Klimaforscher Keywan Riahi: "Wir werden nicht ärmer werden"

Der weltweit führende Klimaforscher Keywan Riahi im trend. Interview über die Lehren der Abhängigkeit von russischem Gas, dringend nötige Investitionen und warum Russland zum Verlierer wird.

Thema: Nachhaltigkeit
Keywan Riahi, Leiter des Energieprogramms am Internationalen Institut für angewandte Systemanalysen (IAASA) in Laxenburg.

Keywan Riahi, Leiter des Energieprogramms am Internationalen Institut für angewandte Systemanalysen (IAASA) in Laxenburg.

ZUR PERSON

Keywan Riahi leitet das Energieprogramm am Internationalen Institut für angewandte Systemanalysen (IAASA) in Laxenburg. Der Grazer ist laut Reuters-Ranking der einflussreichste Klimawissenschaftler der Welt. Seit 1997 zählt er zu den führenden Autoren der Berichte des Weltklimarats (IPCC).


trend: In ganz Europa werden nun schnell Alternativen zu russischem Gas gebraucht, auch Kohle und Atomstrom sollen helfen. Bremst das den Klimaschutz wieder aus?
Keywan Riahi: Die aktuelle Situation kann die Transformation sogar beschleunigen. Wer jetzt eine Gastherme ersetzen muss, weiß, dass es viel intelligenter ist, auf eine Wärmepumpe oder eine Photovoltaik-Anlage umzusteigen. Das hat positive Effekte für den strukturellen Wandel.

Dass Kohlekraftwerke in Europa deshalb länger laufen können, wiegt da nicht so schwer?
Kurzfristig kann man nicht ausschließen, dass Kohle-und Kernkraftwerke ihre Maximalkapazitäten abschöpfen. Es ist aber unwahrscheinlich, dass wir deshalb wieder dauerhaft in Kohle einsteigen. Es wird darauf ankommen, wie schnell wir die erneuerbaren Energien ausbauen und dass wir die dafür richtigen Netze bekommen.

Wie schnell kann das gehen?
Der wichtigste Punkt sind die Netze. Wen wir diese nicht ausbauen, werden wir es nicht schaffen, Erneuerbare zu einem sehr hohen Anteil ins Stromnetz zu bringen. Die größere Verteilung der Anbieter und die größere Variabilität der Erzeugung erfordern viel bessere Netze. Das wird aber nicht in ein, zwei Jahren zu bewältigen sein, sondern in fünf bis 15 Jahren.


Mit Ultrahochspannungsleitungen kann man erneuerbare Energie auch in Gegenden bringen, in denen es zu wenige Sonnenstunden oder zu wenig Wind gibt

Haben wir noch so viel Zeit?
So große Transformationsprozesse brauchen Zeit, auch wenn die neuen Technologien bekannt sind. Weil Energie so wichtig im Wirtschaftssystem ist, sehen wir jetzt, wie groß die Abhängigkeit von Gas ist und dass nun neben den Haushalten auch die Industrieproduktion großen Preisschwankungen ausgesetzt ist. Kurzfristig kann aufgrund des Krieges Gas sogar knapp werden. Wichtig ist jetzt, wie die Politik auf diese Vulnerabilität reagiert, ob sie die richtigen Maßnahmen setzt und Lehren daraus zieht.

Was wären die richtigen Lehren?
Dass es in Zukunft nicht nur auf gute Netze, sondern auch auf einen guten Mix aus Energieformen und gute Speichermöglichkeiten ankommen wird, um Schwankungen in der Erzeugung wirklich ausgleichen zu können. Übrigens werden die globalen Verknüpfungen dadurch gleichzeitig noch wichtiger und nicht weniger wichtig werden.

Inwiefern?
Weil es sonst ziemlich teuer wird. Da die Volatilität in den Netzen hoch sein wird, müssen wir die Energieflüsse verstärken. In China gibt es Anstrengungen, Elektrizität mit Ultrahochspannungsleitungen über Tausende Kilometer zu leiten, ohne dabei viel Energie zu verlieren. Das kann erneuerbare Energie auch in Gegenden bringen, in denen es zu wenige Sonnenstunden oder zu wenig Wind gibt. Photovoltaik in der Wüste bringt dann den Strom in die Städte. Die Kosten der Transformation werden davon abhängen, wie gut es uns gelingt, die größten Aktivitäten dort zu haben, wo sie am günstigsten sind. Um nicht wieder in Abhängigkeiten zu kippen, wird es aber auch Diversifikation brauchen.


Wir müssen sicherstellen, dass jeder kleine Haushalt, der Solarstrom produziert, ihn ins Netz einspeisen kann.

Sie sprechen an, was gerade in der Industrie viele befürchten, nämlich, dass durch die Transformation die Energiekosten und somit auch die Preise für viele Produkte steigen. Kommt es zur "Greenflation"?
Auch das hängt von der Politik ab. Der technologische Wandel war noch viel schneller, als wir uns das erwartet hatten, die Preise für PV-Zellen sind zwischen 2010 und 2020 zum Beispiel um 85 Prozent gesunken. In einigen Teilen der Welt sind Solar und Wind mittlerweile die billigsten Energieträger. Die Erzeugungskosten sind aber nur ein Drittel des Elektrizitätspreises, hinzu kommen ein Drittel Netzkosten und ein Drittel Gebühren. Die Kosten für neue Netze und Installationen werden sich also durchschlagen, aber alle Studien sagen uns, dass das verkraftbar ist. Teuer würde die Transformation durch anderes.

Was könnte sie noch teuer machen?
Wenn die Marktbedingungen so bleiben, wie sie jetzt sind, und die größten Anbieter bevorzugt bleiben. Wir müssen sicherstellen, dass jeder kleine Haushalt, der Solarstrom produziert, ihn ins Netz einspeisen kann, sonst produzieren wir Strom und werfen ihn weg.

Auch deshalb braucht es die Netze.
Und hier wird es dann paradox: Jeder ist für erneuerbare Energien, aber niemand will die Starkstromleitung in seiner Nähe. Diese könnte übrigens auch unterirdisch verlaufen, was zwar teurer, aber ebenfalls verkraftbar wäre. Das müssen wir gesellschaftlich jetzt diskutieren. Aber eine Kostenfrage ist die Transformation jedenfalls nicht.

Aber eine Finanzierungsfrage?
Das ist aktuell eine große Herausforderung, gerade auch in Entwicklungsländern, bei denen der finanzielle Spielraum durch die Corona-Krise noch einmal geringer wurde. Es muss uns aber klar sein, dass jetzt investiert werden muss: Der aktuelle IPCC-Bericht zeigt unmissverständlich, dass die bisher von den Staaten beschlossenen Maßnahmen nicht ausreichen, um das Ziel zu erreichen, die Erderhitzung bis Ende des Jahrhunderts auf 1,5 Grad zu beschränken.


Europa führt vor, dass es nicht unbedingt zu Einbußen bei der Produktivität kommt, wenn man die Emissionen reduziert.

Was bedeutet das?
Dass die Länder ihre Vorgaben nachschärfen müssen und viele von ihnen ihre Ziele endlich in Gesetze übersetzen müssen. In Österreich hat die Klimaschutzministerin mit dem Erneuerbaren-Gesetz und dem Klimaticket einiges weitergebracht. Es braucht aber in Österreich und global noch viel mehr.

Warum ist vieles immer noch so wenig konkret?
Viele Länder haben sich nun das Ziel gesetzt, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt wirklich klimaneutral zu werden, die Emissionen also netto null ergeben. Nun sind auch China und Indien dabei. Um den Klimawandel zu stoppen, müssen wir dort hin. Seit dem Klimaabkommen von Paris ist einiges in Bewegung gekommen, aber es muss nachjustiert werden.

China will aber erst bis 2060 klimaneutral werden, aktuell baut es viele gigantische Kohlekraftwerke. Wird hier befürchtet, dass die grüne Transformation den wirtschaftlichen Aufschwung hemmt, wie das vor allem für Entwicklungsländer befürchtet wird?
Der aktuelle IPCC-Report veranschaulicht, dass Entwicklung und Klimapolitik nicht zwei gegensätzliche Pole sind. Maßnahmen, um Emissionen zu vermeiden, können im Gegenteil sogar sehr positive Effekte für die Entwicklung schaffen, wenn sie die Produktivität erhöhen, was gerade vielen Entwicklungsländern helfen würde. Allerdings sind viele dieser Maßnahmen struktureller Natur. Sie benötigen viel Kapital zu Beginn. Wir stehen also vor der gemeinsamen Aufgabe, die Kapitalflüsse dorthin zu lenken, denn Afrika zum Beispiel wird das nicht alleine können. Die Unterschiede bei Emissionen sind aber nicht unbedingt davon abhängig, wie reich ein Land ist.

Inwiefern?
Nordamerika hat etwa die doppelte Emissonsintensität wie Europa, und das bei relativ ähnlichem Wohlstand. Europa führt also vor, dass es nicht unbedingt zu Einbußen bei der Produktivität kommt, wenn man die Emissionen reduziert. Der IPCC-Bericht zeigt, dass Entwicklung und Klimaschutz möglich sind und dass sich generell viele Klimamaßnahmen positiv auf andere Nachhaltigkeitsziele der UNO auswirken. Städte etwa nicht mehr vom Auto ausgehend zu planen, wie wir es gewohnt sind, kann etwa ganz neue Benefits mit sich bringen wie bessere Luft, aber auch einen offenen, sozialen Raum.


Die Corona-Krise hat nichts dauerhaft geändert.

Dennoch kommt es auch zu schwierigen Entscheidungen: Da durch den Krieg eine globale Lebensmittelkrise droht, lässt die EU zum Beispiel nun zu, dass Bauern jene Flächen bestellen, die eigentlich brach liegen sollen, um die Biodiversität zu fördern.
Das ist der Versuch, kurzfristig mehr zu produzieren, um Preisschwankungen auszugleichen. In der Regel ändern solche Maßnahmen aber nicht dem langfristigen Pfad. Das kennen wir auch in der anderen Richtung: Im Zweiten Weltkrieg sind die CO2-Emissionen gesunken, aber nach dem Krieg hat sich der langfristige Anstieg durch den Wiederaufbau sogar verstärkt. Auch die Corona-Krise, während der wir unser Verhalten radikal änderten und es sehr viel weniger Emissionen gab, hat nichts dauerhaft geändert.

Bei Lebensmittelpreisen spielen zunehmend auch Folgen des Klimawandels wie Dürren und Brände eine Rolle, weil sie für Ernteausfälle sorgen. Gleichzeitig steht die Landwirtschaft global für einen hohen Anteil der Treibhausgasemissionen. Wie entkommenen wir diesem Problem?
In der aktuellen Krise kann die globale Vernetzung helfen. Vor der Globalisierung bedeuteten schlechte Ernten Hungersnöte, heute kann der globale Handel kurzfristig Ausfälle zumindest abmindern. In der Landwirtschaft entstehen Emissionen generell, weil sie zum Beispiel Stickstoff zur Düngung in den Boden einbringt, wodurch Lachgas entweicht. Wir können die Ernährung aber global nicht komplett umstellen, ohne durch Düngung die Produktivität hoch zu halten. Da muss man sich überlegen: Wo können wir dafür woanders wieder Flächen aufforsten, um die Emissionen durch CO2-Speicherung auszugleichen?

Der IPCC-Bericht zeigt, in welchen Bereichen Emissioneneffizient eingespart oder eben der Atmosphäre entzogen werden können. Der Erhalt von Ökosystemen und das Potenzial für Aufforstungen stechen dabei hervor. Auch hier gibt es aber oft Reibungspunkte mit Industrie und Wirtschaft. Wie groß sind diese Zielkonflikte?
Gerade weil in der Landwirtschaft, der Industrie und der Luftfahrt noch nicht gleich Alternativen zu fossilen Brennstoffen zur Verfügung stehen, braucht es solche Schutzmaßnahmen. Grundsätzlich gehen aber alle Studien davon aus, dass die Kaufkraft in Zukunft höher sein wird, dass auch der Wohlstand weiter steigt und Entwicklungsländer weiter aufholen werden. Die Kosten für die Transformation werden viel geringer sein als der Produktivitätsanstieg. Und nach einer Investitionsphase wird es nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische Benefits geben. Wir werden also nicht ärmer werden. Ich sehe das viel positiver.


Die Digitalisierung kann helfen, dass wir in der Mobilität viel mehr teilen als besitzen.

Gerade wird uns aber bewusst, wie schwierig das ist.
Wir erkennen gerade, aus wie vielen Einzelteilen ein Auto zusammengesetzt wird, die auf der ganzen Welt verstreut produziert werden. Der Nachteil der Globalisierung ist, dass sie nicht nur Abhängigkeiten schafft, sondern auch dazu beitragen kann, dass Umweltauswirkungen nicht eingepreist werden. Wenn CO2-intensive Einzelteile etwa aus China kommen, wird dadurch das Auto bei uns billiger und die Umweltschäden passieren anderswo. Das ist auch eine Form der Ungleichheit. Langfristig wird es also wichtig, dass wir die Kohlenstoffintensität einzelner Produkte noch viel besser abbilden. Das ist allerdings eine enorm komplexe Aufgabe.

Welche zusätzlichen Ansätze fehlen noch?
Die Bedarfsseite kommt in sämtlichen Diskussionen zu kurz, und zwar nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine. Wenn wir ein Mobilitätssystem hätten, in dem jedes Verkehrsmittel mit den anderen verbunden wäre und als Ganzes gemanagt werden könnte, wäre das ein viel effizienteres System als der jetzige Individualverkehr. Die Digitalisierung kann dabei helfen, dass wir in der Mobilität viel mehr teilen als besitzen und es dabei viel mehr um eine Dienstleistung geht mit dem Ziel, von einem Ort an den anderen zu kommen. Die Transformation gelingt nur, wenn die neuen Systeme besser sind als die alten.

Und wir nicht verzichten müssen?
Wir müssen aber umdenken, auch in Unternehmen. Es ist auf Dauer immer besser, ein teureres, qualitativ hochwertiges Produkt anzubieten, das Menschen auch lange verwenden wollen, als das billigstmögliche, das schnell ausgetauscht werden muss, energie-und materialintensiv ist und eine unheimliche Umweltbelastungen erzeugt. Die Umstellung ist auch in der Industrie möglich und zwar mit steigenden und nicht fallenden Profiten.


Es geht darum, Kapitalflüsse in neue Energieträger umzulenken. Nachhaltig und langfristig wird es nur Gewinner geben.

Sie sind seit 1997 einer der Hauptautoren der Berichte des UNO-Klimarates. Was hat sich in dieser Zeit geändert?
Die Verhandlungen mit den Vertretern der Staaten über die Formulierungen, wie sie im Bericht nun gewählt sind, waren noch nie so schwierig wie jetzt.

Was hat sie dieses Mal schwieriger gemacht?
Klimapolitik wird immer mehr zum Mainstream. Regierungen sehen jetzt, dass es wirklich darum geht, Kapitalflüsse in neue Energieträger umzulenken, und das kreiert natürlich Gewinner, aber auch Verlierer der Transformation. Letztere sind sehr daran interessiert, dass internationale Berichte wie der des Klimarats, die direkt Einfluss auf die internationalen Verhandlungen über die Emissions-Reduktionen in verschiedenen Ländern nehmen, auch unmissverständlich formuliert sind und die Evidenz wirklich klar am Tisch liegt.

Wer sind die Verlierer der Transformation?
Nachhaltig und langfristig wird es nur Gewinner geben, aber während der Transformation sind unterschiedliche Bereiche der Industrie und unterschiedliche Länder unterschiedlich abhängig von fossiler Energie. Länder, die stark von den Exporten und Einnahmen aus fossiler Energie leben, wird es natürlich treffen, dass der Bedarf an fossiler Energie stark zurückgehen muss. Das wird allerdings für Norwegen etwas anderes bedeuten als für Saudi-Arabien, Nigeria oder eben Russland.


Das Interview ist der trend. EDITION vom Mai 2022 entnommen.

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