René Benko - Der Mann des Jahres

In knapp zehn Jahren hat er aus dem Nichts eines der größten Immobilienunternehmen des Landes aufgebaut – und es bisher ohne Krise durch die Krise geführt. Wiens Innenstadt wird durch seine Projekte deutlich weltstädtischer. Mit dem Poker um die deutsche Kaufhof-Kette hat sich der 34-jährige Tiroler René Benko nun in die Europaliga gespielt.

Dieser Mann und seine Bauwerke polarisieren. Das wird spätestens klar, wenn man sich zu ihm auf den Weg macht. „Was, zu der schiachn Hüttn wollen S’?“, fragt der Taxler mit tirolerisch krachendem „ch“, um die Kundschaft dann doch wie geheißen vom Innsbrucker Bahnhof zum Zielobjekt in der Maria-Theresien-Straße 31 zu kutschieren: zum Kaufhaus Tyrol.

Über Geschmack lässt sich streiten, über Erfolg kaum. Die Immobilie mit der Raster-Fassade des Stararchitekten David Chipperfield beherbergt nicht nur ein Einkaufsparadies mit 55 Shops auf einer Verkaufsfläche von 33.000 Quadratmetern. Sie ist vor allem auch der Sitz der Signa Holding von René Benko. Die Immobiliengruppe ist in einem Jahrzehnt praktisch aus dem Nichts auf Europaformat angewachsen und hat mittlerweile 4,5 Milliarden Euro in Liegenschaften investiert.

Das Kaufhaus Tyrol gilt als Benkos erster Geniestreich. Eine ganze Reihe Tiroler Lokalgrößen hatte sich an der Ex-Palmers-Immobilie die Zähne ausgebissen, ehe der damals 27-jährige Nobody, der aus kleinen Verhältnissen stammt, 2004 das Rennen machte und das traditionsreiche Haus in den Folgejahren zu dem entwickelte, was es heute ist: ein Frequenzbringer mitten in der Innsbrucker City.

Heute ist der gebürtige Tiroler sieben Jahre älter und dennoch der mit Abstand jüngste „Mann des Jahres“, den die trend-Redaktion in 32 Jahren je gewählt hat. Mit bereits 15 Jahren Branchenerfahrung gehört Benko, dessen Familie vor Generationen einmal „Benkö“ hieß, zu den Shots in der österreichischen Wirtschaft. Und er ist einer der wenigen aus diesem Kreis, deren Name auch in Deutschland ein Begriff ist: Zu Redakionsschluss galt nach turbulenten Bieterwochen als wahrscheinlich, dass Signa die deutsche Kaufhof-Kette von der Metro AG um einen kolportierten Preis von 2,4 Milliarden Euro erwerben würde – wenn auch womöglich mit Verzögerungen, um letzte Geldwäsche-Verdachtsmomente gegenüber der Staatsanwaltschaft Wien auszuräumen.

Es geht bei Kaufhof nicht nur um 140 Einkaufszentren in bester Lage samt dazugehörigem Warengeschäft – es geht auch um 18.000 Mitarbeiter und 3,6 Milliarden Euro Umsatz. Es geht um einen Deal, der einen Schulabbrecher in die Europaliga befördern kann.

Schon in den Monaten davor setzte Benko Meilensteine: Mit dem Erwerb der Immobilien von Karstadt-Kaufhäusern wie dem legendären Oberpollinger in München oder einem Hamburger Geschäftshaus hat er kräftige Duftmarken im Nachbarland hinterlassen. Er gewann prominente Investoren wie die deutsche Industriellenfamilie Schoeller, Halterin eines Patents für Plastikbierkisten. Oder den ehemaligen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, der Ende November auch in den illustren Signa-Beirat berufen wurde. Mit der Hotelkette Park Hyatt hat er den lange gesuchten Betreiber für die ehemalige Länderbank-Zentrale „Am Hof “ in der Wiener Innenstadt gefunden. Die bestechende Idee, rund um die von ihm 2009 gekaufte Bawag-Zentrale eine innerstädtische Luxusflaniermeile zu entwickeln, nimmt Formen an.

Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass der Kaufhof-Deal noch platzt, wäre für den Aufbau des Signa-Konzerns die Auszeichnung „Mann des Jahres“ gerechtfertigt. Dass Benko polarisiert und viele Gerüchte seinen Weg säumen, nicht nur schmeichelhafte, ist die fast zwangsläufige Begleitmusik jedes kometenhaften Aufstiegs. Aber die Signa-Gruppe hat die extrem turbulenten Jahre in der Immobilienwirtschaft bisher unbeschadet überstanden – weil sie nicht wie fast alle anderen Entwickler und Investoren auf den riesigen Ostmarkt setzte, sondern auf die Innenstädte des Westens: Innsbruck, Wien, München, Mailand, Hamburg. Die seit Jahren kursierenden Gerüchte, das Kartenhaus werde bald zusammenstürzen, werden immer leiser.

Zweitens hat Benko Entscheidungsstrukturen geschaffen, die mit dem schnellen Wachstum der Gruppe Schritt gehalten haben. Erfährt er heute von einer zum Verkauf stehenden Immobilie, kann er binnen weniger Tage entscheiden, die Finanzierung schnüren und das Angebot legen. Die Immobilientöchter von Banken und Versicherungen oder die börsennotierten Immobilienunternehmen wirken im Vergleich dazu wie schwerfällige Dinosaurier.

Und drittens: Wohl kein anderer österreichischer Unternehmer weit und breit hat es geschafft, in derart kurzer Zeit ein sagenhaft fein gewobenes und tragfähiges Netz aus Finanziers, Förderern, Fachleuten und Einfädlern zu spinnen. Sie laufen für ihn, und sie stehen gerade, wenn es brenzlig wird. Benko ist kein Tirolerbub als One-Man-Show. Er ist eine Streitmacht. Und diese Streitmacht wird noch viele Deals auf Kaufhof-Niveau stemmen.

Ausreißer

Im Eingangsbereich der Signa-Zentrale steht ein markanter Herr; dort, wo eine hölzerne, extrem schmale Treppe, wie eine Leiter, hinauf in die Kommandozentrale führt. Der Mann mit dem schlohweißen Haar und dem dunkelblauen Sakko müsse „mit dem René schnell etwas besprechen“.

Fritz Hakl, der langjährige Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank Tirol, ist in diesen Räumlichkeiten gern gesehener Gast. Er gilt als einer der ersten Benko-Förderer. Er erfuhr von dem Jungspund erstmals aus dem Mund seiner Tochter Karin, die heute ÖVP-Nationalratsabgeordnete ist. Im Flugzeug von Wien nach Innsbruck war sie mit dem um zehn Jahre Jüngeren ins Gespräch gekommen, sie fand den Neo-Unternehmer mit den großen Visionen spätestens bei der Landung vertrauenswürdig – und seriös genug, um ihn an den Vater weiterzuempfehlen.

Der wollte mit seiner Bank das Tyrol selbst kaufen, scheiterte aber an internen Widerständen – und setzte sich fortan für Benko ein, auch als Finanzier. Heute ist Hakl mehr denn je davon überzeugt, dass „der René jede Schottergrube in ein florierendes Einkaufszentrum verwandeln kann“.

Dass Benko Jahre später Hakls private Villa auf der Innsbrucker Hungerburg kaufte, als dieser in Scheidungsnöten war, illustriert gut, wie hier Gefälligkeiten mit Gefälligkeiten abgegolten werden.

Oben, in seinem Büro, erklärt der Signa-Gründer dann sein Geschäftsmodell anhand seiner ersten Tätigkeit, die ihn vom nicht gerade erfüllenden Alltag als Schüler in der Handelsakademie Kaiserjägerstraße in staubige Dachböden der Tiroler Landeshauptstadt lockte. Er war bereits mit 18 Jahren von zu Hause aus- und bei seiner damaligen Freundin eingezogen, als er einen Baumeister namens Hans Zittera kennen lernte. Der entfachte in ihm schnell das Interesse an Immobilien. „Aus nicht genutzten Dachböden haben wir teuer verkaufbare Wohnflächen gemacht. Dadurch hatte ich einfach mehr Passion fürs Berufsleben und zu viele Fehlstunden – im Halbjahreszeugnis bekam ich ein ‚Nicht beurteilt‘ und hätte wiederholen müssen. Das wollte ich nicht“, so Benko.

Das Ende einer Schul- und der Anfang einer Unternehmerkarriere waren damit besiegelt, sehr zum Entsetzen der Eltern: der Vater einfacher Gemeindebediensteter, die Mutter Kindergärtnerin. Dass in ihrem Sohn eine Sonderbegabung schlummerte, die weder sie noch das Lehrpersonal erkannten, dürfte sie später milde gestimmt haben. Nach Angaben aus Benkos Umfeld versorgt er die Familie gut, seine um vier Jahre jüngere Schwester Verena sitzt in seinem Vorzimmer.

Zum Erfolg geklettert

Es ist diese Kindheit und frühe Jugend in einer 60-Quadratmeter-Wohnung im Innsbrucker Stadtteil Pradl, mit der man Benkos Ausreißerdrang erklären muss, weg aus den sprichwörtlich bescheidenen Verhältnissen. Der emporkömmlinghafte Turboantrieb war bereits beim Freizeitsport ablesbar. Schnell und steil wollte er nach oben: Mit 14 wurde er Jugendstaatsmeister im Hallenklettern. Noch heute ist das Skitouren-Gehen seine liebste Freizeitbeschäftigung. Wenn ihm dazu die Zeit fehlt, dann bleibt ihm der Blick durch die hohen Scheiben seines Büros auf die nahen Bergspitzen.

Vor 17 Jahren sah der junge René Benko noch durch die Fenster in der elterlichen Wohnung und träumte seinen ersten Businessplänen nach, während der Vater mit Fahrradreparaturen sein Gehalt („maximal 2000 Euro“), das er bei den Innsbrucker Gaswerken verdiente, aufzubessern versuchte – so konnte der Traum vom Mercedes erfüllt werden. Vielleicht erklärt das den Durst des Juniors, den früh erreichten Reichtum auch in schnelle Vehikel umzumünzen.

Über die roten und schwarzen Ferraris, Porsches und anderen Flitzer sowie entsprechende Geschwindigkeitsexzesse gibt es Geschichten sonder Zahl, die in Innsbruck noch heute kursieren. Als er in den Anfangszeiten einen Wiener Geschäftspartner im Maserati am Innsbrucker Flughafen abholte, machte ihn dieser darauf aufmerksam, dass solche Statussymbole nicht überall gut ankommen. Im Geschäftsleben pilotiert Benko heute ganz seriös Mercedes-S-Klasse und das Top-Segment von Audi. Privat sind die Statusthemen geblieben und heißen heute Yacht, Privatjet oder Jagd. „Im Unterschied zu seinem privaten Lebensstil begegnet er Gesprächspartnern aber niemals protzig, das ist einer seiner Vorzüge“, erklärt ein Begleiter seit Jugendtagen.

Der junge Dachbodensanierer fand rasch Gefallen an seinem neuen Leben und beschloss, noch schneller zu klettern. Sein früh vorhandenes Interesse an Medizin- und Gesundheitszentren führte ihn bereits mit 19 Jahren zum Lanserhof. Die Besitzer des legendären Tiroler Wellnesstempels brauchten Geld und veräußerten eine Kaufoption. Diese erwarb Benko günstig und fand kurze Zeit später einen Abnehmer: Christian Harisch. Der heutige Miteigentümer des Lanserhofs und Chef des Schwarzen Adlers in Kitzbühel erinnert sich an den Deal mit Benko: „Es war 1997. Wir waren beide jung. Er 19, ich 30. Es war mein erstes großes Geschäft überhaupt. Ich habe ihm die Option auf den Erwerb des Lanserhofs abgekauft. Der Vertrag wurde per Handschlag besiegelt, das Geschäft hat wunderbar funktioniert.“ Mit einem Schlag war Benko wohlhabend – die erste Schilling-Million landete in seinen Kassen.

Der Stroh-Mann

Es gibt eine bemerkenswerte Konstante in seinem Leben: Auf fast schon unheimliche Weise fand er stets neue Gönner und Geldgeber. Wenn das Glück, die richtigen Menschen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu treffen, ein Vogerl ist, dann ist Benko ein echter Vogelfänger. Neben Zittera und Hakl ist vor allem der Tiroler Banker Helmut Holzmann zu nennen, der ihm den Aufbau eines reputierlichen Beirats schmackhaft machte.

Und dann ist da natürlich Karl Kovarik. Der Erbe der Stroh-Tankstellen suchte für seine Millionen ein renditestarkes Zuhause. Warum sich der damals 53-Jährige 2001 entschloss, 26 Millionen Euro ausgerechnet in die Firma eines zwar vielversprechenden, aber in seiner Nachhaltigkeit noch schwer abschätzbaren Jünglings zu investieren, erklärte er auf Anfrage so: „Er schafft es, fast unmöglich erscheinende Dinge voranzutreiben sowie umzusetzen.“ Spätestens mit diesem finanziellen Background erschien Benko auf dem Radarschirm der österreichischen Immobilienprofis. Mit Kovarik als Hälfteeigentümer konnte er auch große Projekte umsetzen.

Ebenfalls von Anfang an dabei war der Tiroler Wirtschaftskammerpräsident Jürgen Bodenseer. Er war mit zehn Prozent am Kaufhaus Tyrol beteiligt und ist jetzt noch mit einem Benetton-Shop eingemietet. Des Weiteren ist er sogar bei Benko in einem Fonds investiert, „der allerdings nicht ganz so gut läuft“ (Bodenseer). Nichtsdestotrotz hält er weiterhin viel von seinem einstigen Schützling. „René ist ein unglaublich fixer Rechner und kennt alle Zahlen bis ins letzte Detail. So etwas habe ich selten erlebt“, zollt der Unternehmer Respekt.

Vertrauens-Bank

Respekt konnte sich Benko nach und nach auch auf Bankenseite verschaffen. Als Mittzwanziger suchte er in Wien zwecks Ankaufs eines Privatjets eine Finanzierung. Die meisten Banker schüttelten eher mitleidig den Kopf. Peter Engert, bis vor Kurzem Raiffeisen-Leasing-Chef, war der erste, der ihn in der Hauptstadt ernst nahm. Aus dem Jet-Business wurde eine langjährige Partnerschaft, Engert beteiligte sich mit 51 Prozent später auch am Kaufhaus Tyrol, am Rivergate auf der Wiener Donauplatte, am Projekt Q-West in Innsbruck sowie bei der Villenanlage am Gardasee. Er stieß für Benko auch das Tor zum Raiffeisen-Sektor auf. Heute ist die Raiffeisen Bank International mit einem Volumen von ein paar hundert Millionen Euro größter Signa-Kreditgeber. „Er ist schlicht mutiger und scheut auch vor großen Dingen nicht zurück“, erklärt ein RBI-Banker das Engagement und die vielen Neider.

Als die Vorhaben immer größere Dimensionen erreichten, musste ein neuer zahlungskräftiger Miteigentümer gefunden werden. Kovarik ging von Bord, „aus Gesundheits- und Altersgründen“, so Benko. Er hatte bei einer Veranstaltung der HSH Nordbank in Hamburg den griechischen Reeder George Economou kennen gelernt – und in kurzer Zeit den international tätigen Investor für die Signa Holding gewonnen. Der um 24 Jahre ältere Economou dockte 2009 an. Seitdem das Interesse der Signa für die Kaufhof-Kette öffentlich wurde, wird in Deutschland insbesondere der mysteriöse Finanzier aus Hellas kritisch unter die Lupe genommen, was der Signa-Beirats-Chef und Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer ungerecht findet: „Ich kenne den George, und ich habe von ihm einen guten Eindruck. Er ist ein solider und erfolgreicher Unternehmer. Wie mit ihm jetzt umgegangen wird, ist nicht fair.“

Die Stumpf-Methode

Neben den vielen Bewunderern und Applaudierern gab es von Anbeginn weg aber auch jene, die unter den Methoden des Senkrechtstarters ächzten. Unter Architekten wie auch bauausführenden Firmen blieben bei den immer zahlreicheren Projekten auch welche übrig, die sich ausgebootet fühlten. „Benko arbeitet nach der Methode Stumpf“, erläutert ein Bauzulieferer in Anspielung auf die rauen Sitten des Millennium-Tower-Erbauers Georg Stumpf. „Er zahlt prinzipiell nur 80 Prozent des Honorars aus, weil sich immer ein, zwei Mängel finden lassen. Die wenigsten wagen aber am Ende, sich auf einen teuren Prozess mit seinen Starjuristen einzulassen.“ Benko selbst sagt, davon nichts zu wissen – Bauprozesse gebe es in seinem Reich nach seinem Kenntnisstand nur alle zwei Jahre.

Klar ist, dass er sich im Tagesgeschäft um anderes kümmert als um die Bauabwicklung – er ist der Frontrunner eines weitverzweigten Firmengeflechts mit 150 Mitarbeitern und 100 Nebengesellschaften. Neben den exzellent vernetzten Mitgliedern des Signa-Beirats mit Gusenbauer an der Spitze sind es im operativen Betrieb gestandene und beinharte Manager, die das Vehikel professionell durch launische Zeiten steuern. Oft haben sie mit ihrer gesamten ehemaligen Mannschaft an die Signa angedockt.

Franz Peter Orasch, 41, der von der Uniqa Immo geholte Chef der Development-Abteilung, gehört ebenso dazu wie Christoph Stadlhuber, 44, Boss der Signa Prime, in die auch die Kaufhof-Immobilien eingegliedert werden sollen. Stadlhuber war davor Chef der Bundesimmobiliengesellschaft und verfügt über eine exzellente Kenntnis des österreichischen Markts. Heinz Redl, 55, den langjährigen ÖBB-Immobilienchef, holte sich Benko als Vorstand in die Signa Recap. Herbert Putz, 52, früher Immobilienchef der Wienerberger AG, ist eine der Schlüsselpersonen bei operativen Entwicklungen. Marcus Mühlberger, 49, thront darüber als strenger und mit allen Wassern gewaschener Finanzchef.

Auch für das aktuelle Großmanöver in Deutschland hat Benko einen absoluten Profi an die Spitze geholt. Wolfram Keil, als früherer Chef von Cerberus Deutschland ein ausgewiesener Deal-Spezialist, leitete ein – inklusive Steuerberatern und Anwälten – 100-köpfiges Team, das die Kaufhof-Unterlagen im Datenraum studierte.

Tempo, Tempo, Tempo

Was bringt Profis dazu, einen zehn bis 20 Jahre jüngeren Chef zu akzeptieren? „Ich habe viele Stunden mit ihm davor gesprochen“, gibt etwa Christoph Stadlhuber zu, ebenfalls mit der Altersfrage gehadert zu haben. Bei einem Wechsel vom staatlichen Arbeitgeber in die Privatwirtschaft war ihm überdies Stabilität wichtig – auch er hatte das Gerücht vom bald einstürzenden Kartenhaus oft genug gehört. Überzeugt hat ihn dann die Performance des Chefs selbst.

„Er ist immer zwei Schritte voraus und unglaublich schnell“, schildert der Signa-Prime-Chef. Anfang Oktober sagte Benko zu ihm zwischen Tür und Angel, man solle sich doch einmal die Kaufhof-Immobilien anschauen. Zu diesem Zeitpunkt, ist Stadlhuber sicher, hatte der Oberboss schon ein fertiges Finanzierungskonzept im Kopf. Am 20. Oktober dinierte man bereits mit dem Metro-Vorstand unter Eckhard Cordes. Auch Wendelin Wiedeking saß dabei, eine Schlüsselfigur für die Kaufhof-Transaktion: nicht nur Deutscher, sondern als ehemaliger Porsche-Chef mit Ex-VW-Boss Bernd Pischetsrieder sehr gut befreundet. Und dieser sitzt im Aufsichtsrat der Metro AG.

Benkos Erfolg liegt aber nicht nur daran, dass er den Zug zum Tor hat, sondern auch an seinem bienenartigen Fleiß. Beeindruckt zeigt sich Stadlhuber vor allem davon, „dass er Laufzeit und Höhe jedes Kredits jederzeit aus dem Ärmel schütteln kann und dass er regelmäßige Roadshows bei den Banken macht. Das stiftet Vertrauen.“

Ein echter „Blitzgneißer“ sei er, sagen alle, die Benko gut kennen, einer, der erst vor fünf Jahren so richtig Englisch zu lernen begonnen haben soll – und inzwischen mit Juristen über englischsprachige Vertragsdetails parliert. Friedrich Scheck, Steuerberater und Gründer der Wiener Eco Immobilien, die zunächst gemeinsam mit Signa die 2009 auf den Markt geworfenen Bawag-Immobilien übernahm, war erstaunt, wie exzellent sich der Laie bei Feinheiten des Berichtswesens, bei Steuerdetails nach HG B, UGB usw. auskannte. „Der Kerl ist wirklich gut“, so Schecks lapidares Fazit.

Zielstrebigkeit

Auch die Interessenlagen der unterschiedlichsten Player bei Großprojekten durchschaut er schnell und jongliert geschickt damit: Den Tiroler Grünen versprach er, beim Kaufhaus Tyrol einen Kindergarten zu errichten – und hatte von da an keine Schwierigkeiten mehr bei Umweltauflagen. Oder: Das Kunstforum Wien, das in einem erworbenen Gebäude auf der Freyung angesiedelt ist, wollte Benko eigentlich absiedeln, um die Räume gewinnbringend an ein Modelabel zu vermieten. Doch am Ende gab er dem Widerstand der Wiener SPÖ nach und erhielt im Gegenzug viel Goodwill bei der Errichtung der Fußgängerzone in der nahen Bognergasse.

Insofern muss selbst eine andere schillernde Figur der Immobilienwelt, der Kärntner Hanno Soravia, die Daumen nach oben drehen: Ein „toller Entrepreneur“ sei sein Jagdfreund Benko. Auch wenn Soravia die Welt nicht mehr versteht: „Warum gehen Investoren mit ihm für 1,5 bis 2,5 Prozent Rendite in die Wiener Innenstadt, wo sie doch bei mir in Bukarest oder Sofia zehn Prozent mit den gleichen Mietern haben könnten?“

Mit der gleichen Aufnahmefähigkeit und Zielstrebigkeit, mit der der diesjährige „Mann des Jahres“ Details wie ein Schwamm aufsaugt, geht er auch auf Leute zu, die ihm etwas nützen können. „Wir waren vor vier Jahren auf seine Initiative hin erstmals miteinander essen“, erzählt der PR-Berater Wolfgang Rosam. „Er hat gesagt: ‚Berate mich!‘ Ich habe ihm meinen Preis genannt, seitdem unterstütze ich ihn in der Öffentlichkeitsarbeit. Ich glaube, wir haben nicht einmal einen Vertrag: Er ist schlicht ein Mann, der hält, was er sagt.“ Benko kaufte Rosam – beide sind Zigarren- und Bordeaux-Liebhaber – vor eineinhalb Jahren auch seinen 10-Prozent-Anteil am Wiener Szenerestaurant Fabios ab. Und Rosam öffnete ihm auf der Finanzierungsseite das Tor zu Erste-Bank-Chef Andreas Treichl, mit dem der PR-Guru eng befreundet ist.

Manche vergleichen Benko mit dem jungen Hans Peter Haselsteiner, der mit der Strabag einen Baukonzern von Europaformat schuf und den er selbst auch als Vorbild nennt. Manchen fällt aber auch Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser ein. Wobei: Die provokant-arrogante Lässigkeit à la Grasser legt Benko eher nicht an den Tag – zumal in den vergangenen Wochen nicht. Er steht mehr denn je unter Strom, auch weil neben dem Großprojekt Kaufhof wahrhaft Außerordentliches vorfiel: erst ein Großbrand „Am Hof “ am 18. November – die Nachricht erreichte ihn, wie er sagt, beim „Duschen in einem Hotelzimmer im Ausland um sechs Uhr Früh“. Dann die mitten im Bieterprozess thematisierten, seit 2008 laufenden Ermittlungen der Wiener Staatsanwaltschaft wegen Geldwäscheverdachts gegen eine seiner luxemburgischen Firmen.

Nie würde sich Benko Nervosität ansehen lassen, aber für Lockerheit ist in diesen wohl turbulentesten Wochen seines Lebens kaum Platz. Wer ihn etwa Anfang Dezember bei der Eröffnung des Signa-Projekts „Brücke“ in Salzburg beobachtete, sah ihn neben der funkelnden Moderatorin Johanna Setzer wie unter Strom auf der Bühne stehen, schon Ausschau nach den nächsten Gesprächspartnern im Publikum haltend. Um 22 Uhr machte er sich dann auf den Weg ins Innsbrucker Büro, wo noch eine Sitzung auf ihn wartete.

Wem er erzählt, dass er die Wochenenden „nach Möglichkeit für die Familie frei hält“, der wundert sich deshalb, wann sich denn diese „Möglichkeit“ eigentlich bietet. Die vielen Bilder seiner beiden Kinder – er hat eine achtjährige Tochter aus erster Ehe und einen eineinhalbjährigen Sohn – und das Fotoalbum vom Maledivenurlaub 2011 auf dem Bürotisch wirken eher wie Rechtfertigungen eines gehetzten Menschen mit 100-Stunden-Woche.

Family Business

Materiell könnte Benko schon entschleunigen. Neben der Villa auf der Hungerburg gehört ihm ein prächtiges Anwesen in Sirmione am Gardasee, Heliport im Garten inklusive, das er vor allem im Sommer nutzt. Seine rund um die Karwendelspitze gepachtete Jagd – 2000 Hektar, zwei Berufsjäger, jährliche Kosten rund 200.000 Euro – wird dagegen immer seltener von ihm in Anspruch genommen. Die im französischen Antibes ankernde Yacht dient für elegante Einladungen während der jährlichen Immobilienmesse „Mipim“ in Cannes und für luxuriöse Wochenenden mit Geschäftsfreunden.

Sie steht ebenso im Eigentum einer seiner Privatstiftungen wie das „Schlössle“ in Oberlech am Arlberg, das er sich im Frühjahr gekauft hat. Der Mann, der in einer 60-Quadratmeter-Wohnung aufwuchs, bräuchte es mit einem geschätzten Privatvermögen von 500 Millionen Euro also niemandem mehr beweisen. Er will aber nicht als Sternschnuppe in die Wirtschaftsgeschichte eingehen, sondern in der Champions League zeigen, was er kann. Ein „Familienunternehmer in erster Generation“ sei er, auch in zwanzig Jahren will er noch einen „solide aufgestellten, profitablen“ Konzern führen.

Man kann also davon ausgehen, dass der Mann und seine Taten noch eine geraume Zeit lang polarisieren werden.

Von Bernhard Ecker und David Hell

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