Nachhaltigkeit punktet am Kapitalmarkt

Modeerscheinung oder Game Changer: Ein Experten-Talk, wie Nachhaltigkeit die Kapitalmärkte verändert.

Round Table

Der Umbau der Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit – der Green Deal der EU ist nur ein Stichwort dazu – verändert auch die Finanzmärkte. Und das auf verschiedenen Ebenen: So löst die Transformation zur grünen und nachhaltigen Wirtschaft einen enormen Investitionsbedarf aus. Laut Schätzungen sind rund 1.000 Milliarden Euro notwendig, damit Europa bis 2050 klimaneutral ist. Woher dieses Geld kommen kann und was das für die Finanzmärkte und Investoren bedeutet, darum ging es bei einem trend talk mit Experten.

Boom bei ESG-Bonds

„Der Markt für Green Bonds sowie soziale und nachhaltige Anleihen in Europa boomt“, weiß Thomas Steinbauer, Partner der Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC und dort Experte für Asset Management mit Fokus auf Nachhaltigkeit und ESG-Themen. Das Unternehmen geht davon aus, dass sich der Markt für ESG-Anleihen in den kommenden vier Jahren auf rund 1.500 Milliarden Euro verdreifacht. „Das Thema wird weiter an Tempo zulegen“, so Steinbauer.

Auch Prof. Ewald Nowotny, langjähriger Gouverneur der Österreichischen Nationalbank und in dieser Funktion auch Mitglied des Rates der Europäischen Zentralbank EZB, erwartet eine Zunahme der Investitionen in den Klimaschutz, drängt aber auch darauf, sich an den Klimawandel anzupassen. „In beiden Fällen spielen die Kapitalmärkte eine wichtige Rolle“, so Nowotny.

Streitfall CO2-Bepreisung

Allerdings warnt der Ökonom davor, die Wirtschaft mit Auflagen zu überfordern. Nowotny: „Europas Wirtschaft muss trotz aller Begeisterung für ESG-Fragen lebens- und konkurrenzfähig bleiben, sonst droht ein Carbon Leakage.“ Gemeint ist, dass CO2-Emissionen von Europa in Länder mit weniger strengen Umweltauflagen verlagert werden – ohne dem Klima damit zu helfen. Er plädiert auch dafür, die geplante CO2-Bepreisung zu verschieben. „Die hohen Energiekosten sind schon Belastung genug für die Wirtschaft.“ Ein weitere Kostenschub käme zum falschen Zeitpunkt.

Dass nachhaltiges Investieren keine Modeerscheinung ist, darauf wies Jörg Moshuber hin, Senior Fondsmanager der Amundi Ethik Fonds und bei Europas größter Fondsgesellschaft für ESG-Lösungen verantwortlich. „Amundi hat schon vor mehr als zehn Jahren, als es noch ein Randthema war, auf nachhaltiges Investieren gesetzt“, sagt Moshuber, „damals war das noch alles andere als selbstverständlich.“ Das Rezept, nachhaltiges Wirtschaften zu fördern: „Als Fondsmanager investiere ich gezielt in Green oder Social Bonds sowie direkt in Unternehmen, die sich glaubhaft ESG-Kriterien verpflichten“, erläutert Moshuber. Der doppelte Effekt: Anleger können mir ihrem Geld die Zukunft positiv beeinflussen, Unternehmen hätten eine Motivation, Nachhaltigkeit ernst zu nehmen. Experte Steinbauer drückt das noch deutlicher aus: „Wer Nachhaltigkeitskriterien außer Acht lässt, wird es in Zukunft am Kapitalmarkt schwerer haben.“

Fairen Beitrag leisten statt Steuern minimieren

Schon jetzt hinterlässt das Thema Nachhaltigkeit in der Wirtschaft deutliche Spuren. Unternehmen bekommen keine Kredite, weil sie der Bank nicht glaubhaft machen können, dass Nachhaltigkeit in der Unternehmensstrategie wirklich eine Rolle spielt. „Bei der Beratung unserer Kunden geht es nicht mehr primär darum, die Steuerquote zu optimieren. Ziel ist vielmehr, als Unternehmen einen öffentlich anerkannten, fairen Beitrag zu leisten, weil alles andere zu einem erheblichen Reputationsproblem werden kann“, hat PwC-Experte Steinbauer beobachtet, „das ist eine völlig neue Diskussion.“

Und wie geht es weiter? „Es ist wichtig, eine richtige Balance zwischen Auflagen und gewünschten Effekten zu finden“, betont Prof. Nowotny. Neben dem Inflationsziel vielleicht auch ein Klimaziel als Vorgabe an die Nationalbanken? „Da wäre ich dagegen“, so Nowotny.

„Nachhaltigkeit kann nur funktionieren, wenn sie Kosten spart und nicht mehr Kosten verursacht“, ist auch Fonds-Experte Moshuber überzeugt. Genau Daten werden wichtiger, die Analysen tiefer. Schon jetzt gibt es im ESG-Rating Pluspunkte, wenn ein europäisches Unternehmen in seiner Fabrik in den USA die mexikanische Minderheit anständig behandelt. „Dieser Prozess wird sich fortsetzen, er ist nicht umkehrbar“, sagt auch Berater Steinbauer, „das nicht-finanzielle Reporting wird weiter an Bedeutung gewinnen.“

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