„Der Klimawandel ist ein Risiko für die Finanzmärkte“

Sie ist die oberste Hüterin des Geldes, hat stets einen Blick auf die Inflation. Und jetzt auch aufs Klima. Denn Christine Lagarde, Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), hat angekündigt, das Thema Nachhaltigkeit stärker in den Fokus zu rücken. Aber ist das mehr als ein gut gemeintes Bekenntnis? Darüber wurde beim aktuellen Round Table des trend diskutiert.

ESG Round Table Diskussion. Von links: Arne Johannsen (trend), Daniela Kletzan-Slamanig, Wifo, Andreas Ittner, Amundi Austria

ESG Round Table Diskussion. Von links: Arne Johannsen (trend), Daniela Kletzan-Slamanig, Wifo, Andreas Ittner, Amundi Austria

Corona hat viele andere Themen aus den Schlagzeilen verdrängt, mit einer Ausnahme: Den Klimawandel. Dieser beschäftigt zunehmend auch die Finanzmärkte. Private Anleger sowie auch große Investoren achten immer stärker darauf, ihr Geld nach ökologischen und sozialen Kriterien anzulegen. Zuletzt hat auch EZB-Chefin Christine Lagarde eine bewusst „grüne Geldpolitik“ angekündigt. Der Klimawandel soll stärker in der Geldpolitik der Notenbank berücksichtigt werden. Aber kann das mehr sein als ein symbolisches Signal?

Ja, sagen Daniela Kletzan-Slamanig, Umweltökonomin am Wirtschaftsforschungs-Institut Wifo, und Andreas Ittner, ehemaliger Vize-Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank und jetzt Berater der Fondsgesellschaft Amundi, übereinstimmend. Denn was die oberste Wächterin über Europas Geld mit ihrer Ansage ins Bewusstsein gerückt hat: „Der Klimawandel stellt ein Risiko für die Finanzmärkte dar“, wie es die Wifo-Expertin Kletzan-Slamanig formuliert. Extreme Wetterereignisse können Immobilien direkt betreffen, belasten die Bilanzen der Versicherungen, der Umstieg auf erneuerbare Energien entwertet Kohle- und Gasvorkommen. „Manche Branchen werden ihre Geschäftsgrundlage mehr oder weniger verlieren oder sich umorientieren müssen“, so Kletzan-Slamaning, „da wird es zu einer Neubewertung vieler Assets kommen müssen.“


„Der Klimawandel stellt ein Risiko für die Finanzmärkte dar“

Daniela Kletzan-Slamanig, Wifo

Das hat nicht nur Folgen für die betroffenen Unternehmen, sondern auch für die finanzierenden Banken. „Berücksichtigt man den Klimawandel sowie die Maßnahmen dagegen muss es auch zu einer Neubewertung der Risiken der Banken kommen“, betont Andreas Ittner, „und genau das hat die EZB jetzt angestoßen.“ Anders ausgedrückt: Die Kreditinstitute müssen neu bewerten, welcher Kunde seine Kredite nicht nur heute, sondern auch morgen noch zurückzahlen kann – eben unter geänderten Vorzeichen einer Wirtschaft, die Richtung Nachhaltigkeit umgebaut wird. Ittner: „Als oberste Bankenaufsicht haben die EZB und auch die nationalen Notenbanken hier einen sehr direkten Einfluss.“

Und der Handlungsbedarf dafür ist vorhanden. „Es gibt immer noch Banken, die gar nicht wissen, wie die ökologische Qualität ihres Kredit-Portfolios ausschaut und wie hoch die Risiken durch stranded Assets sein können“, kritisiert die Wifo-Expertin. Die gute Nachricht: Erste Analysen der Oesterreichischen Nationalbank zeigen, dass die heimischen Banken hier im Vergleich zu anderen Ländern ein eher geringes Risiko haben.

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Doch das ist nicht der einzige Hebel. Beide Experten erwarten, dass die EZB in Zukunft verstärkt Green Bonds kaufen wird, also Anleihen, deren Gelder gezielt in ökologische oder soziale Projekte investiert werden. Das würde in der Praxis bedeuten, dass die Finanzierung solcher Projekte erleichtert wird. Dieser Trend ist schon jetzt eindeutig: „Das Emissions-Volumen dieser Green Bonds hat sich in den vergangen Jahren in der Eurozone fast versiebenfacht“, so Daniela Kletzan-Slamanig. Ex-Notenbanker Ittner kann sich sogar vorstellen, Anleihen zu begeben, die abhängig sind vom Erreichen gewisser ökologischer Ziele – und dass diese auch von der EZB akzeptiert werden. Erreicht ein Unternehmen beispielsweise eine Reduktion seines ökologischen Fußabdruckes, muss es weniger Zinsen zahlen; verfehlt es das Ziel, höhere.


„Ich kann mir Anleihen vorstellen, die abhängig sind vom Erreichen gewisser ökologischer Ziele.“

Andreas Ittner, Berater Amundi

Doch auch hier zeigt sich im Detail das Problem unterschiedlicher Definitionen und Bewertungen, was nachhaltige Investments sind – und was nicht. Beispiel Atomkraft. Die EZB wird diese Frage zwar nicht entscheiden, weil sie letztlich eine politische Bewertungsfrage ist. Zu erwarten ist, dass der Vorstoß der EZB und vor allem die neuen EU-Taxonomie hier zu einer Klärung beitragen wird.

Zusätzlicher Aspekt dieser Diskussion: Noch hat die EZB einen relativ hohen Anteil von Unternehmens-Anleihen aus der Öl-, Gas- und Chemiebranche im Portfolio. Aus dem einfachen Grund, weil diese Unternehmen viele Anleihen begeben haben auf Basis ihrer - zumindest bisher – als besonders werthaltig eingestuften Assets. „Diese Betrachtungsweise wird sich sicher ändern“, ist Andreas Ittner überzeugt.
Wird es nach dem Inflationsziel also auch bald ein Klimaziel für die EZB geben. Zwei Prozent Inflation und 30 Prozent weniger CO2-Ausstoß? „Wohl kaum“, so Ittner, „denn die in den Maastricht Verträgen festgelegte Aufgabe der EZB ist die Sicherung der Preisstabilität. Darüber hinaus hat sie aber auch die Aufgabe, die wirtschaftspolitischen Ziele der EU zu unterstützen. Und da gibt es doch einigen Spielraum.“

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