Hansi Hansmann: "Das goldene Zeitalter der Start-ups beginnt erst" [INTERVIEW]

Der erfolgreiche Business Angel Hansi Hansmann im trend-Interview über das Krisenjahr 2022, das Ende zu hoher Bewertungen und das Versagen der heimischen Politik.

Start-up Investor und Business Angel Hansi Hansmann

Start-up Investor und Business Angel Hansi Hansmann

trend: Im Krisenjahr 2022 gab es auch aus der Start-up-Szene etliche negative Meldungen - von Massenkündigungen bis Insolvenzen. Ist das Zeitalter der Start-ups vorbei?
Hansi Hansmann: Nein, keineswegs. Denn es hat sich an der Grundlage für Start-ups nichts geändert, und das ist die Digitalisierungswelle, die alles betrifft, was durch intelligente Soft-oder Hardware schneller, effizienter, einfacher gemacht werden kann. Da stehen wir erst ganz am Anfang, und es gibt noch ein enorm weites Feld für kluge, innovative Gründer. Ich bin sogar überzeugt: Das goldene Zeitalter der Start-ups beginnt überhaupt erst. Das ändert sich auch nicht durch Energie- oder Klimakrise, ganz im Gegenteil: Krisen eröffnen auch immer gute Chancen für digitale Geschäftsmodelle neuer Start-ups.

Dennoch hat das heurige Jahr auch so manchen Dämpfer mit sich gebracht.
Rückschritte gibt es natürlich. Die Investoren sind zurückhaltender geworden, auch wenn wir das weniger in der ganz frühen Phase von Start-ups merken. Das heißt, es wird weiterhin immer mehr Gründungen geben, weil man heute mit gescheiten Ideen leichter eine Nische oder einen Markt findet als früher. Es gehen vielleicht die exorbitant hohen Frühphasenbewertungen zurück, aber das ist auch gut so und eher eine gesunde Reinigung. Ab der Series-A-Finanzierung wird es hingegen trickreicher, weil das Geld nicht mehr so unreflektiert verteilt wird.


Es gibt derzeit nicht mehr so einfach Geld.

Auffallend ist, dass es heuer mehr Exits als in den Jahren davor gab. Hängt das mit den Krisen zusammen?
Das hat nur zum Teil damit zu tun. Zum einen dauern Exitverhandlungen meist zwischen fünf und zwölf Monate. Das heißt, die Exits des ersten Halbjahres wurden schon vor der Krise initiiert. Zum anderen muss man verstehen, dass Start-ups grundsätzlich zwei Möglichkeiten zur Problemlösung in einer derartigen Situation haben: Sie können sich Venture Capital an Bord holen und weiterhin rasant in Richtung Börsengang oder Verkauf wachsen. Doch dafür gibt es derzeit nicht mehr so einfach Geld, das schaffen nur die besten. Oder sie holen sich ein strategisches Unternehmen an Bord beziehungsweise verkaufen gleich mehrheitlich. Das passiert zu einem niedrigeren Preis als etwa noch im vergangenen Jahr und wird von den Gründern in der Regel als Niederlage empfunden, ist aber oft der einzige, mitunter auch klügere Weg. Im heurigen Jahr haben jedenfalls etliche Startups vom VC-Weg auf den Strategen-Weg gewechselt, was sich auch in den vielen Exits widerspiegelt.

Wird sich das 2023 fortsetzen?
Das ist nicht unwahrscheinlich, denn wenn wir in eine Rezession schlittern, ist es für Start-ups noch wichtiger und gleichzeitig schwieriger, zu Geld zu kommen, um weiter wachsen zu können. Da könnte es schon sein, dass etlichen das Geld ausgeht und sie sich einen strategischen Partner suchen müssen. Die Traumbewertungen der vergangenen Jahre sind jedenfalls vorläufig vorbei. Das wird sich auch in den nächsten Finanzierungsrunden zeigen, die zu ganz anderen Bewertungen als noch 2021 stattfinden werden.


Keiner Regierung ist es bisher gelungen, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen.

Hätten es die Gründer in so einem Jahr mit anderen staatlichen Rahmenbedingungen leichter gehabt?
Natürlich! Ich hätte mich wahnsinnig gefreut, wenn unsere Lobbyarbeit für die Gründerszene der vergangenen zehn, zwölf Jahre irgendwo auf fruchtbaren Boden gefallen wäre. Das wäre nicht nur für das Start-up-Ökosystem, sondern für die gesamte österreichische Wirtschaft von enormer Bedeutung gewesen. Doch keine Regierung hat es seither geschafft, auf unsere Wünsche, die seit Jahren gleich sind, einzugehen und geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, die auch eine höhere Krisenresilienz mit sich gebracht hätten. Bis auf ein paar vage Absichtserklärungen hat sich nichts geändert. Und das ist enorm schade, vor allem, wenn man sieht, was in anderen Ländern alles möglich ist, wo die Politik fahnenschwingend vorangeht.

An welche Länder oder Städte denken Sie da im Besonderen?
Etwa an London, wo durch geeignete Rahmenbedingungen Milliarden Pfund an privaten Geldern in die Start-up-Szene fließen. Mit dem Ergebnis, dass in London die meisten Arbeitsplätze der letzten zehn Jahre durch Start-ups entstanden sind. Dort hat man verstanden, dass Innovation vor allem in der Start-up-Welt geschieht, deswegen wird diese alleine schon aus strategischen Gründen unterstützt. Oder in Portugal, wo es die Regierung den Start-ups sehr leicht macht, sich anzusiedeln.


Barcelona hat ein Start-up-Ökosystem, da könnte sich Österreich alle zehn Finger abschlecken.

Oder in Barcelona, wo Sie ja mittlerweile recht viel investieren ...
Ich investiere derzeit so viel wie nie zuvor. Aber vor allem im Ausland, wie zum Beispiel in Barcelona, weil es schwer ist, in Österreich gute Teams zu finden - und vor allem auch gute Gründerinnen. Diese finde ich in Barcelona viel leichter. Spanien ist da einfach viel weiter, und Barcelona hat ein Start-up-Ökosystem, da könnte sich Österreich alle zehn Finger abschlecken. Wir werden hier hingegen mit unseren Anliegen inzwischen von der Politik lediglich als penetrant wahrgenommen.

Woran scheitert es?
Das Start-up-Thema musste in Regierungsverhandlungen immer als Abtauschobjekt für andere Anliegen herhalten, es stand nie oben auf der Prioritätenliste. Zwischen 2010 und 2013 hätten wir echt die Chance gehabt, die Weichen zu stellen, um zu den zwei, drei wichtigsten Start-up-Hubs Europas zu zählen. Heute kämpfen wir in der zweiten Liga gegen den Abstieg.

Obwohl sich die Szene in den letzten zehn Jahren doch gut entwickelt hat?
Das stimmt schon, aber das liegt vor allem an den herausragenden Gründern sowie dem enormen Engagement der Szene und nicht an der Politik. Runtastic, Shpock und die anderen erfolgreichen Start-ups wären in Dschibuti genauso erfolgreich gewesen.


Das Interview ist der trend. PREMIUM Ausgabe vom 25.11.2022 entnommen.

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