wirtschaftsanwalt berät international tätige Banken und Unternehmen des Finanzmarktsektors und ist spezialisiert auf Corporate/M&A sowie die Restrukturierung von Unternehmen.

Zur Person: Markus Fellner ist studierter Jurist und Betriebswirt. 1999 gründete er mit Kurt Wratzfeld die Wirtschaftskanzlei Fellner Wratzfeld & Partner (fwp). Der Wirtschaftsanwalt berät international tätige Banken und Unternehmen des Finanzmarktsektors und ist spezialisiert auf Corporate/M&A sowie die Restrukturierung von Unternehmen.

TREND: Einer der Schwerpunkte von fwp sind Mergers & Acquisitions (M&A). Spüren Sie in diesen unsicheren und unberechenbaren Zeiten einen deutlichen Rückgang in diesem Geschäft?
Markus Fellner: Bei börsennotierten Gesellschaften finden Transaktionen kaum noch statt, weil Aktienkurse und Realwerte der Unternehmen zu weit auseinanderliegen – siehe auch die gescheiterte Übernahme beim ­Flughafen Wien. Im privaten Bereich kommt es zu zusätzlichen Schleifen, weil insbesondere mögliche Sanktionsverstöße mehrfach gecheckt werden. Aber es gibt keinen Einbruch.

Es bieten sich in Krisen ja immer auch zusätzliche Chancen, weil Märkte und Marktanteile neu verteilt werden, oder?
Prinzipiell ja, aber eher für amerikanische und asiatische Unternehmen. Coronakrise, russischer Angriffskrieg und in der Folge die hohen Energiepreise sind drei Schläge gegen die europäische Wirtschaft, die jetzt total unter Druck gerät, während die Amerikaner, die viel weniger betroffen sind, wegen des niedrigen Euro-Kurses jetzt günstig bei uns einkaufen können. Auch China wird – obwohl man dort im Moment einige Probleme hat – weiterhin versuchen, europäisches Know-how einzukaufen und abzuziehen. Geld ist ja genug vorhanden. Vor allem die großen Fonds sitzen auf vollen Kassen. Das alles wird zu einem gewissen Transfer raus aus Europa führen.

Sind Gesellschafter derzeit eher bereit zu verkaufen?
Das gilt in erster Linie dann, wenn jemand gezwungen ist, die Produktion zu drosseln, und in eine Lage kommen könnte, in der nur noch eine harte Sanierung oder eine Übernahme bleibt. Neue Eigentümer haben dann eher die Möglichkeit, die Produktion in Regionen mit niedrigeren Energiekosten zu verlagern.

Bedeutet das in Summe, dass bei fwp die M&A-Sparte durchaus gut läuft?
Sie ist sogar verstärkt am Laufen, weil wir sowohl normale M&A-Transaktionen als auch Restrukturierungsübernahmen betreuen – und das komplementäre Gefäße sind. Wir steuern momentan leider darauf zu, dass Letztere zunehmen, während sich Erstere in Europa reduzieren werden. Ich habe aktuell schon drei Fälle von Sanierungsübernahmen, und es zeichnet sich schon ab, dass es mehr werden.

Die steigenden Zinsen müssten ein bremsender Faktor sein, weil sich die Finanzierung verteuert. Wie wirkt sich das auf Deals aus?
Bei klassischer Fremdfinanzierung über Banken wäre das ein bremsender Faktor. Es zeichnet sich aber der klare Trend ab, dass die meisten Übernahmen nicht mehr von Banken, sondern von Fonds finanziert werden. Die geben das Geld aus, das sie einsammeln, und haben viel weniger strenge Prüfpflichten als Banken, weswegen sie viel risikofreudiger sind. Wir sind da in Österreich sicher keine Vorreiter und regulatorisch auch nicht ­dafür aufgestellt. Wir sollten aber langsam erkennen, dass wir unsere Behörde – Stichwort: Risikokapitalwirtschaftsadäquater gestalten müssen.

Steigen aktuell die Kaufpreise für Unternehmen, weil sowieso alles teurer wird, oder wird’s billiger, weil zahlreiche Firmen weniger verdienen?
In der klassischen Unternehmensbewertung werden die aktuell hohen Energiekosten als vorübergehender Effekt eingestuft. Von daher haben sie eher eine ­untergeordnete Wirkung, auch wenn ein Unternehmen gerade nicht mehr so rentabel ist. Ähnliches war schon in der Coronakrise der Fall. Der rechnerische Wert sinkt eher durch die steigenden Zinsen. Was man sagen kann: Steigen werden die Preise sicher nicht.

Sind eigentlich eher Finanz- oder strategische Investoren unterwegs?
In meiner Wahrnehmung sind viel stärker die Finanzinvestoren in Deals involviert. Strategische Interessenten sind im Moment eindeutig vorsichtiger und warten lieber die weitere Entwicklung ab. Obwohl sich für einige sicher günstige Gelegenheiten auftun würden.

Was sind denn die vorrangigen Beweggründe für Übernahmen?
Eher Ertragsüberlegungen als die Expansion des eigenen Geschäfts, weil eben die ­Finanzwirtschaft das Geschehen dominiert. Die Fonds verfügen wie gesagt über ausreichend Kapital.

Schauen sich österreichische bzw. europäische Firmen mehr in Asien oder USA um, weil dort Energie billiger ist?
Einige Klienten überlegen, Teile der Produktion in die USA zu verlagern. Das ist jetzt aufgrund des Wechselkurses um ein Drittel teurer als vor ­einem Jahr. Dafür winken hohe Steuerbonifikation und andere Begünstigungen für Ansiedlungen. Dass Europäer amerikanische Unternehmen erwerben, ist aber eher die Ausnahme. ­Primär geht es um Verlagerung der ­eigenen Produktionen.

Und in Europa wird generell weniger investiert, weil hier Energie teuer bleiben wird?
Die Investitionen werden nicht ­explodieren. Das ist das Traurige an den aktuellen geopolitischen Spannungen, die sicher einen großen Verlierer haben: die europäische Wirtschaft. Für US-Unternehmen ist der starke Dollar hingegen eine Einladung, hier zu investieren. ­Allerdings orten wir bei chinesischen ­Investitionen im Vergleich zu den vergangenen Jahren einen Rückgang.

Der gegenläufige Trend zu kürzeren Lieferketten, das sogenannte Nearshoring, hilft uns auch nicht weiter?
Im Gegenteil. Die Lage ist eine schreckliche Zwickmühle: Die mit Corona eingeleitete Deglobalisierung – hauptsächlich weg von Asien – macht es für unsere Unternehmen jetzt schwieriger, Nutznießer günstigerer Energie in anderen Teilen der Welt zu sein. Da hilft aber kein Jammern, das Problem muss ­gelöst werden – und das passiert nicht, wenn alle nur Hilfe vom Staat erwarten.

Sie haben die steigende Zahl von Sanierungsübernahmen angesprochen. Steht uns jetzt die Insolvenzwelle bevor, die bei Corona ausgeblieben ist?
Theoretisch ist das denkbar, ich erwarte es aber nicht. Ein gewisser Nachholeffekt wird bei jenen Unternehmen eintreten, die sich nur mit Corona-Hilfen über Wasser gehalten haben. Aber es kommt kein Tsunami. Bei den Banken werden Restrukturierungsfälle zunehmen und sich die Risikokosten erhöhen. Aber es ist weit entfernt von einem Drama.

Was rät fwp aktuell den Kunden, die über M&A-Deals nachdenken? Welche Anforderungen haben sich verändert?
Was wir immer schon raten: dass auf fristenkongruente Finanzierung geachtet wird. Die sollte nicht auslaufen, ­bevor die Refinanzierung einsetzt. Was sich jedenfalls geändert hat: Corporate Governance und Compliance sind ­stärker zu berücksichtigen. Themen mit Sanktionen oder Korruption sind ein No-Go. Vor allem bei den Fonds, die wir vertreten. Die haben Verantwortung gegenüber fremdverwaltetem Geld. Der Stellenwert von ESG steigt rasant: in Bezug auf Klimaschutz sowieso, aber auch das soziale Engagement wird immer wichtiger.

Öl- und Gaspreishoch bescheren der OMV Milliardengewinne

Der Öl-, Gas- und Chemiekonzern OMV, an dem die Republik Österreich über …

IMMOunited2GO zeigt Grundbuch- und Kaufvertragsinformationen sowie Daten zu Neubauprojekten in der unmittelbaren Umgebung an
Das Grundbuch österreichweit mitnehmen: IMMOunited launcht „IMMOunited2GO“

Die neue App für iOS- und Android-Smartphones bietet vor Ort …

RBI-Vorstandschef Johann Strobl
Raiffeisen Bilanz: Gewinn in Russland vervierfacht

Die Raiffeisen Bank International (RBI) hat im Jahr 2022 blendend …

ZUR PERSON: Martin Butollo ist seit 2013 Country-CEO der Commerzbank in Österreich. Nach seinem Studium an der Wiener Wirtschaftsuniversität und der Pariser HEC trat Butollo bei PricewaterhouseCoopers ein und wechselte dann nach Frankfurt, wo er bei der Dresdner Bank und der Commerzbank Bankerfahrung sammelte.
„Glaube an Innovationskraft und Resilienz“

Die EU wird strenge Nachhaltigkeitsregeln für die Kreditvergabe …