Siemens Österreich CEO Hesoun: "Politik und Machbarkeit liegen weit auseinander"

Der scheidende Siemens Österreich Chef Wolfgang Hesoun im trend. Interview. Ein Gespräch über seine Zukunft, Versäumnisse in der Energiepolitik und seine herbe Kritik an der Umweltpolitik.

Siemens Österreich Generaldirektor Wolfgang Hesoun

Siemens Österreich Generaldirektor Wolfgang Hesoun

trend: Sie sagten ursprünglich, mit Ende Februar aus dem Vorstand von Siemens Österreich auszuscheiden. Jetzt bleiben Sie angeblich ein, zwei Monate länger. Warum?
Wolfgang Hesoun: An sich ist das Vertragsende mit Ablauf des 63. Lebensjahres definiert, das ist Ende Februar. Grundsätzlich gehen wir immer noch von diesem Datum aus. Man wird aber erst sehen, ob sich das jetzt alles ausgeht. Es ist noch einiges im Fluss und zu klären.

Wer Ihnen nachfolgt, können Sie schon verraten?
Nein, das sollten dann jene tun, die befugt sind, eine solche Bestellung vorzunehmen.

Es ist bei Siemens Österreich Tradition, Leute mit einer guten politischen Vernetzung an der Spitze zu haben. Wird das beibehalten, weil gut fürs Geschäft?
Politische Kontakte standen nicht im Vordergrund, sondern der Umstand, Teil der österreichischen Wirtschaftscommunity zu sein. Das ragt da und dort in die politische Sphäre hinein, vor allem bei öffentlichen Kunden, von denen Siemens viele hat. Es ist wünschenswert, wenn der oder die Chef:in von Siemens sich in diesem Umfeld bewegen kann.

Es gab im Siemens-Konzern große Umstrukturierungen, die sich auch auf Österreich auswirkten. Bleibt die Verantwortung für insgesamt 26 Länder auch nach Ihrem Abgang aufrecht?
Es zeichnet sich derzeit keine Veränderung ab. Aber was langfristig passiert, ist nicht nur in Konzernen schwer vorherzusagen. An meine Person ist die bestehende Struktur in Österreich aber in keiner Weise gebunden.

Was ist dran am Gerücht, dass Ihr Interesse für die Vorstandsposition in der Staatsholding Öbag dazu beigetragen hat, dass der Vertrag nicht verlängert wurde?
Nichts. Erstens habe ich mich nicht beworben, sondern bin gefragt worden. Zweitens ist das in Abstimmung mit meinen zuständigen Gremien passiert. Daraus hat sich keinerlei negative Stimmung ergeben. Auch der frühere Konzern-CEO Joe Kaeser ist mit 63 gegangen. Dieses Datum ist bei Siemens festgeschrieben. Vielleicht gibt es ein paar Einzelausnahmen, aber nicht auf Managementebene.


Es ist nicht richtig, dass der Staat kein guter Eigentümer ist.

Künftig machen Sie Ihr eigenes Beratungsunternehmen, richtig?
Ich werde ein Unternehmen als Plattform gründen oder kaufen und Interessenten das zur Verfügung stellen, was ich mir über die Jahre an Standort-Know-how bzw. an Kenntnissen in Österreich und Osteuropa erworben habe.

Schwerpunkt sind ausländische Unternehmen, die sich für Investments in Österreich interessieren?
Als ein Bereich. Ich kann solchen Unternehmen helfen, hier schneller und effizienter Fuß zu fassen. Mein Plan ist aber nicht darauf beschränkt. Es muss interessant sein, Spaß machen und idealerweise einen Sinn haben. Zusätzlich habe ich meine Funktion in der Kammer, den Vorsitz im Infrastrukturausschuss der Industrie und einige Aufsichtsräte wie Wiener Städtische oder Casinos. Es lässt sich so an, dass mir nicht ganz fad wird.

Ihre Firma wird eine One-Man-Show oder werden Sie ein kleines Team und gewisse Strukturen aufbauen?
Am Beginn steht sicher einmal eine Findungsphase. Ich möchte jedenfalls bewusst selektiv vorgehen und nicht zu viel nehmen. Ich freue mich darauf, nach so langer Zeit als angestellter Manager jetzt etwas selbstständig zu machen. Aber es ist schon recht ungewohnt, plötzlich vieles selbst erledigen zu müssen, wofür man bislang auf Strukturen zurückgreifen konnte.

Sie werden sich weiterhin industriepolitisch engagieren, sowohl in der IV als jetzt auch als Vizepräsident der Wirtschaftskammer. Stichwort Öbag: Geht die aktuelle Regierung sorgsam mit ihren Beteiligungen um?
Generell betrachtet bin ich der Meinung, es ist nicht richtig, dass der Staat kein guter Eigentümer ist. Er könnte für Schlüsselindustrien sogar ein sehr guter sein, wenn er den Unternehmen über die Öbag Stabilität und langfristige Perspektive gewährleistet. Ich würde sagen, auf politischer Ebene ist man sich der Verantwortung bewusst. Dass der Verbund durch die Art und Weise, wie seine Übergewinne abgeschöpft werden, vor einer schwierigen Situation steht, hat damit zu tun, dass es auf der EU-Ebene schlecht geregelt wurde. Man hat keinen Impact auf den Energiemarkt zustande gebracht und gleichzeitig für Verunsicherung am Kapitalmarkt gesorgt. Leider muss man ja sagen, dass sich die EU in dieser ganzen Krise als nicht sehr handlungsfähig erwiesen hat. Darum wäre es umso wichtiger, in der aktuellen Situation nationalstaatliche Lösungen zu treffen.


Es darf nicht sein, dass man in Zeiten, wo es um den Standort geht, ideologische vor sachliche Argumente stellt.

Sie wären wie das Verbund-Management dafür, den Gaspreis zu subventionieren, um damit die Strompreise automatisch nach unten zu bringen?
Das hätte den Vorteil, dass man nationalstaatlich gezielt jenes Gas subventioniert, das für die Verstromung gedacht ist. Damit wäre der Strompreis für alle Nutzer auf einem erträglichen Niveau, und die Übergewinne wären gar nicht entstanden. Natürlich hätte das den Staat Geld gekostet, das haben wir jetzt mit den Energiepreisunterstützungen aber genauso. Man hätte aus meiner Sicht den Markt lokal sehr wohl beeinflussen können, ohne gleich das ganze System auszuhebeln. Ein Eingriff in den Gasmarkt wäre auch für die Industrie ein wichtiger Schritt gewesen.

Siemens Österreich Generaldirektor Wolfgang Hesoun

Wolfgang Hesoun: "Schon im April letzten Jahres gab es Ideen und Wege, wie man sehr rasch eine gewisse Unabhängigkeit von den russischen Gaslieferungen erreichen könnte. Aber sehr lange ist nichts passiert."

Bei der OMV gab es gewisse Unstimmigkeiten, was den Beitrag zur Versorgungssicherheit betrifft. Hat der Staat seine Eigentümerrolle gut genützt?
Faktum ist, dass die OMV dafür keinen Auftrag hat. Aber man kann sehr wohl versuchen, gemeinsam mit der OMV und anderen Energieunternehmen Lösungen anzugehen, die im Bereich Gas die Versorgungssicherheit verbessern. Da ist mir einfach zu viel Zeit verstrichen. Schon im April letzten Jahres gab es Ideen und Wege, wie man sehr rasch eine gewisse Unabhängigkeit von den russischen Gaslieferungen erreichen könnte. Aber sehr lange ist nichts passiert. Bis heute wäre ein normaler Betrieb ohne russisches Gas trotz voller Speicher für Wirtschaft und Bevölkerung nicht möglich. Diese einfachen Wahrheiten werden gerne verschleiert.

Weil die Grünen fossile Energien ablehnen?
Unter anderem. Es darf aber nicht sein, dass man in Zeiten, wo es um den Standort geht, ideologische vor sachliche Argumente stellt. Da tue ich mir sehr schwer.

Die nun beschlossenen Energiepreisstützungen für die Wirtschaft sind richtig aufgesetzt?
Für die Politik ist es derzeit sehr schwierig, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es war die am einfachsten darstellbare Form der Unterstützung. Und wenn die Frage der Treffsicherheit aufgeworfen wird, bin ich mit ÖGB-Chef Wolfgang Katzian einer Meinung: Die paar, die es nicht gebraucht hätten, die nehmen wir zur Kenntnis. Grundsätzlich stellt sich aber die Frage: Bekämpfen wir lieber die Symptome oder die Ursachen? Und da bin ich wie gesagt für Zweiteres.

Das Volumen reicht, um den von der WKO lautstark befürchteten Verlust der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Deutschland, wo massiv gefördert wird, zu verhindern?
Es wird sich erst zeigen, ob sich aus dem, was Österreich beschlossen hat, für unsere Lieferanten an die deutsche Industrie eine Kluft zu den dortigen Maßnahmen entwickelt. Wir müssen das sehr genau beobachten und reagieren, wenn sich der Bedarf ergibt.


Unter solchen Umständen können Produktionen in Europa auf Dauer nicht aufrechterhalten werden.

Kurz zur Situation von Siemens Österreich: Digitalisierung, Mobilität, Energietechnologien sind Schwerpunkte, die einen guten Ausblick für die Zukunft garantieren müssten. Hinterlassen Sie ein Unternehmen in robuster Verfassung?
Das hat weniger mit meiner Person zu tun. Der Konzern ist in Summe gut aufgestellt, und wir haben in Österreich etwa mit dem Fokus auf die Digitalisierung von Produktion und Smart Infrastructure sehr robuste Geschäftsfelder. Die selbstständigen Beteiligungen Energy, Mobility und Healthcare bewegen sich in ihren Märkten jetzt noch schneller als früher. Zusammen mit einer sehr soliden finanziellen Situation mache ich mir um Siemens keine Sorgen. Wir gehen mit einem höheren Auftragsbestand in das neue Jahr - sowohl in Österreich als auch im Konzern.

Siemens Österreich Generaldirektor Wolfgang Hesoun

Wolfgang Hesoun: "Die Einstellung 'Egal, woher etwas kommt, Hauptsache, ein Cent billiger' sollte überdacht werden."

Halten Sie eigentlich die Deindustrialisierung für eine reale Gefahr?
Das wird davon abhängen, ob es gelingt, die Wettbewerbsfähigkeit mit gescheiten Maßnahmen aufrechtzuerhalten. Die schon länger auftretenden Probleme mit Lieferketten und politische Probleme in den Hauptzuliefermärkten führen zur Frage, wie Produktionen neu gestaltet werden kann, um von gewissen Faktoren weniger abhängig zu sein. Egal, woher etwas kommt, Hauptsache, ein Cent billiger: Diese Einstellung sollte überdacht werden. Weil sich in der Praxis gezeigt hat, wie angreifbar wir sind. Transportwege und Risiko müssen neu bewertet werden. In Osteuropa produzieren wir heute teilweise schon billiger als in China. Da bietet sich sogar eine Reindustrialisierung in gewissen Teilen Europas an. Die Bedeutung sicherer Versorgung hat man lange unterschätzt, das wird sich ändern.


Es hilft nichts, Gesetze zu beschließen, von denen jeder weiß, dass diese in der vorgegebenen Zeit nicht umsetzbar sind.

Der Blick von oben fällt leichter, wenn man demnächst nicht mehr einem Unternehmen vorsteht: Wie beurteilen Sie insgesamt die wirtschaftspolitischen Leistungen in Österreich?
Wir bewegen uns seit Jahren von einem Krisenmodus in den nächsten. Das beeinträchtigt die Planbarkeit für die Regierenden. Viele Probleme werden jetzt auch noch von der Klimathematik überlagert, sodass sich die Frage stellt: Wie organisiere ich das, damit es verträglich bleibt? Das Wesentliche ist für mich die Machbarkeit der vorgeschlagenen Klimaschutzmaßnahmen. Es hilft nichts, Gesetze zu beschließen, von denen jeder weiß, dass diese in der vorgegebenen Zeit nicht umsetzbar sind. Diese Gesetze beeinflussen aber die Planung von Investitionen. Ein Beispiel: In eine Pipeline zu investieren, um Flüssiggas nach Österreich zu transportieren, wird sich in der kurzen Zeit, wo das noch möglich ist, nicht ausgehen. Die tolle Aussage "Das wird halt dann eine Wasserstoff-Pipeline" ist ein politischer Ansatz und keiner, nach dem ein Unternehmen Investitionsentscheidungen treffen kann. Politischer Wunsch und die Machbarkeit liegen häufig leider diametral auseinander.

Siemens Österreich Generaldirektor Wolfgang Hesoun im Gespräch mit trend. Chefredakteur Andreas Lampl

Wolfgang Hesoun im Gespräch mit Andreas Lampl: "Bei der Absenkung des Lebensstandards tue ich mir ein bisschen schwer, wenn mir die Grünen das vorschreiben wollen."


Das führt zum Megathema grüne Transformation. Sie plädieren immer sehr für Pragmatismus und Augenmaß. Aber läuft uns nicht die Zeit davon? Vielleicht sollten wir gar keine Pipeline für fossiles Gas mehr bauen?

Da bin ich dabei, wenn Ersatz gefunden werden kann, der unseren Standort weiterhin mit Energie versorgt. Ich habe aber Zweifel, dass wir das nur mit Erneuerbaren gewährleisten können. Der Punkt ist: Wir streben das richtige Ziel an, aber der Weg dorthin ist rational betrachtet nicht gangbar. Und gewisse Bereiche, die einen sehr hohen Beitrag zur CO2-Reduktion leisten könnten, werden völlig außer Acht gelassen. Zum Beispiel das Thema Smart City: Die Optimierung des Energieverbrauchs in Städten kann bis zu 30 Prozent Einsparung bringen. Die Politik stellt sich auch nicht die Frage, ob wir genügend Strom für Millionen Elektroautos haben. Aber vielleicht steckt ja dahinter die Idee: Die Leute sollen halt weniger Auto fahren.


Wir müssen uns auch fragen, welchen Einfluss Österreich und Europa auf das globale Klimaproblem haben. Das ist alles nicht durchdacht.

Gutes Stichwort. Sie zweifeln auch am Plan von Umweltministerin Leonore Gewessler, 25 Prozent weniger Gas bis 2030 zu verbrauchen. Aber müssen wir für die Klimawende nicht auch den Ressourcenverbrauch reduzieren? Können wir noch warten, bis für alles ausgereifte Technologien da sind?
Vieles an Reduktion wird erreichbar sein, aber sicher nicht in der Größenordnung, die sich das Ministerium vorstellt. Wir müssen uns auch fragen, welchen Einfluss Österreich und Europa auf das globale Klimaproblem haben. Wenn wir unsere gut fünf Millionen Pkw mit Verbrennungsmotor durch E-Autos ersetzen, gehen die nach Afrika - und das Klima hat eine Freude. Das ist alles nicht durchdacht. Bei der Absenkung des Lebensstandards tue ich mir ein bisschen schwer, wenn mir die Grünen das vorschreiben wollen. Es steht jedem frei, ohne Strom auf einer Almhütte zu leben - das werden aber nicht alle wollen. Wir machen schon sehr viel, nirgendwo anders wird ein so hoher Aufwand für Klimaschutz betrieben wie in Europa. Zerstörung des Standorts kann nicht die Strategie sein. Aber einige Maßnahmen gehen genau in diese Richtung.

Klimaaktivisten, die sich dieser Tage auf Wiens Straßen festgeklebt haben, argumentieren: Was wir unter Erhaltung unseres Wohlstands verstehen, ist das, was die Lebensgrundlage jüngerer Generationen zerstört. Kompletter Unsinn ist das nicht, oder?

Nein. Und ich finde auch, dass viel getan werden muss, um künftigen Generationen ein vernünftiges Leben zu ermöglichen. Mir fehlt aber die gesamtheitliche Betrachtung: Österreich alleine wird das Klima nicht retten. Und zu behaupten, dass in den letzten 25 Jahren keine Fortschritte erzielt wurden, ist schlicht falsch. Das meine ich mit Ideologie. Im Gegenteil: Wir haben einen Vorsprung. Ich habe, ehrlich gesagt, für einzelne Aktivisten keinerlei Verständnis - aus demokratischen Gründen. Wenn wir beide uns am Schwedenplatz auf den Zebrastreifen setzen und nichts tun, werden wir abgeführt und bestraft. Aktivisten dürfen das, nur weil sie ein Plakat in der Hand halten? Das ist nicht einzusehen.

Völlig andere Frage am Ende: Sie sind ja besonders in Niederösterreich sehr gut vernetzt. Wie gehen die Landtagswahlen am 29. Jänner aus?
Ich glaube, man sollte, wie schon in Tirol, die Kraft der bestehenden Machtstrukturen nicht unterschätzen. Außerdem besteht in Niederösterreich ja ein Proporzsystem. Darum werden dramatische Umbrüche nicht zu erwarten sein.


ZUR PERSON

Wolfgang Hesoun, geb. 1960, arbeitete über 20 Jahre lang im Porr-Konzern, die letzten drei Jahre als Vorstandsvorsitzender. Seit 2010 ist er Generaldirektor von Siemens Österreich, wo er demnächst ausscheiden wird. Das von Siemens bereits geräumte Citybüro, in dem auch dieses Interview stattfand, wird Hesoun künftig für sein Beratungsunternehmen nutzen, dessen Gründung bevorsteht.


Das Interview ist der trend. PREMIUM Ausgabe vom 13. Jänner 2023 entnommen.

Executive Education - Schwung für Ihre Karriere

In Kooperation mit der WU Executive Academy liefert Ihnen der trend im …

trend TOP 500: Österreichs größte Unternehmen [RANKING]

Das trend Ranking der 500 größten Unternehmen Österreichs reiht die …

Der Feuerwehrausstatter Rosenbauer mit Zentrale in Leonding bei Linz ist mit seinen Feuerwehrautos und anderen Produkten international erfolgreich.
Rosenbauer, international führender Feuerwehr-Ausstatter

Rosenbauer ist der weltweit führende Hersteller von Brand- und …

Amazon-Gründer Jeff Bezos, der König des Online-Handels
Amazon, der Online-Handelsgigant [Die größten Unternehmen der Welt]

In knapp 30 Jahren hat sich Amazon zur größten Online-Handelsplattform …